Manga-Review: Dominion

2. Juni 2014

Wer sich als Fan von Masamune Shirow begreift, der muss zwangsläufig unter dem Stockholm-Syndrom leiden. Der Mangaka, der Mitte der 90er mit Ghost in the Shell dem Mainstream ein Leben nach Akira aufzeigte und Manga und Anime mit tatkräftiger Unterstützung endgültig zum Durchbruch im Westen verhalf, lässt es bekanntlich ruhiger angehen, wenn es darum geht, die eigenen Serien fortzusetzen. Während Appleseed-Anhänger seit 1989 auf eine substantielle Weiterführung des Manga ausharren, zeichnet Shirow lieber weiterhin Erotik-Kalender oder gibt das Okay zu einem weiteren mittelmäßigen Anime mit Deunan, Briaeros und Co. Jedoch ist Appleseed nicht Shirows einzige Serien-Leiche, die seit Jahrzehnten zwischen Leben und Tod dahinvegetiert…

Dominion

Und damit bin ich auch schon direkt bei Dominion angekommen. Ein Jahr nachdem Shirow mit dem ersten Band von Appleseed, für den er mit dem „Seiun Award“ ausgezeichnet wurde, der Durchbruch gelang, veröffentlichte dieser den ersten Band zu einer weiteren Serie. Ja, so produktiv war der gute Mann tatsächlich mal. Da Shirow noch nie ein sonderliches Interesse für die Gegenwart als Bühne für seine Geschichten zeigte, spielt auch Dominion in der Welt von Morgen und zwar zur Mitte des 21. Jahrhunderts. Doch wo uns in Appleseed und Ghost in the Shell ein relativ glattpolierter und hochtechnisierter Sci-Fi-Großstadtdschungel begegnete, leidet die staubige Welt dieser Geschichte unter der enormen von Menschen verursachten Verschmutzung der Atmosphäre. Die Luft ist dermaßen verseucht, dass sich die Bewohner der Stadt Newport, dem Ort des Geschehens, nur noch mit Gasmasken ins Freie trauen. Entsprechend sieht auch die verwitterte Umgebung dieser dystopischen Zukunftsvision aus. Als wären diese Lebensumstände nicht Bürde genug, müssen sich die Bewohner der Stadt auch noch mit einer hohen Verbrechensrate auseinandersetzen, die schließlich zur Gründung einer neuen Sub-Division innerhalb der Polizei führt. Dabei ist es nicht so, als ob der „Tank Police“ die Herzen der Bevölkerung entgegen fliegen würde. Kein Wunder, ist die Einheit doch berüchtigt für ihr rabiates (man könnte auch sagen: unprofessionelles) Auftreten und ein favorisiertes Hassobjekt von demonstrierenden Bürgern, die der Meinung sind, dass von der Tank Police möglicherweise eine größere Gefahr ausgeht, als von jedem kriminellen Genie.

Den Rest des Beitrags lesen »


Alfons Mucha – Beeinflusst durch Japan, ein Einfluss auf Japan

23. Februar 2014

Der tschechiche Künstler Alfons Mucha ist einer der herausragenden Vertreter des Jugendstils, den er vor allem durch seine berühmten Plakatarbeiten prägte. Sein typischer Zeichenstil mit den kräftigen Konturen und floralen Mustern wurde dabei vom japanischen Farbholzschnitt inspiriert. Wiederum übt Mucha noch heute einen großen Einfluss auf die japanische Kunst des Manga aus…

Werk von Alfons Mucha

Geboren wird Alfons Mucha am 24. Juli 1860 in der tschechischen Stadt Ivančice. Da er an der Prager Akademie der Bildenden Künste nicht angenommen wird, bildet er sich auf eigene Faust künstlerisch weiter und lebt für einige Zeit von Bühnenmalereien, Buchillustrationen und ähnlichen kleineren Aufträgen. Erst als er 1894 das erste Plakat für die Schauspielerin Sarah Bernhardt entwirft, gelingt ihm der Durchbruch. Die farbenfrohen und eleganten Darstellungen des Weiblichen treffen den Nerv der Epoche und werden später aufgrund ihrer Begehrtheit bei Kunstliebhabern in riesigen Auflagen gedruckt. Mucha entwirft fortan nicht mehr nur Werbeplakate für Bernhardts Stücke, sondern arbeitet auch für Firmen wie Nestlé und Maggi und lässt seine sinnlichen Frauengestalten sogar Zigaretten bewerben.

Werke von Alfons Mucha

Wie viele andere Vertreter des Jugendstils ließ sich auch Alfons Mucha von der japanischen Kunst inspirieren, in diesem Fall vom Farbholzschnitt. Genau wie bei den asiatischen Vorbildern, zeichnen Muchas Werke geschwungene Linien und dicke schwarze Konturen aus, während die meist weiblichen Gestalten von floralen Mustern umgeben werden. Typisch für Muchas Zeichnungen sind die ausufernden Gewänder und das wallende Haar der Frauen, welches in langen Locken die gesamte Bildfläche durchzieht. Hier erkennt man bereits die erste Parallele zur Welt der Manga, denn welches andere Medium ist derart berühmt berüchtigt für die exzentrischen Frisuren seiner Protagonisten. Gerade im Bereich der Shoujo-Manga begegnen einem immer wieder die manchmal scherzhaft als „Muchas Makkaroni“ bezeichneten Haarlocken.

Den Rest des Beitrags lesen »


Anime-Review: Usagi Drop

26. Juli 2013

Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr. Gerade in einer Gesellschaft, in der Kinder als Bremsklötze wahrgenommen werden. Und trotzdem stellt sich der Held in Usagi Drop genau dieser Herausforderung. Ein Plädoyer für das Vatersein.

Usagi Drop

Die Familie des dreißigjährigen Daikichi Kawachi kommt aus einem traurigen Anlass zusammen. Der Großvater ist in einem stattlichen Alter verschieden und nun liegt es an den Hinterbliebenen, die Vorbereitungen für eine traditionelle Beerdigungszeremonie zu treffen. Dabei fällt Daikichi schon bei seinem Eintreffen im Haus des Großvaters ein kleines Mädchen auf, welches sich ungewöhnlich ruhig und mit Blumen in der Hand etwas fernab von der Trauergemeinde aufhält. Bei einem klärenden Gespräch mit seiner Familie wird Daikichi ein großes Familiengeheimnis offenbart, das es in sich hat: Bei dem knapp sechsjährigen Mädchen namens Rin handelt es sich in Wahrheit um die Tochter des Großvaters, der noch im betagten Alter eine Liebesbeziehung zu seiner, inzwischen abgetauchten, Haushälterin unterhielt, was die Kleine eigentlich zu seiner Tante macht. Daikichis Familie ist schwer beschämt ob der Sprengkraft dieser Tatsache und vermeidet absichtlich so gut wie jeden Kontakt mit dem unerwünschten Kind. Dabei zeigt sich schon bald, dass Rin selbst wohl am stärksten unter dem Verlust ihres biologischen Vaters leidet und in der Nacht, im verzweifelten Versuch, nicht von der Müdigkeit übermannt zu werden, tapfer am Sarg des Großvaters die Wache hält. Bei der eigentlichen Beerdigungszeremonie zeigt sich, dass Rin mehr über den Verstorbenen weiß, als sich die Trauergemeinde eingestehen möchte, als sie in den kleinen Garten hinter dem Haus stürmt, um dort die Lieblingsblumen des Großvaters zu pflücken und diese mit in den Sarg legt.

Den Rest des Beitrags lesen »


Manga-Review: Ayako

12. November 2012

Man stelle sich einmal vor, Walt Disney wäre nach Werken wie Schneewittchen und die sieben Zwerge, Pinocchio und Dumbo in eine Schaffenskrise verfallen, weil das Publikum nach Filmen mit tiefergehenden Inhalten verlangte und Mickey Maus‘ Vater hätte darauf mit Werken geantwortet, die nicht vor der Darstellung von Gewalt, sexueller Inhalte, politischer Diskurse und menschlicher Dramen zurückschreckten. Klingt sehr weit hergeholt? Dann kennt ihr den Lebensweg von Osamu Tezuka nicht.

Osamu Tezuka war schon zu Lebzeiten eine Legende, schuf er doch mit Serien wie Astro Boy, Kimba, der weiße Löwe und Ribbon no Kishi Figuren, Serien und sogar Genres, auf die sich ganze nachfolgende Generation berufen sollten. Doch die vielleicht beachtenswerteste Leistung, neben der Förderung und Etablierung eines ganzen Industriezweiges, ist in der Dualität seiner Karriere zu sehen. Auf grobe Weise betrachtet, lässt sich das Schaffen Tezukas in zwei Perioden einteilen. Die erste Periode umfasste die 50er und die Hälfte der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. In dieser Zeit entstanden, zusammen mit vielen weiteren Werken, jene bereits genannten Arbeiten, die uns westliche Leser häufig dazu verleiten, Tezuka als eine Art japanisches Äquivalent zu Walt Disney zu betrachten. Obgleich der Vergleich eigentlich hinkt, denn Tezuka, Künstler und Workaholic in einer Person, zeichnete auch nach seinem Eintritt in die Anime-Branche weiterhin unermüdlich an seinen Manga-Kreationen, statt ausschließlich die Rolle eines ausführenden Produzenten und Planers wahrzunehmen.

In der zweiten Hälfte der 60er Jahre wurde Tezuka mit der harten Wirklichkeit konfrontiert, dass sich sein erwachsen gewordenes Publikum nach unverbrauchten Stoffen sehnte, die sie in den kindlich geprägten Welten Tezukas nicht mehr finden konnten. Der Manga erreichte die Adoleszenz und aufstrebende Mangaka wie Sampei Shirato (Ninja Bugeichō, Kamui Den) und Yoshiharu Tsuge (Chiko, Nejishiki) lieferten neuen Wochenmagazinen Geschichten und Charaktere, die die Leser herausforderten und zu Beginn auch, ob der radikalen Abkehr von altbekannten Mustern, irritierten. Für viele Künstler wäre hier der Zeitpunkt gekommen, an dem sie sich entweder zurückgezogen oder mit einer kleiner werdenden Nische zufrieden gegeben hätten. Für die Kämpfernatur Tezuka waren dies aber keine annehmbaren Optionen und so orientierte sich der Mangaka neu um und die zweite große Schaffensphase wurde eingeläutet. Werke wie Black Jack, Buddha und das unvollendet gebliebene Hi no Tori waren Ausdruck eines Künstlers, der sein Vorbild Disney hinter sich gelassen hatte und verstärkt Interesse an den Arbeiten großer Philosophen, Franz Kafka und russischer Literatur des vorangegangenen Jahrhunderts zeigte und diese Einflüsse in seinen Mangas der zweiten Periode verarbeitete. Während es in unseren Breitengraden üblich ist, gerade einmal ein Werk dieser Periode ausführlicher zu kennen, das mit Preisen ausgezeichnete Spätwerk Adolf aus den Jahren 1983-1985, führen die anderen Titel dieser Zeit noch immer ein Schattendasein. Das gilt auch für Ayako, Tezukas ganz eigener verstörender Variante vom Mannschen Untergang einer Familie.

Die Geschichte nimmt ihren Lauf im Jahr 1949. Japan ist seit Ende des Zweiten Weltkrieges ein von den Amerikanern besetztes Land. Unter der Leitung von General Douglas MacArthur soll dieses zu einer modernen Demokratie nach Vorbild der Vereinigten Staaten heranreifen. Auf den ersten Seiten wird der Leser Zeuge, wie ein Schiff mit heimkehrenden Kriegsgefangenen in den Hafen von Yokohama einläuft. Unter diesen befindet sich auch Jiro Tenge, der von seiner Schwester und Mutter bereits sehnsüchtig erwartet wird und erfährt, dass sein Vater in seiner Abwesenheit ein weiteres Kind gezeugt hat. Vater, Familienoberhaupt und Tyrann Sakuemon Tenge ist hingegen nicht gut auf den Heimkehrer zu sprechen und sagt diesem offen ins Gesicht, dass er lieber einen toten Sohn begraben hätte, der für sein Vaterland gestorben wäre, als einen Verräter zu begrüßen. Dabei ahnt niemand in der Familie, dass Jiro ein weitaus dunkleres Geheimnis mit sich trägt, da er inzwischen für die Amerikaner als Spion im Inland aktiv ist, um den Besetzern gefährlich erscheinende Kräfte frühzeitig zu beseitigen. In der Folge lernen wir die anderen Mitglieder des seit Jahrhunderten bestehenden und auf ein weites Land mit vielen Helfern hinabblickenden Tenge-Clans kennen. Ichiro ist Sakuemons ältester Sohn und designierter Nachfolger, der sein Umfeld, inklusive seiner Frau Sue, nicht weniger geringschätzig behandelt, sich jedoch gegen seinen Vater nicht durchzusetzen vermag und so geduldig auf seine Zeit wartet. Shiro, mit zwölf Jahren das jüngste männliche Mitglied des Clans, ist ein überzeugter Befürworter von Recht und Ordnung und der Wahrheit. So spielt der kleine Shiro, beeinflusst von seiner Umgebung, gerne die von ihm mit Interesse verfolgten Kriegsverbrechertribunale nach. Ihr politisches Engagement pflegt die achtzehnjährige Naoko, die einzige offizielle Tochter Sakuemons, dagegen lieber im Verborgenen und gibt sich nach außen hin als lebenslustige junge Frau. Und dann gibt es da noch die vierjährige Ayako, die von ihrem angeblichen Großvater Sakuemon wie ein Augapfel behütet und geliebt wird. Heimkehrer Jiro fällt sofort die Ähnlichkeit mit seiner Schwägerin Sue auf und ein schrecklicher Verdacht schwirrt durch seinen Kopf. Als er kurze Zeit darauf seinen Vater beim Sex mit der Frau seines Sohnes Ichiro erwischt und Ichiro bei einem seiner ihm unerklärlichen Gewaltausbrüche gegenüber der kleinen Ayako sieht, wird aus dem hämmernden Verdacht schreckliche Gewissheit. Der nach Macht und Besitz strebende Ichiro hat seine eigene Frau dem Schwiegervater zur Auslebung dessen sexueller Gelüste überlassen und dafür das Versprechen für den Erhalt des gesamten Besitzes erhalten. Für die bisher zum Thema geschwiegenen anderen Mitglieder des Clans ist dieses Verhalten keine Überraschung. „Er war schon so, als er noch jung war…“, wie Mutter Iba, das Musterbeispiel einer devoten, die Eskapaden ihres Gatten stillschweigend hinnehmenden Frau, lapidar das Verhalten ihres Mannes zusammenfasst. Jiros Schwester Naoko ist dagegen aus einem gänzlich anderen Holz geschnitzt und erklärt, als sie ihre Schwägerin Sue, die den innerlichen Schmerz nicht länger ertragen will, in letzter Sekunde vom Freitod bewahren kann, dass Frauen in Zukunft die gleichen Rechte wie die japanischen Männern besitzen werden.

Als Jiro eine Mission von seinen amerikanischen Auftragsgebern erhält, nehmen die Dinge ihren Lauf. Er soll das zuvor unschädlich gemachte führende Mitglied einer linksgerichteten Vereinigung auf die Schienen legen und so von einem Zug überrollen lassen. Doch zufällig erkennt er den Mann wieder, als er gerade ein Spielzeug für Ayako kauft und folgt ihm unauffällig zu einer Versammlung. Durch ein Fenster spähend, findet er nicht nur den Mann wieder, sondern sieht in der Gruppe auch seine eigene Schwester Naoko als feurige Rednerin. Den beiden nach dem Treffen folgend, muss er zu der Erkenntnis kommen, dass er im Begriff ist, am Mord der großen Liebe seiner Schwester beteiligt zu sein. Ein Zurück scheint ihm, aller Gewissensbisse zum Trotz, nicht möglich und so führt er die Tat schließlich während eines Wolkenbruchs aus. Als Jiro, wieder zurück im Heim des Tenge-Clans, in großer Eile versucht, einen Blutspritzer von seinem Hemd abzuwaschen, wird er dabei von der kleinen Ayako und ihrer leicht schwachsinnige Amme O-Ryo gesehen. Er verspricht der Amme einen neuen Kimono, wenn sie über seine nächtlichen Aktivitäten Stillschweigen behält, versucht sie dann aber später in einem günstigen Moment zu erschlagen. Der Mord schlägt fehlt und die Frau verschanzt sich, von der Angst zu sehr überwältigt, um etwas Genaueres zu sagen, mit der kleinen Ayako in einer Hütte. Zur selben Zeit haben die zuständigen Ermittler bei der Kriminalpolizei im Fall des ermordeten Freundes von Naoko die Spur aufgenommen und konfrontieren das Oberhaupt des Clans mit unangenehmen Fragen, bei denen Sakuemon dahinter kommt, dass seine Tochter die Freundin „eines Roten“ und selbst politisch aktiv war. Ebenso besorgniserregend ist aber die Aussage Ayakos, wonach sie Jiro dabei beobachtete, wer er sich Blut vom Hemd wusch. Sakuemon will die Sache außerhalb der Öffentlichkeit, und bevor noch größerer Schaden entsteht, regeln und beruft das Familiengericht ein. Naoko wird zwar aus der Familie ausgestoßen, aber es gelingt dem verschlagenen Jiro, die Dinge so darzustellen, als ob die Amme ihn in der fraglichen Nacht verführt hätte und das Blut auf dem Hemd von deren Entjungferung rührt. Doch das Wissen der Amme und von Ayako bleibt eine Gefahr, weshalb Jiro einen weiteren Mordversuch unternimmt. Es gelingt ihm schließlich, die junge Frau in einem See zu ertränken, aber Ayako kann in der letzten Sekunde flüchten. Nun sieht Ichiro die Gelegenheit gekommen, endlich einen Schlusspunkt unter diese Affäre zu ziehen und lässt seine verhasste kleine Halb-Schwester in ein Keller-Verließ einsperren, mit der Begründung, dass ansonsten erneut die Polizei mit unangenehmen Fragen anrücken und der Familienname einen unwiderruflichen Schaden erleiden wird. Der Öffentlichkeit soll stattdessen erzählt werden, dass das Kind an einer Lungenentzündung gestorben ist. Zwar regt sich mit dem wahrheitsliebenden Shiro, der Beweise gegen seinen Bruder Jiro sammelt, erbitterter Widerstand gegen den Plan, Ayako bis zum Ende ihrer Tage in dem kleinen Raum eingesperrt zu lassen, doch gegen die geballte Übermacht der Erwachsenen ist der Idealist machtlos. So wird Ayako als Sündenbock geopfert und verbringt die nächsten Jahre, abgesehen von den sporadischen heimlichen Besuchen von ihrer leiblichen Mutter und Shiro, alleine in ihrem Verließ, bis die Landenteignung der Gutsbesitzer durch die Regierung droht, die schreckliche Tat der Familie auffliegen zu lassen.

Damit wäre nur ein kleiner Teil der Gesamterzählung abgedeckt, die immerhin stolze 700 Seiten umfasst, die man aufgrund der Textmenge nicht so flott runterließt, wie den üblichen leichtverdaulichen Manga. Und leichtverdaulich ist keine Eigenschaft, die man im Zusammenhang mit  Ayako nennen würde. Gewalt, Mord, körperlicher und seelischer Missbrauch von Kindern und Frauen, Inzest – Tezuka brachte Themen auf das Papier, die westliche Zeichner in den Jahren 1972/73 nicht einmal mit der Kneifzange angefasst hätten. Man kann beim Lesen förmlich spüren, mit welch hitzigen Geist der Mangaka jene Geschichte aufs Blatt brachte, die fast nur Verlierer kennt und die nicht mit Kritik an den Besatzern und den eigenen Landsleuten spart. Der nur an sein eigenes Glück denkende, den Frauen hinterher geifernder Alleinherrscher Sakuemon ist ein Relikt aus dem feudalen Japan. In wenig schmeichelhaften Bildern, wird er mit seinem unförmigen nackten Körper gezeigt, wie er sich, einem Parasit ähnlich, beim Akt an seine Schwiegertochter klammert und auf dieser herumkrabbelt oder wie ihm bei lautstarken Auseinandersetzungen der Geifer aus dem zahnloser werdenden Mund tropft. Der älteste Sohn Ichiro ist im Grunde seines Wesens ein rückratloser Feigling, der die angebliche Ehre der Familie als Vorwand nimmt, um seine ungeliebte Halbschwester aus den Augen der Welt zu schaffen. Unfähig die Zeichen der Zeit zu erkennen, rinnt ihm sein Erbe wie Sand durch die Finger. Jiro dagegen ist ein Mann zwischen den Welten, eine Person mit wechselnden Identitäten und damit eine Versinnbildlichung des Japans nach dem Zweiten Weltkrieg. Er hat später keine Probleme damit, mit einer Killerin, die eigentlich mit seiner Beseitigung beauftragt wurde, durchzubrennen und im wieder an Souveränität gewinnenden Japan eine Karriere als Yakuza-Boss zu starten. Shiro repräsentiert für lange Zeit das einzige Leuchtfeuer der Hoffnung, was den männlichen Teil des Tenge-Clans angeht, doch bei genauerem Hinsehen schrammt die Begeisterung für Recht und Ordnung haarscharf am Fanatismus vorbei, wobei dieser mit der kindlichen Begeisterungsfähigkeit zu entschuldigen ist. Als heranwachsender Mann allerdings begeht auch Shiro seine Missetaten und versucht die Schuld und Eigenverantwortung in entlarvender Weise auf den unausweichlichen Fluch dieser verrotteten Familie abzuwälzen.

Ayakos Charakter wird geprägt durch die Verbrechen, die ihr angetan werden. In fast völliger Isolation aufgewachsen, ist sie geistig auf dem Stand eines kleinen Kindes stehen geblieben, während sich ihr Körper stetig weiter entwickelte. Nachdem sie ihre erste Periode bekommt und dabei denkt, sie wäre krank und würde verbluten, entwirft sie sich ein Weltbild, welches den neuen Frauenzeitschriften entstammt, die ihr Bruder für sie nach unten in den Raum schmuggelt. Ihr sexuelles Erwachen zieht eine Lust nach körperlicher Nähe mit sich, die sie dazu treibt, mit Shiro ihren eigenen Bruder zu verführen. Nur bei der Auslebung ihrer Lust, fern aller moralischen Grundsätze, die in ihrem Verließ aufhören zu existieren, wie es Ayako selbst sagt, kann sich die junge Frau frei fühlen. In diesen Minuten des Glücks verschwinden die engen Wände ihres Gefängnisses und der Boden unter ihr wird in einer eindringlichen Szene zum Dach der Welt, über das die beiden Leiber ineinander verschlungen bis zum Höhepunkt schweben. Auch später, als Ayako letztendlich wieder mit der Außenwelt konfrontiert wird, bleibt dieser gefährlich-naive Umgang mit der Sexualität erhalten. Für Ayako ist Sex der Ausdruck ihrer Zuwendung und Dankbarkeit, gleich ob es sich dabei um völlig Fremde oder Verwandte handelt. Auch beim Umgang mit Geld ist sie auf dem Stand eines Kindes verblieben und verschenkt 1000 Yen-Noten, nachdem sie mit überrascht dreinblickenden Kindern auf dem Spielplatz tobte, als wären diese Bonbons. Und doch sind dies die glücklichsten Momente in ihrem traurigen Leben, denn ein jeder Konflikt führt zu einem Fluchtreflex und treibt sie dazu, inzwischen an dieses Leben gewöhnt, die Enge einer Kiste aufzusuchen.

Ayako ist ein deprimierendes Werk, in dem selbst die wenigen „guten“ Figuren, die bis zum Schluss standhaft und mit hehren Absichten bleiben, nicht von einem traurigen Ende verschont werden. Nur kurz bevor der Vorhang fällt und die Erzählung mit einem grimmig-ironischen letzten Kapitel ein Stück zu überhastet ausklingt, fällt ein Strahl der Hoffnung in das Tal des Verderbens hinab. Es ist schon erstaunlich, dass diese Geschichte vom selben Talent stammt, das einst Astro Boy auf die Welt brachte. Der sonst bei Tezuka übliche Humor wurde auf ein Minimum zurück geschraubt. Und auch auf Cameo-Auftritte von Figuren anderer Reihen muss man hier verzichten. Ayako ist freilich nicht frei von Schwächen. Dass einige Charaktere noch stark an den Stil früherer Werke erinnern, die sich ihrerseits an den westlichen Zeichenstil der Disney- und Fleischer-Cartoons anlehnten, mag die heutige Generation von Manga-Lesern etwas irritieren. Schwerer wiegt aber das Missverhältnis zwischen der Kerngeschichte und den Subplots. Auf mehr als die Hälfte aller Seiten wird die Geschichte aus Jiros Perspektive erzählt, was Tezuka die Gelegenheit gab, den Plot mit allerlei Erzählungen aus der Welt der Agenten und Spione anzureichern. Dabei wäre eine konzentriertere Perspektive auf das Schicksal und vor allem das Innenleben Ayakos interessanter gewesen, auch wenn uns die „Nebentätigkeiten“ von Jiro Einblicke in das Nachkriegs-Japan und dessen gesellschaftliche Umbrüche gewähren, die ihrerseits für unpassende Szenen, wie die Bond-typische Verführung einer feindseligen Spionin, entschädigen. So kann der Manga nicht den Eindruck abschütteln, dass Ayako im Grunde weniger ein Charakter als ein Gefäß für die Schandtaten und Verbrechen der Familie ist, welches zum Schluss den Untergang des Clans besiegelt. Auch der menschenverachtende Umgang mit dem weiblichen Geschlecht dürfte schwer auf den Magen schlagen, ist letztendlich aber auch Abbild einer (in Teilen) vergangenen Epoche, wenngleich die selbstbewusste Naoko zunächst als Gegenentwurf zu den devoten, unterwürfigen Frauen heraussticht, bevor sie durch den Verlust der Liebe ihres Lebens den Antrieb zu verlieren scheint.

Zusammengehalten wird diese Geschichte von Schuld und Schande durch Osamu Tezukas außerordentliches Talent als Erzähler und Zeichen-Regisseur. Kein Mangaka vor ihm und, soweit lehne ich mich jetzt aus dem Fenster, kaum ein Mangaka nach ihm besaß dieses Gespür für die Komposition eines Bildes, die Experimentierfreudigkeit die Grenzen dieser Kunstform auszuloten und die Fähigkeit, auf der gesamten Klaviatur der Emotionen zu spielen. Ayako ist, auch wenn dies natürlich im krassen Kontext zum eigentlichen Inhalt steht, von filmischer Schönheit und Präzision geprägt, die Szene um Szene zu einem unvergesslichen Erlebnis machen und in der Abfolge der Panels oftmals einem Storyboard für eine Filmproduktion gleichkommen. Während man andere Mangas schon vergisst, bevor man auf der letzten Seite angekommen ist, gelingt es Tezuka durch den Einsatz aller Tricks im Buch des visuellen Geschichtenerzählers, dass sich Szenen für lange Zeit in das Gedächtnis einbrennen. Als Beispiel sei eine Szene genannt, in der die imaginäre Kamera unbeweglich für Stunden in ein Zimmer hinein starrt und die dortigen Geschehnisse aus einer Perspektive zeigt, als ob der Zuschauer einem Theaterstück bewohnen würde. Auch im Spiel mit Licht und Schatten à la Hitchcock macht dem Gott des Manga, wie Tezuka in seinem Heimatland bis heute ehrfürchtig genannt wird, keiner so schnell etwas vor. Selbst eine simple Autofahrt wird durch den geschickten Einsatz einer ungewöhnlichen Perspektive zu keinem langweiligen Selbstläufer. Und es gibt kaum einen besser Beleg für den Ruf Tezukas, der am härtesten arbeitende japanische Zeichner seiner Generation gewesen zu sein, als die mitunter naturalistischen Hintergründe, die in den Panorama-Aufnahmen vor Details strotzen.

Ayako sei jedem Leser ans Herz gelegt, der einmal sehen möchte, in welch ambitionierte und faszinierende Richtung das Medium vor 40 Jahren (!) aufbrach, um dem Stillstand zu entgehen. Es ist eine traurige Ironie, dass sich der Manga, trotz seines Alters, auch heute noch so frisch und gewagt anfühlt, da auf dem hiesigen Markt die seichten Werke noch immer das Messer in der Hand haben und einen Löwenanteil bei den Verkäufen ausmachen. So ist es kein Wunder, dass die Buchhändler und Online-Shops Monat für Monat mit den immer gleichen substanzlosen Liebesgeschichtchen überschwemmt werden, während es Ayako, wen wundert es, noch immer nicht in deutscher Sprache gibt. Ich habe mir die US-Veröffentlichung des Vertical-Verlages bei Amazon.de gekauft. Für 15,95 Euro gibt es die 700 Seiten umfassende Geschichte zusammengefasst in einem dicken Band. Allerdings sprechen die ländlichen Bewohner alle in einem Dialekt, mit dem man sich zu Anfangs etwas schwer tun dürfte. Eine kleine Hürde, die man gerne bereit zu nehmen ist.


Manga-Review: Yotsuba&!

24. Juli 2012

Eine Manga-Reihe wie eine kühlende, den angesammelten Schmutz abwaschende Dusche, ein Bonbon mit dem sahnig-süßesten Geschmack der Welt. Ein Plädoyer für die Lebensfreude und ein Hohelied auf das Kind in uns. Und dann ist „Yotsuba&!“ auch noch verdammt lustig…

Yotsuba&! ist eine fortlaufende Reihe von Kiyohiko Azuma, dem mit Azumanga Daioh, einer abgeschlossenen Serie über die Alltagserlebnisse einer Gruppe von Schülerinnen, vor über zehn Jahren der ganz große Durchbruch gelang. Und auf den ersten Blick sind die inhaltlichen Gemeinsamkeiten zwischen beiden Serien von unübersehbarer Natur, denn auch Yotsuba&! kommt ohne die Bekämpfung von Dämonen, einer zehntausendseitigen Selbstfindung inmitten eines apokalyptischen Szenarios oder einer mit Crime-Elementen gewürzten Love-Story aus. Hier stehen die kleinen Abenteuer des Alltags im Fokus, die in den Augen eines Kindes zu den großen Wundern dieser Welt heranwachsen. Die kleine Yotsuba wird zwar von einem illustren Cast begleitet, dem auch mehrere Kinder und Teenager angehören, steht aber in der überwiegenden Mehrheit im Mittelpunkt der zwischen 30 und 40 Seiten umfassenden Geschichten, womit schon einmal ein wesentlicher Unterschied zu Azumanga Daioh besteht.

Zwar bauen die Geschichten zu einem Teil aufeinander auf, es kommen mit der Zeit neue Charaktere hinzu und einige Gags und Anspielungen sind erst verständlich, wenn man die Kapitel in der richtigen Reihenfolge gelesen hat, aber grundsätzlich können die kurzen Kapitel auch unabhängig voneinander gelesen werden. So wird der Leser im ersten Kapitel Zeuge vom Umzug der kleinen Familie Koiwai in eine namenlose Stadt. Diese besteht aus der kleinen fünfjährigen Yotsuba, einem grünhaarigen Mädchen mit der Frisur eines Kleeblatts und ihrem Adoptivvater, der das Kind von einer Auslandsreise mit nach Japan brachte, wobei der Manga bis heute zu den genaueren Umständen der Adoption und dem Schicksal von Yotsubas leiblichen Eltern schweigt.  Da Yotsuba bei der Frage nach ihrer Herkunft immer nur antwortet, sie komme „von links“, trägt auch sie nicht unbedingt zur Lösung dieses Geheimnisses bei. Jedenfalls merkt man dem von zuhause als Übersetzer arbeitenden Vater an, dass er selbst noch etwas unreif ist und, im Gegensatz zum Idealbild eines japanischen Vaters, gerne den ganzen Tag im T-Shirt und langer Unterhose durch das Haus läuft.

Dennoch versucht Herr Koiwai seiner Tochter ein liebender und fürsorglicher Vater zu sein. Dabei würde bei diesem kleinen Wirbelwind selbst ein Mustervater ins Schwitzen geraten. Yotsuba ist die personifizierte Lebensfreude und die kleinsten Dinge reichen aus, um bei ihr Begeisterungsstürme auszulösen. Zu Beginn ihrer Streifzüge durch die neue Nachbarschaft sind ihr selbst Türklingeln, Milchmänner und sogar Schaukeln fremd und das extrovertierte Mädchen lebt streng nach der Divise: Anfassen ist besser als anstarren. So nutzt sie die Erkenntnis, dass Türglocken die in den Häusern lebenden Menschen vor die Tür locken, gleich mal aus, um buchstäblich bei einer Nachbarin „Hallo“ zu sagen und sich mit einem anschließenden „Tschüss“ wieder auf die Socken zu machen. Oftmals hapert es noch, die komplizierten Zusammenhänge der Dinge zu verstehen, selbst wenn sich Yotsuba sichtbar Mühe gibt, den Überblick zu bewahren. Wenn, denn die Aufmerksamkeitsspanne einer Fünfjährigen ist von sehr begrenzter Dauer und sobald eine Erklärung einer älteren Person zu lange ausfällt, ist es gut möglich, dass die Kleine mit ihren Gedanken schon längst wieder an einem ganz anderen Ort ist.

Auch wenn die Sequenzen, in denen sie auf eigene Faust agiert, mit bewundernswerter Leichtigkeit bestehen können, ist es die Interaktion mit den anderen Figuren, die Yotsubas Charakter aufblühen lässt. Praktischerweise lebt die Familie Ayase gleich neben dem neuen Wohnsitz der Koiwais und der Umzug ist noch nicht vorbei, da hat sich Yotsuba bereits mit deren Mitgliedern angefreundet. Frau Ayase heißt die neue kleine Nachbarin bei sich willkommen, hat sie als Mutter von drei Töchtern doch Erfahrung mit Kindern. Ihre jüngste Tochter, Ena, ist die häufigste Spielgefährtin Yotsubas, obwohl sie ihr in Sachen Intellekt schon um Lichtjahre voraus ist. So sorgt sich die künstlerisch begabte Grundschülerin bereits um die Zukunft des Planeten und erzählt Yotsuba aufgebracht von den Folgen des Treibhauseffektes, woraufhin diese eine Mordswut auf jeden Besitzer von energieverschleudernden Klimaanlagen entwickelt – zu denen allerdings auch ihr eigener Vater gehört. Da Ena sehr feinfühlig ist, nimmt sie es bei ihrer kleinen Spielgefährten regelmäßig nicht so genau mit der Wahrheit. So bringt sie es zum Beispiel nicht über ihr Herz, Yotsuba die Wahrheit über ihre noch sehr ausbaufähigen Fähigkeiten als Malerin zu erzählen. Das führt dann allerdings dazu, dass Yotsuba, beflügelt durch das Lob, mit einer Idee vollkommen Amok läuft. Auf der anderen Seite ist Ena keineswegs zimperlich, wenn es um das Anfassen von riesigen Kröten, Insekten oder gar das Ausweiden von Fischen geht.

Fuuka ist mit ihren 16 Jahren das Mittelkind. Da es diese bekanntlich besonders schwer in einer Familie haben, übernimmt Fuuka freiwillig die meisten anfallenden Arbeiten in der eigenen Familie und wird daher von ihrer Mutter auch als verantwortungsvollste der drei Töchter gelobt. Da sie weder die Niedlichkeit von Ena, noch die Schönheit ihrer ältesten Schwester besitzt, nennt Yotsuba sie zur besseren Unterscheidung, ohne jedes Schuldgefühl natürlich, vor allem am Anfang regelmäßig „die am wenigsten Hübsche“. Sie ist oft über Yotsubas Verhalten irritiert und kann am schlechtesten mit peinlichen Situationen umgehen. Gerade durch ihr Bemühen, als verantwortungsvolle Erwachsene wahrgenommen zu werden, manövriert sie sich selbst in diese Umstände.

Asagi ist mit ihren 18 Jahren die älteste Ayase-Tochter und besucht bereits die Universität. Sie liebt es, ihrer Umgebung auf den Wecker zu gehen und Streiche zu spielen. Interessant ist ihre Beziehung zu Yotsuba, denn sie vermag es überraschend gut, sich in den Kopf der Kleinen zu versetzen und hat sichtbare Freude daran, das Mädchen von nebenan bei ihrem Tagewerk zu beobachten. Vielleicht kommt die als Schönheit geltende Asagi mit Yotsuba deshalb so gut aus, weil sie inzwischen die Phase, in der Coolness und die damit verbundene Abgrenzung zu den Jahren als Kind das Wichtigste zu sein scheint, überwunden hat und mit der, von allen Töchtern der Familie, größten Distanz auf diese sorgenlose Jahre des Mädchens zu schauen vermag, nun, da der Startschuss ihres Berufslebens in absehbarer Zeit bevorstehen wird . Auf jeden Fall bemerkt Asagis Mutter bei einer Gelegenheit, dass sie als kleines Kind Yotsuba überaus ähnlich war. Dadurch erscheint sie als einer der ausgeglichensten Charaktere der gesamten Reihe.

Im Laufe der Zeit gesellen sich noch weitere Figuren dazu, wie die burschikose Miura, eine Freundin und Klassenkameradin von Ena, die mit ihrem losen Mundwerk aneckt. In der japanischen Originalfassung spricht Miura deshalb auch eher wie ein Junge – eine Besonderheit der japanischen Linguistik, die sich leider kaum bis gar nicht in die deutsche Sprache übertragen lässt. Bereits auf den ersten Seiten taucht mit Takashi Koiwais bester Freund auf. Der zu impulsiven Reaktionen neigende junge Mann ist für Yotsuba so etwas wie der geliebte Ersatz-Onkel, misst über zwei Meter und wird deshalb fast ausschließlich mit seinem Spitznamen „Jumbo“ angeredet. Ihn verbindet schon nach kurzer Zeit eine feurige Rivalität mit Miura und ihrer frechen Klappe, wobei ihm nicht in den Sinn zu kommen scheint, dass er sich hier mit einer Grundschülerin zankt. Außerdem hegt er Gefühle für Asagi und nutzt dafür die Freundschaft Yotsubas aus. Nur ist die älteste Ayase-Tochter keinen Deut am Riesen interessiert.

Fraglos konnte man schon bei Azumanga Daioh Kiyohiko Azumas Talent bei der Erstellung seiner Charaktere beobachten, die zwar alle ihre bizarren Seiten und Knackse besaßen, aber immer so geerdet blieben, dass genügend Projektionsfläche für sich und andere vorhanden blieb. Für Yotsuba&! verzichtete der Mangaka allerdings auf das „Yonkoma“-Format, bei dem vier zu einem Gag führende Panels ausreichen müssen. Und erst damit konnte Yotsuba&! zu jenem Meisterwerk werden, wie es heute in den Buchhandlungen sitzt. Die Geschichten um scheinbar völlig banale Alltagsangelegenheiten haben Luft zum Atmen und existieren nicht, um am Ende des Kapitels eine Pointe abzufeuern. Tatsächlich stößt der Leser hin und wieder auf Abschnitte, in denen kein wirklicher Gag vorkommt und sieht den Charakteren einfach nur bei ihrer Interaktion miteinander zu. Langweilig ist das an keiner Stelle. Der Leser kann sich einfach treiben lassen, während er wieder durch die Augen eines Kindes sieht und jede Menge Wiederkennungsmomente erlebt, die man vielleicht schon tief in sich vergraben gedacht hat. Es sind vor allem die vielen Details, die Yotsuba zu einem dreidimensionalen Wesen machen und Azuma als einen ausgezeichneten Beobachter zu erkennen geben. Wer sich ein Grinsen verkneifen kann, wenn Yotsuba, völlig irrational für den kultivierten Erwachsenen, der hoch-philosophische Werke wie Death Note und Eden zum Frühstück verspeist, mit Eifer versucht, auf den Rücken Jumbos hochzukraxeln oder in den Haaren ihrer Freundin umher wurstelt, hat wohl keine jungen Kinder um sich oder hat die eigene Kindheit inzwischen vollständig aus dem Gedächtnis gelöscht. Klar ist Yotsuba für eine absolut realistische Darstellung ein Stück zu perfekt, aber die meisten Leser werden wohl ebenfalls mit einer idealisierten, mit Notalgie getränkten Sicht auf ihre eigene Kindheit zurückblicken und dabei die weniger schönen Seiten ausblenden. Diese kehrt Azuma mitnichten völlig unter den Teppich: So hat das Mädchen eine höllische und unerklärliche Angst vor allen Objekten, die einem Bullseye ähneln, erhält von ihrem Vater bei einem allzu krassen Fehlverhalten auch Tadel und hält Fuuka bei ihrer ersten Begegnung für einen dieser „bösen Menschen“, die sie entführen möchten und vor denen sie ihr Vater eindringlich gewarnt hat.

Und wenn Azuma sich zu einem Gag hervor arbeitet, dann fällt das dahinter liegende Konstrukt weit weniger auffällig und schon auf drei Seiten zuvor erkennbar auf, als dies bei anderen Werken der Comedy-Sparte der Fall ist. Sehr oft bringt Yotsubas Verhalten den Leser aufgrund der Unvorhersehbarkeit, mit der das fünfjährige Mädchen auf die Welt um sich herum reagiert, zunächst zum Lachen – und dann zum schelmischen Grinsen, weil viel Wahres in der unschuldigen Perspektive des Kindes verborgen liegt. Mit Yotsuba als Charakter lassen sich aber auch die alberneren Sequenzen viel besser und glaubwürdiger verkaufen. Zu einem meiner absoluten Lieblingskapiteln gehört eine Sequenz, in der Yotsuba, beeinflusst durch einen Krimi im Fernsehen, mit der Spritzpistole und coolen, im TV aufgeschnappten „Tötungssprüchen“ auf den Lippen durch das Haus der Nachbarn saust, um mit einem herrlich ernsten Gesichtsausdruck die Familie kalt zu stellen. Zumindest solange, wie das Wasser reicht.

Yotsuba&! ist der Sieg des lebensbejahenden Kindseins über die zynisch-kalte Abgeklärtheit des Erwachsenseins der Generation Internet. Eine bessere Bewässerung und Neukultivierung des kindlichen Ichs als mit den bisher zehn bei Tokyopop veröffentlichten Bänden kann man sich kaum vorstellen. Oder um Yotsubas Vater zu zitieren: „Noch nie habe ich einen Menschen getroffen, der einfach allem etwas Gutes abgewinnen kann. Yotsuba ist unschlagbar.“ Stimmt.


Manga-Review: Rec – Der Tag, an dem ich weinte

6. Juli 2012

Mit „HAL“ und „The Final Loop“ hat sich die Mangaka Aoi Makino bereits einen Namen auf dem Shōjo-Markt gemacht, der bekanntlich auch hierzulande noch immer ein relativ großes Publikum anspricht. Jetzt wurde auch ihre bereits im Jahr 2010 in Japan veröffentlichte Geschichte „Rec – Kimi ga Naita Hi“ unter dem deutschen Titel „Rec – Der Tag, an dem ich weinte“ bei Tokyopop veröffentlicht.

Minami ist die Außenseiterin der Klasse. Unfähig vor ihrer Umwelt Emotionen zu zeigen, wirkt die Schülerin, die von sich selbst behauptet, sie habe noch nie eine Träne vergossen, auf ihre Mitschüler wie eine eiskalte Person ohne bekannte soziale Bindungen. Das ist der Nährboden für Gerüchte und üble Nachrede. So geht die Legende um, dass Minami den berühmt-berüchtigten „Presskatzen“-Clip gedreht hat, ein sich in Windeseile auf den Schulhöfen vermehrendes Schock-Video, das eine regelrecht platt gefahrene Katze zeigt. Immer einen Camcorder mit sich führend, würde sie stets auf neues „Material“ warten. Akira Wakabayashi ist quasi der krasse Gegenentwurf. Der extrovertierte, charismatische Jungschauspieler ist die Attraktion der Schule und der Schwarm der Mädchen – bis auf Minami. Die zeigt sich dann auch als einzige Zuschauerin vollkommen unbeeindruckt, als die Schule in den Genuss einer Premieren-Vorführung seines sprichwörtlich letzten Films kommt, denn Akira möchte auf der Höhe seiner Popularität mit der Schauspielerei brechen.

Als die Klasse einen Aufsatz über ihre beim Ansehen des Films empfundenen persönlichen Gefühle schreiben soll, fällt Minami durch die Abgabe eines leeren Blattes mal wieder aus dem Rahmen, gewinnt dadurch aber auch die Aufmerksamkeit Akiras. Dieser mischt sich kurz darauf in einen Streit zwischen Minami und ein paar Jungs ein, die ihre Speicherkarte aus dem Camcorder klauen, in der Hoffnung, auf dem Träger noch weitere von ihr gedrehte Schock-Videos zu finden. Stattdessen taucht auf dem Monitor der Schule aber ein kurzer Clip auf, der Minami im liebevollen Umgang und Gespräch mit einer Katze zeigt. Im anschließenden Gespräch zwischen ihr und Akira, erlebt der Leser einen Einblick in Minamis Weltanschauung und die Hintergründe des Filmes auf der Speicherkarte. So wurde die Katze, in einer Kiste ausgesetzt, ursprünglich vor dem Schulhof gefunden, wo sie gleich ein paar Mitschülerinnen von Minami entdeckten. Als Einzige lehnte sie es ab, sich um die kleine Katze kümmern. Doch, wie eine weitere Rückblende offenbart, konnte das Interesse, aller Ausrufe und Liebesbekundungen („Wie süüüß!“ und „So kleeiiin!“)  zum Trotz, einem schulfreien Tag nicht standhalten.  Nur Minami machte sich auf zur Schule und nahm die im Dauerregen allein gelassene Katze mit nach Hause, um sich dort um sie zu kümmern.

Für Minamis Charakter ist dies eine Schlüsselszene. Die Schülerin ist eine von der oberflächlichen Verlogenheit ihrer Umwelt angewiderte Figur. Mit ihrer Kamera sucht sie nach dem Echten, dem Leben ohne Maske – und bemerkt dabei nicht, dass sie in der Gegenwart anderer Menschen selbst eine ausdruckslose, schützende Maske angelegt hat. „Ich filme keine Menschen. Weil ich sie nicht leiden kann.“ Der immer lächelnde Akira wiederum muss diese Maske des Berufs und des Images wegen tragen. Ihm ist die Schauspielerei schon so in Fleisch in Blut übergegangen, dass es ihm nicht einmal selbst mehr auffällt, dass sein Lächeln und sein Lachen die Produkte seiner Filmpersönlichkeit sind. Die Erwartungen der Leute müssen schließlich erfüllt werden.

Im Grunde handelt Rec – Der Tag, an dem ich weinte davon, wie sich zwei ineinander verliebende Seelen gegenseitig zu befreien versuchen, ohne aber (und das ist eine Besonderheit), dass die Figur von der anderen eine komplette Drehung der Persönlichkeit erwartet. Eine weitere Dimension erhält der Manga in der zweiten Hälfte durch die Offenbarung, dass Akira seit seiner frühesten Kindheit an einer Krankheit leidet, die ihm, nun wieder ausgebrochen, nach Meinung der Ärzte in relativ kurzer Zeit das Leben rauben wird. Sobald die Presse von dieser Sache Wind bekommt, gibt es kein Zurück mehr. Akira wird zu einem Gejagten der Medien und soll nun auf diese zynische Weise den Preis für seine Popularität zahlen. Ein Fernsehreporter, der die Lunte als Erstes riecht und Minami über Akira auszufragen versucht, entpuppt sich als ein interessanter Charakter. Weder Schwarz noch Weiß, bewegt sich dieser in einer Grauzone, wenn er davon spricht, dass die Zuschauer diese Art der Berichterstattung selbst fordern und jederzeit mit ihrem Finger auf der Fernbedienung darüber abstimmen könnten, ob dieser Boulevard-Journalismus noch zu verantworten sei. Würden sie dies tun? In der ganzen Erzählung sind immer wieder Szenen zu sehen, die wenig Zweifel an der Beantwortung dieser Frage lassen. Schließlich kommt nicht ein Passant auf die Idee, dem von seiner Krankheit geschwächten und auf die Straße gestürzten Akira aufzuhelfen. Stattdessen wird munter das Handy samt Kamera gezückt. Wesentlich subtiler, aber dafür vielleicht umso nachdenklicher, stimmt eine Szene, in der sich die Schüler noch einmal über den „Presskatzen“-Clip unterhalten. Mit Ausnahme einer Schülerin, die ihren empfundenen Ekel zum Ausdruck bringt, legen die Teilnehmer der Gesprächsgruppe fast schon eine Begeisterung vom neuesten, die Runde machenden Schock-Video an den Tag und eine Person entgegnet lakonisch: „Na ja, aber solche Clips sind doch witzig.“

Wenn ich dem Manga von Aoi Makino eine Schwäche nachsagen muss, dann ist es die besonders im letzten Teil zunehmend sprunghafter werdende Erzählweise. Die 145 Seiten des One-shot reichen kaum aus, um die berührten Themenkomplexe gebührend umfangreich zu besprechen, weshalb der Verlag noch die beiden miteinander verbundenen Kurzgeschichten „Fluffige Küsse“ und „Fluffige Weihnachten“, handelnd von einem in der Nachhilfe-Klasse auf neue Freunde treffendes Mädchen, hinzufügte, um die 200-Seiten-Marke zu erreichen. So merkt man dem Werk an, dass an einigen Stellen das Fett entfernt werden musste. Über die Art der Krankheit Akiras wird kein weiteres Wort verloren und auch über die familiären Umstände der beiden zentralen Protagonisten erfährt der Leser (fast) nichts. Auf der anderen Seite konzentriert sich Rec so ohne Schnörkel und weitere Ablenkungen auf die wesentlichen Punkte der Geschichte. Und diese zeigt, dass auch hierzulande noch immer Shōjos ihren Weg in die Regale finden können, denen es vortrefflich gelingt, einen mit vielen gesellschaftskritischen Kommentaren angereicherten Plot mit durchaus romantischen, aber niemals kitschigen Momenten zu erzählen. Makinos sicherer Zeichenstil unterstreicht dies mit der Vermeidung der allzu krassen Idealisierung der Charaktere. So ist Akira natürlich ein überaus gutaussehender junger Mann, aber zum einen passt diese Darstellung zu seinem Lebenslauf und zum anderen ist er dennoch meilenweit von den üblichen Bishōnen des Genres entfernt. Makino gehört außerdem nicht zu der Gruppe von Zeichnerinnen, die ihre Unsicherheiten mit der übermäßigen Benutzung von Rasterfolien und einer unnötig komplizierten Bildkomposition zu kaschieren versucht.

Rec – Der Tag, an dem ich weinte könnte selbst dem größten Verächter des Genres nach dem Lesen der letzten Seite zum schwermütigen Seufzen bringen. Ein Seufzer, dem jedoch die Gewissheit innewohnt, ein kleines Juwel gelesen zu haben.


Otaku1990 in Japan (Teil 5)

9. Oktober 2009

Ein neuer Tag im Land der aufgehenden Sonne bricht an. Neben einem typischen Großstadtviertel würden wir heute die Peripherie Tokyos, sowie die Facetten des U-Bahn-Systems kennenlernen…

Shinjuku

„Chuuou Line… Chuuou Line… Chuuou Line…“, murmelte ich vor mich hin, während ich die Schilder über unseren Köpfen studierte. Wir befanden uns im Bahnhofsgebäude von Shinjuku, einem der wichtigsten Stadtteile Tokyos. Als hübsch würde ich das, was ich von Shinjuku gesehen habe, nicht bezeichnen. Eher erinnerte es mich an die tristen Betonfassaden, immer wieder unterbrochen von Wolkenkratzern, welche man in jeder Großstadt vorfindet. Bei unserem kurzen Bummel durch einen Teil des Bezirks, der auch gerne als „Mini-Akihabara“ bezeichnet wird, wühlten wir uns durch das vollkommen unüberschaubare Angebot eines mehrstöckigen Allzweckladens (in welchem man von Unterwäsche, über Videospiele bis hin zu Sex-Toys alles in rauhen Mengen vorfindet und in dem man kaum treten kann), setzten uns dem ohrenbetäubenden Lärm einer Pachinko-Halle aus und landeten schließlich in der Shinjuku Station, dem verkehrsreichsten Bahnhof der Welt. Während unserer Anwesenheit hielt sich das Menschenaufkommen allerdings in Grenzen. Überhaupt war uns Tokyo bisher erstaunlich leer vorgekommen.

Der Grund, weshalb wir die Shinjuku Station aufgesucht hatten, war das Ghibli Museum, welchem wir heute einen Besuch abstatten wollten. Bereits am ersten Reisetag hatten wir einen der hiesigen Lawson-Supermärkte aufgesucht, wo man sich die entsprechenden Tickets (deren Stückzahl stark begrenzt ist) am Automaten ziehen kann. Ich hatte mich schon vor der Abreise online darüber schlau gemacht, wie ich die komplett in japanischer Sprache gehaltenen Automaten zu bedienen hatte, um an mein Ticket (eigentlich eine Reservierung und nur für einen bestimmten Zeitrahmen an einem bestimmten Tag gültig) zu kommen. Dementsprechend selbstsicher näherte ich mich der Maschine, nur um festzustellen, dass dessen Interface inzwischen komplett überarbeitet worden war. Zum Glück eilte einer der Angestellten zur Hilfe und bediente den Automaten nach unseren Anweisungen, sodass wir schon bald unsere Eintrittskarten für das Ghibli Museum in den Händen halten durften.

„Aha! JR Chuuou Main Line!“, stieß es aus mir hervor. Wir hatten die Zuglinie gefunden, welche unteranderem nach Mitaka, einem Städtchen am Rande Tokyos und Standort des Museums, fährt. Wir erreichten das Bahngleis zur rechten Zeit, sodass der Zug bereits nach ein paar Minuten angerollt kam. 20 Minuten dauerte die Fahrt nach Mitaka und entgegen meinen Erwartungen fiel das Zugfahren genauso günstig aus wie das Fahren mit der U-Bahn. Wer in Tokyo lebt, kann wirklich nicht behaupten, über keine geeignete Transportmöglichkeit zu verfügen.

Mitaka strahlte eine wunderschön idyllische Vorstadtatmosphäre aus. Kaum ein Auto auf den Straßen, der Himmel verdeckt durch das Wirrwarr an Stromkabeln und überall enge Gässchen, welche uns an den kleinen Wohnhäusern mit ihren noch kleineren Höfen und Gärten vorbeiführten. Irgendwie fühlte ich mich, als würde ich durch Inaba aus „Persona 4“ schlendern.

Mitaka

Nach einem viertelstündigen Fußmarsch erreichten wir schließlich das Gelände des Ghibli Museums, welches von Außen äußerst unscheinbar anmutet. Da wir recht früh dran waren und der nächsten Besuchergruppe noch kein Einlass gewährt wurde, vertraten wir uns die Beine im angrenzenden Sportgelände, wo Japaner im Kreis joggten und Tennis spielten (trotz des noch immer mäßigen Wetters). Langsam bildete sich vor dem Eingang des Museums eine kleine Menschentraube, weswegen wir dorthin zurückkehrten, um kurz danach in die heiligen Hallen eintreten zu dürfen. Die Frau, welche unsere Reservierungen in die eigentlichen Tickets (kleine Filmstreifen) umtauschte, erkundigte sich, woher wir kämen und schien höchst erfreut über deutsche Gäste, weshalb sie uns ein enthusiastisches „Guten Tag!“ entgegenschmetterte.

So unscheinbar das Ghibli Museum von außen wirkt, umso schöner ist dessen Inneres gestaltet. Wer am Ticketschalter vorbei gen Haupthalle schreitet, darf unterwegs die liebevoll gestalteten Deckengemälde und die Glasmalereien in den Fenstern betrachten, in welchen sich diverse Ghibli-Figuren verstecken.
Die Haupthalle hinterließ bei mir den stärksten Eindruck. Hier fühlt man sich mitten in die Szenerie eines Ghibli-Films hineinversetzt: Hölzerner Boden, hohe Wendeltreppen, Verbindungsbrücken und eine Glaskuppel erzeugen eine ungemein gemütliche Atmosphäre.
Ohne wirkliches Ziel vor Augen schlenderten wir durch die einzelnen Abteile, wobei wir zuerst einen Raum betraten, in welchem diverse Methoden des Animierens zur Schau gestellt wurden. So wurde zum einen eine Szene aus dem neuesten Ghibli-Film „Ponyo“ in Einzelbildern ausgestellt, welcher man durch das Drehen an einer Kurbel leben einhauchen konnte, zum anderen wurde das Prinzip der Stop-Motion-Animationstechnik anhand eines Karussells, bestückt mit Figuren aus „Mein Nachbar Totoro“ veranschaulicht: So waren mehrere Exemplare des Katzenbuses, jedes in einer bestimmten Pose, im Kreis angeordnet. Alle paar Sekunden begann sich das Karussell zu drehen, wodurch sich der Katzenbus zu bewegen schien. Nun wurde auch noch ein Blitzlichteffekt hinzugeschaltet, was eine absolut flüssige Bewegung erzeugte, sodass der Katzenbus lebensecht seine sechs Beine durch die Lüfte schwang.
Zusätzlich zu dieser Attraktion gab es einen Schrank mit vielen kleinen Türchen, unter denen jeweils Jahreszahlen angebracht waren. Öffnete man eines der Türchen, so fiel der Blick auf eine Szene aus dem jeweiligen Ghibli-Film, welcher in dem entsprechenden Jahr veröffentlicht wurde. Ebenfalls beeindruckend war eine Miniaturausgabe des Roboters aus „Das Schloss im Himmel“, um den dank optischer Täuschung ein Schwarm von Vögeln in die Lüfte emporzusteigen schien. Allein in diesem einen Raum gab es selbstverständlich noch viel mehr zu sehen, doch auf jedes Ausstellungstück einzeln einzugehen, würde den Rahmen dieses Berichts bei weitem sprengen.

Nachdem wir in dem kleinen Museumskino einen exklusiven Kurzfilm aus dem Hause Ghibli genießen durften, ein altmodisches Atelier (vollgestopft mit wunderschönen Zeichnungen und Skizzen zu den diversen Filmen des Studios) besichtigt und den Kindern beim Herumtollen auf einem Katzenbus-Nachbau zugeschaut hatten, machten wir uns auf den Weg zur Dachterasse, wo eine lebensgroße Statue des Robotersoldaten aus „Das Schloss im Himmel“ auf uns wartete. Wie jedes der Außenareale des Museums war auch das Dach reich an Vegetation, was einen großen Teil des Charms des Ghibli Museums ausmacht. Ein Foto vor der Roboterstatue zu machen, ist natürlich Pflichtprogramm, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass Fotografieren im Inneren des Gebäudes verboten ist. Nachdem einige Japaner ihre Schnappschüsse im Kasten hatten, waren dann auch André und ich an der Reihe. Bitte lächeln!

Bevor wir uns einige Zeit später wehmütig auf den Rückweg machten, statteten wir dem wunderschön gestalteten Innenhof des Museums noch einen Besuch ab. Hier können sich durstige Besucher unteranderem an einem voll funktionstüchtigen Brunnen Wasser pumpen oder sich an den zahlreichen kleinen Details, wie den grinsenden Gullideckeln und den bemalten Fensternischen laben. Als wir das Museum schlussendlich wieder verließen, strahlten André und ich über beide Ohren, denn der Besuch des Ghibli Museums war wirklich ein Erlebnis und stellt rückblickend wohl den Höhepunkt unserer Reise dar.

So viel Begeisterung macht natürlich hungrig und so blieb ich mit einem Male stehen, als ich auf dem Rückweg durch Mitaka ein Schaufenster mit Plastiknachbildungen von diversen schmackhaft anmutenden Gerichten erblickte. Die Vitrine gehörte zu einem urigen japanischen Restaurant, wie man sie sonst nur aus Animes kennt. Als wir drinnen Platz genommen hatten, wurde uns bereits je ein Glas Wasser serviert (dieses gibt es in japanischen Restaurants stets gratis, aber da es sich um Leitungswasser handelt und dieses kräftig gechlort wird, mundet es dem deutschen Gaumen nicht wirklich) und unsere Bestellungen aufgenommen. Ich hatte meine Wahl schnell mitgeteilt, aber André strauchelte ein wenig, was wir damit lösten, dass er dem Bediensteten das von ihm auserkorene Gericht draußen im Schaufenster zeigte. Während wir auf unsere Speisen warteten, warf ich einen Blick hinüber zur Küche, wo der Meister mit Elan die Nudeln bearbeitete, während ihm der Schüler, welcher uns bedient hatte, ihm ab und an zur Hand ging. Auf dem kleinen Fernseher an der Wand wurde derweil Sumo-Ringen übertragen. Das nenne ich ein original japanisches Erlebnis!

Gesättigt von Curry-Reis und Nudelsuppe trafen wir schließlich wieder in der Mitaka Station ein, wo bereits ein Zug auf uns wartete. Ich wollte kurz innehalten, um nachzuschauen, ob es sich um die richtige Linie handelte, doch André stürmte (da der Zug jeden Moment abzufahren drohte) ohne zu zögern in den Wagen hinein, während ich protestierend hinterherstolperte.
Es dauerte ungefähr zehn Minuten, in welchen eine uns unbekannte Haltestation nach der anderen über die Anzeigetafeln huschte, bis auch André bemerkte, was los war, sich zu mir drehte und bemerkte: „Ich glaube wir sind auf der falschen Linie“. Bravo, gut erkannt!

Den Rest des Nachmittags verbrachten wir damit, über einen riesigen Umweg per U-Bahn wieder zu unserem Hotel zurückzufinden, weshalb unser zweiter Abstecher nach Shinjuku, welchen wir nach dem Besuch des Ghibli-Museums eingeplant hatten, flach viel. Zumindest konnte ich ausgiebig Japaner beim U-Bahn-Fahren studieren. Neben genervten Eltern und einem „Dragon Quest IX“ spielenden Pärchen durfte ich Bekanntschaft mit einem müden Angestellten machen, dessen Kopf alle paar Sekunden auf meine Schulter hinabzusinken drohte. Ein weiteres original japanisches Erlebnis!

–> zu Teil 6