Comic-Review: Wie ein leeres Blatt

24. Januar 2014

Im Gegensatz zu Mangas haben es westliche Comics hierzulade noch immer schwer, auf eine breite Resonanz bei den weiblichen Leserinnen von Bildergeschichten zu stoßen. Die im Grunde löbliche Absicht des Carlsen Verlages, dieser Leserschaft mit der Serie „Graphic Novels für Frauen“ eine Alternative aufzuzeigen, stieß bisher auf wenig Gegenliebe und, aufgrund der fragwürdigen Qualität der Titel, auch auf wenig Applaus von Seiten der Kritiker. Die Zeit ist reif, daran etwas zu ändern.

Wie ein leeres Blatt

Es ist der frühe Abend an einem Herbsttag. Eine junge Frau sitzt auf einer Parkbank mitten in Paris und schaut sich verwundert um. Sie streicht sich über das Gesicht und fragt sich, ob sie vorhin geweint hat. Doch was und wann war eigentlich „vorhin“? Die Frau hat keine Ahnung, wie sie überhaupt auf diese Bank gekommen ist. Sie hat keinen Schimmer von ihrem Ziel, wo sie eigentlich wohnt, welcher Arbeit sie nachgeht und nicht einmal von ihrem eigenen Namen. Mit unterdrückter Panik entleert sie auf der Suche nach Antworten den Inhalt einer Tasche, die neben ihr auf der Bank ruht und die wahrscheinlich ihr gehört. Der darin enthaltene Ausweis enthüllt ihren Namen: Eloïse Pinson, wohnhaft in einer Pariser Wohnung. Eloïse beschließt, ihre angebliche Wohnung aufzusuchen. Im Hausgang begrüßt sie ein junger Mann, der sie augenscheinlich wiedererkennt, dessen Gesicht Eloïse jedoch völlig fremd erscheint. Dennoch überkommt sie ein schlechtes Gefühl, als sie nach dem Wohnungsschlüssel greift und Eloïse malt sich in ihren Gedanken aus, was sie wohl hinter der Tür erwarten könnte. Ein Messie-Haushalt, ein grantelndes Ekel von einem Ehemann, ein in flagranti erwischter Freund oder gar eine vor sich hin schimmelnde Leiche? Die Wahrheit ist ernüchternd unspektakulär, als sich ihr eine aufgeräumte kleine Wohnung mit einer vor Hunger miauenden Katze präsentiert. Für Eloïse ist dies der Auftakt zu einer Suche nach ihrem alten Leben und dem Ich der Vergangenheit. Aber während sich das Puzzle um die Person Eloïse mühselig Teil um Teil weiter zusammensetzt, wird der jungen Frau gewahr, dass sie so gar nichts mit ihrem früheren Selbst mehr gemein hat und ihren Geschmack in der Wahl ihrer Bücher, CDs und schließlich auch so genannter Freunde in Frage stellt.

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Der Videospielmarkt und die US-Comicmarkt-Analogie

11. Juni 2007

US-Spieler vergleichen jüngst den Videospielmarkt mit jenem des US-Comicmarktes. Ihr habt keine Ahnung, wie die Analogie zu verstehen ist? Hier eine kurze Erklärung.

Weltweit existieren drei bekannten Comicmärkte: der japanische Comicmarkt, der französische und der amerikanische. Während in Japan immer noch eine Unmenge Manga produziert wird und in Frankreich die Bandes Dessinées trotz rückläufiger Umsätze kreativ bleiben, erreichte der amerikanische Comicmarkt in der Mitte der Neunziger Jahre seinen Höhepunkt, versank nachher beinahe in die Bedeutungslosigkeit, und hat sich bis heute noch nicht von seinem Sturz erholt. Was war geschehen? Kommerzielle US-Comics bedeuten in der Regel Superheldencomics, kein Genre dominiert so stark den Markt wie jene der Superhelden. Talentierte Zeichner entwickeln die seit dem 60er Jahren beliebten Superhelden immer weiter, die Zeichnungen nehmen weiterhin an Komplexität zu, dennoch haben sich die Leser Ende der Neunziger sattgesehen. Gehörten Superheldengeschichten früher zum Mainstream, so finden heute nur die eingefleischten Fans Zugang zu dieser Bildsprache. Natürlich existiert neben dem Superheldenmarkt noch eine alternative Comicsszene, die neben Undergroundcomics ebenso Comic Novels zu bieten hat, aber diese Szene ging verkaufstechnisch ebenfalls zurück, weil sie nicht stark genug war und ist, um sich unabhängig von den Superheldencomics zu entwickeln.

Inwiefern hat dieser Comicmarkt mit jenem der Videospiele zu tun? Die US-Spieler stellen die Behauptung auf, dass ohne die Wii der Videospielmarkt ebenso zusammenbrechen könnte wie jener der US-Comics. Die Überlegung ist simpel: Vergleicht man die Verkaufszahlen der Xbox 360 und der PS3 mit jenen der Vorgängerinnen, so stellt man fest, dass sich die neuen Konsolen im gleichen Zeitraum langsamer verkaufen. Möglicherweise hat die Wii einige Kunden weggeschnappt, dennoch haben die schleppend laufenden Verkäufe andere Ursachen! Nicht nur die hohen Preise der Konsolen und der Spiele verhindern einen spontanen Einkauf, auch die Spielserien haben trotz verbesserter Grafik an Attraktivität verloren. Den Fokus völlig an die Hardcore-Spieler gerichtet, haben sich Microsoft und Sony unbewusst von den anderen Käuferschichten distanziert. Hier besteht die Analogie mit dem US-Comicmarkt: Statt sich um neue Kunden zu bemühen, versuchen die Produzenten, den alten Kundenstamm möglichst auszuquetschen – mit der Konsequenz, dass Gedeih und Verderb ihres Marktes völlig von diesem Stamm abhängig sind. Die US-Comicleser haben die Superheldencomics jahrelang gekauft, doch irgendwann haben sie genug davon. Im Videospielmarkt erleben wir derzeit die dritte Generation der 3D-Spiele, wesentliche Veränderungen in der Spielmechanik können die Spieler nicht mehr erwarten, selbst die Grafik erfährt keine Revolution, sondern wird gemäss der Erwartung verbessert – zum Teil erfüllt sie nicht einmal der Erwartung, wenn wir explizit von der Framerate und den Ladezeiten sprechen. Die Wii verkauft sich hingegen alleine schon aufgrund der Hoffnung, dass diese Konsole Neues zu bieten hat.

Hat die Wii also den Heimkonsolenmarkt gerettet? Vielleicht. Zumindest dürfen die Spieler froh sein, eine Alternative zu den teuren High-Tech-Konsolen zu haben. Und sicherlich hätten Microsoft und Sony irgendwann das Geschäftsmodell anpassen müssen, wenn die Verkäufe weiterhin rückläufig bleiben würden. Aber wann würde ein solcher Schritt erfolgen, wenn die Wii nicht existieren würde? Ein Blick auf den US-Comicmarkt zeigt, dass – im schlimmsten Fall – eine ganze Industrie selbst nach einem Jahrzehnt nicht zur alten Stärke zurückfinden kann, wenn niemand die richtigen Schritte einleitet.

Es soll darauf hingewiesen werden, dass heute die Manga praktisch alle Comicmärkte erobert haben, weil sie eine riesige Genrevielfalt bieten, die nur von vorsichtigen Verlegern eingeschränkt wird. Zwar sind Manga nur in Schwarzweiss erhältlich und werden auf günstigem Papier gedruckt, aber der dadurch resultierende Preisvorteil lockt mehr Leser an als die teuren französischen Bände, die meistens farbig und auf glattem, teurem Papier gedruckt sind. Ein Blick in einem Comicladen reicht, um die Dominanz der Manga festzustellen. Diese Analogie bedarf keiner Erklärung mehr.