Manga-Review: Dominion

Wer sich als Fan von Masamune Shirow begreift, der muss zwangsläufig unter dem Stockholm-Syndrom leiden. Der Mangaka, der Mitte der 90er mit Ghost in the Shell dem Mainstream ein Leben nach Akira aufzeigte und Manga und Anime mit tatkräftiger Unterstützung endgültig zum Durchbruch im Westen verhalf, lässt es bekanntlich ruhiger angehen, wenn es darum geht, die eigenen Serien fortzusetzen. Während Appleseed-Anhänger seit 1989 auf eine substantielle Weiterführung des Manga ausharren, zeichnet Shirow lieber weiterhin Erotik-Kalender oder gibt das Okay zu einem weiteren mittelmäßigen Anime mit Deunan, Briaeros und Co. Jedoch ist Appleseed nicht Shirows einzige Serien-Leiche, die seit Jahrzehnten zwischen Leben und Tod dahinvegetiert…

Dominion

Und damit bin ich auch schon direkt bei Dominion angekommen. Ein Jahr nachdem Shirow mit dem ersten Band von Appleseed, für den er mit dem „Seiun Award“ ausgezeichnet wurde, der Durchbruch gelang, veröffentlichte dieser den ersten Band zu einer weiteren Serie. Ja, so produktiv war der gute Mann tatsächlich mal. Da Shirow noch nie ein sonderliches Interesse für die Gegenwart als Bühne für seine Geschichten zeigte, spielt auch Dominion in der Welt von Morgen und zwar zur Mitte des 21. Jahrhunderts. Doch wo uns in Appleseed und Ghost in the Shell ein relativ glattpolierter und hochtechnisierter Sci-Fi-Großstadtdschungel begegnete, leidet die staubige Welt dieser Geschichte unter der enormen von Menschen verursachten Verschmutzung der Atmosphäre. Die Luft ist dermaßen verseucht, dass sich die Bewohner der Stadt Newport, dem Ort des Geschehens, nur noch mit Gasmasken ins Freie trauen. Entsprechend sieht auch die verwitterte Umgebung dieser dystopischen Zukunftsvision aus. Als wären diese Lebensumstände nicht Bürde genug, müssen sich die Bewohner der Stadt auch noch mit einer hohen Verbrechensrate auseinandersetzen, die schließlich zur Gründung einer neuen Sub-Division innerhalb der Polizei führt. Dabei ist es nicht so, als ob der „Tank Police“ die Herzen der Bevölkerung entgegen fliegen würde. Kein Wunder, ist die Einheit doch berüchtigt für ihr rabiates (man könnte auch sagen: unprofessionelles) Auftreten und ein favorisiertes Hassobjekt von demonstrierenden Bürgern, die der Meinung sind, dass von der Tank Police möglicherweise eine größere Gefahr ausgeht, als von jedem kriminellen Genie.

Und in der Tat besteht die kleine Einheit aus einer Ansammlung von, sagen wir mal, schillernden Gestalten. Ganz vorne mit dabei, wenn es darum geht, die Stadt mit ihrer rabiaten Art in Schutt und Asche zu legen, ist Officer Leona Ozaki. Ganz den typischen Shirow-Gepflogenheiten folgend, ist die dickköpfige, aber auch sehr begeisterungsfähige Leona der weibliche Hauptcharakter von Dominion. Sie wurde für den Einsatz im Panzer geboren und hat freiwillig den Dienst in der Motorrad-Einheit quittiert, nachdem sie die Meldung von der Gründung der Tank Police aufgeschnappt hat. Wäre da nicht eine hin und wieder zu Tage tretende sadistische Ader, könnte man sagen, dass Leona das Herz am rechten Fleck trägt. Und dieses Herz gehört einzig und allein ihrem auf „Bonaparte“ getauften Kampfpanzer, den sie mit einer bedenklichen Hingabe hegt und pflegt. Pech für ihren Partner Al, der versucht, bei der schmucken Kollegin zu landen, aber auf ewig die zweite Geige hinter dem geliebten Bonaparte spielen muss. Allerdings stünden Als Chancen auch ohne den Panzer nicht besonders gut, denn der junge Bursche ist so interessant wie eine weiße Raufasertapete. Dass die Aussichten auf eine Änderung von Leonas Art und Weise, für Recht und Ordnung zu sorgen, schlecht stehen, könnte auch mit dem Einfluss von Squad-Leader Charles Brenten zusammenhängen. Der schamlos von sich selbst überzeugte Schnauzbartträger mit dem zweifelhaften Macho-Charme legt nämlich noch weniger Wert auf die Vorschriften und Sicherheitsvorgaben, die der die meiste Zeit kurz vor einem Herzinfarkt stehende (namenlose) Chief erfolglos versucht, in die Köpfe seiner Mannschaft einzuhämmern. Chaplain ist ein weiterer Tank-Officer und, wie der Name schon vorwegnimmt, auch der inoffizielle Seelsorger der Einheit. Der mit gut gemeinten Ratschlägen nicht hinter dem Berg haltende Polizist hat ein ausgesprochen ambivalentes Verhältnis zur Nächstenliebe, seitdem er aus Mitleid einmal zu freundlich mit einem Verbrecher umging und dieser die Gelegenheit zur Flucht nutzte, allerdings erst, nachdem er Chaplains Partner erschossen hatte… Zerstreuung findet Chaplain beim (meist) freundlichen Diskurs mit Kumpel Jim E. Lovelock. Der wissenschaftliche Experte des Teams ist, neben Al, das einzige Squad-Mitglied, welches auch in der Hitze des Gefechtes noch einen kühlen Kopf bewahren kann. Daneben gibt es noch eine ganze Menge weitere Squad-Mitglieder und Polizisten anderer Einheiten, die aber zum Großteil namenlos bleiben.

In den ersten Bänden der deutschen Ausgabe, die den damals üblichen dürftigen Umfang von nicht einmal einhundert Seiten pro Band besitzt, steht die Jagd nach dem Super-Kriminellen Buaku im Mittelpunkt der Handlung. Dieser ist mit seiner Crew, zu denen auch die beiden gerne mit ihren Reizen spielenden Katzen-Androiden Annapuma und Unipuma gehören, in den Besitz eines weiblichen Androiden gelangt. Das auf den Namen Greenpeace Crolis getaufte mysteriöse, mit Flügeln bestückte Wesen, vermag es, die Luft um sich herum zu filtern und zu reinigen. Die Wissenschaftler stehen vor einem Rätsel, erhoffen sich jedoch von der Erforschung dieser Fähigkeit Aufschlüsse zur Lösung des Umweltproblems. Nur hält Buaku leider nicht viel von diesen Plänen und hat stattdessen vor, mit Crolis und einer gekaperten Weltraum-Kolonie voller Kleinkinder auf Nimmerwiedersehen in die Weiten des Weltalls zu verschwinden.

Der Zugang zu Dominion dürfte alten Shirow-Hasen nicht leicht fallen. Der Mix aus meist sehr albernen Gags und brachialer Action, gewürzt mit einer (für Shirows Verhältnisse natürlich ganz und gar nicht unüblichen) Portion Philosophie und Fortschrittsdenken, hat seine Reize, aber der Mangaka wirkt hier noch weniger fokussiert als üblich. Das darf man mit Fug und Recht als eine Stilentscheidung auslegen. So sagte Shirow im Rahmen eines Interviews zu Appleseed einmal selbst, dass seine Geschichten wie ein Ausflug aufgebaut sind. Man weiß zwar, wohin man am Ende hin möchte, hat aber keine Idee, was auf dem Weg dorthin alles passieren wird. So wird auch in Dominion die Haupthandlung immer wieder durch die vielen Nebenströme unterbrochen. Ganz abgesehen von den vielen Gags, die im Hintergrund passieren und die in einer Taschenbuchausgabe, in Kombination mit nicht enden wollenden Sprechblasen-Orgien, kaum bis gar nicht mehr auszumachen wären. Der Leser verbringt quasi einige Tage in diesem schrägen Mikrokosmos und erlebt dabei den ganz alltäglichen Wahnsinn der Tank Police, der sich nicht einmal so sehr auf die mehr als ordentlich inszenierten Action-Einlagen beschränkt, sondern gerade dann zum Tragen kommt, wenn die Kamera über das Chaos in den Büros der Einheit schwenkt, in dem überforderte Charaktere die teils sehr skurrilen Anrufe der Bürger entgegen nehmen und Persönlichkeiten verschiedener Couleur ungebremst aufeinander prallen. Bei einem anderen Mangaka würden diese Zerstreuungen bei einer Polizei-Comedy wahrscheinlich das Salz in der Suppe ausmachen. Dafür hat Dominion jedoch einen zu ambitionierten Plot, der ein paar wirklich gute (wenn auch für Sci-Fi-Kenner nicht sonderlich innovative) Ansätze besitzt. Zu interessant für eine Polizei-Comedy, könnte man sagen. Oder sagen wir eher, einen zu interessanten Ansatz, denn der eigentliche Plot ist voller Handlungslöcher und lässt viel Raum für die eigene Fantasie. Erst die Ende der 80er Jahre veröffentlichte vier Folgen umfassende OVA füllt einige dieser Lücken und lässt vor allem Buakus Motivation in einem anderen Licht erscheinen.

Dominion

Womit ich auch wieder zum Eingangs beschriebenen Problem mit Shirows Werken zu sprechen komme: Nach dem dritten Band endet die Handlung um Buaku und Greenpeace Crolis abrupt und ohne zufriedenstellende Auflösung. Die folgenden beiden Bände, Konflikt 1 und 2, spielen hingegen in einem Newport, in dem die Menschen nun plötzlich ohne Gasmasken auf den Straßen spazieren gehen. Leonas Panzer ist keine Rarität mehr, sondern gehört zum Standard-Model der gesamten Einheit. Und wo sind eigentlich Al, Chaplain und andere Charaktere abgeblieben? Die Erklärung ist typisch Shirow: Anstatt die vorhandenen Fäden wieder aufzunehmen, hat sich der Mangaka, als dieser sich Mitte der 90er nach zehn Jahren Pause wieder der Reihe zugewandt hatte, an den Aufbau einer Alternativ-Handlung gemacht, die in Japan als Dominion C1 Konfurikuto bekannt ist. Die nun in der Befehlskette gleich hinter Brenten stehende Leona, legt in der alternativen Storyline ein deutlich kühleres Gemüt an den Tag, wodurch sie hier ein Stück entrückter und wie eine für den Leser als Identifikationsfigur dienende Beobachterin auf diese schräge Welt wirkt. Wobei das nicht heißen soll, dass nicht hin und wieder die alten Charakterzüge durchscheinen. So zögert sie zu Beginn der Handlung nicht, als der neue Bösewicht namens Urushi-maru gerade dabei ist, den Lufteinheiten der Polizei zu entwischen, einen Schuss auf dessen fliegenden Untersatz abzufeuern. Im Rest der zwei Bände umfassenden Geschichte geht es im Anschluss um das Auffinden des sich versteckt haltenden Unruhestifters und dessen Verbindungen zu einem Rüstungskonzern, der im Begriff ist, die Aufträge für die Herstellung der neuen Panzer der Tank Police zu erhalten. Die neuen Charaktere sind etwas farbloser als die Figuren der „Original“-Story, dafür wird aber hier ein wenig Licht auf die Rivalität zwischen den normalen Polizeieinheiten und den Mitgliedern der Tank Police geworfen. Außerdem gibt es ein Wiedersehen mit den Puma-Schwestern, die nun die Rookies bei der Tank Police sind, da man die Androiden für ihre kriminelle Vergangenheit nicht weiter belangt (womit die Konflikt-Reihe in diesem Punkt seltsamerweise dann doch direkten Bezug auf die Handlungen des Vorgängers nimmt…).

Die Konflikt-Bände könnten nun erst recht den Untertitel „Aus dem Alltag einer durchgeknallten Polizei-Einheit“ tragen, denn die sehr belanglose Haupthandlung versucht gar nicht erst, es mit den vielen Nebenströmen aufzunehmen. Dadurch wird allerdings auch noch deutlicher, dass Shirows Fähigkeiten als Gag-Lieferant eher im Bereich „Hit & Miss“ anzusiedeln sind. Tja und das war es zum Thema Dominion, zumindest was den Bereich Manga angeht. Zwar hatte Shirow ursprünglich vor, vier Bände der alternativen Storyline zu veröffentlichen – und wir reden hier von vier Bänden der japanischen Ausgabe, die acht deutsche Bände des alten Formats entsprechen würden – doch der Release des zweiten Bandes lässt auf sich warten. Und zwar seit 1997. Guter, alter Masamune Shirow…

Dominion ist dennoch auch heute noch einen Blick wert. Das Werk ist ein ungewöhnliches, mit Ecken und Kanten behaftetes Biotop auf einen vor Details strotzenden schrägen Mikrokosmos mit einem kleinen nachdenklichen Kern. Wer sich einen Eindruck machen möchte, mit welcher detailverrückter Ernsthaftigkeit Shirow an der Ausarbeitung dieser Welt gewerkelt hat, braucht lediglich einen Blick auf die in der (auch bei Amazon.de verfügbaren) US-Gesamtausgabe beiliegenden und vor Erklärungen strotzenden Extra-Seiten zu werfen. Diese ist dem englischkundigen Leser dann auch generell zu empfehlen, da die deutschen Alben, die damals über Ehapas „Feest Comics“-Label veröffentlicht wurden, inzwischen nicht mehr leicht und günstig zu finden sind und die, wie alle Manga des Labels, berühmt-berüchtigt für den qualitativ miesen Leim sind, der bei der Bindung zum Einsatz kam.

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