Nintendo World Cup und Kunio-kun: Was dahinter steckte

Der gegen Ende der NES-Laufbahn erschienene Titel „Nintendo World Cup“ dürfte älteren Semestern noch ein Begriff sein. Was die nicht mehr existierende Firma Technōs und der Kult-Prügler „River City Ransom“ damit zu tun haben, erfahrt ihr in diesem Artikel…

Nintendo World Cup und Kunio-kun

Auf den ersten Blick wirkt der 1991 in Europa erschienene NES-Klassiker wie eine für die 8-Bit-Ära typische Fußballsimulation: Der Spieler kann sich entweder im Turnier mit einer Nationalmannschaft seiner Wahl gegen die gegnerischen Teams durchsetzen oder sich mit Freunden im Versus-Modus messen. Einzig auffällig ist, dass sich pro Mannschaft gerade mal sechs Spieler auf dem Rasen befinden und man davon nur einen selbst kontrollieren kann. Dann stellt man fest, dass Begriffe wie Abseits oder Foul in der Welt von Nintendo World Cup nicht zu existieren scheinen. Ganz im Gegenteil wird eine aggressive Spielweise sogar belohnt, sodass so lange Blutgrätschen ausgeteilt werden, bis die Gegenspieler nur noch regungslos am Boden liegen. Spätestens beim Entfesseln eines Superschusses, der schon einmal gerne im Zickzack durch die Luft und danach zielsicher ins gegnerische Tor saust, wird klar: Hier war ein japanischer Entwickler am Werk, doch dessen Name lautet nicht Nintendo.

Das japanische Originalspiel mit dem Titel „Nekketsu Kōkō Dojjibōru Bu: Sakkā Hen“ (übersetzt in etwa „Dodgeball-Club der Heißblut-High School: Fußball-Ausgabe“) ist der bereits vierte Ableger einer Serie aus dem Hause Technōs, einem ehemaligen japanischen Entwicklerstudio, das sich auch für die Double Dragon-Reihe verantwortlich zeichnete. Den Anfang nahm alles mit dem Arcade-Prügelspiel Renegade, einem der ersten Beat ‚em ups überhaupt. Der japanische Originaltitel „Nekketsu Kouha Kunio-kun“ enthält bereits den Namen des Protagonisten und späteren Maskottchens von Technōs: Kunio. Der rebellische Oberschüler und Tunichtgut (ein Archetyp, der auch aus dem Medium des Manga und Anime bekannt ist) nimmt es dabei mit ganzen Gangster-Banden auf, um sich für die gehörige Abreibung, die einem guten Freund zuteil wurde, zu revanchieren. Nur heißt Kunio in der westlichen Version nicht Kunio und die Handlung spielt auch nicht in Japan. Denn wie alle Ableger der Kunio-Reihe wurde auch der Erstling bei der Lokalisierung stark an den Zielmarkt angepasst: Japanische Schuluniformen wichen T-Shirts und Jeans und die Örtlichkeiten näherten sich amerikanischen Vorbildern an. Dieselbe Prozedur musste auch der spirituelle Nachfolger für das NES erdulden…

Renegade (Japanische Arcade-Version)

River City Ransom (NES-Version)

River City Ransom (in Europa als Street Gangs erschienen) nahm die Charaktere und das Gameplay von Renegade und fügte RPG-Elemente sowie weitere interessante Neuerungen hinzu. Hier lässt sich bereits der für die Kunio-Reihe typische Grafikstil beobachten: Die knubbeligen Charaktere mit ihren witzigen Gesichtsausdrücken sind eine wahre Augenweide, vor allem dann, wenn sie aufeinander einschlagen oder sich quer über den Bildschirm schmeißen. Auch River City Ransom würde für den Release im Westen amerikanisiert, was dem spaßigen Spielgeschehen aber keinen Abbruch tut. Mit diesem Spiel, welches in Japan als „Dauntaun Nekketsu Monogatari“ erschien, wurde die Kunio-Serie begründet und sollte etliche Ableger, vor allem im Bereich Sport, nach sich ziehen. „Nekketsu Kōkō Dodgeball Bu“, welches kurz nach der Veröffentlichung von River City Ransom in Japan erschien, fand unter dem Namen „Super Dodge Ball“ den Weg in den Westen.

Diese interessante Interpretation der amerikanischen Völkerball-Variante lässt bereits erahnen, warum auch in Nintendo World Cup Angriff die beste Verteidigung ist: Hier wird sich nicht zurückgehalten und wer den Ball ins Gesicht gepfeffert bekommt, fliegt schonmal quer über den Bildschirm oder segnet gleich das Zeitliche. Die Änderungen, welche während der Lokalisierung für den westlichen Markt vorgenommen wurden, sind äußerst amüsant anzuschauen: Die beiden rivalisierenden japanischen High School-Teams wurden durch Team Dallas und Team Chicago ersetzt und statt im Finale gegen das amerikanische Nationalteam anzutreten, wurde man logischerweise von Japan herausgefordert. Dementsprechend wurde der Siegerpokal dann auch nicht von einem Superman-Look-alike, sondern von einem Ninja überreicht.

Super Dodge Ball (Famicom-Version)

Nintendo World Cup (NES-Version)

Kunio sollte sein sportliches Talent noch viele Male unter Beweis stellen, beispielsweise im Basketball, Baseball, Volleyball und Eishockey. Doch im Westen ist vor allem die Fußball-Variante bekannt, welche von Nintendo vertrieben wurde und daher den Namen Nintendo World Cup trug. Während im Original die Fußball-Clubs verschiedener japanischer High Schools gegeneinander antraten und der Spieler lediglich die Kontrolle über Kunios Team übernahm, geht es in Nintendos Version um die Weltmeisterschaft, weshalb einem die Wahl zwischen dreizehn verschiedenen Nationalmannschaften überlassen wird. Diese unterscheiden sich nicht nur äußerlich, sondern auch durch ihre Superschüsse, die für den Torwart meist unhaltbar sind und mit dem richtigen Timing oder nach einer bestimmten Anzahl von Schritten entfesselt werden können. Eine Neuerung im Vergleich zur japanischen Version ist die Möglichkeit, mittels des nur von wenigen Spielen unterstützten Vier-Spieler-Adapters mit gleich drei Freunden gleichzeitig bolzen zu können. Und dann heißt es: keine Rücksicht auf Verluste! Gegenspieler können so lange maltretiert werden, bis sie regungslos am Boden liegen bleiben, wodurch Superschüsse freie Bahn haben und schonmal vom anderen Ende des Spielfelds aus treffsicher ins Tor gehen. Begleitet wird das bunte Treiben von kultigen 8-Bit-Melodien und auch wenn die Sprites unaufhörlich flackern, bleibt das Spielgeschehen größtenteils flüssig. Einen nicht außerhalb Japans veröffentlichten Nachfolger gibt es übrigens auch: In diesem vertreten Kunio und seine Mannschaft ihr Heimatland Japan im Wettbewerb gegen andere internationale Teams (diesmal also wirklich). Eine größere Bewegungsfreiheit (darunter die Möglichkeit zu springen) ermöglicht noch verrücktere Mannöver und wechselnde Wetterbedingungen sorgen dafür, dass Spieler vom Blitz getroffen oder von Tornados durch die Luft gewirbelt werden. So gesehen könnte man behaupten, Nintendo habe der Kunio-Serie viele Jahre später mit Super Mario Strikers für den GameCube und Mario Strikers Charged für die Wii ein Denkmal gesetzt.

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2 Antworten zu Nintendo World Cup und Kunio-kun: Was dahinter steckte

  1. ness sagt:

    Eine wirklich herrlich abgefahrene Serie, und das Tolle ist: Gestern erschien Super Dodge Ball als VC-Titel für die Wii U! Werde es mir sofort dieses Wochenende holen^^, nachdem es für die Wii zwar in Japan und den USA rauskam, in Europa aber ja leider nicht.

  2. Anonymous sagt:

    Interessant, hatte mir früher schon öfters gedacht, dass es irgendeine Verbindung zwischen Nintendo World Cup und Street Gangs gibt. Bis zu diesem Artikel ging ich immer von geklauten Spielersprites aus, da sich mir die Charas beider Spiele in der Kindheit ins Gedächtnis gebrannt haben…