Comic-Review: Wie ein leeres Blatt

Im Gegensatz zu Mangas haben es westliche Comics hierzulade noch immer schwer, auf eine breite Resonanz bei den weiblichen Leserinnen von Bildergeschichten zu stoßen. Die im Grunde löbliche Absicht des Carlsen Verlages, dieser Leserschaft mit der Serie „Graphic Novels für Frauen“ eine Alternative aufzuzeigen, stieß bisher auf wenig Gegenliebe und, aufgrund der fragwürdigen Qualität der Titel, auch auf wenig Applaus von Seiten der Kritiker. Die Zeit ist reif, daran etwas zu ändern.

Wie ein leeres Blatt

Es ist der frühe Abend an einem Herbsttag. Eine junge Frau sitzt auf einer Parkbank mitten in Paris und schaut sich verwundert um. Sie streicht sich über das Gesicht und fragt sich, ob sie vorhin geweint hat. Doch was und wann war eigentlich „vorhin“? Die Frau hat keine Ahnung, wie sie überhaupt auf diese Bank gekommen ist. Sie hat keinen Schimmer von ihrem Ziel, wo sie eigentlich wohnt, welcher Arbeit sie nachgeht und nicht einmal von ihrem eigenen Namen. Mit unterdrückter Panik entleert sie auf der Suche nach Antworten den Inhalt einer Tasche, die neben ihr auf der Bank ruht und die wahrscheinlich ihr gehört. Der darin enthaltene Ausweis enthüllt ihren Namen: Eloïse Pinson, wohnhaft in einer Pariser Wohnung. Eloïse beschließt, ihre angebliche Wohnung aufzusuchen. Im Hausgang begrüßt sie ein junger Mann, der sie augenscheinlich wiedererkennt, dessen Gesicht Eloïse jedoch völlig fremd erscheint. Dennoch überkommt sie ein schlechtes Gefühl, als sie nach dem Wohnungsschlüssel greift und Eloïse malt sich in ihren Gedanken aus, was sie wohl hinter der Tür erwarten könnte. Ein Messie-Haushalt, ein grantelndes Ekel von einem Ehemann, ein in flagranti erwischter Freund oder gar eine vor sich hin schimmelnde Leiche? Die Wahrheit ist ernüchternd unspektakulär, als sich ihr eine aufgeräumte kleine Wohnung mit einer vor Hunger miauenden Katze präsentiert. Für Eloïse ist dies der Auftakt zu einer Suche nach ihrem alten Leben und dem Ich der Vergangenheit. Aber während sich das Puzzle um die Person Eloïse mühselig Teil um Teil weiter zusammensetzt, wird der jungen Frau gewahr, dass sie so gar nichts mit ihrem früheren Selbst mehr gemein hat und ihren Geschmack in der Wahl ihrer Bücher, CDs und schließlich auch so genannter Freunde in Frage stellt.

Wie ein leeres Blatt

Der von Gilles „Boulet“ Roussel (Text) und Pénélope Bagieu (Zeichnungen) erdachte Comic greift mit der Amnesie der Heldin ein oft verwendetes Konzept auf. Dass Wie ein leeres Blatt trotzdem von der ersten bis zur letzten Minute fesselt und man die 208 Seiten in Rekordzeit verschlingt, hat mehrere Gründe. Das Duo versteht es meisterhaft, mit der Unwissenheit der Protagonistin zu spielen, deren früheres Leben für diese ebenso unbekannt ist, wie für den Leser auf der anderen Seite des Comics. Dadurch befinden sich beide Parteien stets auf ein und derselben Ebene und es fällt sehr leicht, sich in die gleiche Situation hineinzudenken und sich zu fragen, wie man selbst reagieren würde. Eine Ausnahme sind die Szenen, in denen Eloïses Fantasie Achterbahn fährt und sie sich verschiedene Ausgänge für ein Szenario ausdenkt. Zwar lassen sich einige Traumsequenzen alleine durch die plötzlich wechselnde Kolorierung erkennen (von den bereits inhaltlich haarsträubenden Szenarien, wie zum Beispiel einer Alien-Entführung oder einem früheren Doppelleben als Geheimagentin mal gütlich abgesehen), es passiert aber auch schon mal, dass der Leser nicht von vornerein, mit voller Absicht, zwischen den Was-wäre-wenn-Szenarien und der Wirklichkeit zu unterscheiden vermag. Dann sind Eloïses Nachforschungen auch immer Neuentdeckungen ihrer Umgebung und diese Zwiebel hat viele Schichten, gerade wenn es um die zwischenmenschlichen Kontakte geht. So erklärt sich das sonderbare ruppige und abweisende Verhalten eines Arbeitskollegen erst später als Ergebnis eines im Nachhinein eher peinlichen One-Night-Stands.

Damit wäre Wie ein leeres Blatt, wenn es denn im letzten Akt dem typischen Hollywood-Ende folgen würde, ein unterhaltsamer, den Leser mit seinem charmanten Humor schnell vereinnahmter Comic, der jedoch nach dem Schließen des Buches relativ schnell wieder aus dem Kopf verschwinden würde. Glücklicherweise wandelt das französische Duo aber nicht auf diesen ausgetrampelten Pfaden. Der Umstand, dass Eloïse mehr und mehr ihr gesamtes bisheriges Leben aus der Sicht einer brutal objektiven Person, frei von allen früheren Bindungen und Arrangements, betrachten muss, lässt sie zum Schluss kommen, dass diese frühere Person ein mit der Masse mitschwimmender Niemand war, der noch dazu kein gutes Geschick bei der Wahl der Freunde an den Tag legte. Der interessante, sich zum Ende hin zuspitzende Abschluss der Handlung ist in dieser Hinsicht nicht nur konsequent, sondern lädt auch zu Diskussionen zwischen den Lesern ein, ohne an dieser Stelle weitere Details preisgeben zu wollen.

Die vortrefflich ins Deutsche übersetzten Texte lassen die Figuren sehr natürlich und lebensecht wirken. Gerade Eloïse schließt man, trotz oder gerade wegen ihrer Fehler und kleinen Eigenarten, sehr schnell ins Herz, woran die gerne mal über Strenge schlagende Mimik des dem Kindchen-Schema folgenden Aussehens der Heldin sicher nicht unschuldig ist. Pénélope Bagieus Zeichnungen mögen auf dem ersten Blick mit flüchtiger Hand gezeichnet erscheinen, doch die Darstellung historischer Gebäude ist ebenso treffsicher gelungen, wie die ausdrucksstarke Körpersprache der Heldin, der es wirkungsvoll gelingt, in den stillsten und eindringlichsten Momenten für mehr als tausend Worte zu stehen.

Ironischerweise ist ausgerechnet Wie ein leeres Blatt der erste Band der Reihe, der von Außen nicht mehr ausdrücklich als Comic für die Damenwelt beworben wird. Auf der einen Seite wird dies hoffentlich dazu führen, dass auch das männliche Publikum, welches ansonsten „abgeschreckt“ wäre, zugreifen wird. Andererseits wäre es verdammt schade, sollte dieses Werk unter dem Radar der eigentlich von Carlsen angepeilten Zielgruppe unbemerkt hindurch schwimmen.

Eine Antwort zu Comic-Review: Wie ein leeres Blatt

  1. ness sagt:

    Interessanterweise hole ich mir seit diesem Jahr auch mehr oder weniger regelmäßig Comics, allerdings bisher „nur“ Sachen wie Hellblazer, Kick-Ass und demnächst wohl auch Watchmen und The Walking Dead. Aber mal schaun, „Wie ein leeres Blatt“ hört sich jedenfalls nicht schlecht an, auch wenn es, verglichen mit den genannten Titeln, „etwas“ aus dem Rahmen fällt^^.