Eine starke Frau? – Samus Aran im Licht der Gender Studies

Die berühmte Kopfgeldjägerin wurde bislang gern als Paradebeispiel für starke Frauen in Videospielen herangezogen, doch seit ihrem letzten Auftritt scheint ihr Ruf gelitten zu haben. Warum das so ist und wieviel vom Schleier des Feminismus übrig geblieben ist, möchte ich in diesem Artikel mithilfe einiger Gedanken aus der Geschlechterforschung untersuchen.

Samus Aran

Im Feld der „Gender Studies“, einem interdisziplinären Forschungsbereich der Kultur- und Sozialwissenschaft, wird zwischen dem biologischen Geschlecht („Sex“) und dem gesellschaftlich konstruierten Geschlecht („Gender“) unterschieden. Während es sich bei ersterem um die biologische (also die anatomisch, chromosomal und hormonell bedingte) Unterscheidung zwischen männlich und weiblich handelt, stellt das Gender ein von der Gesellschaft errichtetes Konstrukt dar, das festlegt, welche Merkmale und Ausdrucks- und Verhaltensweisen von einem Vertreter eines bestimmten Geschlechts zu erwarten sind. Doch da diese Werte je nach Kultur und Epoche variieren, liegt es nahe, nicht von einem männlich-weiblichen Gegensatz zu sprechen, sondern von einem Kontinuum: der Übergang von typisch männlich zu typisch weiblich verläuft demnach fließend.

In der Welt der Videospiele gibt es dafür wohl kein besseres Beispiel als die Kopfgeldjägerin Samus Aran, welche in der Metroid-Serie die Hauptrolle spielt. Im ersten Ableger der Reihe, welcher 1986 für das NES erschien, gab man den Spielern noch keierlei Hinweise darauf, wer sich im Inneren des futuristischen Raumanzugs verbergen könnte. Tatsächlich sprach die Spielanleitung von einem Er, weswegen man davon ausgehen musste, dass es sich bei dem furchtlosen Kämpfer, der sich allein durch die dunklen Katakomben des Planeten Zebes schlug, um einen Mann handelte. Nur wer das Spiel schnell genug durchspielte, erfuhr von Samus‘ wahrem Geschlecht. In einer Zeit, in der weder Chun-Li, noch Lara Croft existierten, stellte Frau Aran damit eine der ersten Heldinnen der Videospielgeschichte dar.

In den Fortsetzungen spielten die Entwickler immer wieder mit dem Kontrast zwischen Samus‘ biologischem Geschlecht und dem Gender, welches sie in den Spielen an den Tag legte. Die durch ihren Anzug bedingten breiten Schultern und ihre hühnenhafte Statur, mit welcher sie im Intro zu Super Metroid die Forscher weit überragte, suggerierten immer wieder die Silhouette eines Mannes, während ihr furchtloses und kämpferisches Verhalten typisch maskuline Werte wiederspiegelte. Gleichzeitig erlaubte das halbdurchsichtige Visier von Samus‘ Helm den Spielern immer wieder einen Blick auf ihr Gesicht. Anders als die bereits erwähnte Archäologin Lara Croft vermied es die Kopfgeldjägerin dabei aber fast immer, den Spielern ihre weiblichen Reizen zu präsentieren. Die Ausnahme stellten dabei die zur Tradition gewordenen freispielbaren Enden der Metroid-Teile dar, in denen Samus mal mehr, mal weniger Teile ihres Anzugs ablegte. Den Anfang vom Ende ihrer feministischen Karriere läutete Zero Mission ein, als Samus im letzten Teil des Spiels ihre Rüstung verlor und sich im inzwischen als „Zero Suit“ bekannten hautengen Latexstrampler durch ein feindliches Raumschiff schleichen musste.

Metroid Fusion & Metroid - Zero Mission

Diese zu Beginn noch recht harmlose Darstellung von Samus‘ weiblicher Anatomie wurde leider in den darauffolgenden Spielen immer weiter ausgeschlachtet, womit auch weitere kosmetische Änderungen einhergingen: Samus‘ markantes Gesicht wich puppenhaft stilisierten Zügen und ihre ungezähmte Mähne einem blonden Pferdeschwanz. Doch damit nicht genug: Nachdem das Aussehen der intergalaktischen Kopfgeldjägerin dem weiblichen Ideal angepasst wurde, verlieh ihr Other M eine stereotypisch frauenhafte Persönlichkeit.

Drei Faktoren spielten dabei eine wichtige Rolle. Bei dem ersten handelt es sich um das junge Metroid, welches Samus im Finale von Super Metroid zur Rettung eilte und dabei sein Leben gab. In Other M scheint Samus mütterliche Gefühle für das verstorbene Junges zu hegen, was sie unmissverständlich macht, indem sie es „das Baby“ nennt. Im Laufe des Spiels verleiht sie ihrer Trauer um dessen Tod immer wieder Ausdruck, was im Konflikt zu ihrer zuvor suggerierten Persönlichkeit steht, welche sich durch Gefühlskälte und Rationalität (bedingt durch das Dasein als Kopfgeldjägerin) auszeichnete.
Den zweiten Faktor stellt Samus‘ Begegnung mit ihrem Erzfeind Ridley dar. Obwohl sie ihn zuvor bereits mehrmals bekämpft hatte, leidet sie in Other M bei seinem Anblick unter einer hysterischen Panikattacke, bis sie schließlich von einem männlichen Kameraden gerettet wird. Das Machtverhältnis zwischen den Charakteren verschiebt sich damit zu Gunsten von Ridley, obwohl er und Samus bisher immer als ebenbürtig dargestellt wurden. Somit wird nicht nur die emotionale Unantastbarkeit der Protagonistin in Frage gestellt, sie wird auch ihrem (vermutlich männlichen) Gegner untergeordnet. Tatsächlich schafft sie es erst, ihn zu besiegen, als sie von ihrem Vorgesetzten die Erlaubnis bekommt, die passende Waffentechnologie einzusetzen. Was mich zum dritten Faktor bringt.

Metroid - Other M

Adam Malkovich ist Samus‘ ehemaliger Vorgesetzter, unter dessen Kommando sich die sonst stets allein arbeitende Kopfgeldjägerin in Other M freiwillig stellt. Das Resultat dieses Arrangements ist, dass Samus ihre verschiedenen Fähigkeiten erst einsetzen darf, sobald Adam es ihr erlaubt. Diese Unfähigkeit, ohne die Anweisungen einer männlichen Bezugsperson agieren zu können, hat das Bild von Samus Aran wohl am meisten beschädigt. Doch damit nicht genug: Samus sehnt sich das gesamte Spiel über nach Adams Anerkennung und bricht in Tränen aus, als sich dieser heldenhaft opfert. Die Vaterfigur, die sie anscheinend in ihm sieht, vollendet das patriarchische Gesamtbild.

Natürlich gibt es auch Fans, welche die Richtung, die man mit diesem Teil der Metroid-Reihe einschlug, verteidigen. Sie begrüßen die Tatsache, dass Samus nicht länger als eiskalte Kopfgeldjägerin, sondern als menschliches Wesen dargestellt wird und sehen ihren Anfall von posttraumatischer Belastungsstörung im Kampf gegen Ridley und ihre Tränen in Reaktion auf Adams Opfer als berechtigt an und in der Hintergrundgeschichte begründet. Dennoch ist es schade, wie sich Sex und Gender im Falle von Samus Aran immer mehr annähern. Denn damit droht sie ihre einzigartige Stellung in der Videospielwelt zu verlieren und zu nur einer von vielen Action-Heldinnen zu werden. Bleibt abzuwarten, welche Richtung Nintendo in dem nächsten Teil der Serie, wann auch immer dieser erscheinen möge, einschlagen wird.

3 Antworten zu Eine starke Frau? – Samus Aran im Licht der Gender Studies

  1. ness sagt:

    Erinnert mich daran, „Other M“ endlich mal weiterzuspielen. Hatte es nämlich vor einiger Zeit mal günstig bekommen, ca. 1 Stunde gespielt und dann irgendwie keinen Drang mehr verspürt, weiterzumachen =(.

    Einerseits stachelt mich der Text deswegen schon an zu sehen, ob das wirklich alles so „schlecht“ bzw. negativ rüberkommt, wie hier beschrieben, andererseits hat es auch den gegenteiligen Effekt^^.

  2. Flat Eric sagt:

    Wunderbarer Beitrag, sehr gern gelesen!

    Mir fehlt es vor allen Dingen am „mystischen Hintergrund“ von Samus. Other M ist das Beispiel, das zeigt, wie es nicht geht. Platt, klischeebeladen und austauschbar. Das hat Samus Aran nun wahrlich nicht verdient.

  3. Oliver sagt:

    Neben der Tatsache, dass Sakamoto und Co. das Talent zum Schreiben glaubwürdiger und dreidimensionaler Charaktere abgeht, war das Other M-Experiment fast schon zum Scheitern verurteilt. Da in all den Jahren zuvor nur in sehr zaghafter Weise Informationen zu Samus‘ Vergangenheit und Charakter veröffentlicht wurden und die Heldin zur stillen Sorte gehörte, hatte sich schon längst jeder Spieler ein eigenes Bild von der Frau in der Rüstung gemacht.