Anime-Review: Usagi Drop

Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr. Gerade in einer Gesellschaft, in der Kinder als Bremsklötze wahrgenommen werden. Und trotzdem stellt sich der Held in Usagi Drop genau dieser Herausforderung. Ein Plädoyer für das Vatersein.

Usagi Drop

Die Familie des dreißigjährigen Daikichi Kawachi kommt aus einem traurigen Anlass zusammen. Der Großvater ist in einem stattlichen Alter verschieden und nun liegt es an den Hinterbliebenen, die Vorbereitungen für eine traditionelle Beerdigungszeremonie zu treffen. Dabei fällt Daikichi schon bei seinem Eintreffen im Haus des Großvaters ein kleines Mädchen auf, welches sich ungewöhnlich ruhig und mit Blumen in der Hand etwas fernab von der Trauergemeinde aufhält. Bei einem klärenden Gespräch mit seiner Familie wird Daikichi ein großes Familiengeheimnis offenbart, das es in sich hat: Bei dem knapp sechsjährigen Mädchen namens Rin handelt es sich in Wahrheit um die Tochter des Großvaters, der noch im betagten Alter eine Liebesbeziehung zu seiner, inzwischen abgetauchten, Haushälterin unterhielt, was die Kleine eigentlich zu seiner Tante macht. Daikichis Familie ist schwer beschämt ob der Sprengkraft dieser Tatsache und vermeidet absichtlich so gut wie jeden Kontakt mit dem unerwünschten Kind. Dabei zeigt sich schon bald, dass Rin selbst wohl am stärksten unter dem Verlust ihres biologischen Vaters leidet und in der Nacht, im verzweifelten Versuch, nicht von der Müdigkeit übermannt zu werden, tapfer am Sarg des Großvaters die Wache hält. Bei der eigentlichen Beerdigungszeremonie zeigt sich, dass Rin mehr über den Verstorbenen weiß, als sich die Trauergemeinde eingestehen möchte, als sie in den kleinen Garten hinter dem Haus stürmt, um dort die Lieblingsblumen des Großvaters zu pflücken und diese mit in den Sarg legt.

Schon bald entbrennt eine Diskussion, was mit Rin nach der Beerdigung geschehen soll, wobei Daikichis Verwandten das Kind und damit das kleine Geheimnis der Familie in ein Heim schicken wollen, da jeder die Verantwortung, einschließlich Daikichis egozentrischer Schwester, von sich zu weisen versucht. In diesem Moment realisiert er, dass die völlig unschuldige Rin davor steht, von den Ereignissen hinfort gerissen zu werden, da keiner der Erwachsenen bereit ist, die Verantwortung für dieses ungewöhnliche Erbe des Verstorbenen zu übernehmen. Die Familie reagiert verblüfft auf den Vorstoß Daikichis, der sich auch durch Zureden nun nicht mehr von seinem Vorhaben abbringen lässt und das Mädchen direkt anspricht, ob es bei ihm leben möchte. Hier zeigt sich das erste Mal eines der zentralen Themen von Usagi Drop: Der Sieg der Verantwortung über den Egoismus des „Ich“-zentrischen Zeitgeistes. Unter dieser Betrachtungsweise kommt auch der biologische Vater Rins nicht gut weg, hätte er doch voraussehen müssen, dass er seine Tochter bereits in sehr jungen Jahren verlassen würde.

Natürlich ist es nicht lange hin, bis Daikichi, wie viele Männer vor ihm, zur Erkenntnis erlangt, dass das Vatersein kein Zuckerschlecken ist. So schnell der unverheiratete Lagerarbeiter auch Zugang zur aufgeweckten Rin findet, die in Daikichis Äußerem unverwechselbare Parallelen zum toten Großvater findet, die Zusammenführung wird auf Dauer nicht ohne persönliche Verzichte und Einschränkungen funktionieren. So gestaltet sich zwar die Suche nach einer Vorschule als relativ problemlos, allerdings steht Daikichis Karriereplanung im direkten Konflikt zu den Öffnungszeiten der Einrichtung, weshalb Rin stets das letzte Kind ist, welches mit erheblicher Verspätung von einem sich bei den Erzieherinnen entschuldigenden Daikichi abgeholt wird. Da sich das Problem mit dem Eintritt in die Grundschule nur weiter vergrößern wird, sieht sich der junge Mann gezwungen, Nägel mit Köpfen zu machen und seine Arbeitszeit durch einen Abteilungswechsel zu verringern. Für einen Mann in Daikichis Alter, der gerade im Begriff war, die Karriereleiter empor zu steigen, ist dies ein folgenreicher Einschnitt, der eine ganze Lebensplanung durcheinander wirft und deshalb auch auf zweifelhafte Blicke bei seinen Arbeitskollegen trifft. Mit Ausnahme einer Kollegin, die sich vor und nach der Geburt ihres Sohnes selbst zurück nehmen musste und daher ahnt, welches Bündel Daikichi sich da auf den Rücken geschnallt hat.

Usagi Drop

Wie heißt es so schön: Kinder erziehen heißt auch, sich von den Kindern erziehen zu lassen. Auch Daikichi muss diese Erfahrung machen, nicht zuletzt, da Rin viel von ihrem auf alte Werte, Traditionen und Manieren achtgebenden Vater gelernt hat. So ist das Dankesgebet vor dem Essen nur eine der Neuerungen, die Rin in den zuvor ungeordneten Haushalt des Junggesellen bringt, der aus Rücksicht auf die Gesundheit seines Schützlings letztendlich auch auf das Rauchen verzichtet und mit seinem verständnisvollen Charakter und dem Herzen auf dem rechten Fleck die Vaterrolle erfolgreicher ausfüllt, als er es sich selbst zugetraut hätte. Doch die Schatten der Vergangenheit lassen sich auch mit einer Überportion Liebe nicht so einfach abstreifen. Wie sich schnell zeigt, leidet Rin unter starken Verlustängsten und nässt in den Nächten regelmäßig ihr Bett ein. Daikichi entschließt sich, weiter nach Anhaltspunkten zu Rins Mutter zu suchen. Ihm gelingt es schließlich, durch Hinweise, die sein Großvater gezielt hinterlassen hat, die ehemalige Haushaltshilfe ausfindig zu machen und ein Treffen mit Masako Yoshii zu arrangieren. Bei diesem Treffen, das in Abwesenheit des Kindes geführt wird, stellt sich Rins Mutter mit ihrem unsicheren und nervösen Auftreten selbst in ein schlechtes Licht und gibt auch offen zu, dass ihre im Durchstarten begriffene Karriere als Mangaka unvereinbar mit der Erziehung eines Kindes sei. Der Epilog einer Folge zeigt jedoch, dass Masako ihre sehr wohl vorhandenen Schuldgefühle in einem Meer an Arbeit zu ertränken gedenkt.

Letztlich schließen auch die Arbeitskollegen und Daikichis Familie die kleine Rin ins Herz und schämen sich für ihre anfängliche Ablehnung. Zu einer großen Hilfe in Erziehungsfragen und darüber hinaus entwickelt sich auch eine Freundschaft zur Mutter eines Mitschülers und Freundes Rins. Als alleinerziehende Mutter weiß Leidgenossin Yukari Nitani nur zu gut von der Unvereinbarkeit zwischen der Karriere und dem Elternsein zu berichten. Doch aller Widrigkeiten und Umstände zum Trotz, möchte sie es, wie die anderen Eltern, die Daikichi nach und nach kennenlernt, gar nicht anders wissen. Und auch für Daikichi ist Rin längst zum wichtigsten Menschen auf der Welt geworden.

Usagi Drop singt fraglos ein Hohelied auf das Elternsein und Rin ist alles in allem ein Schatz von einem Kind, wie man es sich nur wünschen kann. Allerdings erscheint es nach einer jahrzehntelangen Flut von (Hollywood-)Filmen, in denen Kinder als rechthaberische kleine Kröten dargestellt worden sind, nur als ausgleichende Gerechtigkeit, wenn das Pendel auch mal auf die andere Seite ausschlagen darf. In der Tat waren nach der Erstausstrahlung der einzelnen TV-Folgen die Anime-Foren regelmäßig mit Beiträgen gefüllt, in denen sich die User (vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben) erkennbar ernsthafte Gedanken über den eigenen Kinderwunsch gemacht haben. Alleine für diesen, wenn auch kleinen, Anstoß kann man dem Anime gar nicht genug danken. Gerade für das überalternde Japan kann man sich nur viele folgende Produktionen zu diesem Thema wünschen. Von einer allzu krassen Schwarz-Weiß-Zeichnung würde ich aber dennoch nicht reden. Das Werk zeigt mit Charakteren wie Masako oder Daikichis Schwester durchaus Figuren, die der Kindererziehung bewusst aus dem Weg gehen und ihre persönliche Freiheit nicht einschränken möchten, was Daikichi im Fall seiner Schwester auch akzeptiert (wohingegen bei Masako das Kind natürlich schon auf der Welt weilt…). Dass das Leben, selbst wenn beide Partner mit guten Absichten ihrem Kinderwunsch nachgehen, nicht unter Garantie aus bunten Regenbögen und Sonnenschein besteht, wird mit der Figur von Daikichis Cousine nicht unter dem Teppich gekehrt. Diese quartiert sich in einer Episode nach einem weiteren Streit mit dem nur seiner Karriere nachgehenden Ehemann mit ihrer viele Nerven abverlangenden Tochter bei Daikichi ein. Am Ende kehrt sie zu ihrem Mann zurück, aber nicht weil sie an dessen wahrscheinlich wieder einmal haltlosen Versprechungen glaubt, sondern weil sie dies für das Beste für ihr Kind hält. Interessanterweise entspricht keine der näher in den Fokus geratenen Familien dem japanisch-konservativen Weltbild. Ein alleinerziehender Vater, eine geschiedene und alleinerziehende Mutter und selbst die ohnehin nur noch durch das Kind zusammengehaltene Bande, die Daikichis Cousine und deren Ehemann aneinander bindet, könnte mit relativer Wahrscheinlichkeit nur so lange halten, bis die Tochter aus dem Haus ist. Und man muss schon taub sein, um die Kritik an eine sich zu Tode arbeitende Gesellschaft zu überhören. Das alles sind Elemente, die die Handschrift von Yumi Unita tragen, die mit ihrem Josei-Manga, die in diesen Fragen ohnehin weit weniger illusorisch sind, als die für ein jüngeres Publikum publizierten Werke, die Vorlage für die Serie lieferte.

Usagi Drop

Das renommierte Studio Production I.G hat aus diesem Vorbild ein elf Folgen langes kleines Juwel gezaubert, welches in der japanischen Sommer-Saison 2011 zu den absoluten Fan-Favoriten avancierte. Ganz ohne künstliches Drama und mit einer gleichmäßig verteilten Prise feinen Humors, gelingt es der Serie, dem Zuschauer auf glaubhafte Weise ein sich bildendes Vater-Kind-Band zu zeigen. Wo andere Serien mit sinnlosen Story-Wendungen, dümmlichen Fanservice und einer Flut an Action-Szenen die Zuschauer ins Koma treiben, zeigt das geerdete Usagi Drop, wie schön die Banalitäten des Lebens sein können. Das Werk könnte gerade deshalb auch Personen gefallen, die sich bisher nicht vom Thema Anime angesprochen gefühlt haben und ihnen ein Beispiel dafür geben, wie unglaublich vielfältig dieses Medium doch sein kann. Apropos Wendungen, von diesen blieb auch die Manga-Vorlage von Yumi Unita nicht verschont, die in späteren Bänden, mit einer Rin im Teenager-Alter, zu einer klischeebeladenen Beziehungskiste verkam und mit seinem absurden Ende große Teile der japanischen Fanschaft gegen sich aufbrachte. Glücklicherweise endete der Anime an der richtigen Stelle und es ist, trotz des großen Erfolges, der inzwischen auch einen (leider nur mäßigen) Realfilm hervorbrachte, keine Fortsetzung des Anime geplant, wodurch die Umsetzung in sich geschlossen und ohne Kratzer bleibt.

Überhaupt hat das Team um Regisseur Kanta Kamei die krude gezeichnete Vorlage, die die fehlenden Fertigkeiten der Amateur-Mangaka sehr offensichtlich zu Tage förderte, nicht nur optisch aufpoliert, sondern sich Szene für Szene mit dem Material auseinander gesetzt und sinnvollen Ergänzungen und zusätzlichen Details versehen. Als Beispiel sei die bereits geschilderte Szene am Sarg des Großvaters genannt. Nur im Anime ist Rin zu sehen, wie sie tapfer versucht, die Augen aufzubehalten, während sie im Manga bereits schläft. Auch bei der Wahl der Synchronsprecher hat man alles richtig gemacht. Entgegen der geläufigen Trends, stand keine erwachsene Seiyū am Mikrofon, sondern die zum damaligen Zeitpunkt erst zehnjährige und überaus talentierte Ayu Matsuura. Kein Wunder, dass Rin ungleich natürlicher als andere Anime-Mädchen klingt. Wer also eine Allergie von den typischen hochfrequentierten Kinder-Stimmen in Anime-Produktionen bekommt, kann aufatmen und die Hände von den Ohren nehmen… und sich beim Abspann-Song „High High High“ einen üblen Ohrwurm einfangen. Nur die Verfügbarkeit ist mal wieder so eine Sache. Während es der Anime, erst als Streaming-Angebot, dann auf DVD und Blu-ray, inzwischen auch in die USA schaffte, ist es derzeit noch unklar, ob es zumindest zu einem UK-Release kommen wird.  Da die DVD- und Blu-ray-Veröffentlichungen mal wieder nicht auf den hiesigen Geräten laufen (außer ihr besitzt einen Alleskönner-Player), bleibt interessierten Zuschauern nur der Weg zu einem (englischen) Fansub. In einer idealen Welt würde solch eine Serie im Hauptprogramm zur besten Sendezeit laufen, aber dann müsste man ja seine ganzen Vorurteile in Frage stellen…

Eine Antwort zu Anime-Review: Usagi Drop

  1. Oliver sagt:

    Usagi Drop erscheint am 10. November 2014 in UK auf DVD (sub only). :)