Iwata Asks und Nintendo Direct – Nintendos Antwort auf das Informationszeitalter

Viele Szenekenner belächeln Nintendos Sturheit, eigene Lösungen zu finden, denn nicht selten hinkt die Firma deshalb in vielen Bereichen hinterher. Dass sie es aber nicht nur versteht, neue Kontrollinputs für Spiele entwickeln, beweist sie ausgerechnet in ihrer Informationspolitik.

Nintendo Direct

Wie definiert sich „Gaming-Journalismus“? Auch wenn das Wort den Begriff bereits miteinschließt: Mit Journalismus hat es trotzdem kaum etwas zu tun. Schon in den 90er Jahren, als die Fans die Industrie vor allem durch Printmedien verfolgten, existierten Interessenkonflikte: Einerseits wollten die Schreiberinnen und Schreiber der Spielemagazine die Spiele bewerten, um ihre Leserschaft eine Hilfe für die Spieleauswahl zu geben; andererseits mussten die Spieleproduzenten ihre Spiele verkaufen, deshalb drohten sie mit dem Abzug der Werbegelder, sollten ihre Spiele keine guten Bewertungen erhalten. Mit dieser Drohung setzten die großen Firmen den Spielemagazinen und Internetseiten ab der vorletzten Konsolengeneration (PS2, GameCube und Xbox) aggressiver und offener unter Druck. Heute wagt kaum ein sogenannter Gaming-Journalist mehr, eine klare Meinung zu den großen Blockbustern zu äußern. Spielebewertungen werden zusehends absurd geführt, eine Bestnoteninflation herrscht in den Medien; selbst das abwechslungsarme Sequel einer überbeanspruchten Spieleserie wird als potenzielles „Spiel des Jahres“ gehandelt.

Unter dieser Situation leiden in erster Linie die Fans, denn sie bekommen weder ehrliche Spielebewertungen noch vernünftige Berichte. Als zweite Gruppe sind kleine Spielefirmen und ihre Produzenten doppelt benachteiligt: Nicht nur müssen sie mit kleineren Werbeetats auskommen, die Qualität ihrer Spiele bedeutet nichts, wenn Blockbuster-Spiele ihre Bestnoten erkaufen können. Der dritter Verlierer heißt, etwas überraschend, Nintendo: Einerseits macht die Firma bei dieser Bestechungsorgie nicht mit, deshalb sind gewisse Spiele eher unter- als überbewertet; andererseits weigert sich Nintendo, jedem Trend zu folgen. Die Berichterstattung ist deshalb eher kritisch eingestellt. Internetseiten wie IGN und Gamespot nehmen es Nintendo zudem übel, dass sie die sogenannten Journalisten selten mit Exklusiv-Stories beglücken, was bei anderen Herstellern Usus ist.

Aber auch Nintendo braucht gute Werbung und gute (Werbe-)Präsenz. Wie kann sie in dieser Situation die Spielerinnen und Spieler erreichen? Die Antwort besteht aus drei Teilen: die Iwata Asks-Serie, die Nintendo Directs und das Miiverse. Während letzteres auf Community-Aktivitäten basiert, sind die ersten beiden gute Alternativen zum Gaming-Journalismus. Die Iwata-Asks-Reihe besteht aus Interviews von Nintendos Präsident mit seinen Mitarbeitern und ist nicht bloß eine PR-Übung, sondern verspricht einen kontrollierten Zugang zu Nintendos Schaffen: Die sonst namenslosen Entwickler erzählen von ihren Leiden und Freuden während der Spielentwicklung, die Leserinnen und Leser erhalten einen Einblick in technische Details und sehen, wer hinter diesen Spielen steckt. Iwata macht diese Interviews bereits seit über 6 Jahren und hat mittlerweile auch Partnerfirmen dazu eingeladen. Die Nintendo Directs dagegen existieren erst seit ein paar Jahren und waren am Anfang ein Versuch, Nintendos Spiele und Produkte auf eine neue Art zu präsentieren. Fans verfolgen die aufgenommenen Video-Präsentationen mittlerweile regelmäßig und in großer Zahl, Nintendo hat das Timing und die Präsentation perfektioniert. Warum funktionieren Nintendo Directs so gut? Bereits früher konnten Firmen Trailer zu ihren kommenden Spielen ins Netz stellen, aber erst mit Nintendo Directs kommt ein kohärentes Format dazu. In diesen Präsentationen reihen sich nicht bloß Trailer und Filmschnipsel aneinander: Der historische Kontext hat darin ebenso seinen Platz wie Produkterklärungen und Ankündigungen für zukünftige Veranstaltungen.

Ersetzen Iwata Asks und Nintendo Directs den Gaming-Journalismus? Nein, denn sie geben vor allem Nintendo Möglichkeiten, für ihre Produkte zu werben. Dennoch sind sie ehrlicher und direkter als so mancher Bericht, den die sogenannten Games-Journalisten schreiben. Zu Recht mögen Videospiel-Fans Nintendos eigenwillige Präsentationen: Erstens wissen die Fans nie im Voraus, welche Wundertüten Nintendo diesmal wieder auspackt, zweitens pflegen die zwei Werbeplattformen einen angenehmen, fast familiären Stil, und drittens ärgern die großen Games-Webseiten ihrer Leserschaft zusehends mit unausgegorenen Artikeln und Kolumnen, die mit selbstkreierten Kontroversen nach Aufmerksamkeit gieren. Da bilden Iwata Asks und Nintendo Directs willkommene Alternativen.

2 Antworten zu Iwata Asks und Nintendo Direct – Nintendos Antwort auf das Informationszeitalter

  1. Gedankenübertragung: Ich wollte einen beinahe identischen Artikel verfassen. Da ich dir in allen Punkten zustimme, möchte ich nur noch ergänzen: Für jemanden, der seit beinahe einem Jahrzehnt als Amateur-Kritiker und Kommentator der Szene seine Gedanken über das Netz verbreitet, ist es zunehmend frustrierend, dem dahinsiechenden Videospiel-Journalismus, der nur in den seltensten Fällen dieser Bezeichnung überhaupt gerecht wurde, bei seinem Tun zuzusehen. Mich hat es schon zu Gaming-Universe-Zeiten befremdet, wenn Kollegen lieber heute als morgen die Seiten gewechselt und ins PR-Fach gewechselt wären (und dies in mir zwei bekannten Fällen auch getan haben). Damals war ich von Idealvorstellungen und Naivität geblendet und habe mir nicht im Traum vorstellen können, dass die Visitenkarte nur eine untergeordnete Rolle spielt und die „professionellen“ Schreiber, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen, gar nicht erst die Seiten wechseln müssen. Solange das inzestöse Verhältnis zwischen PR-Firmen und Publisher auf der einen und die Presse auf der anderen Seite nicht gelöst wird, klare Grenzen eingehalten werden und die größtmögliche Transparenz gegenüber der Leserschaft als Standard gilt, solange wird die Kluft zwischen den Lagern weiter wachsen und die Leute, die sich heute über Foren und soziale Netwerke austauschen und schnell einen Braten riechen können, werden sich ihre Informationen an anderer Stelle holen. Es ist ein absolutes Armutszeugnis für diese Branche, dass ausgerechnet ein PR-Instrument wie die Iwata fragt-Reihe ehrlicher, aufgeklärter und weitaus informativer rüberkommt, als die meisten Artikel der schreibenden Zumpft, die sich mit ihren hysterischen, einer Agenda folgenden Inhalten und Überschriften übrigens genau jene Leserschaft herangezüchtet hat, die sie jetzt in einer absolut unprofessionellen Weise beschimpft. „Doritogate“ darf kein alleinstehendes Ereignis bleiben, sondern muss den Auftakt einer lange anhaltenden, gerne auch mit schärferen Tönen geführte Debatte zwischen Schreiber und Leser markieren.

    Das ganze Konzept hinter Nintendo Direct ist im Übrigen typisch für den Konzern. Anstatt die Präsenz auf der E3 zu erhöhen und es mit weitaus mächtigeren Firmen und Unterhaltungsgiganten aufnehmen zu wollen, hat man sich eine wahrscheinlich vielfach günstigere, vom direkten Konkurrenzdruck befreite Alternative geschaffen, die zudem den Vorteil hat, dass nun alle paar Wochen eine (das Interesse an der Hardware immer wieder neu entflammende) Mini-E3 aus dem Hut gezaubert werden kann, die Produktionen außerhalb von Mario und Zelda, die in den vergangenen Jahren immer öfters gar nicht auf der eigentlichen E3-PK gezeigt und in das Pressematerial verschoben wurden, eine größere Bühne bieten. Und ich denke, den (japanischen) Drittherstellern wird es gefallen, ihre Werke nicht mehr nur in einem hastig zusammengeschnippelten Clip für jeweils fünf Sekunden zu sehen.

  2. ness sagt:

    Kann mich euch nur anschliessen. Gerade die ‚Iwata Asks‘-Reihe ist wirklich extrem charmant aufgebaut, und man erhält endlich auch mal Zugang zu den Gesichtern, deren Namen man sonst immer nur beiläufig liest^^.

    Die ‚Nintendo Direct‘-Shows hingegen versprühren zwar nicht so einen Charme, aber die „Aufregung“ vor so einem kleinen Event ist irgendwie herrlich und grenzt fast schon immer an die E3, so dass der Name „Mini-E3“ von Oliver wirklich passt. Nur sollte Nintendo da immer aufpassen, die Leute nicht allzu oft zu enttäuschen, wenn nichts Neues gezeigt wird. Denn gerade nach der Bayonetta 2-Ankündigung und der letzten Show im Januar werden die zukünftigen Ausgaben wohl mehr denn je mit Erwartungen leben müssen, dass nicht nur neue Trailer oder Bilder gezeigt werden sollten. Wobei ich persönlich mich ja schon über neue, kleine Download-Ankündigungen freuen kann^^.