New Super Mario Bros. U – Ein perfektes Gesellenstück im kreativen Korsett

Die Wii U ist seit über einem Monat auf dem Markt. Über die ersten Eindrücke zur neuen Hardware und dem formidablen Controller wurde bereits gesprochen. Jetzt ist es aber an der Zeit, über das Kernstück der ganzen Geschichte zu reden, denn eine Konsole ist immer nur so gut, wie die dazugehörige Software. Den Anfang macht, wie sollte es anders sein, der gute alte Mario.

Ein neues Super Mario-Spiel zum Konsolen-Launch. Zum letzten Mal gab es das beim Nintendo 64. Doch wenn wir von einem Titel in der zweiten Dimension sprechen, dann müssen wir sogar noch eine Generation zurück gehen und landen beim Launch des Super Famicom im Jahre 1990. Da müsste man als Außenstehender glauben, dass die Freude zweiundzwanzig Jahre später kaum zu bändigen sei. Genannte Person ist sich aber auch nicht im Klaren darüber, dass nach der erfolgreichen Wiederbelebung des 2D-Zweiges der Mario-Serie mit New Super Mario Bros. bereits zwei weitere und relativ ähnliche Sequels folgten (die dem DS-Teil jedoch um Meilen überlegen waren). Genauer versuchte noch in diesem Sommer New Super Mario Bros. 2 den 3DS-Besitzern die heiße Zeit des Jahres zu versüßen und die Kritiker waren ob des „Ausverkaufs des Genre-Benchmarks“ bereits auf die Barrikaden gegangen, aber auch bei den Spielern traf der Titel auf ein etwas geteiltes Echo. Mit diesem Geschmack im Mund fiel es wohl nicht wenigen Zockern schwer, eine überbrodelnde Vorfreude auf „noch ein“ Super Mario-Spiel zu entwickeln. Soweit ist es also schon gekommen, dass man den Release eines neuen Spiels der Traditionsserie, einst das zentrale Event eines Spieljahres, wenn nicht gar einer ganzen Generation, abtut, als würde gerade mal wieder ein neues Assassin’s Creed in die Läden kommen. Oder noch bedenklicher, denn im Gegensatz zu den 2D-Marios, ist die Reihe aus dem Hause Ubisoft noch immer gern gesehener Gast auf den Titelseiten der wenigen verbliebenden Print-Medien und den Frontpages der Netz-Publikationen.

Und Nintendo ist auch selbst Schuld an dieser Entwicklung. New Super Mario Bros. U ist eine Art Refinement des Wii-Vorgängers, welches sich in der überwiegenden Mehrheit den bestehenden Elementen annimmt, wobei man nur erstaunt sein kann, wie ergiebig diese noch immer sind. Dabei geht es auch den wenigen Mankos des Wii-Vorläufers an den Kragen. Dieser brauchte bekanntlich seine Zeit, bis der Schwierigkeitsgrad auf einem angenehm hohen Niveau angekommen war. Zwar ist dieser bei der Wii U-Episode in der Spitze nicht signifikant höher angesetzt worden, das Spiel dreht aber kontinuierlich und Welt für Welt die Schraube nach oben. Wem die finalen Level dennoch zu einfach sind, der kann sich im fantastischen Challenge-Modus die Zähne ausbeißen. Seit The Lost Levels gab es in keinem Spiel mit dem Schnauzbartträger diabolischere Herausforderungen. Ein wahres Fest für jeden Controller-Akrobaten, der sich nur mit der höchsten Gold-Auszeichnung zufrieden gibt und der stichhaltigste Beweis für die Fähigkeiten der Jungs und Mädels hinter dem Projekt, die die Regeln meisterlichen Leveldesigns aus dem Effeff beherrschen und Marios Bewegungspallette bis zum letzten Pixel ausreizen. Zusammen mit dem neuen Boost-Modus, dessen Suchtgehalt man in der Verbindung mit der Möglichkeit, die besten Zeiten via Miiverse und Fotobeweis mit den Wii U-Freunden im Wettbewerb zu teilen, nicht unterschätzen sollte, und dem erneut zwischen Himmel und Höhle schwebenden Mehrspieler-Modus, der noch einmal acht Extra-Level besitzt, in denen man die Münzen vor dem Spielen selbst platzieren darf (und der damit hoffentlich eine Aussicht auf einen zukünftigen Level-Editor gibt), bekommt der Käufer eine ganze Menge Spiel für sein Geld.

Betrachtet man das Spiel isoliert vom Rest der New-Titel, dann haben Director Masataka Takemoto und sein Team ein Spiel geschaffen, in dem alle spielmechanischen Zahnräder, von der Steuerung, über das Design der Level und der Platzierung der Gegner, in einer solch ausgearbeiteten und kunstfertigen Weise ineinandergreifen, dass andere Entwickler nur neidisch zuschauen können. Und nehmen wir die rosaroten Brillen für einen Moment ab, dann müssen sich auch die Vorgänger vom Kaliber eines Super Mario Bros. 3 und Super Mario World in den Kernkategorien geschlagen geben. Nur Yoshi’s Island bleibt einsam auf seinem Thron sitzen. Und da hätten wir auch das passende Stichwort: Nach Super Mario World hatten Miyamoto und Co. das Gefühl, dass der kleine Klempner in der blauen Latzhose ausgereizt war und entwickelten in über vierjähriger Arbeit mit Super Mario World 2 einen vor neuen Ideen und Details strotzenden Nachfolger, der keine Scheu davor hatte, auch an den Grundfesten der Serie zu rütteln. Die dabei an den Tag gelegte kreative Energie ist dem Titel auch heute noch in jedem Bit und Byte anzumerken. Von diesen Freiheiten dürften die Designer hinter den New-Spielen nur träumen. In ein eng geschnürtes Korsett verpackt, klappern die Teammitglieder in jeder Episode die immer gleichen Stationen ab. Gegner, die Themen der Welten, Items – alles verschwimmt für den Spieler, der sich nicht aufs Akribischste mit der Franchise auseinandersetzt, zu einem großen Ganzen. Und selbst ein paar, die es eigentlich von Berufswegen besser wissen müssten, feierten in ihren Artikeln die Rückkehr der Koopa-Kids und der fliegenden Luftschiffe als Beleg für einen geistigen SMW-Nachfolger und übersahen dabei völlig, dass diese und weitere aus dem SNES-Spiel stammenden Elemente bereits in der Wii-Episode (und im 3DS-Spiel) enthalten waren. Sei es ihnen einmal großzügig verziehen, ich bin nämlich inzwischen im Zweifel, ob selbst die Entwickler noch den Überblick über die 2D-Marios seit 2006 bewahrt haben. Level 1-2 ist wieder mal ein Höhlenabschnitt, Welt 2 eine Wüste, es gibt schon wieder einen Sumpf, eine Schneelandschaft, Mario bereist den Himmel… Gähn. Und wenn sich dann mal ein überraschender Twist anbahnt, wird im letzten Moment die Reißleine gezogen und wieder mal nur auf Altbewährtes gesetzt, womit die dolle „Enthüllung“ gemeint ist, die sich hinter dem Tornado verbirgt, der Peachs  Schloss seit der Übernahme von Bowser und Konsorten umgibt.

Auf Schützenhilfe aus der audiovisuellen Abteilung konnte das Entwickler-Team auch nur in einem sehr begrenzten Umfang zählen. Mario und dessen Welt mögen den Render-Artworks immer näher kommen und nur noch ein paar Ecken und Kanten vom Erreichen des Ziels entfernt sein. Das Problem hierbei ist aber, dass das Vorbild von einem sterilen, jedes Risiko scheuendem Stil geprägt ist und es im gesamten Spiel vielleicht zwei Level-Gestaltungen gibt, die sich, wie im Falle von Vincent van Goghs „Sternennacht“, welches dem Hintergrund eines Geister-Levels als Vorbild diente, wohltuend vom Rest absetzen. Ich bin bestimmt nicht der einzige Spieler, der die, wenn auch diesmal ansehnlicheren, Standard-Hintergründe nur allzu gerne gegen weitere Grafiken dieser Art eingetauscht hätte. Die von Miyamoto vorangetriebene Angleichung, der kürzlich auch Bowsers Fähigkeit zu sprechen in Paper Mario: Sticker Stars zum Opfer fiel, hat sich zu einer leidlichen Homogenisierung der gesamten Mario-Palette gesteigert. Der Einwand, dass aber die New-Titel eine Sonderstellung genießen sollten, da diese bewusst auf etablierte Zutaten setzen, hat zwar Gewicht, aber das gilt auch für die Überlegung, ob man ein Revival auch zu Tode reiten kann. Erst recht, wenn zum dritten Mal in Folge ein Großteil der Musikstücke übernommen worden sind. Genauer, hat man die in New Super Mario Bros. 2 hinzugefügten Elemente wieder entfernt, wodurch man nicht einmal von einem Stilstand, sondern von einem Rückschritt sprechen kann. Okay, der Fairness halber sollen die singenden Baby-Yoshis nicht unerwähnt bleiben… Doch ob singende Dinos oder nicht: Ich weiß nicht, wie es anderen ging, aber für mich definierten die Soundtracks zu den Startspielen der Nintendo-Konsolen stets das ganze anfängliche Flair der brandneuen Hardware. New Super Mario Bros. U versagt hier auf ganzer Linie und wenn ich mich in fünf Jahren wieder an die ersten Monate mit der Wii U zurück erinnern werde, dann wird mir glücklicherweise das Main-Theme von Nintendo Land im Kopf erklingen.

Dafür wird man in fünf Jahren besser von New Super Mario Bros. U sprechen, davon bin ich überzeugt. Auch dem Wii-Vorgänger wird nun langsam aber sicher die gebührende Reputation entgegen gebracht, nachdem es zuvor, als „DS-Aufguss“ und verwässertes Mehrspieler-Party-Mario verschrien, unter seinem eigentlichen Wert gehandelt wurde. Das ist aber noch lange kein Freibrief für Nintendo, in dieser Art mit einer Fortsetzung weiter zu machen. Da das Unternehmen bisher nur eine New-Episode pro Hardware veröffentlichte und 3DS und Wii U nun beide versorgt sind, besteht der Funken einer Hoffnung, dass sich das Team mit dem in weiter Ferne liegenden Sequel endlich weiter hinauswagen darf. Am aufregendsten und leider auch sehr unwahrscheinlich wäre es natürlich, wenn das Team, nach der Beendigung der Arbeiten an Pikmin 3, eine von Grund auf neue IP entwickeln dürfte. Erst dann, außerhalb der alten Komfortzone, würde man sehen, wie groß das Potenzial dieses Teams wirklich wäre. New Super Mario Bros. U ist ein nahezu perfektes Gesellenstück. Aber zum wirklichen Meister wird man kaum im Schatten anderer.

Eine Antwort zu New Super Mario Bros. U – Ein perfektes Gesellenstück im kreativen Korsett

  1. Jan sagt:

    Was mich an allen NSMB Teilen schon immer gestört hat und mir jegliche Vorfreude vermiest ist das Character-Design. Die Figuren sehen einfach unfassbar schlecht aus. Nicht mehr so schlimm wie beim ersten Teil auf dem DS, aber immer noch einfach nicht nach Mario & Co.