Manga-Review: Ayako

Man stelle sich einmal vor, Walt Disney wäre nach Werken wie Schneewittchen und die sieben Zwerge, Pinocchio und Dumbo in eine Schaffenskrise verfallen, weil das Publikum nach Filmen mit tiefergehenden Inhalten verlangte und Mickey Maus‘ Vater hätte darauf mit Werken geantwortet, die nicht vor der Darstellung von Gewalt, sexueller Inhalte, politischer Diskurse und menschlicher Dramen zurückschreckten. Klingt sehr weit hergeholt? Dann kennt ihr den Lebensweg von Osamu Tezuka nicht.

Osamu Tezuka war schon zu Lebzeiten eine Legende, schuf er doch mit Serien wie Astro Boy, Kimba, der weiße Löwe und Ribbon no Kishi Figuren, Serien und sogar Genres, auf die sich ganze nachfolgende Generation berufen sollten. Doch die vielleicht beachtenswerteste Leistung, neben der Förderung und Etablierung eines ganzen Industriezweiges, ist in der Dualität seiner Karriere zu sehen. Auf grobe Weise betrachtet, lässt sich das Schaffen Tezukas in zwei Perioden einteilen. Die erste Periode umfasste die 50er und die Hälfte der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. In dieser Zeit entstanden, zusammen mit vielen weiteren Werken, jene bereits genannten Arbeiten, die uns westliche Leser häufig dazu verleiten, Tezuka als eine Art japanisches Äquivalent zu Walt Disney zu betrachten. Obgleich der Vergleich eigentlich hinkt, denn Tezuka, Künstler und Workaholic in einer Person, zeichnete auch nach seinem Eintritt in die Anime-Branche weiterhin unermüdlich an seinen Manga-Kreationen, statt ausschließlich die Rolle eines ausführenden Produzenten und Planers wahrzunehmen.

In der zweiten Hälfte der 60er Jahre wurde Tezuka mit der harten Wirklichkeit konfrontiert, dass sich sein erwachsen gewordenes Publikum nach unverbrauchten Stoffen sehnte, die sie in den kindlich geprägten Welten Tezukas nicht mehr finden konnten. Der Manga erreichte die Adoleszenz und aufstrebende Mangaka wie Sampei Shirato (Ninja Bugeichō, Kamui Den) und Yoshiharu Tsuge (Chiko, Nejishiki) lieferten neuen Wochenmagazinen Geschichten und Charaktere, die die Leser herausforderten und zu Beginn auch, ob der radikalen Abkehr von altbekannten Mustern, irritierten. Für viele Künstler wäre hier der Zeitpunkt gekommen, an dem sie sich entweder zurückgezogen oder mit einer kleiner werdenden Nische zufrieden gegeben hätten. Für die Kämpfernatur Tezuka waren dies aber keine annehmbaren Optionen und so orientierte sich der Mangaka neu um und die zweite große Schaffensphase wurde eingeläutet. Werke wie Black Jack, Buddha und das unvollendet gebliebene Hi no Tori waren Ausdruck eines Künstlers, der sein Vorbild Disney hinter sich gelassen hatte und verstärkt Interesse an den Arbeiten großer Philosophen, Franz Kafka und russischer Literatur des vorangegangenen Jahrhunderts zeigte und diese Einflüsse in seinen Mangas der zweiten Periode verarbeitete. Während es in unseren Breitengraden üblich ist, gerade einmal ein Werk dieser Periode ausführlicher zu kennen, das mit Preisen ausgezeichnete Spätwerk Adolf aus den Jahren 1983-1985, führen die anderen Titel dieser Zeit noch immer ein Schattendasein. Das gilt auch für Ayako, Tezukas ganz eigener verstörender Variante vom Mannschen Untergang einer Familie.

Die Geschichte nimmt ihren Lauf im Jahr 1949. Japan ist seit Ende des Zweiten Weltkrieges ein von den Amerikanern besetztes Land. Unter der Leitung von General Douglas MacArthur soll dieses zu einer modernen Demokratie nach Vorbild der Vereinigten Staaten heranreifen. Auf den ersten Seiten wird der Leser Zeuge, wie ein Schiff mit heimkehrenden Kriegsgefangenen in den Hafen von Yokohama einläuft. Unter diesen befindet sich auch Jiro Tenge, der von seiner Schwester und Mutter bereits sehnsüchtig erwartet wird und erfährt, dass sein Vater in seiner Abwesenheit ein weiteres Kind gezeugt hat. Vater, Familienoberhaupt und Tyrann Sakuemon Tenge ist hingegen nicht gut auf den Heimkehrer zu sprechen und sagt diesem offen ins Gesicht, dass er lieber einen toten Sohn begraben hätte, der für sein Vaterland gestorben wäre, als einen Verräter zu begrüßen. Dabei ahnt niemand in der Familie, dass Jiro ein weitaus dunkleres Geheimnis mit sich trägt, da er inzwischen für die Amerikaner als Spion im Inland aktiv ist, um den Besetzern gefährlich erscheinende Kräfte frühzeitig zu beseitigen. In der Folge lernen wir die anderen Mitglieder des seit Jahrhunderten bestehenden und auf ein weites Land mit vielen Helfern hinabblickenden Tenge-Clans kennen. Ichiro ist Sakuemons ältester Sohn und designierter Nachfolger, der sein Umfeld, inklusive seiner Frau Sue, nicht weniger geringschätzig behandelt, sich jedoch gegen seinen Vater nicht durchzusetzen vermag und so geduldig auf seine Zeit wartet. Shiro, mit zwölf Jahren das jüngste männliche Mitglied des Clans, ist ein überzeugter Befürworter von Recht und Ordnung und der Wahrheit. So spielt der kleine Shiro, beeinflusst von seiner Umgebung, gerne die von ihm mit Interesse verfolgten Kriegsverbrechertribunale nach. Ihr politisches Engagement pflegt die achtzehnjährige Naoko, die einzige offizielle Tochter Sakuemons, dagegen lieber im Verborgenen und gibt sich nach außen hin als lebenslustige junge Frau. Und dann gibt es da noch die vierjährige Ayako, die von ihrem angeblichen Großvater Sakuemon wie ein Augapfel behütet und geliebt wird. Heimkehrer Jiro fällt sofort die Ähnlichkeit mit seiner Schwägerin Sue auf und ein schrecklicher Verdacht schwirrt durch seinen Kopf. Als er kurze Zeit darauf seinen Vater beim Sex mit der Frau seines Sohnes Ichiro erwischt und Ichiro bei einem seiner ihm unerklärlichen Gewaltausbrüche gegenüber der kleinen Ayako sieht, wird aus dem hämmernden Verdacht schreckliche Gewissheit. Der nach Macht und Besitz strebende Ichiro hat seine eigene Frau dem Schwiegervater zur Auslebung dessen sexueller Gelüste überlassen und dafür das Versprechen für den Erhalt des gesamten Besitzes erhalten. Für die bisher zum Thema geschwiegenen anderen Mitglieder des Clans ist dieses Verhalten keine Überraschung. „Er war schon so, als er noch jung war…“, wie Mutter Iba, das Musterbeispiel einer devoten, die Eskapaden ihres Gatten stillschweigend hinnehmenden Frau, lapidar das Verhalten ihres Mannes zusammenfasst. Jiros Schwester Naoko ist dagegen aus einem gänzlich anderen Holz geschnitzt und erklärt, als sie ihre Schwägerin Sue, die den innerlichen Schmerz nicht länger ertragen will, in letzter Sekunde vom Freitod bewahren kann, dass Frauen in Zukunft die gleichen Rechte wie die japanischen Männern besitzen werden.

Als Jiro eine Mission von seinen amerikanischen Auftragsgebern erhält, nehmen die Dinge ihren Lauf. Er soll das zuvor unschädlich gemachte führende Mitglied einer linksgerichteten Vereinigung auf die Schienen legen und so von einem Zug überrollen lassen. Doch zufällig erkennt er den Mann wieder, als er gerade ein Spielzeug für Ayako kauft und folgt ihm unauffällig zu einer Versammlung. Durch ein Fenster spähend, findet er nicht nur den Mann wieder, sondern sieht in der Gruppe auch seine eigene Schwester Naoko als feurige Rednerin. Den beiden nach dem Treffen folgend, muss er zu der Erkenntnis kommen, dass er im Begriff ist, am Mord der großen Liebe seiner Schwester beteiligt zu sein. Ein Zurück scheint ihm, aller Gewissensbisse zum Trotz, nicht möglich und so führt er die Tat schließlich während eines Wolkenbruchs aus. Als Jiro, wieder zurück im Heim des Tenge-Clans, in großer Eile versucht, einen Blutspritzer von seinem Hemd abzuwaschen, wird er dabei von der kleinen Ayako und ihrer leicht schwachsinnige Amme O-Ryo gesehen. Er verspricht der Amme einen neuen Kimono, wenn sie über seine nächtlichen Aktivitäten Stillschweigen behält, versucht sie dann aber später in einem günstigen Moment zu erschlagen. Der Mord schlägt fehlt und die Frau verschanzt sich, von der Angst zu sehr überwältigt, um etwas Genaueres zu sagen, mit der kleinen Ayako in einer Hütte. Zur selben Zeit haben die zuständigen Ermittler bei der Kriminalpolizei im Fall des ermordeten Freundes von Naoko die Spur aufgenommen und konfrontieren das Oberhaupt des Clans mit unangenehmen Fragen, bei denen Sakuemon dahinter kommt, dass seine Tochter die Freundin „eines Roten“ und selbst politisch aktiv war. Ebenso besorgniserregend ist aber die Aussage Ayakos, wonach sie Jiro dabei beobachtete, wer er sich Blut vom Hemd wusch. Sakuemon will die Sache außerhalb der Öffentlichkeit, und bevor noch größerer Schaden entsteht, regeln und beruft das Familiengericht ein. Naoko wird zwar aus der Familie ausgestoßen, aber es gelingt dem verschlagenen Jiro, die Dinge so darzustellen, als ob die Amme ihn in der fraglichen Nacht verführt hätte und das Blut auf dem Hemd von deren Entjungferung rührt. Doch das Wissen der Amme und von Ayako bleibt eine Gefahr, weshalb Jiro einen weiteren Mordversuch unternimmt. Es gelingt ihm schließlich, die junge Frau in einem See zu ertränken, aber Ayako kann in der letzten Sekunde flüchten. Nun sieht Ichiro die Gelegenheit gekommen, endlich einen Schlusspunkt unter diese Affäre zu ziehen und lässt seine verhasste kleine Halb-Schwester in ein Keller-Verließ einsperren, mit der Begründung, dass ansonsten erneut die Polizei mit unangenehmen Fragen anrücken und der Familienname einen unwiderruflichen Schaden erleiden wird. Der Öffentlichkeit soll stattdessen erzählt werden, dass das Kind an einer Lungenentzündung gestorben ist. Zwar regt sich mit dem wahrheitsliebenden Shiro, der Beweise gegen seinen Bruder Jiro sammelt, erbitterter Widerstand gegen den Plan, Ayako bis zum Ende ihrer Tage in dem kleinen Raum eingesperrt zu lassen, doch gegen die geballte Übermacht der Erwachsenen ist der Idealist machtlos. So wird Ayako als Sündenbock geopfert und verbringt die nächsten Jahre, abgesehen von den sporadischen heimlichen Besuchen von ihrer leiblichen Mutter und Shiro, alleine in ihrem Verließ, bis die Landenteignung der Gutsbesitzer durch die Regierung droht, die schreckliche Tat der Familie auffliegen zu lassen.

Damit wäre nur ein kleiner Teil der Gesamterzählung abgedeckt, die immerhin stolze 700 Seiten umfasst, die man aufgrund der Textmenge nicht so flott runterließt, wie den üblichen leichtverdaulichen Manga. Und leichtverdaulich ist keine Eigenschaft, die man im Zusammenhang mit  Ayako nennen würde. Gewalt, Mord, körperlicher und seelischer Missbrauch von Kindern und Frauen, Inzest – Tezuka brachte Themen auf das Papier, die westliche Zeichner in den Jahren 1972/73 nicht einmal mit der Kneifzange angefasst hätten. Man kann beim Lesen förmlich spüren, mit welch hitzigen Geist der Mangaka jene Geschichte aufs Blatt brachte, die fast nur Verlierer kennt und die nicht mit Kritik an den Besatzern und den eigenen Landsleuten spart. Der nur an sein eigenes Glück denkende, den Frauen hinterher geifernder Alleinherrscher Sakuemon ist ein Relikt aus dem feudalen Japan. In wenig schmeichelhaften Bildern, wird er mit seinem unförmigen nackten Körper gezeigt, wie er sich, einem Parasit ähnlich, beim Akt an seine Schwiegertochter klammert und auf dieser herumkrabbelt oder wie ihm bei lautstarken Auseinandersetzungen der Geifer aus dem zahnloser werdenden Mund tropft. Der älteste Sohn Ichiro ist im Grunde seines Wesens ein rückratloser Feigling, der die angebliche Ehre der Familie als Vorwand nimmt, um seine ungeliebte Halbschwester aus den Augen der Welt zu schaffen. Unfähig die Zeichen der Zeit zu erkennen, rinnt ihm sein Erbe wie Sand durch die Finger. Jiro dagegen ist ein Mann zwischen den Welten, eine Person mit wechselnden Identitäten und damit eine Versinnbildlichung des Japans nach dem Zweiten Weltkrieg. Er hat später keine Probleme damit, mit einer Killerin, die eigentlich mit seiner Beseitigung beauftragt wurde, durchzubrennen und im wieder an Souveränität gewinnenden Japan eine Karriere als Yakuza-Boss zu starten. Shiro repräsentiert für lange Zeit das einzige Leuchtfeuer der Hoffnung, was den männlichen Teil des Tenge-Clans angeht, doch bei genauerem Hinsehen schrammt die Begeisterung für Recht und Ordnung haarscharf am Fanatismus vorbei, wobei dieser mit der kindlichen Begeisterungsfähigkeit zu entschuldigen ist. Als heranwachsender Mann allerdings begeht auch Shiro seine Missetaten und versucht die Schuld und Eigenverantwortung in entlarvender Weise auf den unausweichlichen Fluch dieser verrotteten Familie abzuwälzen.

Ayakos Charakter wird geprägt durch die Verbrechen, die ihr angetan werden. In fast völliger Isolation aufgewachsen, ist sie geistig auf dem Stand eines kleinen Kindes stehen geblieben, während sich ihr Körper stetig weiter entwickelte. Nachdem sie ihre erste Periode bekommt und dabei denkt, sie wäre krank und würde verbluten, entwirft sie sich ein Weltbild, welches den neuen Frauenzeitschriften entstammt, die ihr Bruder für sie nach unten in den Raum schmuggelt. Ihr sexuelles Erwachen zieht eine Lust nach körperlicher Nähe mit sich, die sie dazu treibt, mit Shiro ihren eigenen Bruder zu verführen. Nur bei der Auslebung ihrer Lust, fern aller moralischen Grundsätze, die in ihrem Verließ aufhören zu existieren, wie es Ayako selbst sagt, kann sich die junge Frau frei fühlen. In diesen Minuten des Glücks verschwinden die engen Wände ihres Gefängnisses und der Boden unter ihr wird in einer eindringlichen Szene zum Dach der Welt, über das die beiden Leiber ineinander verschlungen bis zum Höhepunkt schweben. Auch später, als Ayako letztendlich wieder mit der Außenwelt konfrontiert wird, bleibt dieser gefährlich-naive Umgang mit der Sexualität erhalten. Für Ayako ist Sex der Ausdruck ihrer Zuwendung und Dankbarkeit, gleich ob es sich dabei um völlig Fremde oder Verwandte handelt. Auch beim Umgang mit Geld ist sie auf dem Stand eines Kindes verblieben und verschenkt 1000 Yen-Noten, nachdem sie mit überrascht dreinblickenden Kindern auf dem Spielplatz tobte, als wären diese Bonbons. Und doch sind dies die glücklichsten Momente in ihrem traurigen Leben, denn ein jeder Konflikt führt zu einem Fluchtreflex und treibt sie dazu, inzwischen an dieses Leben gewöhnt, die Enge einer Kiste aufzusuchen.

Ayako ist ein deprimierendes Werk, in dem selbst die wenigen „guten“ Figuren, die bis zum Schluss standhaft und mit hehren Absichten bleiben, nicht von einem traurigen Ende verschont werden. Nur kurz bevor der Vorhang fällt und die Erzählung mit einem grimmig-ironischen letzten Kapitel ein Stück zu überhastet ausklingt, fällt ein Strahl der Hoffnung in das Tal des Verderbens hinab. Es ist schon erstaunlich, dass diese Geschichte vom selben Talent stammt, das einst Astro Boy auf die Welt brachte. Der sonst bei Tezuka übliche Humor wurde auf ein Minimum zurück geschraubt. Und auch auf Cameo-Auftritte von Figuren anderer Reihen muss man hier verzichten. Ayako ist freilich nicht frei von Schwächen. Dass einige Charaktere noch stark an den Stil früherer Werke erinnern, die sich ihrerseits an den westlichen Zeichenstil der Disney- und Fleischer-Cartoons anlehnten, mag die heutige Generation von Manga-Lesern etwas irritieren. Schwerer wiegt aber das Missverhältnis zwischen der Kerngeschichte und den Subplots. Auf mehr als die Hälfte aller Seiten wird die Geschichte aus Jiros Perspektive erzählt, was Tezuka die Gelegenheit gab, den Plot mit allerlei Erzählungen aus der Welt der Agenten und Spione anzureichern. Dabei wäre eine konzentriertere Perspektive auf das Schicksal und vor allem das Innenleben Ayakos interessanter gewesen, auch wenn uns die „Nebentätigkeiten“ von Jiro Einblicke in das Nachkriegs-Japan und dessen gesellschaftliche Umbrüche gewähren, die ihrerseits für unpassende Szenen, wie die Bond-typische Verführung einer feindseligen Spionin, entschädigen. So kann der Manga nicht den Eindruck abschütteln, dass Ayako im Grunde weniger ein Charakter als ein Gefäß für die Schandtaten und Verbrechen der Familie ist, welches zum Schluss den Untergang des Clans besiegelt. Auch der menschenverachtende Umgang mit dem weiblichen Geschlecht dürfte schwer auf den Magen schlagen, ist letztendlich aber auch Abbild einer (in Teilen) vergangenen Epoche, wenngleich die selbstbewusste Naoko zunächst als Gegenentwurf zu den devoten, unterwürfigen Frauen heraussticht, bevor sie durch den Verlust der Liebe ihres Lebens den Antrieb zu verlieren scheint.

Zusammengehalten wird diese Geschichte von Schuld und Schande durch Osamu Tezukas außerordentliches Talent als Erzähler und Zeichen-Regisseur. Kein Mangaka vor ihm und, soweit lehne ich mich jetzt aus dem Fenster, kaum ein Mangaka nach ihm besaß dieses Gespür für die Komposition eines Bildes, die Experimentierfreudigkeit die Grenzen dieser Kunstform auszuloten und die Fähigkeit, auf der gesamten Klaviatur der Emotionen zu spielen. Ayako ist, auch wenn dies natürlich im krassen Kontext zum eigentlichen Inhalt steht, von filmischer Schönheit und Präzision geprägt, die Szene um Szene zu einem unvergesslichen Erlebnis machen und in der Abfolge der Panels oftmals einem Storyboard für eine Filmproduktion gleichkommen. Während man andere Mangas schon vergisst, bevor man auf der letzten Seite angekommen ist, gelingt es Tezuka durch den Einsatz aller Tricks im Buch des visuellen Geschichtenerzählers, dass sich Szenen für lange Zeit in das Gedächtnis einbrennen. Als Beispiel sei eine Szene genannt, in der die imaginäre Kamera unbeweglich für Stunden in ein Zimmer hinein starrt und die dortigen Geschehnisse aus einer Perspektive zeigt, als ob der Zuschauer einem Theaterstück bewohnen würde. Auch im Spiel mit Licht und Schatten à la Hitchcock macht dem Gott des Manga, wie Tezuka in seinem Heimatland bis heute ehrfürchtig genannt wird, keiner so schnell etwas vor. Selbst eine simple Autofahrt wird durch den geschickten Einsatz einer ungewöhnlichen Perspektive zu keinem langweiligen Selbstläufer. Und es gibt kaum einen besser Beleg für den Ruf Tezukas, der am härtesten arbeitende japanische Zeichner seiner Generation gewesen zu sein, als die mitunter naturalistischen Hintergründe, die in den Panorama-Aufnahmen vor Details strotzen.

Ayako sei jedem Leser ans Herz gelegt, der einmal sehen möchte, in welch ambitionierte und faszinierende Richtung das Medium vor 40 Jahren (!) aufbrach, um dem Stillstand zu entgehen. Es ist eine traurige Ironie, dass sich der Manga, trotz seines Alters, auch heute noch so frisch und gewagt anfühlt, da auf dem hiesigen Markt die seichten Werke noch immer das Messer in der Hand haben und einen Löwenanteil bei den Verkäufen ausmachen. So ist es kein Wunder, dass die Buchhändler und Online-Shops Monat für Monat mit den immer gleichen substanzlosen Liebesgeschichtchen überschwemmt werden, während es Ayako, wen wundert es, noch immer nicht in deutscher Sprache gibt. Ich habe mir die US-Veröffentlichung des Vertical-Verlages bei Amazon.de gekauft. Für 15,95 Euro gibt es die 700 Seiten umfassende Geschichte zusammengefasst in einem dicken Band. Allerdings sprechen die ländlichen Bewohner alle in einem Dialekt, mit dem man sich zu Anfangs etwas schwer tun dürfte. Eine kleine Hürde, die man gerne bereit zu nehmen ist.

Eine Antwort zu Manga-Review: Ayako

  1. ness sagt:

    Respekt für diese ziemlich umfangreiche Erörterung.