Im Westen nichts Neues – Die Softwareflaute des 3DS außerhalb Japans

In Japan müsste man Leben. Denn dort zeigt der Nintendo 3DS  Woche für Woche eine starke Performance bei den Verkaufszahlen, die sich im bereits reichhaltigen Spieleangebot widerspiegelt. Hierzulande und in den USA muss Nintendo dagegen noch viel Überzeugungsarbeit leisten…

Anfang des Jahres schrieb ich im Lichte der Veröffentlichung der PlayStation Vita an einem Artikel, der sich mit der Zukunftssicherheit des Handhelds befasste. Ich bin im Allgemeinen sehr vorsichtig, was Voraussagungen dieser Art betrifft, aber selbst nachdem ich die Dinge aus allen erdenklichen realistischen Perspektiven betrachtet hatte, herrschte zwischen der Stimme im Kopf und dem Gefühl in der Magengegend eine selten harmonische Übereinkunft. Sony hatte ein, im Großen und Ganzen, hervorragend designtes Gerät produziert, doch die strategischen Entscheidungen für Gegenwart und Zukunft des Handhelds ließen Fragezeichen zurück. Ein Launch in Japan noch vor dem Weihnachtsgeschäft? Ja, aber fast ausschließlich mit westlichen Titeln. Ein zumindest quantitativ großes Software-Angebot zum Launch? Ja, aber darauf folgten (und folgen immer noch) Monate ohne eine einzige (nennenswerte) Neuveröffentlichung. Ein High-Tech-Handheld für vernünftige 250 Euro? Ja, aber die zu unverschämten Preisen verkauften Memory Cards, die natürlich auch nur mit der Vita funktionieren, sind nicht im Paket enthalten. Und nicht zuletzt stand und steht dann auch die grundsätzliche Frage im Raum, ob der Markt derzeit überhaupt an zwei portablen Konsolen interessiert ist, nachdem es Smartphones und Tablets in den letzten Jahren vermochten, viele Gelegenheitsspieler an sich zu binden.

Reagierte Nintendo beim Nintendo DS mit erzwungenermaßen aufkochendem Mut zur Innovation, um sich von dem technischen Biest namens PSP abzusetzen, so lässt man Sony diesmal nicht einmal die Zeit, damit sich der Gegner, nachdem dieser bereits über die eigenen Schnürsenkel stolperte, für einen neuen (bzw. den ersten) Schlag wieder aufrichten kann. Schlag auf Schlag folgen die Veröffentlichungen und Ankündigungen in Japan. Für die Konkurrenz bleibt bald nichts mehr übrig von dem 3rd-Party-Buffet und wie sich Sony die zumindest zeitliche Exklusivität von Monster Hunter, dem (Überlebens-)Elixier der PSP in Japan, durch die Lappen gehen lassen konnte, wird wohl für alle Zeit unverständlich bleiben. Oder vielleicht auch nicht, denn schon bei der PlayStation 3 war es dieses unausstehliche Parfum der Arroganz der Marke „Ultra 64“, die Sony vom strahlenden Glückskinds und Marktführer einer ganzen Zocker-Generation zum neuen Charlie Brown der Spielbranche werden ließ.

Doch mit welcher Aggression Nintendo im Mutterland auch immer auftreten mag, im Westen angekommen, ist der Sturm zu einem lauen Lüftchen geworden. Hier dümpelt die Begeisterung für den 3DS auf einem Level dahin, der in etwa mit der Frequenz übereinstimmt, in der neue Software in die Geschäfte kommt. Wer sich einmal in den letzten Monaten zu einem der zahlreichen MediaMärkte und Co. begeben hat, wird das Bild kennen: In den Regalen stapelt sich die immer gleiche Software. Ganz vorne dabei ist das Duo Super Mario 3D Land und Mario Kart 7, dann folgt mit etwas Abstand The Legend of Zelda: Ocarina of Time 3D, Kid Icarus und das neue Kingdom Hearts und seit Neustem gesellt sich New Super Mario Bros. 2 zwischen die beiden Namensvetter. Der magere erwähnenswerte Rest, namentlich unter anderem Theatrhythm: Final Fantasy, Resident Evil: Revelations und Rhythm Thief und der Schatz des Kaisers, wird so weit an den Rand gedrückt, dass ein übereifriger Verkäufer aus Versehen schon einmal ein paar DS-Spiele darunter mischt. Und wer nach Geheimtipps wie Ace Combat: Assault Horizon Legacy sucht, sollte sich lieber gleich an einen Online-Shop wenden. Die Schuld für dieses „homogene“ Software-Angebot ist nicht bei den Händlern zu suchen, die bieten schließlich auch nur an, was auf dem Markt erhältlich ist. Und genau da sieht es für den 3DS im Jahr 2012 nicht gerade blendend aus. Wir brauchen nicht einmal die Spitzentitel eingrenzen, um auf eine lächerlich niedrige Zahl an 1st Party-Veröffentlichungen zu kommen. Zwei. Zwei große Spiele hat Nintendo in diesem Jahr bisher für den 3D-Handheld auf den europäischen Markt gebracht, Kid Icarus: Uprising im März und New Super Mario Bros. 2 im Juli. Im eShop sieht die Sache nicht besser aus, denn abgesehen von der ebenfalls nur tröpfchenweise erfolgenden Veröffentlichung von alten Game Boy-Titeln, gab es an neuen Produktionen für den 3DS praktisch nur das solide Dillon’s Rolling Western.

Es ist nicht so, als ob die japanischen 3DS-Besitzer ihrerseits in einem Meer aus Titeln aus dem Hause Nintendo baden könnten. Immerhin dürfen sie jedoch bereits seit Monaten das neue Fire Emblem samt Erweiterungspaketen spielen und kamen Anfang September in den Genuss, Harmo Knight, GameFreaks erstes Nicht-Pokémon-Spiel seit Drill Dozer, aus dem eShop zu laden. Aber in Japan ist die Lage ohnehin eine andere. Nintendos Kunden in Nippon haben die Wahl aus einer Vielzahl ausgezeichneter 3rd-Party-Titel. Etrian Odyssey IV, Rune Factory 4, Bravely Default, Dragon Quest Monsters: Terry’s Wonderland, Soul Hackers, Code of Princess… Während man im Westen in den meisten Fällen noch nicht einmal eine Bestätigung für die sichere Lokalisation bekommt, sind die heimischen Regale in Japan bereits gut bestückt. Jetzt erst zeigt die kundenunfreundlichste Aktion Nintendos seit langer Zeit, die regionale Unterteilung der 3DS-Hardware, ihr Gesicht in all ihrer Hässlichkeit, denn in Kombination mit der jeder Schildkröte Konkurrenz machenden Geschwindigkeit, in der die Hersteller ihre Produkte, wenn überhaupt, in den Westen schleifen, entsteht eine lähmende Atmosphäre der Gleichgültigkeit. Das totale Gegenteil zu einer Begeisterungswelle. Es war jedem in realistischen Bahnen denkenden Menschen klar, dass Nintendo den Rekorde brechenden und alte Bestmarken in tausend Einzelteile zerlegenden Erfolg des Nintendo DS nicht wird wiederholen können. Zu sehr hat sich der Markt in den letzten Jahren verändert und viele ehemalige Gehirn-Jogging-Spieler sind mit den einfachen Spielen auf ihren Smartphones glücklich. Trotzdem ist es bedauerlich, dass Nintendo diese einst für sich entdeckte Zielgruppe jetzt so stiefmütterlich behandelt. Abgesehen von einer dritten Ausgabe mit Dr. Kawashima wurden vom Marktführer keinerlei neue Impulse ausgesendet. Aber auch die alte und neue Kernzielgruppe wird nicht gerade mit neuen Marken verwöhnt. So gut New Super Mario Bros. 2 auch ist (und ich würde das Spiel jederzeit gegen seinen ungerechtfertigt mäßigen Ruf verteidigen), es verleiht dem Vorwurf, Nintendos derzeitige Strategie bestehe aus Mario, Mario und noch mehr Mario, weiteres Gewicht.

Um das Gefühlte einmal in Wort zu fassen: Der Nintendo DS wurde auf der denkwürdigen E3-Pressekonferenz im Jahre 2004 nicht zu unrecht auch als „Developer System“ vorgestellt. Ein neuer Spielplatz, auf dem neue Konzepte gedeihen sollten. Die frischen, zur Grundausrüstung eines jeden verkauften Handhelds gehörenden Komponenten (zwei Bildschirme, Touchscreen, Mikrofon) beflügelten die Fantasien einiger Entwickler und so entstanden gerade in der ersten Lebenshälfte des Gerätes wunderbar kurzweilige und kreative Titel, die in dieser Art zuvor nicht existierten. Spiele wie Yoshi Touch & Go, Kirby: Power-Malpinsel, Electroplankton, Pac Pix, Meteos und Nintendogs möchte ich in meiner Sammlung nicht missen und machten die Welt bunter, während im Konsolenspektrum Braun und Grau bereits im Bestreben waren, zu den alles dominierenden Farben zu mutierten. Wahrscheinlich ist der Vergleich unfair, da die Titel der Anfangsphase eben den Vorteil besaßen, vor allen anderen da gewesen zu sein. Touchscreen und Co. sind heute ein alter Hut und den Zauber dieser experimentierfreudigen Phase, in der der Nintendo DS fast schon als eine Art „Alternativ-Plattform“ empfunden wurde, kann man nicht so einfach reproduzieren. Trotzdem finde ich es bedauerlich, dass der 3DS, 3D hin oder her, ein so konservativer Nachfolger geworden ist und hätte es begrüßt, wenn Nintendo am Anfang dann eben softwareseitig ein Zeichen mit frischen Marken gesetzt hätte. Stattdessen exhumierte man Steel Diver aus dem Demo-Grab und brachte das inhaltlich dünne Spiel zu einem völlig überteuerten Preis auf den Markt. Blubb und abgesoffen.

Und eben die Preise von Hard- und Software dürften den hauptsächlichen Grund ausmachen, weshalb sich die westlichen Videospieler noch schwer mit dem 3DS tun. Immerhin ist Nintendo mit dem panisch wirkenden Preissturz im letzten Herbst unter die psychologisch wichtige 200 Euro-Grenze gefallen und bietet mit dem 3DS XL inzwischen eine so in allen Punkten ausgefeiltere Version des Gerätes an, dass sich der Konzern aus Kyoto die Frage gefallen lassen muss, wie es die mit Designsünden ausgestattete Vorgänger-Version überhaupt aus den Entwicklungslabors geschafft hat. Man darf hoffen, dass Nintendo aus der Geschichte gelernt hat und für die Preisbestimmung beim nächsten Handheld nicht wieder den Hype der E3 als Maßstab nimmt. Und einzusehen, dass die Spieler nicht gewillt sind, mehr als 200 Euro für ein reines Spielgerät auszugeben, Multimedia-Features wie die Kamera-und MP3-Funktionen hin oder her. Mit den Spielen wird Nintendo aber weiterhin einen schweren Stand haben. Free2Play-Modelle und die knapp einen Euro teuren Spiele für Smartphones haben eine Atmosphäre geschaffen, in denen es schon die Preise für DS-Spiele nicht mehr leicht hätten. Dass neue 3DS-Titel aber mit 45 bis 50 Euro zu Buche schlagen, ist der jungen Generation nur schwer vermittelbar, die sich für den Preis eines 3DS-Spiels bis zu 50 Spiele auf das Smartphone laden könnte. Qualität vor Quantität in allen Ehren, aber das ist ein Kampf, den Nintendo nicht gewinnen kann und das ist vielleicht auch gar nicht mal so übel, könnte dies doch den auch im Handheld-Bereich stattfindenden Anstieg der Budgets ausbremsen. Je weniger von diesen aufgeblähten, von Fokustest zu Tode getesteten AAA-Blockbustern, deren finanzieller Erfolg bei jedem Spiel über Gedeih und Verderb des zuständigen Entwicklerteams entscheidet, den Sprung auf den 3DS schaffen, umso besser. Nintendo kann hier eine Vorbildfunktion einnehmen und für den Handheld spezialisierte Spiele entwickeln, die vom Maßstab im gesunden Mittelfeld, also zwischen Smartphone-Produktionen und ausgewachsenen Konsolen-Titeln stehen. Super Mario 3D Land hat es, in typischer EAD Tokyo-Manier, bereits vorgemacht. Außerdem muss die Preis-Varibilität des Vorgänger-Systems wieder erreicht werden. Ein Spiel wie New Art Academy, welches mit einem Preis von knapp 30 Euro in den Handel gekommen ist, markiert einen guten Anfang, um an alte Touch Generation-Tage anzuschließen. Auch die keinesfalls misslungenen Launch-Fenster-Titel Pilotwings Resort und Steel Diver hätten es zu einem solchen Preis leichter gehabt.

Trotz aller Meckerei, die Zukunft sieht nicht schlecht aus. Denn, dass die Software-Flut früher oder später kommen wird, davon dürfen wir ausgehen, außer wenn die japanischen Hersteller, einer geheimen Übereinkunft folgend, den westlichen Markt in Zukunft ignorieren wollen. Keine Frage, es schmerzt zu sehen, wie nach und nach Luigi’s Mansion 2: Dark Moon, Fire Emblem und nun anscheinend auch noch Paper Mario: Sticker Star auf die Releaseliste für das Jahr 2013 wandern, um das erste Quartal auszufüllen, aber für Nintendo dürfte der nahende Launch des neuen Konsolen-Flaggschiffes nun die oberste Priorität genießen, von daher müssen die Ressourcen klug verteilt werden, um den Zeitvorteil zur Konkurrenz von einem knappen Jahr auch auszunutzen. Das von Iwata in der Öffentlichkeit ausgesprochene Bestreben, das Verhältnis mit den Drittherstellern weiter zu verbessern und die bekannten weitreichenden Investitionen in den Aufbau neuer und der Verstärkung bestehender Teams, ob man nun zu EAD, EAD Tokyo, Retro Studios, Monolith Soft oder Nintendo Software Technologie blickt, lassen auf die kommenden Jahre hoffen.

3 Antworten zu Im Westen nichts Neues – Die Softwareflaute des 3DS außerhalb Japans

  1. Oliver sagt:

    Ein Nintendo Direct und schon sieht die Welt wieder etwas sonniger aus. Zwar ändert sich an der Aussage nichts, dass in den zurückliegenden Monaten des Jahres insgesamt sehr wenige herausragende Titel für den 3DS im Westen veröffentlicht worden sind (und Fire Emblem gar erst im zweiten Quartal des nächsten Jahres erscheinen wird), aber dafür wird man sich von jetzt bis zum Ende des Jahres kaum über fehlende Software beklagen können, außer man ist strikt gegen den Kauf von Download-Spielen aus dem eShop. Paper Mario: Sticker Stars (Alternativuntertitel: Jetzt also doch!), Fallblox (Wer mag keine Überraschungsankündigungen?), Hydroventure, Denpa Men… Eine tolle Sache, dass die Guild01-Titel, die schon gar nicht mehr auf dem Radar hatte, jetzt zumindest als Download-Titel veröffentlicht werden. Das könnte sich zu einer Strategie entwickeln, der auch andere Publisher mit Nischen-Titeln im Portfolio folgen werden.

    Ich finde es auch überaus lobenswert, wie Nintendo die Direct-Programme nutzt, um auf relativ unbekannte Titel (Virtue’s Last Reward) aufmerksam zu machen.

    Irgendwie komisch in einer Welt zu leben, in der uns die Amerikaner völlig zu Recht um NoE beneiden. Rache für FF IV, VI und Mother 2! ;)

  2. ness sagt:

    Schon witzig, dass dein Artikel nur 2 Tage vor der Nintendo Direct-Show erschien^^.

    Finde es ebenso toll, wie viele ambitionierte Titel nun im eShop kommen werden. Den 1. Teil der Guild01-Spiele, auf dessen Erscheinen außerhalb Japans ich seit der Ankündigung gehofft hatte, habe ich mir auch schon geholt, die anderen beiden werden ebenso 100%ig sofort am Release-Tag gekauft. Genauso wie Fallblox, wobei ich jetzt schon einen gewissen Respekt davor habe, weil die Rätsel noch komplexer zu werden scheinen…^^

    Und auf den Nachfolger einer meiner absoluten Lieblingstitel für WiiWare, Hydroventure, freue ich mich auch schon sehr =).

    Und zusätzlich noch mit Virtue’s Last Reward, Shin Megami Tensei: Devil Survivor Overclocked und Layton wird für mich der Rest des Jahres in Sachen Handheld sowieso mehr als nur zufriedenstellend^^.