Manga-Review: Yotsuba&!

Eine Manga-Reihe wie eine kühlende, den angesammelten Schmutz abwaschende Dusche, ein Bonbon mit dem sahnig-süßesten Geschmack der Welt. Ein Plädoyer für die Lebensfreude und ein Hohelied auf das Kind in uns. Und dann ist „Yotsuba&!“ auch noch verdammt lustig…

Yotsuba&! ist eine fortlaufende Reihe von Kiyohiko Azuma, dem mit Azumanga Daioh, einer abgeschlossenen Serie über die Alltagserlebnisse einer Gruppe von Schülerinnen, vor über zehn Jahren der ganz große Durchbruch gelang. Und auf den ersten Blick sind die inhaltlichen Gemeinsamkeiten zwischen beiden Serien von unübersehbarer Natur, denn auch Yotsuba&! kommt ohne die Bekämpfung von Dämonen, einer zehntausendseitigen Selbstfindung inmitten eines apokalyptischen Szenarios oder einer mit Crime-Elementen gewürzten Love-Story aus. Hier stehen die kleinen Abenteuer des Alltags im Fokus, die in den Augen eines Kindes zu den großen Wundern dieser Welt heranwachsen. Die kleine Yotsuba wird zwar von einem illustren Cast begleitet, dem auch mehrere Kinder und Teenager angehören, steht aber in der überwiegenden Mehrheit im Mittelpunkt der zwischen 30 und 40 Seiten umfassenden Geschichten, womit schon einmal ein wesentlicher Unterschied zu Azumanga Daioh besteht.

Zwar bauen die Geschichten zu einem Teil aufeinander auf, es kommen mit der Zeit neue Charaktere hinzu und einige Gags und Anspielungen sind erst verständlich, wenn man die Kapitel in der richtigen Reihenfolge gelesen hat, aber grundsätzlich können die kurzen Kapitel auch unabhängig voneinander gelesen werden. So wird der Leser im ersten Kapitel Zeuge vom Umzug der kleinen Familie Koiwai in eine namenlose Stadt. Diese besteht aus der kleinen fünfjährigen Yotsuba, einem grünhaarigen Mädchen mit der Frisur eines Kleeblatts und ihrem Adoptivvater, der das Kind von einer Auslandsreise mit nach Japan brachte, wobei der Manga bis heute zu den genaueren Umständen der Adoption und dem Schicksal von Yotsubas leiblichen Eltern schweigt.  Da Yotsuba bei der Frage nach ihrer Herkunft immer nur antwortet, sie komme „von links“, trägt auch sie nicht unbedingt zur Lösung dieses Geheimnisses bei. Jedenfalls merkt man dem von zuhause als Übersetzer arbeitenden Vater an, dass er selbst noch etwas unreif ist und, im Gegensatz zum Idealbild eines japanischen Vaters, gerne den ganzen Tag im T-Shirt und langer Unterhose durch das Haus läuft.

Dennoch versucht Herr Koiwai seiner Tochter ein liebender und fürsorglicher Vater zu sein. Dabei würde bei diesem kleinen Wirbelwind selbst ein Mustervater ins Schwitzen geraten. Yotsuba ist die personifizierte Lebensfreude und die kleinsten Dinge reichen aus, um bei ihr Begeisterungsstürme auszulösen. Zu Beginn ihrer Streifzüge durch die neue Nachbarschaft sind ihr selbst Türklingeln, Milchmänner und sogar Schaukeln fremd und das extrovertierte Mädchen lebt streng nach der Divise: Anfassen ist besser als anstarren. So nutzt sie die Erkenntnis, dass Türglocken die in den Häusern lebenden Menschen vor die Tür locken, gleich mal aus, um buchstäblich bei einer Nachbarin „Hallo“ zu sagen und sich mit einem anschließenden „Tschüss“ wieder auf die Socken zu machen. Oftmals hapert es noch, die komplizierten Zusammenhänge der Dinge zu verstehen, selbst wenn sich Yotsuba sichtbar Mühe gibt, den Überblick zu bewahren. Wenn, denn die Aufmerksamkeitsspanne einer Fünfjährigen ist von sehr begrenzter Dauer und sobald eine Erklärung einer älteren Person zu lange ausfällt, ist es gut möglich, dass die Kleine mit ihren Gedanken schon längst wieder an einem ganz anderen Ort ist.

Auch wenn die Sequenzen, in denen sie auf eigene Faust agiert, mit bewundernswerter Leichtigkeit bestehen können, ist es die Interaktion mit den anderen Figuren, die Yotsubas Charakter aufblühen lässt. Praktischerweise lebt die Familie Ayase gleich neben dem neuen Wohnsitz der Koiwais und der Umzug ist noch nicht vorbei, da hat sich Yotsuba bereits mit deren Mitgliedern angefreundet. Frau Ayase heißt die neue kleine Nachbarin bei sich willkommen, hat sie als Mutter von drei Töchtern doch Erfahrung mit Kindern. Ihre jüngste Tochter, Ena, ist die häufigste Spielgefährtin Yotsubas, obwohl sie ihr in Sachen Intellekt schon um Lichtjahre voraus ist. So sorgt sich die künstlerisch begabte Grundschülerin bereits um die Zukunft des Planeten und erzählt Yotsuba aufgebracht von den Folgen des Treibhauseffektes, woraufhin diese eine Mordswut auf jeden Besitzer von energieverschleudernden Klimaanlagen entwickelt – zu denen allerdings auch ihr eigener Vater gehört. Da Ena sehr feinfühlig ist, nimmt sie es bei ihrer kleinen Spielgefährten regelmäßig nicht so genau mit der Wahrheit. So bringt sie es zum Beispiel nicht über ihr Herz, Yotsuba die Wahrheit über ihre noch sehr ausbaufähigen Fähigkeiten als Malerin zu erzählen. Das führt dann allerdings dazu, dass Yotsuba, beflügelt durch das Lob, mit einer Idee vollkommen Amok läuft. Auf der anderen Seite ist Ena keineswegs zimperlich, wenn es um das Anfassen von riesigen Kröten, Insekten oder gar das Ausweiden von Fischen geht.

Fuuka ist mit ihren 16 Jahren das Mittelkind. Da es diese bekanntlich besonders schwer in einer Familie haben, übernimmt Fuuka freiwillig die meisten anfallenden Arbeiten in der eigenen Familie und wird daher von ihrer Mutter auch als verantwortungsvollste der drei Töchter gelobt. Da sie weder die Niedlichkeit von Ena, noch die Schönheit ihrer ältesten Schwester besitzt, nennt Yotsuba sie zur besseren Unterscheidung, ohne jedes Schuldgefühl natürlich, vor allem am Anfang regelmäßig „die am wenigsten Hübsche“. Sie ist oft über Yotsubas Verhalten irritiert und kann am schlechtesten mit peinlichen Situationen umgehen. Gerade durch ihr Bemühen, als verantwortungsvolle Erwachsene wahrgenommen zu werden, manövriert sie sich selbst in diese Umstände.

Asagi ist mit ihren 18 Jahren die älteste Ayase-Tochter und besucht bereits die Universität. Sie liebt es, ihrer Umgebung auf den Wecker zu gehen und Streiche zu spielen. Interessant ist ihre Beziehung zu Yotsuba, denn sie vermag es überraschend gut, sich in den Kopf der Kleinen zu versetzen und hat sichtbare Freude daran, das Mädchen von nebenan bei ihrem Tagewerk zu beobachten. Vielleicht kommt die als Schönheit geltende Asagi mit Yotsuba deshalb so gut aus, weil sie inzwischen die Phase, in der Coolness und die damit verbundene Abgrenzung zu den Jahren als Kind das Wichtigste zu sein scheint, überwunden hat und mit der, von allen Töchtern der Familie, größten Distanz auf diese sorgenlose Jahre des Mädchens zu schauen vermag, nun, da der Startschuss ihres Berufslebens in absehbarer Zeit bevorstehen wird . Auf jeden Fall bemerkt Asagis Mutter bei einer Gelegenheit, dass sie als kleines Kind Yotsuba überaus ähnlich war. Dadurch erscheint sie als einer der ausgeglichensten Charaktere der gesamten Reihe.

Im Laufe der Zeit gesellen sich noch weitere Figuren dazu, wie die burschikose Miura, eine Freundin und Klassenkameradin von Ena, die mit ihrem losen Mundwerk aneckt. In der japanischen Originalfassung spricht Miura deshalb auch eher wie ein Junge – eine Besonderheit der japanischen Linguistik, die sich leider kaum bis gar nicht in die deutsche Sprache übertragen lässt. Bereits auf den ersten Seiten taucht mit Takashi Koiwais bester Freund auf. Der zu impulsiven Reaktionen neigende junge Mann ist für Yotsuba so etwas wie der geliebte Ersatz-Onkel, misst über zwei Meter und wird deshalb fast ausschließlich mit seinem Spitznamen „Jumbo“ angeredet. Ihn verbindet schon nach kurzer Zeit eine feurige Rivalität mit Miura und ihrer frechen Klappe, wobei ihm nicht in den Sinn zu kommen scheint, dass er sich hier mit einer Grundschülerin zankt. Außerdem hegt er Gefühle für Asagi und nutzt dafür die Freundschaft Yotsubas aus. Nur ist die älteste Ayase-Tochter keinen Deut am Riesen interessiert.

Fraglos konnte man schon bei Azumanga Daioh Kiyohiko Azumas Talent bei der Erstellung seiner Charaktere beobachten, die zwar alle ihre bizarren Seiten und Knackse besaßen, aber immer so geerdet blieben, dass genügend Projektionsfläche für sich und andere vorhanden blieb. Für Yotsuba&! verzichtete der Mangaka allerdings auf das „Yonkoma“-Format, bei dem vier zu einem Gag führende Panels ausreichen müssen. Und erst damit konnte Yotsuba&! zu jenem Meisterwerk werden, wie es heute in den Buchhandlungen sitzt. Die Geschichten um scheinbar völlig banale Alltagsangelegenheiten haben Luft zum Atmen und existieren nicht, um am Ende des Kapitels eine Pointe abzufeuern. Tatsächlich stößt der Leser hin und wieder auf Abschnitte, in denen kein wirklicher Gag vorkommt und sieht den Charakteren einfach nur bei ihrer Interaktion miteinander zu. Langweilig ist das an keiner Stelle. Der Leser kann sich einfach treiben lassen, während er wieder durch die Augen eines Kindes sieht und jede Menge Wiederkennungsmomente erlebt, die man vielleicht schon tief in sich vergraben gedacht hat. Es sind vor allem die vielen Details, die Yotsuba zu einem dreidimensionalen Wesen machen und Azuma als einen ausgezeichneten Beobachter zu erkennen geben. Wer sich ein Grinsen verkneifen kann, wenn Yotsuba, völlig irrational für den kultivierten Erwachsenen, der hoch-philosophische Werke wie Death Note und Eden zum Frühstück verspeist, mit Eifer versucht, auf den Rücken Jumbos hochzukraxeln oder in den Haaren ihrer Freundin umher wurstelt, hat wohl keine jungen Kinder um sich oder hat die eigene Kindheit inzwischen vollständig aus dem Gedächtnis gelöscht. Klar ist Yotsuba für eine absolut realistische Darstellung ein Stück zu perfekt, aber die meisten Leser werden wohl ebenfalls mit einer idealisierten, mit Notalgie getränkten Sicht auf ihre eigene Kindheit zurückblicken und dabei die weniger schönen Seiten ausblenden. Diese kehrt Azuma mitnichten völlig unter den Teppich: So hat das Mädchen eine höllische und unerklärliche Angst vor allen Objekten, die einem Bullseye ähneln, erhält von ihrem Vater bei einem allzu krassen Fehlverhalten auch Tadel und hält Fuuka bei ihrer ersten Begegnung für einen dieser „bösen Menschen“, die sie entführen möchten und vor denen sie ihr Vater eindringlich gewarnt hat.

Und wenn Azuma sich zu einem Gag hervor arbeitet, dann fällt das dahinter liegende Konstrukt weit weniger auffällig und schon auf drei Seiten zuvor erkennbar auf, als dies bei anderen Werken der Comedy-Sparte der Fall ist. Sehr oft bringt Yotsubas Verhalten den Leser aufgrund der Unvorhersehbarkeit, mit der das fünfjährige Mädchen auf die Welt um sich herum reagiert, zunächst zum Lachen – und dann zum schelmischen Grinsen, weil viel Wahres in der unschuldigen Perspektive des Kindes verborgen liegt. Mit Yotsuba als Charakter lassen sich aber auch die alberneren Sequenzen viel besser und glaubwürdiger verkaufen. Zu einem meiner absoluten Lieblingskapiteln gehört eine Sequenz, in der Yotsuba, beeinflusst durch einen Krimi im Fernsehen, mit der Spritzpistole und coolen, im TV aufgeschnappten „Tötungssprüchen“ auf den Lippen durch das Haus der Nachbarn saust, um mit einem herrlich ernsten Gesichtsausdruck die Familie kalt zu stellen. Zumindest solange, wie das Wasser reicht.

Yotsuba&! ist der Sieg des lebensbejahenden Kindseins über die zynisch-kalte Abgeklärtheit des Erwachsenseins der Generation Internet. Eine bessere Bewässerung und Neukultivierung des kindlichen Ichs als mit den bisher zehn bei Tokyopop veröffentlichten Bänden kann man sich kaum vorstellen. Oder um Yotsubas Vater zu zitieren: „Noch nie habe ich einen Menschen getroffen, der einfach allem etwas Gutes abgewinnen kann. Yotsuba ist unschlagbar.“ Stimmt.

10 Antworten zu Manga-Review: Yotsuba&!

  1. ness sagt:

    So ein Zufall, dass du gerade auch die Reihe liest^^. Ich bin aktuell beim 7. Band angelangt, der achte wird von mir im August geholt.

    Ansonsten kann ich eigentlich nur komplett zustimmen: Toller Artikel zu einem fantastischen Manga =).

    P.S.: Vor knapp 2 Wochen ist sogar schon der 11. Band erschienen!

  2. Bella Grace sagt:

    Klasse geschrieben, habe dich mal in meinen Feedreader gepackt :)

  3. Minrod sagt:

    An sich habe ich dem modernen Manga aufgrund der zahleichen „Ich bin der beste Kämpfer/Dämonenjäger/Frauenheld“ etc. Thematik abgeschworen, aber dies könnte mich zum Kauf bewegen.
    Auf wie viele Teile ist der Manga ausgelegt? Zu ellenlagen Geschichten geht igendwann Mal auch die Puste aufgrund Wiederholungen aus, egal wie gut sie am Anfang auch sind.

    • ness sagt:

      Es kommt pro Jahr nur ein neuer Band raus, die Geschichten dürften also noch lange nicht ausgehen^^. Selbst in Japan sind bisher nur die bei uns bekannten 11 Bänder erschienen.

      Ein Ende ist zwar bis jetzt nicht in Sicht, aber wie gesagt, allein schon aufgrund des sehr langen Veröffentlichungsrhythmuses habe ich bei Yotsuba wenig Bedenken, dass wie bei anderen Manga die Ideen ausgehen bzw. zu viel wiederholt wird, zumal ja jedes Kapitel eigentlich für sich stehen kann und eine größere Story bisher nicht abzusehen ist.

      Also ganz klar: Kaufen!^^

  4. Minrod sagt:

    Ich habe mir die ersten beide Bände zugelegt und muss nach dem ersten bereits sagen, dass es mich unheimlich anspricht. Yotsuba erinnert mich etwas an meine eigene Tochter, was den Lesespaß für mich noch etwas steigert. Danke für den echt Super Tipp ;)

  5. Oliver sagt:

    Kam gerade nach Hause. Gleichzeitig den jeweils aktuellen Yotsuba!- und Punpun-Band aus dem Briefkasten zu fischen, ist in etwa so, als würde man Senf auf ein Sahnecremetörtchen schütten.

    (Hey, Tokyopop! Wieso habt ihr die Schriftart auf dem Buchrücken geändert? Wie das im Regal den jetzt aus?;))

  6. Oliver sagt:

    Wirklich schon wieder zwei Jahre vergangen..? In Japan wird am 27. November endlich der dreizehnte Band veröffentlicht, womit ein Erscheinen im deutschsprachigen Raum im Frühjahr 2016 wahrscheinlich sein dürfte.

  7. ness sagt:

    Jep, freue mich jetzt schon drauf =).