Nintendo und die Third Parties: Ein Unding?

Nintendos Heimkonsolen leiden seit dem Nintendo 64 an schwachem Support der Dritthersteller. Nicht wenige Personen hegen den Verdacht, dass Nintendo selber zu dieser Situation beigetragen hat, dabei ist das Ganze viel komplizierter.

„Nicht schon wieder“, ächzten die Videospiel-Fans während der E3. Zwar konnten sich die bisher vorgestellten Spiele für die Wii U sehen lassen, aber der große Support der wichtigsten Spielefirmen ist ausgeblieben. Sowohl EA als auch Activision wollten (oder konnten?) nicht zeigen, welche Spiele sie für die Wii U planen, sieht man von EAs „Mass Effect 3“ ab. Einzig Ubisoft trumpft mit guten Ideen für die neue Konsole auf. Sicherlich werden die Dritthersteller im Laufe der nächsten Monate mehr Spiele ankündigen, doch der Image-Schaden bleibt bestehen. Aber warum tut sich Nintendo so schwer mit externem Support? Oder anders gefragt: Warum zeigen sich die Spielefirmen gegenüber Nintendos Heimkonsolen so verhalten, obwohl sie auf anderen Plattformen regelmäßig Verluste hinnehmen mussten?

Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir zuerst versuchen, die Machtverhältnisse in der Videospielindustrie zu klären: Eine grobe Einteilung umfasst die Konsolenhersteller als eine, die Dritthersteller als eine weitere, und die Konsumentinnen und Konsumenten als die letzte Gruppe. In der Theorie hat die letzte Gruppe am meisten Macht, denn sie bestimmt mit ihrer Brieftasche, und nur wenn die Kunden Konsolen und Spiele kaufen, kann die Industrie überhaupt existieren. In der Realität nehmen die Spielehersteller die Spielerinnen und Spieler jedoch nicht ernst und bombardieren sie lieber mit teurer Werbung, damit sie ja das richtige Produkt kaufen; EA und Activision versuchen die Bewertungen von Spielemagazinen zu beeinflussen, indem sie die Redaktionen von ihren Werbegeldern abhängig machen; wenn sich die Kundinnen und Kunden trotz aller Marktverzerrungen für ein anderes Produkt entscheiden, dann ignoriert die Spieleindustrie gerne das „Wahlergebnis“ oder interpretiert es nach Gutdünken. Die Wii war zum Beispiel die erfolgreichste Konsole dieser Generation und hatte eine beachtliche Tie-Ratio (Verhältnis von gekauften Spielen pro Konsole), aber außer Nintendo unterstützten die großen Spielehersteller die Konsole nur sehr oberflächlich.

Die Spielerinnen und Spieler haben deshalb nur einen begrenzten Einfluss auf den Spielesupport, zumindest in der heutigen Zeit. Und die Konsolenhersteller? Zweifellos haben sie viel Macht, denn sie können die Standards bestimmen, den Preis diktieren und auch unliebsamen Third Parties das Geschäft verweigern. Diese Macht ist am größten, wenn ein Konsolenhersteller den Markt beherrscht, deshalb sehen externe Spielentwickler gerne, dass jetzt nicht nur Sony, Nintendo und Microsoft um ihre Gunst buhlen, sondern kürzlich auch noch andere Firmen mitmischen: Apple und Google mit ihren App-tauglichen Geräten, Stream-Angeboten wie Onlive und Gaikai sowie Online-Services wie Steam und Origin. Konkurrenz belebt zwar das Geschäft, aber sie kann auch zu Fehlentwicklungen führen, wie die Subventionsschlacht der PS3 und Xbox 360 zeigte. Die einst so fruchtbare Videospielindustrie ist heute fürchterlich und verlustreich, weil die Konsolenhersteller den jeweils anderen technisch übertrumpfen wollten. Diese Entwicklung hätte nicht in dieser Form stattgefunden, wenn Microsoft und Sony nicht so erbittert um die Marktherrschaft kämpfen würden. Aufgrund der heutigen Konkurrenzsituation denke ich nicht, dass die Konsolenhersteller über den Spielesupport  bestimmen können wie zu NES- und SNES-Zeiten. Vielmehr sind sie auf den guten Willen der großen Dritthersteller angewiesen.

Die Dritthersteller entwickeln Spiele für die verschiedenen Plattformen und haben dank dem Konsolenkampf an Einfluss gewonnen. Bei genauerer Betrachtung sind jedoch nur wenige Firmen wirklich mächtig, während andere nichts zu sagen haben. Seit dieser Konsolengeneration gehören jene Firmen zu den Gewinnern, die Middleware oder Engines entwickeln und diese an andere Firmen lizenzieren. Früher konnten die Entwicklerstudios ihre eigenen Tools (Software für die Spielentwicklung) und Engine (den „Rahmen“ für das eigentliche Spiel) herstellen, aber die Projekte haben Ausmaße angenommen, die einzelne Firmen nicht mehr bewältigen können. Middleware-Entwickler sagen deshalb öffentlich, wie leistungsfähig die nächsten Konsolen mindestens sein sollen, und die Konsolenhersteller müssen ihre Kritik ernst nehmen, damit sie die nötige Unterstützung bekommen. Doch Vorsicht: Firmen wie Epic oder Crytek verlangen nicht mehr Leistung in den Konsolen, weil sie sich für die Spielerinnen und Spieler einsetzen, sondern weil sie ihre Middleware verkaufen wollen. Und der Absatz kommt erst ins Rollen, wenn die alten Engines den neuen Konsolen nicht mehr genügen.

Bei der Entwicklung der Wii U muss Nintendo mehrere Interessen berücksichtigen: Sie darf den finanziellen Rahmen nicht sprengen, sonst muss sie wie Sony oder Microsoft jahrelang mit Verlusten kämpfen; die Rahmenbedingungen für die Spielentwicklung müssen für möglichst alle Entwicklerstudios stimmen, und nicht nur für die Blockbuster-Produzenten; schließlich sollen auch Entwickler außerhalb von Nintendos Kreisen in der Konsolenentwicklung einbezogen werden. Klar ist, dass Nintendo nichts dafür kann, wenn viele Dritthersteller nicht ihrem Weg folgen wollen. Natürlich muss Nintendo einige Firmen enttäuschen, allerdings müssen Dritthersteller auch nicht die finanzielle Verantwortung übernehmen, wenn sie etwa mehr RAM oder einen schnelleren Prozessor fordern. Die großen Third Parties müssen sich ebenfalls nicht um das Sterben der kleineren Entwicklungsstudios kümmern, denn sie können sich die AAA-Spiele-Produktion leisten, während sich Nintendo sehr wohl Sorgen um die kleinen Firmen macht, weil nur so genug Vielfalt garantiert wird. Ob Wii U in ihrer Gesamtheit überzeugen kann, werden die nächsten zwei Jahre zeigen.

Gewiss sorgt Nintendos Marschrichtung weiterhin für Kritik, aber die Firma zeigt auch Einsicht: Viele Restriktionen, die Nintendo in dieser Generation einführte, werden korrigiert oder gar fallengelassen. Insbesondere im Download-Bereich hat Nintendo bisher viele Entwickler verärgert. Dabei waren die Restriktionen in erster Linie Maßnahmen, um Qualität und Preisstabilität zu sichern. Seit Apple jedoch mit loser Preis- und Qualitätskontrolle die Welt erobert hat, machen diese Maßnahmen nicht mehr viel Sinn und sind bereits für den eShop des 3DS modifiziert. Ob Apple jedoch mit dieser Politik im Sinne der Konsumentinnen und Konsumenten handelt, ist eine andere Frage.

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2 Responses to Nintendo und die Third Parties: Ein Unding?

  1. HomiSite sagt:

    Ist das mit der „Tie-Ratio“ der Wii wirklich so? Die breite Meinung besagt doch, dass ein Großteil der Wiis nur für Wii Sports und eins, zwei andere Nintendo-Titel gekauft wurden. Oft las man, dass sich Wii-Versionen nur schlecht verkauften (da wurde dann immer auf Nintendos eigene Spiele verwiesen, die den Third Partys das Wasser abgraben würden).

    Ich habe selbst keine Erfahrungen mit Nintendos Online- und Download-Strategie, aber der letzte Absatz klingt schon etwas zu positiv. Gut, die genauen Restriktionen kenne ich nicht, aber sie schienen ja härter als die auf XBLA gewesen zu sein – und da gab es wohl kaum einen Qualitäts-/Preisverfall.

    PS: Politisch korrekte Formulierungen nerven :-).

  2. piccolo-junior sagt:

    Guter Artikel, aber dass Apple eine „lose Preis- und Qualitätskontrolle“ hat, bezweifle ich. Trifft das nicht eher auf Google zu?