Spielepreise unter Druck

Der Verkaufspreis von Videospielen gerät unter Druck. Eine Kolumne über das veränderte Konsumverhalten in unserer Gesellschaft und mögliche Konsequenzen für die Entwicklerfirmen.

Wann habt ihr das letzte Mal ein ganzes Musikalbum gekauft? Ich kann mich an mein letztes Mal nicht mehr erinnern. Nicht, dass ich Lady Gagas neueste CD illegal runtergeladen hätte: Die Musikindustrie bestraft willkürlich einzelne Raubkopierer drakonisch, deshalb nehme ich Abstand von illegalen Musik-Downloads. Aber trotz dieser Kampagnen bringt die Musikindustrie mich nicht dazu, wieder in einen CD-Laden zu gehen und eine Platte zu kaufen – mal abgesehen davon, dass solche Läden praktisch ausgestorben sind.

CDs empfinde ich heutzutage als zu teuer, und die schrumpfenden Verkäufe zeigen, dass meine Meinung mit der Allgemeinheit übereinstimmt. Schuld an dieser Entwicklung haben nicht nur die Musikpiraterie, sondern auch die legalen Angebote zum Herunterladen von Songs: Da man auch einzelne Musikstücke runterladen kann, kaufen die meisten Kunden nur einzelne Titel von einem Album. Die Industrie verdient deshalb auf diesem Weg weniger als früher. Wisst ihr noch, wie viel eine Single-CD damals kostete? Könnt ihr euch noch erinnern, wie Best-of-irgendeine-Musikrichtung-Sammlung die CD-Läden füllten? Diese Einnahmenquellen sind inzwischen versiegt.

Die Videospielindustrie ist zwar nicht im gleichen Maße betroffen, trotzdem verweist sie zu Recht darauf, dass auf gewissen Systemen, wie zum Beispiel dem DS, die Software-Piraterie grassiert. Zwei Argumente tauchen häufig auf: Erstens spielen die Leute vor allem auf jenen Systemenraubkopierte Spiele, die über keinen starken Kopierschutz verfügen; zweitens empfinden viele – auch ehrliche – Spielerinnen und Spieler die Spiele als zu teuer. „Unfug, die meisten Raubkopierer hätten das Geld, sie wollen es nur nicht ausgeben“, werdet ihr mir wohl antworten, und dieses Argument dürfte richtig sein. Konsumentinnen und Konsumenten schätzen die Preise jedoch relativ zu anderen Produkten ein, und wie in der Musikbranche ist die Software-Piraterie nur einer der möglichen Gründe für die sinkende Bereitschaft, 50 bis 60 Euro für ein Spiel zu zahlen.

Nintendos Präsident Iwata äußerte sich auf der GDC (Game Developers Conference) kritisch über die extrem günstigen Spiele auf Smartphones und Tablets. Obwohl die meisten dieser Spiele den Konsumenten nur kurzfristig unterhalten können, beeinflussen sie sehr wohl die Kaufbereitschaft der Konsumentinnen und Konsumenten. Wozu 40 Euro für ein DS-Spiel ausgeben, wenn auf dem iPhone ein ähnliches Spiel für ein paar Euro existiert? Einige Firmen spezialisieren sich darauf, erfolgreiche Spiele zu imitieren. Aber auch größere Spieleproduzenten wie EA und Square-Enix haben Mitschuld an dieser Entwicklung: Indem sie einige ihrer erfolgreichen Serien auf Smartphones verramschen, schaffen sie ein Ungleichgewicht zwischen den Systemen. Sie portieren ihre Spiele mehr schlecht als recht auf Smartphones und Tablets, aber weil diese Spiele keine Neuentwicklungen sind, können sie die Kosten nach unten drücken und diese Ports für wenig Geld anbieten. Kopfschüttelnd nehme ich zur Kenntnis, wie selbst langjährige Spielerinnen und Spieler dauernd über zu teure Spiele lamentieren, vor allem DS-Spiele kommen schlecht weg. Dass diese Spiele sich nicht mit billigen Download-Titeln vergleichen lassen, wird in diesen Diskussionen ignoriert.

Sowohl Nintendo als auch Sony glauben noch an einen lukrativen Markt für traditionelle Handhelds, zusammen mit Microsoft werden die drei Firmen nochmals eine neue Generation von Heimkonsolen lancieren. Wie stark werden jedoch Smartphones die Verkäufe der Handhelds und Heimkonsolen beeinflussen? Einige sehen hier keinen großen Zusammenhang und trennen die beiden Märkte voneinander. Ich gehöre eher zu jener Gruppe, die eine schleichende Extremisierung in den Softwarepreisen beobachtet: Entwicklerfirmen sehen sich gezwungen, entweder mit möglichst wenig Mitteln Download-Spiele zu produzieren, oder ihre Existenz mit der Entwicklung eines teuren Blockbusters aufs Spiel zu setzen. Am meisten leiden jene Firmen, die bisher mit mittleren Budgets kleine bis mittelgroße Spiele für Handhelds und Heimkonsolen herstellten, dabei sind es gerade diese Firmen, die in den früheren Konsolengenerationen für die nötige Diversität sorgten. Wenn sie im neuen Marktgeschehen nicht überleben können, werden sie entweder schließen müssen oder von größeren Konzernen übernommen werden.

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2 Responses to Spielepreise unter Druck

  1. piccolo-junior sagt:

    Guter Artikel.

    Konkurrenziert werden durch die neuen Smartphones- / Tabletsgames vor allem die mobilen Konsolen. Der stationäre Konsolenmarkt wird meiner Meinung nach kaum durch die „Ramsch“-Titel beeinflusst.

    Der grosse Trumpf der Smartphones ist, dass man sie immer dabei hat und dass die Titel günstig und für kurze Strecken ideal geeignet sind.

  2. ness sagt:

    Der Abschnitt über die Entwicklung der mittelgroßen Spiele ist wirklich traurig, ja. Dahingehend könnten die Download-Plattformen aller 3 großen Hersteller vielleicht etwas Abhilfe schaffen. Denn heutzutage erscheinen dort ja teilweise auch schon mittelgroße Spiele wie Lara Croft oder Shadow Complex, wobei diese noch in 2(,5)D sind.

    Man sollte vielleicht aber auch mal die Möglichkeit in Erwägung ziehen, Retail-Spiele zu einem markant geringerem Download-Preis anzubieten. Immerhin fallen viele Distributionskosten wie Lagerung, Verpackung und die Handelsmarge weg. Wenn man dann sieht, dass ein neuer Halo-Titel bei Xbox Live als Downloadtitel trotzdem 50€ oder so kostet, kann man da nur mit dem Kopf schütteln. Ich kann zwar verstehen, dass man den Handel nicht verärgern möchte, aber irgendwie muss man dem Kunden ja entgegenkommen.

    Und die Entwicklung der 99 Cent Spiele im App-Store ist ebenso besorgniserregend, da Entwickler inzwischen fast schon gezwungen sind, ihre Spiele für 1 oder 2$ hineinzustellen, weil sie ansonsten einfach aufgrund der schieren, billigen Alternativen kaum einer kaufen würde. Und von diesem Dumping geht halt laut vielen Stimmen wirklich eine nicht zu unterschätzende Gefahr aus. Manche vergleichen die Situation sogar schon mit 1983. (Was jetzt nicht heißt, dass ich das auch tue, ich finde diesen Vergleich nur interessant.)