Videospiele, Hausarbeit und Erwerb: Zeitmanagement für Fortgeschrittene

Das Erwachsensein bringt allerlei Probleme mit sich. Eine konstante Herausforderung ist das Finden von freien Zeitabschnitten zwischen Pflichten und Arbeit. Eine Kolumne für die gestressten Spielerinnen und Spieler im Berufsalter.

Kinder haben es oft nicht leicht, wenn sie Videospiele zocken wollen: Eltern können die Spielzeit massiv einschränken, teils aus vernünftigen Gründen (Konzentration für die Schule!), teils aus unvernünftigen Gründen (Furcht vor Killerspielen). Außerdem ist das Taschengeld häufig etwas knapp, und der Fernseher im Schlafzimmer ist auch nicht bei allen eine Selbstverständlichkeit. Gut möglich, dass wohlhabende Kinder diese Probleme nicht kennen, für mich zumindest waren Spiele teuer und daher gern angenommene Geburtstagsgeschenke.

Viele Probleme in den jungen Jahren lösen sich von selbst: Das Taschengeld nimmt immer mehr zu oder wird mit Gelegenheitsarbeit aufgebessert; Eltern geben einem zunehmend mehr Freiraum, und irgendwann zieht man auch aus. Und hat man erst einmal die Bildungskarriere abgeschlossen, dann kann man endlich das eigene Leben so gestalten, wie man will. Oder etwa doch nicht? Nach einem langen Arbeitstag, dem Lebensmitteleinkauf, der Essenszubereitung und dem Abwasch lässt sich die Spielerin oder der Spieler auf den Sessel fallen und stellt fest, dass die Hände und der Kopf zu müde sind, um jetzt den Controller in die Hand zu nehmen und eine schweißtreibende Spielsession zu starten.

Willkommen in der Welt der Erwachsenen! Wer diese Welt betritt, merkt bald einmal, welche Einheiten die wichtigsten im Leben sind: Zeit und Geld. Und Geld bekommt man in der Regel nur im Tausch gegen Arbeitsstunden. Je mehr Geld also eine Person benötigt, desto mehr Zeit muss sie in ihren Job investieren. Zählt man noch die Pflichten wie Haushalt und Vereinstätigkeiten hinzu, stehen die Schweizerinnen und Schweizer im Durchschnitt vor über 50 Stunden Pflicht und Arbeit pro Woche (für die Deutschen stehen mir keine Zahlen zur Verfügung). Noch schlimmer sieht die Situation bei den Eltern aus, denn in einem Haushalt mit kleinen Kindern müssen sie über 70 Stunden Pflichtbewusstsein zeigen. Wie soll jemand ein zeitintensives Hobby wie das Videospielen unter der Woche pflegen? Unter diesen Umständen kann man bereits von Glück sprechen, an einem Arbeitstag mindestens eine Stunde dafür investieren zu können. Dass man mehrere Tage hintereinander nicht eine Minute lang die Spielkonsole bedient, ist jedoch eher die Regel als die Ausnahme.

Seit Jahren kenne ich das Problem nicht, zuwenig Geld für Spiele zu besitzen. Aber die Zeit schwindet in nichts, und nach dem Uni-Abschluss ist Zeitmanagement zu einer dauernden Herausforderung geworden. Das Geld für mich arbeiten zu lassen (um selber weniger arbeiten zu müssen) hat sich bisher als schwierig erwiesen: Einerseits zahlen Banken heutzutage nur noch lächerlich niedrige Zinsen, andererseits haben Investitionen in Fonds und Aktien in diesem Jahr kaum Gewinne gebracht, weil die Wirtschaftskrise noch nicht ausgestanden ist. Bleibt also nur die Option übrig, Teilzeit zu arbeiten und dafür bescheiden zu leben. Leider bedeutet diese Entscheidung auch, auf Karriere und auf Sicherheit zu verzichten, weil Teilzeitstellen oft zuerst gekürzt werden, sollte eine Firma ihre Ausgaben reduzieren.

Gerade als Videospielenthusiasten merken wir schnell, dass die heutige Gesellschaft immer noch zu viele Zwänge hervorbringt und den Menschen in ihrer Lebensweise bestimmt. Zwar nehmen die Arbeitsstunden pro Person eher ab und sind verglichen mit jenen im vergangenen Jahrhundert deutlich reduziert worden, aber die Anforderungen sind dafür gestiegen, Multitasking im Arbeitsplatz bedingt mehr Erholung nach der Arbeit. Die Zeit für den Haushalt können die meisten Leute kaum noch reduzieren, dank moderner Technik benötigen wir bereits so wenig Zeit dafür wie noch nie in der Menschheitsgeschichte.

Grundsätzlich gibt es zwei Lösungswege für das Zeitdilemma: eine persönliche und eine gesellschaftspolitische. Jede einzelne Person kann für das Zeitbudget folgende Entscheidungen treffen: Bereitschaft für ein bescheidenes Leben und Teilzeitarbeit, konsequente Nutzung der Pendelzeit, d.h. Zocken während Zugfahrten, und Einplanung der Ferien fürs Videospielen. Ganz schwierig ist die Situation mit Kindern. Nach meiner Erfahrung ist es am klügsten, Kinderhüten und Videospiele zu kombinieren, wenn kindgerechte Spiele auf dem Tisch liegen. Sollten diese Maßnahmen nicht genügen, hilft dann nur noch knallhartes Durchkalkulieren aller Aktivitäten. Gut möglich, dass man andere Hobbys reduzieren oder gar auf sie verzichten muss. Und nicht selten streichen die Leute gleich das Videospielen von ihrer Liste.

Gesellschaftspolitisch steht uns folgendes zur Diskussion: Ließe sich die Arbeit nicht besser verteilen? Und wie steht es mit der Entlohnung? Viele Menschen arbeiten zu viel, viele haben hingegen keine Arbeit. Nicht alle Branchen bieten Teilzeitarbeit, trotz der Kenntnis, dass viele qualifizierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wegen der Familie nicht Vollzeit arbeiten können. Was die Entlohnung betrifft: Viele Menschen arbeiten Vollzeit und kommen trotzdem kaum über die Runden, während Kaderleute zwar mächtig Kohle scheffeln, aber rund um die Uhr präsent sein wollen. Das Resultat ist dasselbe, nämlich viel Arbeit und wenig Freizeit. Auch temporäre, d.h. prekäre Arbeitsverhältnisse verhindern das Videospielen: Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass eine solche Situation nicht zum entspannten Zocken während der Woche einlädt.

Videospiele mögen nur ein Hobby sein, aber wenn das Leben das Ausüben eines Hobbys verhindert, dann haben wir nicht bloß ein persönliches, sondern ein gesellschaftliches Problem.

5 Antworten zu Videospiele, Hausarbeit und Erwerb: Zeitmanagement für Fortgeschrittene

  1. ness sagt:

    @ „Nach einem langen Arbeitstag, dem Lebensmitteleinkauf, der Essenszubereitung und dem Abwasch lässt sich die Spielerin oder der Spieler auf den Sessel fallen und stellt fest, dass die Hände und der Kopf zu müde sind, um jetzt den Controller in die Hand zu nehmen und eine schweißtreibende Spielsession zu starten.“

    Für sowas gibt es dann Spiele wie „Endless Ocean“ ;).^^

  2. Ein höchst anregender Beitrag, dem ich in weiten Teilen zustimmen kann.

    Sollte es tatsächlich irgendwann soweit sein, dass wir keine privaten Freiräume mehr finden, scheint einer kreativen Verkümmerung nichts mehr im Wege zu stehen.

  3. Cube sagt:

    Wusstet ihr eigentlich, dass ein/e Hausmann/-frau heutzutage im Schnitt noch genauso lange für die Hausarbeit braucht, wie vor 40~50 Jahren? Moderner Technik zutrotz… Einfacher ist es geworden, ja, aber nicht unbedingt zeitsparender.

  4. piccolo-junior sagt:

    Dem kann ich nur zustimmen. Problematisch wird es vor allem dann wenn man mehrere Hobbys hat. Ich habe auch schon wochenlang nicht gezockt, weil ich einfach keine Lust habe. Mittlerweile versuche ich Games zu spielen, die vor allem eine kurze bis mittlere Spielzeit haben.

  5. Phil sagt:

    Geht mir genauso wie im Beitrag beschrieben. Daher ist es für mich auch mittlerweile schwierig, wirklich langwierige Games überhaupt zu starten. Ein Zelda fühlt sich heutzutage einfach mehr nach Arbeit an, als nach Entspannung. Einfach weil man viel zu viel Zeit aufbringen muss, um es durchzuspielen. Sei es objektiv betrachtet noch so gut. Oftmals spiele ich dann auch wochenlang nicht. Auf der anderen Seite muss ich aber auch sagen, dass ich das Zocken nicht so stark vermisse wie ich dies früher vielleicht getan hätte. Und das gelegentliche Zocken, wenn man dann wirklich wieder Zeit und auch Lust drauf hat, ist dann doch wieder mehr etwas Besonderes.