Bremsen die Spielkonsolen wirklich die Entwicklung von PC-Spielen?

Diese Kolumne bezieht sich auf Cevat Yerlis Meinung, dass der PC rund eine Generation weiter sei, aber von den Spielkonsolen ausgebremst werde. Technikfetischisten gegen Gameplay-Puristen, Runde 63!


Eigentlich haben Spielefans eine ungewöhnlich ruhige Zeit in den letzten Monaten: Der Konsolenkrieg ist faktisch beendet, die Wii so deutlich vor der Konkurrenz, dass selbst ein schwaches Jahr der Wii die Anteile kaum verändert; die Technik- und Bildervergleiche können kaum noch jemandem aus der Reserve locken, mittlerweile wissen alle die technischen Vorzüge und Nachteile der Konsolen auswendig; und weil die Nachfolgekonsolen noch mindestens ein Jahr von einer Veröffentlichung entfernt sind, können sie auch nicht viel Gesprächstoff erzeugen. Einzig der 3DS hat in der jüngsten Vergangenheit für etwas Aufregung gesorgt, aber mangels Konkurrenz fragen sich die Fans nur, ob Nintendo sich bei einigen Entscheidungen nicht selber ein Bein stellt.

Cevat Yerli von der Firma Crytek hat wohl etwas gegen diese friedvolle Zeit, denn in einem Interview im November behauptete er, dass die Spielkonsolen die PC-Spiele ausbremsen würden. Die Aussage lässt sich wie folgt begründen: Ein moderner, marktüblicher PC sei mindestens eine Generation weiter als die PS3 oder die Xbox 360. Da die Videospielindustrie sich jedoch auf die zwei Konsolen konzentriere, würden Spiele nicht nach dem Stand der heutigen PCs entwickelt. In der Tat existiert kaum ein neues PC-Spiel, das hohe technische Anforderungen verlangt. Aber bremsen wirklich die PS3 und die 360 die PC-Spielentwicklungen aus? Warum können Entwickler nicht ein PC-Spiel nach dem neuesten Stand der Technik machen?

Einfach gesagt schrecken ökonomische Überlegungen vor einer solchen Spielentwicklung ab: Erstens kostet ein nach dem neuestens Stand der Technik produziertes Spiel viel Geld, zweitens verfügt nur ein elitärer Kreis von Technikliebhabern über einen genügend leistungsstarken PC für das Spiel. Die erfolgreichsten PC-Spielentwickler achten deshalb darauf, dass ihre Spiele eher niedrige Mindestanforderungen stellen. Mit dieser Strategie erreicht Blizzard ein sehr großes Publikum. Die PS3 und die 360 spielen bei dieser Überlegung keine Rolle.

Trotzdem schließen sich viele Spielefans Yerlis Meinung an. Sie fordern nach neuen Konsolen, die mit modernen PCs mithalten, wenn nicht sogar diese übertreffen können. Sie argumentieren, dass erst dann die Industrie den technischen Sprung macht. Zwei Probleme lassen sich damit jedoch nicht lösen: Erstens bleibt die Technik trotzdem auf dem technischen Stand der Konsolen, und bereits nach kurzer Zeit ist der PC technisch wieder voraus, ohne dass diese Technik genutzt wird; zweitens ist die Finanzierung von technisch aufwändigen PC-Spielen immer noch hoch riskant, die meistens nur mit der zusätzlichen Entwicklung einer Konsolenversion gerechtfertigt wird. Die Technikfetischisten sehen zwar einen Zusammenhang zwischen der Nutzung der PC-Technik und jener der Konsolentechnik, aber sie ziehen die falschen Schlüsse! Nicht die veraltete Konsolenhardware hindert den Produzenten, PC-Spiele auf dem neuesten technischen Stand zu machen, sondern der zu kleine Markt für ein solches Produkt. Deshalb passen die Entwickler ihre Spiele an die Technik der Konsolen an, um mehr Einheiten verkaufen zu können.

Es ist einfach, die Konsolen als Sündenböcke darzustellen. Doch wollen die Entwickler wirklich High-Tech-Spiele für den PC entwickeln, müssen sie an zwei Aspekten arbeiten: Die Spiele müssen trotz hoher technischen Anforderungen möglichst viele Spielerinnen und Spieler erreichen, und das Budget muss an die Größe der Zielgruppe angepasst sein. Um die kleine Zielgruppe der Technikfreaks zu vergrößern, muss das Produkt global vermarktet werden. Die größte Herausforderung ist allerdings das Budget, denn dummerweise stellt ebendiese Zielgruppe die höchsten Ansprüche, weshalb die Spiele für diese Gruppe auch zu den teuersten Produktionen gehören. Dass die meisten Entwickler keine Antwort auf diese wirtschaftliche Frage finden, ist zwar bedauerlich, aber sie (und die Technikfans) sollten nicht die Schuld bei den Konsolen suchen.

Advertisements

2 Antworten zu Bremsen die Spielkonsolen wirklich die Entwicklung von PC-Spielen?

  1. lostNerd sagt:

    Sehr schön, dem kann man kaum was hinzufügen.

    Wobei sicherlich das Gegenargument auftauchen wird, dass die PC-Spieler-Gemeinde eben auch so klein sei, weil viele PC-Spieler zu den Konsolen gewechselt sind.

    Natürlich hängt dieser Wechsel zu einem grossen Teil grade mit dem Aufrüstwahn früherer Jahre zusammen, aber das werden die PC-Fanatiker wohl ausblenden……

  2. piccolo-junior sagt:

    Guter Artikel. Ich verstehe die Kritik schlicht nicht, schliesslich können durch die „niedrigen“ technsischen Standards mehr PC-Spieler ein Game spielen, ohne sich gleich einen neuen PC zu kaufen.