Der Ruf nach dem Killerspiel-Verbot im Kontext unserer Zeit

Obwohl Videospiele schon immer ein Thema für Jugendschützerinnen und Jugendschützer waren, stehen sie heute so stark unter dem öffentlichen Druck wie nie zuvor. Eine Kolumne als Plädoyer für mehr Gelassenheit und Vertrauen in die Jugend.

Was haben Videospiele mit dem Anschlag am 11. September 2001 in den USA zu tun? Vermutlich fällt einigen Zockern nichts ein bis auf die vielen modernen Kriegsspiele, die in den letzten Jahren extrem an Popularität gewannen – man denke nur an „Call of Duty: Modern Warfare 2“. „9/11“ war jedoch mehr als ein terroristischer Akt, der Anschlag verursachte tiefe Wunden in dem kollektiven Bewusstsein und wirkt – so glaube ich – bis heute noch derart stark, dass sich die Gesellschaft in den westlichen Ländern auch zur jetzigen Zeit verängstigt zeigt. Insbesondere die USA steckt in der Paranoia fest und erschwert ihren Flugverkehr mit zum Teil übertriebenen Kontrollen und Sicherheitsvorschriften.

Call of Duty - Modern Warfare 2

Generell verlangt die Gesellschaft nach mehr Sicherheit, weshalb die Politikerinnen und Politiker bei ihrem Wählerpublikum am meisten punkten, wenn sie sich für eine Verschärfung aller möglichen Gesetze stark machen. Nicht selten werden jene Politfuchse auch dann noch unterstützt, wenn die eingeführten Gesetze offensichtlich fundamentale Rechte verletzen. Obwohl 9/11 zuerst nur direkte Auswirkung auf die Reisevorschriften und militärische Planung hatte, dehnte die Sicherheitspolitik stetig auch auf andere Bereiche aus. Das Vertrauen in andere Menschen sinkt, stattdessen werden immer mehr Kontrollen durchgeführt und immer mehr Verbote als präventive Maßnahme eingesetzt.

Gewiss, der Ruf nach einem Killerspiel-Verbot hat viele Väter: Nicht nur 9/11 beeinflusste die Debatte signifikant, auch die verschiedenen Schulmassaker seit der Littleton-Schießerei verstärken den Wunsch nach Maßnahmen. Dennoch war 9/11 der entscheidende Tag der gesellschaftlichen Veränderung. Das Jahrzehnt vor dem Anschlag sah deutlich anders aus: Nach dem Mauerfall kam die Demokratiebewegung in Fahrt, die Rechte und Freiheiten vieler Menschen wurden gestärkt, und der kulturelle Austausch intensivierte sich nicht zuletzt durch die schneller werdende Globalisierung. Der aufkommende Neoliberalismus wurde zwar schon damals vor allem ökonomisch verstanden, nichtsdestotrotz erhielten die Menschen mehr Freiheiten. Auch die junge Generation profitierte: In der Schweiz wurde beispielsweise das Wahlrecht auf die 18-jährigen ausgedehnt, das Lernen fürs Motorradfahren erleichtert, und das Einbürgerungsverfahren für junge Ausländerinnen und Ausländer vereinfacht, zumindest an manchen Orten.

Diese Entwicklung wurde seit den Anschlägen vom 11. September jäh gestoppt. „Stimmrechtalter 16“ lehnte das Schweizer Stimmvolk ab, der Alkoholkonsum soll erst ab 18 Jahre erlaubt sein, eine Legalisierung von weichen Drogen ist in weite Ferne gerückt. Verbote, Verbote, Verbote! Es herrscht ein Klima der Angst, die Gesellschaft misstraut der Jugend. Statt einer zweiten Chance erhalten kriminell gewordene Jugendliche eine härtere Bestrafung als früher, und viele Leute wollen sie am liebsten für alle Zeiten wegsperren oder ins Ausland verfrachten. Diese Leute fürchten vor diesen Einzelfällen und vertrauen nicht der großen Mehrheit der jungen Generation, die mit Videospielen vernünftig umgehen kann; stattdessen zeigen sie auf die wenigen Einzeltäter, die in ihrer Freizeit unter anderem Videospiele mit Gewaltdarstellungen spielen oder spielten.

Viele leidenschaftliche Spielerinnen und Spieler halten es für selbstverständlich, sich gegen ein Verbot der „Killerspiele“ einzusetzen. Viele kämpfen auch für einen besseren Ruf ihres Hobbys und gegen den Ausdruck „Killerspiele“. Doch wie viele sehen ihren Einsatz in einem größeren Kontext? Der Kampf gegen das Killerspielverbot wird leichter, wenn die Gesellschaft im Allgemeinen sich wieder mehr für Rechte und Freiheiten empfänglich zeigen kann. Wir müssen uns deshalb nicht nur für unsere Rechte als Videospielerinnen und Videospieler einsetzen, sondern auch in anderen Bereichen für mehr Freiheit und Toleranz votieren.

4 Antworten zu Der Ruf nach dem Killerspiel-Verbot im Kontext unserer Zeit

  1. pyri sagt:

    „Those who would give up essential Liberty to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety.“ Benjamin Franklin. Sehr richtig. Vielen Dank!

  2. Doktor Trask sagt:

    Der Autor hat vollkommen Recht, deshalb setze ich mich ja persönlich schon seit längeren nicht nur für mein Hobby sondern auch für Demokratie, Recht und Freiheit ein. Leider ohne großen Erfolg, obwohl wir immer mehr werden die sich für oben genantes einsetzen.

  3. piccolo-junior sagt:

    Ich kann die These nicht teilen. Freiheit geht nicht ohne Verantwortung und die fehlt vielen Leuten. Was es braucht, sind nicht mehr Verbote, sondern nur schärfere Sanktionen.

  4. Alrik sagt:

    Ich teile die Meinung des Verfassers nicht.
    Wer sind denn die Verfechter eines Killerspielverbots ?
    Politiker wie Wolfgang Schäuble oder Otto Schilly, die als Innenminister strengere Sicherheitsmaßnahmen gefordert haben ?
    http://www.abgeordnetenwatch.de/dr_wolfgang_schaeuble-650-5664–f172554.html#q172554

    Nein.
    Es sind vor allem Personen aus dem Linken bis Linksextremen Spektrum, verstärkt von ein paar Rechtspopulisten aus den konservativen Parteien.
    Beispiele gefällig ?
    Joachim Herrmann, Innenminister des Landes Bayern und Mitglied der CSU.
    Konstantin Wecker, Liedermacher, bekannt durch seine Solidaritätskonzerte für die SED und die Irakische Baath Partei.
    Maria Mies, Professorin an der FH Köln, bekannt durch ihre Forschungen zu den Themen Ökosozialismus und Ökofeminismus.
    Alle drei zählen zu den Erstunterzeichnern des berüchtigten Kölner Aufrufs, in dem unter anderem behauptet wird das:
    „Killerspiele von der US-Army entwickelt wurden um unsere Kinder auf die Völkerrechts- und Grundgesetzwidrigen Kriege der USA auf dem Balkan und in Afghanistan vorzubereiten“
    „ein militärisch-mediale-industrieller Komplex besteht, der Hochschulen und die Bundeszentrale für politische Bildung unterwandert hat“
    „nicht die Eltern verantwortlich sind wenn ihre Kinder gewaltäter werden, sonder der militärisch-mediale-industrielle Komplex“
    Wo ist da eine Verbindung zu den Anschlägen auf das WTC oder den Amokläufen an Schulen ?

    Für mich ist diese Verbotsstimmung Teil einer neuen Neosozialistischen Welle.

    Nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus geriet die Idee des Sozialismus in eine Krise.
    Obwohl zutief materialistisch und mit dem Anspruch die Bedürfnisse der Menschen wesentlich effizenter befriedigen zu können als andere Gesellschaftsformen scheiterten die Länder des real existierende Sozialismus selbst daran die materiellen Bedürfnisse ihrer Einwohner zu befriedigen.
    Zum Teil durch Ineffizienz, zum Großteil aber durch die Verfolgung von Kritikern dieser Ineffizenz, wodurch sie auch den Anspruch verloren haben demokratischer zu sein als andere Gesellschaftsformen.

    Vor allem in den Länder des ehemaligen Westblocks führte dies dazu das die Verfechter eines utopischen Sozialismus an Boden verloren haben.
    Statt einem mehr an staatlicher Einmischung, das laut ihrer Ideologie die Freiheit des Einzelnen schützen soll gab es weniger staatliche Einmischung, vor allem in Wirtschaftlichen Dingen.
    So vielen erstmals staatliche Monopole, etwa im Bereich der Telekomunikation oder der Eisenbahnen.

    Und es sind jetzt genau diese Vertreter eines utopischen Sozialismus die ein Verbot von Killerspielen fordern.
    Und zwar mit den Anspruch dadurch für die Freiheit des Einzelnen zu kämpfen der durch Neoliberalismus und durch den militärisch-medialen-industriellen Komplex bedroht ist.

    Ihre Lösung dafür ist ein mehr an staatlicher Kontrolle und ein mehr an staatlicher Einmischung.
    Und wir reden hier nicht über irgendwelche „Nacktscanner“ am Flughafen die das Entwürdigende Abtasten durch die Hände einer fremden Person ersetzen soll, sondern um Zensurmaßnahmen die sich im Besonderen auf Medien für Erwachsene beziehen.

    Dieses mehr an staatlicher Einmischung bezieht sich auch auf die Forschung und die Lehre an den Hochschulen, so wird im Kölner Aufruf auch gefordert das der Staat mehr in die Bildung inverstieren soll und die Zusammenarbeit der Hochschulen mit der Wirtschaft verdammt.
    Diese Leute sehen es kritisch das Menschen an einer Hochschule die nötigen Fertigkeiten und Kentnisse für ihr zukünftiges Berufsleben – etwa als Gamedesigner – erwerben und das die Industrie die davon profitiert sich daran beteiligt.
    Ihr Ideal ist eine Hochschule an der man über Ökosozialismus und Ökofeminismus forschen kann, und dabei vom Staat finanziert wird.

    Das ironische daran ist, das diese Menschen eigentlich schon lange nicht mehr Links sind und es vermutlich nie gewesen sind.
    Klassische Linke Tugenden wie ein strikter Materialismus werden verdammt, mit Schlagwörtern wie die angebliche „Ökonomisierung aller Lebensbereiche“ oder „Neoliberalismus“.
    Als Gegenbild dazu wird ein Utopie propagiert, in der Friede, Freude Eierkuchen herrscht, alle furchtbar happy und verständnissvoll sind und es allen gut geht.
    Darüber wie diese Utopie verwirklicht werden kann wird nicht gearbeitet, ja nicht einmal gedacht.
    Wo sind die Sozialisten die wie George Orwell 1936 gegen Franco heute gegen Saddam oder die Taliban in den Krieg ziehen ?
    Es gibt sie nicht. Statt dessen treten sie lieber auf Solidaritätskonzerten in Bagdad auf oder verbreiten Verschwörungstheorien über Killerspiele die vom „militärisch-medialen-industriellen Komplex“ entwickelt wurden, oder vertreten populäre Forderungen ohne sich darüber Gedanken zu machen welche Folgen ihre Umsetzung hat.

    Natürlich gibt es auch ein paar Politiker aus dem konservativen Lager die nach einem Verbot von Killerspielen rufen. Zum Teil sind das populistische Thesen mit denen man Wähler gewinne will, zum Teil auch Neosozialistische Ideale. Es gibt ja auch Herz Jesu Marxisten…

    Um mal einen größeren Zusammenhang zu liefern:
    Wie sieht das Deutschland aus, das diesen Leuten vorschwebt ?
    Ein Land in dem Killerspiele verboten sind. Darüber was ein Killerspiel ist entscheiden gute Menschen die kein Ahnung von Spielen haben womit gewährleistet ist das sie nicht vom militärisch-industriellen-medialen Komplex sind.
    Bezahlt wird das ganze über eine Zwangsabgabe pro verkauften Spiel (auch Wendy’s Ponyhof und den Landwirtschafts Simulator) und Steuergelder die an Institute und Hochschulen fließen an denen dann keine Gamedesigner ausgebildet werden. Bildung soll schließlich nicht „ökonomisch verwertbar sein“, und der Student soll schließlich gebildet, nicht ausgebildet werden.
    Dafür kann man dann über Ökosozialismus und Ökofundamentalismus forschen. Studenten werden diese Vorlesungen zweifelos furchtbar interessant finden.

    Aussenpolitisch hat sich dieses Deutschland aus der NATO ( völkerrechtswidrige Kriege ) und der EU (Neoliberalismus) verabschiedet, wobei linke Politiker und Medien es nicht nachvollziehen können warum unsere Nachbar das bedenklich finden. Rechte Politiker fordern dagegen ein Bündniss mit Frankreich und / oder Russland und die Entwicklung eigener Atomwaffe und weisen auf die Bedrohung Deutschlands durch US- Truppen in Polen, Tschechien und anderen Nachbarländer hin.
    Auf der Ebene der UNO ist das Neue Deutschland immer voll fürs Völkerrecht und so, aber wenn es darum geht Truppen für Blauhelmmissionen oder sogar für Kampfeinsätze zu stellen überlässt man den Pakistanis und Indern das töten und sterben. Die Amis machen ja nicht mehr mit, seitdem Ron Paul Präsi ist, also kann man auch nicht mehr meckern.

    Unrealistisch ?
    Nicht mal die Atomwaffen, siehe Scholl Latour.