Otaku1990 in Japan (Teil 6)

Jede Reise hat auch mal ein Ende. Wie wir unseren Urlaub in Tokyo zu einem gebührenden Abschluss brachten, lest ihr im letzten Teil dieser Serie…

Venus Fort

Als ich am Morgen einen Blick aus dem Fenster warf, traute ich kaum meinen Augen: Nach vier bewölkten, regnerischen Tagen erstreckte sich nun endlich ein klarer, blauer Himmel über Tokyo. An unserem letzten Tag in Japan, na endlich!
Meine Auffassung der Wetterlage änderte sich bereits wenige Minuten später, als André und ich uns in Richtung U-Bahn-Station aufmachten, denn erst an der frischen Luft kapierten wir, was „schönes Wetter“ in Tokyo während der Sommerzeit bedeutet: Es ist HEIß! Und schwül dazu!

Dennoch untermalte der Sonnenschein wunderbar unser heutiges Ziel: Odaiba, die künstliche Insel! Nach Verlassen des Bahnhofs fanden wir uns bereits am Strand wieder, wo Japaner das Wetter nutzten, um Aktivitäten wie Beach-Volleyball nachzugehen. Schwimmen sahen wir allerdings niemanden, wahrscheinlich weil das Wasser der Bucht entsprechend dreckig ausfällt.
Ohne wirkliches Ziel vor Augen schlenderten wir durch Odaiba, vorbei am Hauptquartier von Fuji TV (wiederzuerkennen an seiner Aussichtskuppel), mit der Rainbow Bridge im Rücken und dem großen Riesenrad im Augenwinkel. Ich hielt währenddessen vor allem nach einer bestimmten Attraktion Ausschau, von welcher ich bereits vor dem Urlaub in einem Reiseführer erfahren hatte: „Venus Fort“, ein riesiges Einkaufszentrum, welches vor allem durch seine Innenarchitektur glänzt. Und tatsächlich: Nach nicht einmal einer viertel Stunde Fußmarsch standen wir plötzlich vor einem relativ unscheinbar wirkenden Gebäude mit entsprechender Aufschrift. Die winzige Eingangshalle, welche genauso gut zu einer Arztpraxis hätte gehören können, ließ mich doch etwas grübeln, ob wir denn wirklich richtig waren. Kurzerhand bestiegen wir den Fahrstuhl und warteten ungeduldig darauf, dass sich die Türen wieder öffneten. Als sie dies endlich taten, offenbarte sich uns ein atemberaubender Anblick…

Das Innere von Venus Fort ist komplett im Gewand einer südeuropäischen Stadt eingerichtet und verfügt sogar über einen künstlichen Himmel. Die Geschäfte sind wie in einer italienischen Einkaufsstraße angeordnet. Sogar einen Springbrunnen im Barock-Stil gibt es zu bewundern, und das auch noch von mehreren Stockwerken aus. Mit einem Softeis bewaffnet (so ziemlich das einzige erschwingliche Produkt vor Ort) spazierten wir durch die „Straßen“ von Venus Fort, besuchten einen bis zur Decke mit „Pokémon“-Merchandise gefüllten Spielzeugladen, ergötzten uns an den Auslagen diverser Imbisse und genossen währenddessen die Klimaanlage. Bevor wir uns versahen, fanden wir uns in „Tokyo Leisure Land“ wieder und bemerkten erst jetzt, dass dieser Teil des Gebäudes zusammen mit Venus Fort und einigen anderen Abschnitten zum großen „Palette Town“-Komplex gehört. Nun befassten wir uns erst einmal mit den unzähligen Arcade-Automaten und erprobten uns in einer Runde „Mario Kart GP 2“ (spielerisch der Hauptreihe defenitiv unterlegen, aber trotzdem witzig, nicht zuletzt aufgrund des Live-Kommentars von Koichi Yamadera). Unser weiterer Weg führte uns durch die Messehalle „Megaweb“ von Toyota und schließlich zum „Daikanransha“, dem 115 Meter hohen Riesenrad, für welches Odaiba berühmt ist. Diese Chance ließen wir uns natürlich nicht nehmen und bestiegen nach längerem Anstehen eine der Gondeln (zu meinem Glück bemerkte André erst im Nachhinein, dass auch Fahrten mit komplett durchsichtigen Gondeln angeboten wurden).

Wir erschraken nicht schlecht, als uns nach Beginn des Ritts eine piepsige Stimme durch die Lautsprecher begrüßte. Hello Kitty höchstpersönlich erklärte uns lang und breit (in Japanisch und Englisch), dass das Daikanransha aufgrund des 35. Jubiläums der Schmusekatze ganz in dessen Stil eingekleidet worden war. Aha, deshalb also blinzelte mir ein großer Hello Kitty-Aufkleber von einem der Gondelfenster entgegen. Während uns die Stimme weiterhin zutextete, genossen wir die Aussicht, denn wir waren soeben am höchsten Punkt des Riesenrads angekommen. In weiter Ferne erblickte André den riesigen „Gundam“-Nachbau, welcher in Odaiba zur Feier des 30. Jahrestages der Anime-Serie (noch ein Jubiläum!) aufgestellt worden war. Nun war klar: Bevor wir unseren Abstecher nach Shibuya angingen, mussten wir zuerst noch den Gundam besichtigen!

Real-G Gundam

Eine kurze Strecke per Zug und zu Fuß und schon türmte sich der etwa 18 Meter hohe RX-78-2-Nachbau vor uns auf. Entgegen unserer Erwartungen konnten wir uns dem Roboter nähern, ohne Eintritt zahlen zu müssen. Nur wer bis in nächste Nähe kommen wollte, musste 1000 Yen locker machen. In regelmäßigen Zeitabständen drehte der Gundam, begleitet von originalgetreuen Soundeffekten, seinen Kopf, manchmal stieß er sogar Dampf aus, untermalt von den Ohs und Ahs der japanischen Masse.

Auch von diesem Spektakel mussten wir uns leider alsbald wieder trennen, denn wir hatten an unserem letzten Tag in Tokyo noch ein wichtiges Viertel zu besichtigen: Shibuya!
Als wir aus der Shibuya Station auf die berühmte Kreuzung traten, traf es uns mit voller Wucht: Das Bild, welches wir immer von Tokyo hatten, genau vor unseren Augen! Welche Menschenmassen!

Bei solch einem heillosen Durcheinander verlor sogar André den Überblick, sodass wir vollkommen ziellos durch die überfüllten Straßen Shibuyas irrten. Wie bereits am ersten Tag unserer Reise, in Akihabara, ließen wir die Eindrücke einfach auf uns wirken und uns von den Menschenmassen herumspülen. Wir kamen nicht einmal dazu, Fotos zu schießen (abgesehen von den Videos, welche wir von der Shibuya Crossing machten).

Ich weiß nicht mehr wie, aber wir schafften es irgendwann tatsächlich zu einer U-Bahn-Station. Bevor wir einen der Züge bestiegen, war zuerst einmal eine Lagebesprechung angesagt. Uns blieben nur noch wenige Stunden in Tokyo. Hatten wir alles gesehen?
Wir waren unteranderem in Akihabara, Ginza, Roppongi, Shibuya und Shinjuku gewesen. Die wichtigsten Viertel hatten wir also abgeklappert. Selbst Mitaka und Nikko hatten wir begutachten können. Wir hatten in einer Woche mehr von Tokyo gesehen, als ich je für möglich gehalten hätte. Waren wirklich noch Wünsche offen? Ja, André hatte noch zwei kleine Angelegenheiten zu erledigen: Erstens wollte er noch das Sony Building von innen sehen (als wir davor gestanden und den Fisch-Roboter bestaunt hatten, war es bereits geschlossen gewesen) und zweitens wollte er Japan nicht verlassen, ohne zuvor sein Reisebudget für Actionfiguren verbraten zu haben.

Zuerst statteten wir also Ginza ein weiteres Mal einen Besuch ab (wir wollten schließlich nicht schon wieder vor verschlossenen Türen stehen). Diesmal kamen wir rechtzeitig und konnten die neuesten technischen Spielereien aus dem Hause Sony begutachten, sowie uns einen 3D-Film zur Unterwasserwelt zu Gemüte führen. Danach beendeten wir unseren Urlaub so, wie wir ihn begonnen hatten: In Akihabara. André plünderte sämtliche Anime-Läden und deckte sich mit neuen wie gebrauchten Actionfiguren ein. Ich hielt mich eher zurück (wohin schließlich mit all dem Zeug), aber eine kleine Statue von Simon aus „Tengen Toppa Gurren Lagann“ tat es mir dann doch an und ich schlug zu.

Bepackt mit unseren Einkaufstüten trafen wir abends wieder in Shiba ein. Erst jetzt, als die Aufregung sich legte, bemerkten wir unsere leeren Mägen, die seit dem Frühstück keine feste Nahrung mehr gesehen hatten. Es gab nur ein Gericht, das unseren letzten Tag gebührend abzuschließen vermochte: Eine große Schüssel dampfender Ramen!
Wir betraten ein Ramen-Restaurant in der Nähe unseres Hotels, das mir schon mehrere Male aufgefallen war und ließen uns kraftlos auf ein paar Stühle niedersinken, hinter uns einige japanische Angestellte, die ihren Feierabend genossen (an einem Samstag) und gerade ihr erstes Bier serviert bekommen hatten.

Unser Zustand an diesem Abend war durchaus mit dem am ersten Tag zu vergleichen. Die warme, würzige Suppe war nun genau das richtige, um unseren nervösen Mägen etwas Gutes zu tun. Als man uns schließlich die großen Schüsseln vorsetzte (die Japaner schienen bereits angetrunken zu sein und schmissen irgendetwas um, woraufhin innerhalb von Sekunden ein Angestellter mit Handtüchern zur Stelle war) vergruben wir uns in den Nudeln, schlürften genüsslich die Brühe und griffen ab und an zu einem Glas Wasser. Das Aroma Tokyos zerfloß auf unseren Zungen und hinterließ einen fremdartigen und doch wohltuenden Nachgeschmack. Es sättigte uns und wärmte unsere Herzen, sodass uns der Abschied von Japan nicht mehr ganz so schwer fiel.

26. Juli. Ich sitze neben André in meinem Sitz (wie beim Hinflug erhielten wir auch diesmal eine Zweierreihe) und warte auf den Start des Fluges. Plötzlich setzt sich die Maschine in Gang. Wir nehmen immer mehr an Tempo zu, bis wir schließlich abheben. Auf Wiedersehen, ihr höflichen Japaner, die ihr sogar den Bürgersteig saubermacht, wenn ihr eure Cola verschüttet. Auf Wiedersehen ihr Getränke- und Gashapon-Automaten, ihr Porno-Abteilungen in Akihabara und ihr ohrenbetäubenden Gashapon-Hallen in Shinjuku! Auf Wiedersehen, Tokyo Tower, auf Wiedersehen, ihr überteuerten, flambierten Currywürste, ihr gemütlichen Yukata-Bademäntel, ihr Schreine und Tempel. Auf Wiedersehen, ihr überdimensionalen Einkaufszentren, ihr Berge und Seen, ihr Wälder und Wasserfälle, ihr Geschäftsviertel bei Nacht, deren rote Ampeln ich so gerne übersehe. Auf Wiedersehen, ihr Haifisch-, Laputa- und Gundam-Roboter. Auf Wiedersehen, ihr Fischgerichte, wohlschmeckenden Suppen und Teigwaren aus dem hiesigen 7-Eleven.
André weist mich darauf hin, einen Blick aus dem Fenster des Flugzeugs zu werfen. Der große Fujiyama, welcher sich tagelang aufgrund des schlechten Wetters unseres Blickes entzogen hatte, streckt uns nun stolz seinen Gipfel entgegen. Ein paar Sekunden später und auch er ist unter der Wolkendecke verschwunden. Auf Wiedersehen, Fujiyama. Auf Wiedersehen, Tokyo. Auf Wiedersehen, Japan. Bis zum nächsten Mal!

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5 Antworten zu Otaku1990 in Japan (Teil 6)

  1. ness sagt:

    Ich glaube in durchsichtige Gondeln wär ich auch nicht eingestiegen^^.

    Das mit der Riesen-Gundam Figur ist aber auch cool, hätte bloß noch gefehlt, dass er richtig wegfliegt^^.

    Alles in allem eine schön zusammengestellte Reise-Serie, hat Spaß gemacht zu lesen =). Und neidisch bin ich auch geworden, nicht nur einmal ;).

  2. Oliver sagt:

    Wie Columbo sagen würden: Eine Frage hätte ich aber noch: Wie kannst du in Japan gewesen sein, ohne die Chance zu ergreifen, Miyamoto auf einem Fahrradweg in Kyoto abzupassen und aus ihm handfeste Infos über Pikmin 3 heraus zu pressen? Ich meine, das stylische Sony Building, das unüberschaubare Akihabara, U-Bahn-Systeme, die sich wie Lebensadern durch eine unvergleichliche Millionenstadt winden usw. schön und gut, aber das kann doch nicht den Anblick des Weißen Würfels (TM) in Kytoto ersetzen, DEN Wallfahrtsort für Nintendo-Jünger.
    (Ähnlichkeiten mit gewissen Religionen sind rein zufällig)
    ;)

    Ach übrigens, wünsche allen hoffentlich glücklichen Besitzern viel Spaß mit NSMB Wii.

  3. Otaku1990 sagt:

    Nach Kyoto hat uns die Reise leider nicht verschlagen, sonst wären wir auf jeden Fall mal zum Nintendo HQ gepilgert. Wenn man als Tourist schon nicht rein darf, so hätten wir wenigstens Beweisfotos geschossen ;)

    Vielleicht beim nächsten Mal… ;D

  4. ness sagt:

    Miyamoto könnte man echt auf seinen Weg zur Arbeit „abfangen“? Hätte er dann nicht jeden Tag eine stundenlange Fahrt?^^

  5. piccolo-junior sagt:

    Jetzt heisst es warten auf den nächsten Reisebericht. ^^