Otaku1990 in Japan (Teil 5)

Ein neuer Tag im Land der aufgehenden Sonne bricht an. Neben einem typischen Großstadtviertel würden wir heute die Peripherie Tokyos, sowie die Facetten des U-Bahn-Systems kennenlernen…

Shinjuku

„Chuuou Line… Chuuou Line… Chuuou Line…“, murmelte ich vor mich hin, während ich die Schilder über unseren Köpfen studierte. Wir befanden uns im Bahnhofsgebäude von Shinjuku, einem der wichtigsten Stadtteile Tokyos. Als hübsch würde ich das, was ich von Shinjuku gesehen habe, nicht bezeichnen. Eher erinnerte es mich an die tristen Betonfassaden, immer wieder unterbrochen von Wolkenkratzern, welche man in jeder Großstadt vorfindet. Bei unserem kurzen Bummel durch einen Teil des Bezirks, der auch gerne als „Mini-Akihabara“ bezeichnet wird, wühlten wir uns durch das vollkommen unüberschaubare Angebot eines mehrstöckigen Allzweckladens (in welchem man von Unterwäsche, über Videospiele bis hin zu Sex-Toys alles in rauhen Mengen vorfindet und in dem man kaum treten kann), setzten uns dem ohrenbetäubenden Lärm einer Pachinko-Halle aus und landeten schließlich in der Shinjuku Station, dem verkehrsreichsten Bahnhof der Welt. Während unserer Anwesenheit hielt sich das Menschenaufkommen allerdings in Grenzen. Überhaupt war uns Tokyo bisher erstaunlich leer vorgekommen.

Der Grund, weshalb wir die Shinjuku Station aufgesucht hatten, war das Ghibli Museum, welchem wir heute einen Besuch abstatten wollten. Bereits am ersten Reisetag hatten wir einen der hiesigen Lawson-Supermärkte aufgesucht, wo man sich die entsprechenden Tickets (deren Stückzahl stark begrenzt ist) am Automaten ziehen kann. Ich hatte mich schon vor der Abreise online darüber schlau gemacht, wie ich die komplett in japanischer Sprache gehaltenen Automaten zu bedienen hatte, um an mein Ticket (eigentlich eine Reservierung und nur für einen bestimmten Zeitrahmen an einem bestimmten Tag gültig) zu kommen. Dementsprechend selbstsicher näherte ich mich der Maschine, nur um festzustellen, dass dessen Interface inzwischen komplett überarbeitet worden war. Zum Glück eilte einer der Angestellten zur Hilfe und bediente den Automaten nach unseren Anweisungen, sodass wir schon bald unsere Eintrittskarten für das Ghibli Museum in den Händen halten durften.

„Aha! JR Chuuou Main Line!“, stieß es aus mir hervor. Wir hatten die Zuglinie gefunden, welche unteranderem nach Mitaka, einem Städtchen am Rande Tokyos und Standort des Museums, fährt. Wir erreichten das Bahngleis zur rechten Zeit, sodass der Zug bereits nach ein paar Minuten angerollt kam. 20 Minuten dauerte die Fahrt nach Mitaka und entgegen meinen Erwartungen fiel das Zugfahren genauso günstig aus wie das Fahren mit der U-Bahn. Wer in Tokyo lebt, kann wirklich nicht behaupten, über keine geeignete Transportmöglichkeit zu verfügen.

Mitaka strahlte eine wunderschön idyllische Vorstadtatmosphäre aus. Kaum ein Auto auf den Straßen, der Himmel verdeckt durch das Wirrwarr an Stromkabeln und überall enge Gässchen, welche uns an den kleinen Wohnhäusern mit ihren noch kleineren Höfen und Gärten vorbeiführten. Irgendwie fühlte ich mich, als würde ich durch Inaba aus „Persona 4“ schlendern.

Mitaka

Nach einem viertelstündigen Fußmarsch erreichten wir schließlich das Gelände des Ghibli Museums, welches von Außen äußerst unscheinbar anmutet. Da wir recht früh dran waren und der nächsten Besuchergruppe noch kein Einlass gewährt wurde, vertraten wir uns die Beine im angrenzenden Sportgelände, wo Japaner im Kreis joggten und Tennis spielten (trotz des noch immer mäßigen Wetters). Langsam bildete sich vor dem Eingang des Museums eine kleine Menschentraube, weswegen wir dorthin zurückkehrten, um kurz danach in die heiligen Hallen eintreten zu dürfen. Die Frau, welche unsere Reservierungen in die eigentlichen Tickets (kleine Filmstreifen) umtauschte, erkundigte sich, woher wir kämen und schien höchst erfreut über deutsche Gäste, weshalb sie uns ein enthusiastisches „Guten Tag!“ entgegenschmetterte.

So unscheinbar das Ghibli Museum von außen wirkt, umso schöner ist dessen Inneres gestaltet. Wer am Ticketschalter vorbei gen Haupthalle schreitet, darf unterwegs die liebevoll gestalteten Deckengemälde und die Glasmalereien in den Fenstern betrachten, in welchen sich diverse Ghibli-Figuren verstecken.
Die Haupthalle hinterließ bei mir den stärksten Eindruck. Hier fühlt man sich mitten in die Szenerie eines Ghibli-Films hineinversetzt: Hölzerner Boden, hohe Wendeltreppen, Verbindungsbrücken und eine Glaskuppel erzeugen eine ungemein gemütliche Atmosphäre.
Ohne wirkliches Ziel vor Augen schlenderten wir durch die einzelnen Abteile, wobei wir zuerst einen Raum betraten, in welchem diverse Methoden des Animierens zur Schau gestellt wurden. So wurde zum einen eine Szene aus dem neuesten Ghibli-Film „Ponyo“ in Einzelbildern ausgestellt, welcher man durch das Drehen an einer Kurbel leben einhauchen konnte, zum anderen wurde das Prinzip der Stop-Motion-Animationstechnik anhand eines Karussells, bestückt mit Figuren aus „Mein Nachbar Totoro“ veranschaulicht: So waren mehrere Exemplare des Katzenbuses, jedes in einer bestimmten Pose, im Kreis angeordnet. Alle paar Sekunden begann sich das Karussell zu drehen, wodurch sich der Katzenbus zu bewegen schien. Nun wurde auch noch ein Blitzlichteffekt hinzugeschaltet, was eine absolut flüssige Bewegung erzeugte, sodass der Katzenbus lebensecht seine sechs Beine durch die Lüfte schwang.
Zusätzlich zu dieser Attraktion gab es einen Schrank mit vielen kleinen Türchen, unter denen jeweils Jahreszahlen angebracht waren. Öffnete man eines der Türchen, so fiel der Blick auf eine Szene aus dem jeweiligen Ghibli-Film, welcher in dem entsprechenden Jahr veröffentlicht wurde. Ebenfalls beeindruckend war eine Miniaturausgabe des Roboters aus „Das Schloss im Himmel“, um den dank optischer Täuschung ein Schwarm von Vögeln in die Lüfte emporzusteigen schien. Allein in diesem einen Raum gab es selbstverständlich noch viel mehr zu sehen, doch auf jedes Ausstellungstück einzeln einzugehen, würde den Rahmen dieses Berichts bei weitem sprengen.

Nachdem wir in dem kleinen Museumskino einen exklusiven Kurzfilm aus dem Hause Ghibli genießen durften, ein altmodisches Atelier (vollgestopft mit wunderschönen Zeichnungen und Skizzen zu den diversen Filmen des Studios) besichtigt und den Kindern beim Herumtollen auf einem Katzenbus-Nachbau zugeschaut hatten, machten wir uns auf den Weg zur Dachterasse, wo eine lebensgroße Statue des Robotersoldaten aus „Das Schloss im Himmel“ auf uns wartete. Wie jedes der Außenareale des Museums war auch das Dach reich an Vegetation, was einen großen Teil des Charms des Ghibli Museums ausmacht. Ein Foto vor der Roboterstatue zu machen, ist natürlich Pflichtprogramm, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass Fotografieren im Inneren des Gebäudes verboten ist. Nachdem einige Japaner ihre Schnappschüsse im Kasten hatten, waren dann auch André und ich an der Reihe. Bitte lächeln!

Bevor wir uns einige Zeit später wehmütig auf den Rückweg machten, statteten wir dem wunderschön gestalteten Innenhof des Museums noch einen Besuch ab. Hier können sich durstige Besucher unteranderem an einem voll funktionstüchtigen Brunnen Wasser pumpen oder sich an den zahlreichen kleinen Details, wie den grinsenden Gullideckeln und den bemalten Fensternischen laben. Als wir das Museum schlussendlich wieder verließen, strahlten André und ich über beide Ohren, denn der Besuch des Ghibli Museums war wirklich ein Erlebnis und stellt rückblickend wohl den Höhepunkt unserer Reise dar.

So viel Begeisterung macht natürlich hungrig und so blieb ich mit einem Male stehen, als ich auf dem Rückweg durch Mitaka ein Schaufenster mit Plastiknachbildungen von diversen schmackhaft anmutenden Gerichten erblickte. Die Vitrine gehörte zu einem urigen japanischen Restaurant, wie man sie sonst nur aus Animes kennt. Als wir drinnen Platz genommen hatten, wurde uns bereits je ein Glas Wasser serviert (dieses gibt es in japanischen Restaurants stets gratis, aber da es sich um Leitungswasser handelt und dieses kräftig gechlort wird, mundet es dem deutschen Gaumen nicht wirklich) und unsere Bestellungen aufgenommen. Ich hatte meine Wahl schnell mitgeteilt, aber André strauchelte ein wenig, was wir damit lösten, dass er dem Bediensteten das von ihm auserkorene Gericht draußen im Schaufenster zeigte. Während wir auf unsere Speisen warteten, warf ich einen Blick hinüber zur Küche, wo der Meister mit Elan die Nudeln bearbeitete, während ihm der Schüler, welcher uns bedient hatte, ihm ab und an zur Hand ging. Auf dem kleinen Fernseher an der Wand wurde derweil Sumo-Ringen übertragen. Das nenne ich ein original japanisches Erlebnis!

Gesättigt von Curry-Reis und Nudelsuppe trafen wir schließlich wieder in der Mitaka Station ein, wo bereits ein Zug auf uns wartete. Ich wollte kurz innehalten, um nachzuschauen, ob es sich um die richtige Linie handelte, doch André stürmte (da der Zug jeden Moment abzufahren drohte) ohne zu zögern in den Wagen hinein, während ich protestierend hinterherstolperte.
Es dauerte ungefähr zehn Minuten, in welchen eine uns unbekannte Haltestation nach der anderen über die Anzeigetafeln huschte, bis auch André bemerkte, was los war, sich zu mir drehte und bemerkte: „Ich glaube wir sind auf der falschen Linie“. Bravo, gut erkannt!

Den Rest des Nachmittags verbrachten wir damit, über einen riesigen Umweg per U-Bahn wieder zu unserem Hotel zurückzufinden, weshalb unser zweiter Abstecher nach Shinjuku, welchen wir nach dem Besuch des Ghibli-Museums eingeplant hatten, flach viel. Zumindest konnte ich ausgiebig Japaner beim U-Bahn-Fahren studieren. Neben genervten Eltern und einem „Dragon Quest IX“ spielenden Pärchen durfte ich Bekanntschaft mit einem müden Angestellten machen, dessen Kopf alle paar Sekunden auf meine Schulter hinabzusinken drohte. Ein weiteres original japanisches Erlebnis!

–> zu Teil 6

Advertisements

2 Responses to Otaku1990 in Japan (Teil 5)

  1. ness sagt:

    Wieder einmal schön zu lesen, vor allem die persöhnlichen Erfahrungen vom Ghibli-Museum hatten mich sehr interessiert, da ich hoffe, es auch irgendwann mal besuchen zu können^^.
    Kannte zwar zuvor schon Bilder und Berichte aus der Animania, aber so kleine Details wie hier im Artikel sind immer wieder lesenswert und höchst interessant =).

  2. piccolo-junior sagt:

    Sehr schöner Artikel, da wird man wirklich neidisch. Das Ghibli Museum scheint ja rege besucht zu werden.^^