Otaku1990 in Japan (Teil 4)

Unser Tokyo-Trip geht weiter. Heute würden wir die Mega-Metropole nicht nur von seiner großstädtischen, sondern auch seiner landschaftlichen Seite kennenlernen…

Ginza

Welch penetrante Töne dringen da durch meine Ohrstöpsel, welche ich mir als Maßnahme gegen Andrés Schnarchgewohnheiten in den Gehörgang geschraubt hatte? Es ist der Song „Zetsubou Billy“, der mich bereits zum zweiten Mal ruckartig aus dem Reich der Träume befördert. Ohne zu zögern hüpfe ich aus den Federn und schnappe mir die bereits am Vorabend bereitgelegten Kleidungsstücke, bevor ich in Richtung Badezimmer verschwinde. Richtig aufwachen kann ich auch noch unter der Dusche, denn meine Zeit in Tokyo ist begrenzt und heute beginnt bereits der dritte Tag meines Aufenthalts im Land der aufgehenden Sonne!

Nach dem Frühstück (welches bei mir weitaus konservativer ausfiel als am Morgen zuvor) sammelten André und ich uns zusammen mit den anderen Mitgliedern unserer Reisegruppe in der Eingangshalle des Tokyo Prince Hotel und warteten auf unseren Bus. Schließlich stand heute unsere zweite und letzte organisierte Tour an. Unser Weg sollte uns diesmal zum Nikko Nationalpark führen, was unseren Bedarf an Natur abdecken sollte. In Japan gibt es ein Sprichtwort, dass in etwa lautet „Sage nicht prachtvoll, bevor du Nikko gesehen hast“.
Was mir auf der etwas längeren Busfahrt (Nikko liegt etwa 140 Kilometer nördlich von Tokyo) sofort auffiel, war der kompetente Reiseleiter, welcher nicht nur wesentlich besser Englisch sprach als sein Kollege am Vortag, sondern auch eine gehörige Portion Humor an den Tag legte und seine Vorträge dementsprechend unterhaltsam gestaltete.

Unser erstes Ziel stellten der Rinnouji-Tempel und der Toushougu-Schrein dar, welche direkt aneinander liegen (ein schönes Beispiel für die Vermischung von Buddhismus und Shintoismus in Japan). Praktischerweise erreichten wir das Gelände um Punkt 12 Uhr, was es uns ermöglichte, einem Mönch beim Läuten der Tempelglocke zuzuschauen. Unser Reiseleiter führte uns anschließend durch den Komplex von Tempelgebäuden und machte uns auf Details aufmerksam, die dem ungeschulten Touristen-Auge andernfalls entgangen wären. So erfuhren wir beispielsweise, dass eines der Reliefs, welches einen Elefanten darstellte, entstanden ist, ohne dass der Künstler je einen Elefanten oder ein Bild eines Elefanten zu Gesicht bekommen hatte. Stattdessen vertraute er allein auf Beschreibungen aus seinen Büchern. Das Ergebnis kann sich sehen lassen!
Auch die berühmten drei Affen (die nichts böses hören, nichts böses sagen und nichts böses sehen) gab es an einer der Tempelfassaden zu bewundern. Obwohl das damit verbundene Sprichwort tief in der japanischen und chinesischen Tradition verwurzelt ist, sind dessen Ursprünge und genaue Bedeutung bis heute nicht ganz geklärt.

Unser nächster Programmpunkt (dem ein umfangreiches japanisches Mittagessen vorausgegangen war) führte uns tiefer in die Berglandschaft Nikkos. Hier hoffte André, endlich die wilden Affen anzutreffen, welche in Nikko nicht unüblich sind und die er bisher vermisst hatte. Leider sollte er dabei keinen Erfolg haben.
Als Entschädigung bot sich uns ein Ausblick auf den Chuuzenji-See, welchen wir nach einer kurvenreichen Fahrt durch etliche Serpentinen erreicht hatten. Mit seinen 25 Kilometern Umfang ruht der See stattliche 1.270 Meter über dem Meeresspiegel und mündet im Kegon-Wasserfall, welchen wir als nächstes besichtigten. Dessen Wassermassen stürzen ganze 97 Meter in die Tiefe, was den Kegon-Wasserfall zu einem der drei höchsten Wasserfälle Japans macht. Seitdem ein japanischer Dichter sich hier in den Tod stürzte (nachdem er ein Abschiedsgedicht in den Stamm eines Baumes geritzt hatte), begehen verzweifelte (oft junge) Japaner hier Selbstmord.

Abgesetzt wurden wir nach dem Ausflug in Ginza, einem teuren Geschäftsviertel Tokoys, direkt vor dem Sony Building (was Andrés Augen zum Glühen brachte). Unser Blick fiel auf einen vor dem Gebäude befindlichen Glaskasten mit der Aufschrift „Sony Aquarium“, in welchem ein kleiner Haifisch gemütlich seine Runden drehte. Erst als wir ihn eine Weile angestarrt hatten, fiel uns auf, dass es sich bei dem Tier in Wirklichkeit um einen täuschend echt wirkenden Roboter handelte! Kein Wunder, dass so viele Japaner begeistert drumherum standen und mit ihren Handys eifrig Fotos schossen, sowie Filmchen drehten. Wir taten es ihnen gleich. Da das Sony Building selbst bereits geschlossen war, beschlossen wir, ihm an einem anderen Tag nochmals einen Besuch abzustatten, sollten wir nochmal in der Nähe sein.

Abends durch die Straßen von Ginza zu schlendern raubte uns den Atem. Ein Meer von Lichtern, riesige Bürogebäude, Geschäfte und Restaurants, dazu belebte Bürgersteige und volle Straßen, ohne dass die Geräuschkulisse als laut bezeichnet werden könnte. Eine der riesigen Kreuzungen zu überqueren, während einem eine Heerschar von Japanern entgegenschreitet, ist schon eindrucksvoll. Vor allem da man theoretisch die Augen schließen könnte und trotzdem am anderen Ende der Kreuzung ankommen würde, ohne auch nur einmal Körperkontakt mit den Einheimischen gehabt zu haben. Vom hektischen Treiben anderer Metropolen kann hier keine Rede sein. Die Atmosphäre wirkte gleichzeitig ruhelos und beruhigend. Durch die hypnotisierende Wirkung der Ginza am Abend wäre ich fast über mehrere rote Ampeln gelaufen, hätte mich André nicht rechtzeitig aufgehalten. Nebenbei erwähnt stehen in der Ginza die hübschesten Polizeihäuschen. Teilweise muten sie an, als wären sie von einem Star-Architekten designt worden.

In einem der sündhaft teuren Restaurants der Ginza zu Abend zu essen, kam natürlich nicht in Frage, weswegen wir uns eine U-Bahn nach Shiba schnappten, um uns in der Nähe unseres Hotels nach einer passenden Möglichkeit, unsere Bäuche zu füllen, umzuschauen. Ich äußerte schließlich die glohreiche Idee, dem deutschen Lokal „Franziskaner“, an welchem wir bereits mehrmals vorbeigegangen waren, einen Besuch abzustatten. André war der Idee nicht abgeneigt, denn auch er hatte für heute genug von dem gesunden Zeug, welches man uns in den japanischen Lokalen bisher serviert hatte.

Franziskaner

Als wir uns auf den Barhockern niederließen, umsäuselte der Klang deutscher Partymucke frisch vom Ballermann unsere Ohren, während auf einem kleinen Bildschirm an der Wand Szenen aus München abgespielt wurden. Das Geschäft wurde von Japanern geführt (gegenteiliges hätte mich auch gewundert) und es waren Japaner, welche an einem der Tische in den Genuss eines deutschen Bieres kamen.
Die Kellnerin informierte sich nach dem Austeilen der Speisekarte bei uns, ob wir die Servicegebühr zusammen oder getrennt zahlen wollten. Etwas verdutzt entschied ich mich für letztere Variante und bestellte gleichzeitig zwei Cola. Auf der Speisekarte entzifferte ich das ins Katakana-Korsett gezwängte Wort „Currywurst“ („karee uorusuto“), genau das richtige für unsere armen Mägen. Der Koch zog daraufhin eine beeindruckende Show ab, indem er die Wurst flambierte. Ob man so eine Currywurst zubereiten sollte, sei mal dahingestellt.
Was wir serviert bekamen, war eine für Japan typisch kleine Portion, bestehend aus der angepriesenen Currywurst (übrigens eine Bockwurst), Sauerkraut (war ja klar) und Kartoffelecken. Nun, zumindest ging das Gericht geschmacklich in Ordnung. Nach dessen Verzehr wurde uns die Rechnung ausgehändigt, woraufhin Andrés Augen sich weiteten, während ich ein lautes Lachen unterdrücken musste. Zwei Cola zu je 700 Yen, zwei Currywürste zu je 1.100 Yen, dazu zweimal Servicegebühr in Höhe von 500 Yen. Macht zusammen 4.600 Yen, umgerechnet etwa 35 Euro. Meine Herren!
Nachdem wir Tokyo bisher als ungewöhnlich günstig empfunden hatten, war es ganz schön, die Metropole auch einmal von seiner teuren Seite erlebt zu haben…

–> zu Teil 5

3 Antworten zu Otaku1990 in Japan (Teil 4)

  1. HanSoloh sagt:

    Hi,
    deine Texte sind wirklich sehr informativ für Personen welche selbst einen Aufenthalt in Tokyo planen. Was mich sehr interessieren würde, was zahlt man denn für Verpflegung am Tag? Oft sind die Hotels in Tokyo ja nicht einmal mit Frühstück musste ich feststellen. Mit wellchen Kosten muss ich also rechnen? =)

    • Otaku1990 sagt:

      Das kommt drauf an. Möchtest du einfach nur deinen Hunger stillen und hast kein Problem, auf McDonalds, Fließband-Sushi und Fertigwaren aus dem hiesigen 7-Eleven zurückzugreifen? Dann wirst du günstig hinkommen.

      Möchtest du aber in Restaurants essen, kanns schonmal teurer werden. Ein guter Mittelweg stellen die Ramen- und Soba-Imbisse dar. Eine große, sättigende Schlüssel Nuddelsuppe bekommst du für 500 bis 700 Yen.

  2. ness sagt:

    Der Haifisch sieht aber echt mal cool aus. Bin sowieso immer gespannt, wenn neue Videos/Nachrichten über die neuesten Roboter Japans erscheinen^^.