Otaku1990 in Japan (Teil 3)

Der zweite Tag unseres Tokyo-Aufenthalts. Würden uns heute ähnlich skurille Eindrücke wie in Akihabara erwarten…?

Kaminarimon

Japaner sind unglaublich höflich. Natürlich wusste ich das bereits vor der Reise, aber wie höflich die Japaner wirklich sind, versteht man erst, sobald man es selbst miterlebt hat.
Betritt man ein Geschäft, egal welcher Art, so wird man stets vom Verkäufer begrüßt. Verlässt man es wieder, bedankt er sich für den Besuch (auch wenn man nichts kauft). Räumt ein Angestellter gerade Waren in die Regale, entschuldigt er sich bei jedem vorbeigehenden Kunden dafür, dass er im Weg steht (obwohl er nichts dafür kann).
Und wehe, man steht in einer U-Bahn-Station länger als zwei Minuten tatenlos herum: Schon kommt einer der Wachmänner und erkundigt sich, ob er irgendwie behilflich sein kann.

Doch Japaner sind nicht nur höflich und hilfsbereit, sie sind auch sehr rücksichtsvoll. Obwohl es auf den Kreuzungen Tokyos schon mal voll werden kann, wird man niemals angerempelt, da die Einheimischen so früh wie möglich ausweichen. Und dass Tokyo so sauber ist, dass man vom Boden essen könnte, liegt sicher auch daran, dass die Reinigungskräfte ganze Arbeit leisten. Vor allem aber liegt es wohl daran, dass Japaner ihren Müll für sich behalten und nicht einfach auf die Straße werfen, wie man es aus anderen Ländern kennt. Das ist umso erstaunlicher, da es in Tokyo kaum Mülleimer gibt (außer für Getränkedosen und –flaschen, man denke an die allgegenwärtigen Getränkeautomaten).
Einmal sah ich einen Japaner eine Cola am Automaten ziehen, die ihm überlief. Statt sich über seine besudelten Hände zu beschweren, zückte er kommentarlos ein Taschentuch und machte den Bürgersteig sauber. In diesem Augenblick fragte ich mich, ob all dies tatsächlich allein durch gute Erziehung erreicht werden kann oder ob Japaner ab einem gewissen Alter einer Gehirnwäsche unterzogen werden.

Über all das dachte ich nach, bevor ich nach dem ersten anstrengenden, aber enorm interessanten Tag in Japan endlich meinen wohlverdienten Schlaf nachholte. Leider wurde ich am nächsten Morgen viel zu früh wieder aus meinen Träumen gerissen (der „Maximum the Hormone“-Song, den André als Wecker auf seinem Handy eingestellt hatte, leistete ganze Arbeit, mich aus den Federn zu jagen). Heute war der erste von zwei Tagen, an dem wir an einem der angebotenen Tagesausflüge teilnahmen. Etwas Kultur muss schließlich auch sein.
Nachdem wir uns fertig gemacht hatten, schlenderten wir allerdings erst einmal Richtung Frühstücksbuffet. Auf dem Weg zum Fahrstuhl begegneten wir einer der Putzfrauen, der ich auf Japanisch einen schönen guten Morgen wünschte. Auf ihre überschwingliche Reaktion war ich jedoch nicht vorbereitet („Auch Ihnen einen schönen guten Morgen! Einen sehr schönen guten Morgen! Vielen herzlichen Dank!“). So sehr hatte sich noch niemand zuvor über einen einfachen Gruß gefreut.

Am Buffet angekommen, führte uns einer der Angestellten zu einem Tisch, danach machten André und ich uns auf zur Erkundungstour. Neben westlichen Speisen wie Rührei, Würstchen und Cornflakes gab es selbstverständlich auch diverse Zutaten für ein japanisches Frühstück und in einem Anflug von Abenteuerlust versuchte ich mich an einem solchen.
Nun muss man wissen, dass ich normalerweise keinen Fisch esse. Allein der Geruch verdirbt mir schon jeglichen Appetit. Die einzige Ausnahme ist Sushi, da mich dessen Geschmack nicht wirklich an Fisch erinnert. Trotzdem versuchte ich mich in Japan an der ein oder anderen Speise mit Fisch oder Meeresfrüchten, da man schließlich nicht alle Tage dort ist und man sowieso kaum etwas anderes bekommt. Die kleinen Stücke gekochten Fischs, welche ich beim Frühstück verzehrte, bekam ich jedoch kaum hinunter. Als ich versuchte, den Nachgeschmack mit Miso-Suppe wegzuspülen, machte ich es nur noch schlimmer, denn zu meinem Entsetzen schmeckte auch diese nach nichts anderem als Fisch!
Ich hatte erst einmal genug von Meeresgetier und beschäftigte mich mit dem einsamen Stück Tofu auf meinem Teller, dass sich weigerte, zwischen meinen Stäbchen zu verweilen. Ich hatte noch nie zuvor Tofu probiert, aber so wie es schmeckte, schien dieses Exemplar nicht dazu dagewesen zu sein, pur gegessen zu werden. Leicht angeekelt schaufelte ich mir den Reis rein (zumindest damit kann man nichts falsch machen) und wandte mich dann denjenigen Speisen auf meinem Tablett zu, die ich auch kannte.

Nachdem wir uns die Bäuche vollgeschlagen und unsere Taschen gepackt hatten, fanden wir uns in der Eingangshalle des Hotels ein und wurden pünktlich von einem Reisebus (gefüllt mit Touristen aus aller Herren Länder) zu unserer ersten Tagestour abgeholt. Erster Punkt auf dem Plan: Ein Besuch des 333 Meter hohen Eiffelturm-Nachbaus, dem Tokyo Tower. Die vollen 333 Meter kostet man als Tourist allerdings nicht aus. Je nachdem, wieviel man bereit ist zu zahlen, besucht man entweder die Aussichtsplattform in 150 oder 250 Metern Höhe. Im Preis der Veranstaltung inbegriffen war lediglich ein Besuch der 150-Meter-Plattform, wobei uns das nicht weiter störte, da das Wetter in Tokyo (wie schon am Vortag) zu wünschen übrig ließ. Den Fuji erblickten wir folglich nicht, da dies nur bei klaren Verhältnissen möglich ist. Dennoch äußerst amüsant, den riesigen Klumpen Stadt von oben betrachten zu können.

Blick vom Tokyo Tower

Die Souvernirläden waren selbstverständlich vollkommen überteuert und regelrecht verseucht mit „Hello Kitty“-Artikeln. Überhaupt sollte dies nicht unsere letzte Begegnung mit dem weißen Knuddelkätzchen sein…

Unser nächstes Ziel stellte der Meiji-Schrein in Shibuya dar. Dieser noch recht junge shintoistische Schrein wurde 1920 eingeweiht und ist dem ehemaligen Kaiser Meiji und seiner Gemahlin gewidmet. Begrüßt wurden wir von einem der riesigen Holztore, „Torii“ genannt, die den Eingang zu einem Shinto-Schrein markieren und von einer Ansammlung von Sake-Fässern, die anscheinend als Opfer für die Götter dargebracht wurden. Bevor wir den Schrein selbst betreten durften, mussten wir uns am Brunnen die Hände und den Mund waschen, wofür es eine festgelegte Reihenfolge gibt. Auf dem Gelände selbst war es möglich, Talismane zu erwerben, „Ema“ (kleine Gebetstafeln) aufzuhängen oder zu den Göttern zu beten, nachdem man eine Münze in den entsprechenden Kasten geworfen hatte. Apropos beten: Vor einem mit einem Seil verbundenen Paar Bäume (die genaue Bedeutung der Symbolik ist mir nicht bekannt) verbeugte sich eine Japanerin tief und fing danach an, zu ihnen zu beten. Im ersten Augenblick schaut man da als Tourist dumm aus der Wäsche.

Als nächstes führte unsere Reiseleitung uns zum Kaiserlichen Palast, von dem allerdings nicht viel mehr als einige hohe Mauern erhalten geblieben sind. Dafür findet man dort einen sehr schönen japanischen Garten vor.

Kaiserlicher Garten

Zeit fürs Mittagessen! In einem edel anmutenden Restaurant im Einkaufsviertel Ginza servierte man uns ein Mahl, zusammengestellt aus verschiedensten japanischen Speisen. Wie gut, dass es in Japan egal ist, mit welchem Gericht man anfängt!
Neben Nudeln, gegrillten Hähnchenspießen und Salat wartete auch ein Garnelen-Tempura darauf, von mir verspeißt zu werden. Obwohl mein Magen die kulinarischen Erlebnisse des Morgens noch nicht vergessen hatte, biss ich mutig in die Meeresfrucht… Lecker!

Eigenartigerweise führte man uns nach dem Essen in ein Perlengeschäft, wo man uns zeigte, wie man Perlen kultiviert. Dieser 15-minütige Abstecher stand nicht auf unserem Tourplan, sodass ich vermute, dass das Geschäft die Reiseveranstalter in irgendeiner Weise sponsort. Wie dem auch sei, eine Bootsfahrt über den Sumida-Fluss folgte und führte uns nach Asakusa, wo wir „Kaminarimon“, das Donnertor, besichtigten (berühmt für seine fast 700 Kilogramm schwere Papierlaterne). Da dieses Tor zu einem buddhistischen Tempel (dem Asakusa-Kannon-Tempel) führt, war diesmal nicht nur waschen angesagt, zusätzlich mussten wir uns auch beräuchern lassen. Doch bevor wir den Tempel überhaupt erblicken konnten, führte uns unser Weg durch eine ellenlange Ladenstraße namens Nakamise, in welcher jede erdenkliche Art von Ramsch an den Mann gebracht wird. Was den Tempel selbst angeht, bleibt eigentlich nur festzuhalten, dass die Buddhisten wohl etwas mehr Wert auf Prunk legen als die Shintoisten (zumindest wenn man den Asakusa-Kannon-Tempel mit dem Meiji-Schrein vergleicht).

Damit endete unsere erste Tagestour. Den Abend verbrachten André und ich in Roppongi, einem Viertel, welches vor allem für sein Nachtleben bekannt ist. Hier besuchten wir nicht nur das große Einkaufszentrum „Roppongi Hills“, sondern versuchten uns auch an einem dieser japanischen Energiedrinks, welche in kleinen Fläschchen verkauft werden. Ich probierte nur einen kleinen Schluck und trotzdem fühlte ich mich, als hätte man mir einen Eimer Traubenzucker intravenös verabreicht. Nicht schlecht, das Zeug!

–> zu Teil 4

4 Antworten zu Otaku1990 in Japan (Teil 3)

  1. ness sagt:

    Ein weiterer interessanter Bericht =).

    Das mit der Höflichkeit finde ich auch stehts faszinierend. Man hört es zwar oft, aber richtig glauben kann man es irgendwie immer nur schwer^^.

  2. Erinnert mich an meine Zeit in Tokyo…

  3. motherfreak sagt:

    Das stimmt; die Japaner sind wirklich sehr höflich, allerdings denke ich, dass viel davon auch eine falsche Höflichkeit ist. Japaner haben gelernt von klein an eine Maske des Lächelns und der Höflichkeit aufzusetzen, man weiß also eigentlich nie, was sie wirklich denken… Allerdings glaube ich nicht, dass sie großartig was von Touristen wollen.

    Wirklich Klasse finde ich es mit der Sauberkeit, das muss man auch hier haben!^^

  4. piccolo-junior sagt:

    Höflichkeit ist vor allem eine Erziehugnsfrage, da scheinen die Japaner ja besonders strikt zu sein. ^^