Otaku1990 in Japan (Teil 2)

Nach der Ankunft in Japan saßen André und ich also auf unseren Hotelzimmern, packten das nötigste aus und versuchten, das Gefühl, welches nach mehr als 20 Stunden ohne Schlaf ausgelöst wird, zu unterdrücken. Am besten geht das natürlich, indem man sich beschäftigt… Also auf nach Akihabara!

Akihabara

Am einfachsten erreicht man die verschiedenen Stadtteile Tokyos natürlich mit der U-Bahn. Wir betraten also die nächstbeste Station und kümmerten uns zuallererst um unsere Pasmo-Karten. Diese sehen aus wie Telefonkarten und können an entsprechenden Automaten mit Geld aufgeladen werden, um dann an den Drehkreuzen vor jeder U-Bahn-Haltestelle über den Kartenscanner gezogen zu werden. Nachdem man seine Zielstation erreicht hat und die Pasmo-Karte ein weiteres Mal einsetzt, wird der Betrag, den ein Ticket für die gefahrene Strecke gekostet hätte, automatisch vom auf der Karte befindlichen Guthaben abgezogen. Das Restguthaben wird auf einem im Drehkreuz eingebauten kleinen Bildschirm angezeigt. Übrigens kann man die Karten auch für die überirdischen Züge im Bereich Tokyo und einige Bus-Linien verwenden.
Durch den Besitz einer Pasmo-Karte fällt das Kaufen eines Tickets im Voraus flach, was das bereits äußerst effiziente Metro-System Tokyos noch angenehmer macht. Die U-Bahnen in Japan fahren nicht nur in hoher Frequenz, sondern sind auch pünktlich, schnell und vor allem günstig. Von den unglaublich vollen Wagons, in welche die armen Japaner mit Gewalt hineingedrückt werden und sich wie Sardinen in der Büchse fühlen müssen, haben wir nichts mitbekommen, da wir es vermeiden konnten, zu den Stoßzeiten zu fahren. Die meiste Zeit über sind die Wagen recht leer und man findet auch meist einen Sitzplatz, wobei es fast überflüssig ist, sich zu setzen, falls man nicht zumindest sechs Stationen weit fährt. Dafür sind die U-Bahnen einfach zu schnell.

In den Wagons selbst herrscht absolute Ruhe (so sehr, dass ich mehrere Male fast weggedöst wäre), da z.B. das Sprechen am Mobiltelefon untersagt ist. Stattdessen vertreiben sich die Japaner genau so die Zeit, wie man es stets zu hören bekommt: Sie spielen DS, lesen Manga oder schreiben SMS. Hält der Zug an einer der Haltestellen, so stehen die zusteigenden Fahrgäste bereits in Reih und Glied hinter einer Markierung (die Zugfahrer sind darauf trainiert, zentimetergenau zu bremsen, sodass die Türen der Wagons genau an den Markierungen am Bahnsteig zum Stehen kommen) und teilen sich in zwei Hälften auf, sobald sich die Türen öffnen, um in der Mitte Platz für diejenigen zu schaffen, die aussteigen möchten. Danach erst betreten sie die U-Bahn.
Während wir all das beobachteten, ertönte eine Durchsage: „Tsugi wa Jimbocho. Jimbocho“. Und danach nochmal in Englisch: „The next station is Jimbocho“. Nicht schlecht, André hatte das auf den ersten Blick enorm verwirrende Bahnsystem anscheinend halbwegs verstanden und uns heil nach Jimbocho gebracht. Nun noch eine kurze Fahrt auf der Shinjuku Line und wir waren Akihabara bereits ziemlich nahe.

Das erste, was wir nach Verlassen der U-Bahn-Station taten, war der Kauf eines Regenschirms für André (er hatte lediglich eine Regenjacke dabei, welche sich bei den schwülen Temperaturen als weniger angenehm entpuppte). Wir hatten nicht gerade das beste Wetter erwischt, sodass uns Tokyo mit einem Gemisch aus Wolken und Nieselregen begrüßte. André legte sich also in einem kleinen Laden an der Straßenecke (in welchem ein Song der Gruppe „Asian Kung-Fu Generation“ lief) für 500 Yen einen Regenschirm zu; einen durchsichtigen, um genau zu sein. Durchsichtige Regenschirme waren in Tokyo am weitesten verbreitet und ermöglichten es André, so behauptete er zumindest, durch den Schirm hindurch die Wolkenkratzer zu bewundern. Heureka.

Der Weg nach Akihabara führte vorbei an diversen Soba- und Ramen-Imbissen, kleinen Läden wie dem Geschäft mit den Regenschirmen und natürlich etlichen Getränkeautomaten (hier fand ich heraus, dass japanische Coke wie deutsche schmeckt, sofern man nicht zu den eigenartigen Dosen-Flaschen-Hybriden greift, denn dort scheint die Verpackung den Geschmack auf eine Weise zu beeinflussen, die ich weder als positiv, noch negativ beschreiben würde). André hatte inzwischen damit begonnen, jedes Getränk, das er ausprobierte, vor dem Konsum zu fotografieren. So langsam kam die Flut an Neon- und Blinklichtern immer näher, weshalb wir uns sicher waren, im sagenumwobenen Otaku-Paradies angekommen zu sein.

Cosplay-Shop

Eines der ersten Gebäude, welches uns ins Auge fiel, umfasste sieben Stockwerke und schien allerlei Cosplay-Outfits anzubieten. Zumindest standen vor dem Eingang zwei Schuluniformen aus dem Anime „Lucky Star“ und auch in den Schaufenstern der Stockwerke darüber wurden Hausmädchen-Kostüme und Ähnliches präsentiert. Als wir das Geschäft betraten, ließen wir uns von den Gummipuppen an der Wand nicht beirren und suchten stattdessen den Fahrstuhl auf, um uns in den oberen Stockwerken umzuschauen. Im zweiten Geschoss angekommen, erblickten wir eine außerordentliche Auswahl an Kostümen… aller Art. Das angebotene Ledergeschirr machte uns dann doch etwas stutzig. Doch erst als die Fahrstuhltür im dritten Stockwerk aufging und uns das lustvolle Stöhnen eines Anime-Mädels in die Ohren drang, während wir verzweifelt auf den Knopf zum Schließen der Fahrstuhltür hämmerten, hatten wir es kapiert: Wir befanden uns in einem siebengeschössigen Porno-Geschäft! Das vierte Stockwerk bestätigte unseren Verdacht nur noch, sodass wir von den restlichen Abteilen bereits genug hatten, bevor wir sie überhaupt zu Gesicht bekamen. Allerdings mussten wir schon bald feststellen, dass jedes Geschäft in Akihabara eine Porno-Abteilung besitzt; entweder in den obersten Stockwerken, oder im Keller.

Mit einem Grinsen im Gesicht drangen wir tiefer und tiefer in das Elektronik-, Manga- und Anime-Heiligtum namens Akihabara ein. Diejenigen Geschäfte, welche sich nicht über mehrere Stockwerke erstreckten, versuchten den Platzmangel auszugleichen, indem sie die Wände mit ihren Waren pflasterten. Wer hier auf Anhieb findet, was er sucht, verdient meinen Respekt. André und ich zumindest brauchten eine gewisse Zeit, bevor wir einen passenden Stromwandler fanden. Natürlich hatten wir uns bereits in Deutschland entsprechende Geräte zugelegt, jedoch passten die drei Stifte unseres Steckers nicht in die zweistiftigen Steckdosen des Hotelzimmers (anscheinend sind beide Systeme in Japan üblich), was natürlich typisch ist. Statt einen komplett neuen (und teuren) Stromwandler zu kaufen, schlug ich vor, nach einem Adapter zu suchen, der lediglich vom 3-Stift- ins 2-Stift-Steckersystem überführte. Nach einigem Suchen wurden wir fündig und erstanden einen Adapter für etwa 700 Yen.

Was einem in den Einkaufsvierteln Tokyos nach einiger Zeit auf die Nerven gehen kann: Die Japaner rühren für ihre Läden kräftig die Werbetrommel und stehen daher oft auf den Straßen und preisen wie Marktschreier lauthals ihr Angebot an. Gerne auch mal per Megaphon. Von dieser Soundkulisse lenkten mich aber glücklicherweise immer wieder die riesigen Anime-Charaktere auf den Plakaten und Leinwänden ab, sowie die Japanerinnen im Hausmädchen-Kostüm, welche Flyer für die zahlreichen „Maid Cafés“ verteilten (hier wird man von Frauen im entsprechenden Outfit bedient und als Meister angesprochen). Während André und ich am Straßenrand Takoyaki mampften (sehr eigenartiger Geschmack, aber durchaus lecker), beobachtete ich eines der Mädchen beim Verteilen der Flugblätter und stellte zu meinem Bedauern fest, dass niemand sie auch nur ansah. Fortan nahm ich jeden Flyer an, der mir in die Hand gedrückt wurde. Übrigens hatten auch wir vor, einmal ein Maid Café zu besuchen, doch zumindest von Außen sahen diese doch dubioser aus, als wir erwartet hatten, sodass wir es uns schließlich anders überlegten.

Japanerin im Maid-Outfit

Während des Besuchs der großen Sega-Spielhalle (wo japanische Grundschüler „Taiko no Tatsujin“ selbstverständlich auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad zocken) schaltete mein Gehirn sich nach fast 30 Stunden ohne Schlaf einfach ab, sodass Akihabara für mich nur noch eine riesige Reizüberflutung darstellte. Wie ein Zombie trottete ich durch gigantische Manga- und Anime-Kaufhäuser („Animate“ und „Gamers“ lässt grüßen) und Retro-Videospiel-Läden und versuchte dabei dem Drang zu widerstehen, mein Zelt mitten in einem der Geschäfte aufzuschlagen und Akihabara nie wieder zu verlassen. Trotzdem war es langsam Zeit, sich mal wieder Richtung Hotel aufzumachen. Vorher brauchte ich aber noch etwas zwischen die Zähne!

Wir entschieden uns für Fließband-Sushi. Diese Art von Sushi-Restaurant ist auch in Deutschland nicht unüblich: Auf einem Fließband fahren diverse Tellerchen mit verschiedenen Sushi-Sorten am Kunden vorbei und man nimmt sich, was einen gerade anlächelt. In unserem Fall gaben die Muster der Tellerchen Aufschluss über den Preis der Häppchen.
Nach der schmackhaften Mahlzeit war es Zeit, dem Koch klarzumachen, dass wir fertig sind. Da mein Kopf schon lange nicht mehr ordentlich funktionierte, bekam ich keinen ordentlichen japanischen Satz zusammen und griff daher nach meinem Wörterbuch. Ich schlug die Bedeutung von „bezahlen“ nach, nahm die Grundform und hängte die Bittform „onegai shimasu“ an; vielleicht würde er ja verstehen, was ich meinte. Als Antwort schmetterte mir der Koch ein entschiedenes „Wakarimashita!“ („Verstanden!“) entgegen. Das war ja einfacher als gedacht! So schien es zumindest. Denn zwei Minuten später hielt man mir plötzlich ein Tellerchen mit nur für mich frisch zubereitetem Sushi unter die Nase! Ich weiß nicht wie, aber ich hatte irgendeine Art von Fisch bestellt. Ich griff auf Englisch zurück, worauf man mein Anliegen endlich verstand und mir grinsend die Rechnung in die Hand drückte. Nach einigen weiteren Minuten hatten André und ich dann auch kapiert, dass wir mit der Rechnung zur Kasse am Eingang des Restaurants gehen sollten.

Die Rückfahrt mit der U-Bahn verlief glücklicherweise problemlos, sodass ich schon bald unter die Dusche hüpfen, in den bereitgelegten Yukata-Bademantel schlüpfen und danach ins Bett fallen konnte. Das Licht wurde aber natürlich erst gelöscht, nachdem wir unseren Köpfen bei ein paar Minuten schwachsinnigem japanischem Fernsehen eine Ruhepause gegönnt hatten. Immerhin wurde ich Zeuge des wohl großartigsten Werbespots, der je für einen Iso Drink produziert wurde:

Diese Japaner.

–> zu Teil 3

8 Antworten zu Otaku1990 in Japan (Teil 2)

  1. vanduhn sagt:

    Die Werbung ist geil! XD
    Und wieso seid ihr in kein Maid Cafe gegangen? Man, das ist ja wohl einer der Gründe, weshalb man da hingeht! Sowas muss man einmal gemacht haben!

    • Otaku1990 sagt:

      Zumindest das Maid Café, das wir gesehen haben, sah aus, als wäre es für Leute, die es nötig haben.
      In ein Maid Café, das halbwegs normal ausgesehen hätte, wären wir sicherlich mal reingegangen, einfach des Witzes wegen.

  2. Oliver sagt:

    Für was sind diese Einrichtungen gedacht? Damit sich auch der kleinste Büro-Hengst stark gegenüber einer unterwürfigen Frau (Welch Einzigartigkeit in Japan) fühlen kann? Oder bedient das Ganze nur einen weiteren Fetisch?

    • Otaku1990 sagt:

      Für viele „Otakus“ im negativsten Sinne ist die Sache mit der Maid tatsächlich eine Art Fetisch (man betrachte die unzähligen Porno-Mangas und -Animes mit Hausmädchen), der aber im Grunde darauf zurückgeht, was du schon sagtest: Eine Maid ist unterwürfig und der „Meister“ und sie genießen eine unkomplizierte Beziehung zueinander, nämlich Arbeitgeber und -nehmer. So bekommt der „Meister“ das Gefühl, alles mit der Maid machen zu können, was er will. Kommt fast schon Sklavenhaltung gleich, um es mal krass auszudrücken.

      Wobei ich jetzt nicht sagen möchte, dass ein jeder Fan von Maids diese Einstellung zu Frauen pflegt, aber im Grunde geht das Ganze darauf zurück.

  3. ness sagt:

    Wirklich sehr unterhaltsam geschrieben, richtig klasse!

    Bei der Sache mit dem Porno-Geschäft musste ich herzhaft lachen, die Gesichter hätte ich gerne gesehen^^.

    Und beim Lesen wird der Drang, dort auch mal hinzufahren, immer größer…^^

    P.S.: ‚Asian Kung-Fu Generation‘ ist ja mal richtig geil, von denen hab ich sogar deren (leider hierzulande nur einziges erhältliches) Album ‚Fan Club‘ =).

  4. Mr. Nutz sagt:

    Whoa, ich liebe deine Japan berichte! Weiter, weiter, MEHR, MEEEHR!!!
    Könntest du nicht auch mal eine umfangreiche Tabelle mit Preisen anfertigen? Wieviel kostet ein Game, wieviel ein manga, wie viel Alkohol in Läden oder Restaurant, wie viel Zigaretten (bist sicher kein Raucher, aber hast du nicht mal Preise gesehen?), wieivel sonst?
    Was war besonders billig, was besonders teuer?
    Ist Japan ein teures Land in Sachen Verpflegung?

    • Otaku1990 sagt:

      Hm… Preise in Japan, was? Eine „umfangreiche Tabelle“ werde ich wohl nicht hinbekommen, da ich im Urlaub nicht sooo sehr aufs Geld achte. Tokyo ist natürlich teurer als der Rest des Landes, aber nichtsdestotrotz günstiger als ich erwartet hatte (gab natürlich immer wieder mal Ausreißer, wie z.B. ein bestimmtes Lokal, das wir ausprobiert haben, aber dazu später mehr).

      Wie gesagt wird man in Tokyo niemals verdursten, aufgrund der zahlreichen und günstigen Getränkeautomaten (ne 0,3l Mountain Dew z.B. hat mich umgerechnet etwa 88 Cent gekostet). Außerdem ist das U-Bahn- und Zugfahren äußerst preiswert. Nach Zigaretten habe ich nicht geschaut, nach Alkohol auch nicht (stoße normalerweise gerne mal an, aber während unseres Trips war uns irgendwie nicht danach).

      DVDs und CDs sind ziemlich teuer (Importer kennen das sicher schon). Videospiele und Mangas sind etwas günstiger als bei uns. Sehr teuer sind Souvenirs und anderer Schnickschnack, vor allem wenn „Hello Kitty“ draufsteht ;)

      Was die Verpflegung angeht… Wir haben in Tokyo nicht großartig die Supermärkte geplündert, nur mal so was wie Sandwiches, Onigiri oder Süßzeug gekauft. Da sind die Preise sehr human.

  5. piccolo-junior sagt:

    Gibt es in den U-Bahnen auch unterschiedliche Klasse wie in Zügen?

    Habt ihr eigentlich ausser einem Stromwandler noch etwas anderes gekauft?^^