Entfesselung von der technischen Entwicklung

Stellt euch vor, ein Spielentwickler kreiert ein Spiel und muss sich um nichts kümmern als um seine eigenen Bedürfnisse. Eine utopische Vorstellung, aber zumindest in technisher Hinsicht vielleicht irgendwann mal Realität.

Ein Spielentwickler hat es nicht leicht: Egal was für ein Spiel er kreieren will, ständig muss er Kompromisse machen! Das Budget setzt personelle und zeitliche Grenzen, Trends und Lizenzen diktieren Inhalt und Spielweise, und nicht zuletzt muss ein Entwicklerteam mit der Plattform klarkommen. Jeder Aspekt verdient seine eigene Untersuchung, diesmal will ich jedoch nur die technische Seite ansprechen.

Videospiele sind ein besonders technikaffines Medium, denn während andere Medien wie die Literatur oder die Malerei manchmal Jahrezehnte, häufig sogar Jahrhunderte lang keine technischen Sprünge erfahren, erreichen Videospiele im Schnitt alle fünf Jahre ein neues technisches Niveau, wenn nicht sogar früher. Dieser Fortschritt hat seine guten und schlechten Seiten: Einerseits bietet eine verbesserte Technik neue Möglichkeiten – sowohl grafische als auch spieltechnische; andererseits erhöht sie im Schnitt die Kostenanforderungen. Es ist nämlich eine Illusion zu glauben, dass eine Videospielfirma keine Vorgaben erfüllen muss, wenn sie auf einer bestimmten Plattform entwickeln will. Nicht nur stellen Konsolenhersteller Mindestanforderungen, die jedes Spiel erfüllen muss, um auf dem Markt kommen zu dürfen, vielmehr sorgt die Konkurrenz innerhalb einer Plattform für wachsende Ansprüche.

Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht, selbst technisch eher moderate Plattformen wie der DS und die Wii folgen dieser Regel. Dennoch erleben wir zurzeit eine Veränderung der Spielentwicklung und eine Lockerung dieser Regel: Zwar werden Spiele nach wie vor technisch immer komplexer oder zumindest raffinierter, aber der jetzige Markt lässt mehrere Plattformen zu, und kleine Videospielfirmen können auf entwicklungsgünstige Plattformen wie den DS oder den iPod Touch/iPhone setzen. Aber selbst die technisch fortschrittlichste Plattform, nämlich der Gamer-PC, setzt keinen Gleichschritt mit der Technikentwicklung mehr voraus. In letzter Zeit setzen immer mehr Firmen auf Multiplattform-Entwicklungen, das heißt, dass ein Spiel für die drei Plattformen Xbox 360, PS3, und PC gleichzeitig rauskommt. Technische Selbsteinschränkungen sind unter diesen Umständen unausweichlich, um den Aufwand in Grenzen halten zu können.

Wenn die Spielproduktion immer teurer wird, werden immer weniger Firmen die Lust und die Kapazität haben, Spiele auf dem technisch neuesten Stand auf den Markt zu bringen. Die bisher so enge Verknüpfung von Technik- und Spielprojektentwicklung verliert an Zusammenhalt. Das muss nicht schlecht sein, im Gegenteil: Befreit von der Last, ständig technisch mithalten zu müssen, könnten die Spielentwickler auf andere Werte setzen, um sich von der Konkurrenz zu distanzieren. Die Präsentation würde sich nicht mehr um den Technikaspekt drehen, sondern um die künstlerische Ausdrucksweise. Zocker auf der ganzen Welt würden von den längeren Konsolenzyklen profitieren, denn die bisherigen Konsolenübergänge waren immer mit dem Techniksprung begründet. Wenn die Entwicklung des Mediums „Videospiele“ jedoch nicht mehr so stark vom Stand der Technik abhängig wäre, dann hätten die technischen Fortschritte auch weniger Einfluss auf die Länge eines Konsolenzyklus.

Noch betreffen solche Überlegungen vor allem die ferne Zukunft, denn trotz gewisser Ernüchterung und Technikmüdigkeit in dieser Konsolengeneration gibt der Technikeinsatz nach wie vor den Takt an. Zählt man auch Fortschritte in der Hardwareentwicklung auf, die nicht direkt mit der Grafik zu tun haben, dann kann man sich durchaus fragen, ob Videospiele sich je von der Technik loslösen können: Bewegungssensoren, Low-Voltage-Prozessoren, und fortschrittliches Energie-Management können der einen oder anderen Plattform entscheidende Vorteile bringen und werden in der Zukunft noch stärker in den Vordergrund treten.

2 Antworten zu Entfesselung von der technischen Entwicklung

  1. ness sagt:

    Von der Technik jeglicher Art wird man sich vielleicht wirklich nie richtig trennen können, immerhin soll man ja auch nach jeder Generation einen Grund haben, sich die nächste Konsole zu kaufen ;).

    Spätestens beim Holo-Deck mit fotorealistischer Grafik und Ganz-Körper-Empfinden (keine Ahnung wie ich den Effekt vom Rumble-Pack auf den ganzen Körper beschreiben soll^^) wird dann aber evtl. echt langsam Schluss sein^^.

  2. piccolo-junior sagt:

    Gegen längere Hardwarezyklen hätte ich nichts einzuwenden, wahrscheinlich werden wir dies mit dieser Generation auch erleben, auch wenn die Wirtschaftskrise der Grund ist und nicht die Einsicht der Hersteller.