„Mission NES“ – Wie Nintendo Amerika eroberte

Zwischen dem Launch des Famicom in Japan und dem des NES in den USA lagen mehr als zwei Jahre. Wie sich Nintendo in diesen zwei Jahren darauf vorbereitete, den Videospielmarkt wiederzubeleben, möchte ich in diesem Artikel rekapitulieren…

Zwar wurde die gesamte US-Videospielindustrie 1983 durch den großen Crash lahmgelegt, aber Europa und Japan traf es weniger hart. Dies ermöglichte Nintendo, vorallem in Japan durch ihre Arcade-Hits und die Game & Watch-Reihe bekannt, mit ihrer ersten Heimkonsole (die „Color TV Game“-Serie ausgenommen) einen Überraschungshit im Land der aufgehenden Sonne zu feiern. Zwar musste Hiroshi Yamauchi, damals Präsident der Firma, die gesamte erste Lieferung an Famicom-Systemen zurückrufen lassen, da ein technisches Problem die Geräte hin und wieder abstürzen ließ, doch mehr als eine halbe Million verkaufte Einheiten innerhalb von zwei Monaten unterstrichen die Qualität der Konsole.

Famicom

Aufgrund des ökonomischen Designs des Famicom machte Nintendo zusätzlich Gewinn: Der Kernprozessor des Geräts glich dem des Atari 2600, war also im Grunde schon sechs Jahre alt. Es waren die kleinen Änderungen in der Architektur des Famicom, welche es leistungsfähiger als jede andere Konsole auf dem Markt machten, z.B. etwas mehr RAM und einen zweiten Prozessor, der ausschließlich für die grafische Darstellung zuständig war.
Auch wenn das Innere wenig spektakulär ausfiel, so stellte das Gamepad der Nintendo-Konsole einen wichtigen Sprung in der Evolution des Controllers dar: Statt des oft unbequemen und zerbrechlichen Joysticks des Atari 2600 steuerte man Famicom-Games mit einem Digikreuz, welches Nintendo erstmals bei den Game & Watch-Spielen eingesetzt hatte. Die erste Generation der Famicom-Konsolen kam gleich mit zwei fest verkabelten Gamepads daher, wobei der zweite Controller über ein Mikrophon verfügte. Da dieses Feature kaum genutzt wurde, entfernte man es allerdings in zukünftigen Iterationen.

Nintendos Heimkonsole stellte sich in Japan also als voller Erfolg heraus. Doch wie Hiroshi Yamauchi bereits im Falle des Arcade-Games „Radar Scope“ feststellen musste, garantierte Erfolg in Japan nicht gleichzeitig Erfolg in Amerika. Nintendo brauchte einen Partner, welcher sich besser mit dem US-Markt auskannte als sie selbst. Jemanden mit Erfahrung im Videospielgeschäft und einem bekannten Namen. Die Wahl fiel auf Atari.
Howard Lincoln, damaliger Vizepräsident von Nintendo of America, kontaktierte Ataris Firmenchef Ray Kassar und bot ihm an, die Famicom-Hardware unter ihrem Namen weltweit (außer in Japan) zu vertreiben. Nintendo würde für jede verkaufte Konsole eine gewisse Lizenzgebühr kassieren und hätte das uneingeschränkte Recht, Software für das Gerät zu vertreiben. Atari kam dieses Angebot sehr recht: Zwar werkelte man hinter verschlossenen Türen bereits am Atari 7800, doch sollte dieses Projekt erfolglos bleiben, so würde das Famicom ein günstiges Sicherheitsnetz darstellen. Sollte sich das 7800 allerdings zum Hit mustern, so hätte man die Macht, Nintendos Heimkonsole ohne weiteres als Konkurrenz auszuschalten.

Selbstverständlich zeigte sich Ray Kassar höchst interessiert an dem Angebot und man einigte sich auf ein Treffen im Atari-Hauptquartier in Californien.
Die Verhandlungen liefen gut, doch beim Preispunkt kamen sie ins stocken. Erst als Yamauchi Druck auf die Atari-Leute ausübte, erklärten diese sich zum Kauf der Lizenz bereit. Alle Beteiligten sahen die Sache als abgeschlossen an, doch noch war der Vertrag nicht unterzeichnet…

Donkey Kong für Colecos Adam Computer

Im Sommer 1983, auf der Consumer Electronics Show in Chicago, präsentierte Coleco den Adam Computer. Eines der Spiele für den Heimcomputer war ein Port von „Donkey Kong“, Nintendos bisher einzigen wirklich großen Hit in den USA. Atari zeigte sich darüber äußerst erbost, vorallem da Coleco nur die Rechte zur Portierung auf Konsolen besaß und Atari die Rechte für Heimcomputer. Als man diesbezüglich ein Treffen mit Coleco einberief, kümmerte sich Hiroshi Yamauchi persönlich um die „Verhandlungen“: In lautem, erhitztem Japanisch prügelte er verbal auf den Präsidenten von Coleco ein, während die restlichen Anwesenden nur hilflos zusehen konnten. Vielleicht verhalf dieser imposante Auftritt dazu, dass Coleco Nintendos Forderungen nachkam und die Präsentation sowie den Verkauf der Adam-Version von Donkey Kong einstellte, denn im Grunde war man nicht im Unrecht: Zwar gehörten Atari die Rechte für Disketten-Umsetzungen des Arcade-Hits, doch der Adam Computer schluckte Cartridges.
Da nun auch dieses Hindernis aus dem Weg geräumt war, stand der Partnerschaft zwischen Nintendo und Atari nichts mehr im Wege. Leider wurde Ray Kassar, der einzige auf Seiten Ataris, welcher den Vetrag unterschreiben konnte, kurz darauf gefeuert.

Nintendos Position hatte sich also nach allem Hin und Her nicht verändert. Tatsächlich geschah in Sachen US-Vermarktung des Famicom bis 1985 gar nichts mehr. Aufgrund der soliden Verkäufe im Jahr zuvor entschied sich Yamauchi aber schließlich dazu, es nochmal mit dem US-Markt zu versuchen und schickte seinen Schwiegersohn, Minoru Arakawa (gleichzeitig Präsident von Nintendo of America) auf die CES, um die Reaktion der Händler auf die Konsole (nun unter dem Namen „Advanced Video System“, kurz AVS) zu testen. Arakawa fand nicht einen einzigen Käufer. Dies lag allerdings nicht am Gerät selbst, denn viele Händler lobten die Hardware und die Qualität der Spiele. Vielmehr saß der Schock vom Videospiel-Crash von vor zwei Jahren noch immer tief und keiner der Händler wollte mehr etwas mit einer Heimkonsole zu tun haben. Aufgrund dieses Verhaltens entschied man bei Nintendo, das AVS anders zu vermarkten. Dabei halfen der „Zapper“, eine Lichtpistole, und „R.O.B.“, ein kleiner Spielzeugroboter.

R.O.B. (japanische Version)

Der Zapper, gepaart mit den Spielen „Hogan’s Alley“ und „Duck Hunt“, positionierte Nintendos Spielkonsole als Schießbude fürs Wohnzimmer, während R.O.B. den Eltern weiß machen sollte, es handle sich um ein High Tech-Spielzeug. Der neue Name der Konsole sollte die Ausrichtung unterstreichen: „Nintendo Entertainment System“.
Derart gewappnet machte sich Minoru Arakawa erneut auf zur Consumer Electronics Show und tatsächlich zeigten die Händler diesmal weit mehr Interesse an Nintendos Produkt. Einen Käufer fand man aber trotz allem nicht. Langsam aber sicher verlor Arakawa die Hoffnung, jemals in den amerikanischen Markt vordringen zu können.

Hiroshi Yamauchi hingegen weigerte sich zu glauben, dass ein derart erfolgreiches Produkt wie das Famicom in Amerika vollkommen unbeachtet bleiben könnte. Er schlug ein äußerst kühnes Vorhaben vor: Das NES in New York, dem gnadenlosensten Markt Amerikas, zu testen.
Zuerst einmal ging es darum, die Händler vom Kauf des NES zu überzeugen; etwas, das Arakawa auf der CES nicht gelungen war. Aus diesem Grund bot man ihnen eine Geld-zurück-Garantie an: Jede nicht verkaufte Einheit würde von Nintendo wieder zurückgenommen. Dies merzte das Risiko für die Händler beinahe vollkommen aus und so entschieden sich hunderte von Ketten dazu, das NES in ihr Sortiment aufzunehmen. Zwar konnte man schlussendlich nur 50.000 Einheiten losschlagen, doch diese Anzahl reichte aus, um Arakawas Vertrauen in den US-Markt wiederherzustellen und das Vertrauen der Händler in Nintendo zu etablieren. Und dieses Vertrauen zahlte sich auf beiden Seiten aus: Bis zum nächsten Weihnachtsfest verkaufte sich das Nintendo Entertainment System in Amerika 2 Millionen mal. Der Siegeszug Nintendos war nun nicht mehr aufzuhalten…

2 Antworten zu „Mission NES“ – Wie Nintendo Amerika eroberte

  1. spanksen sagt:

    Yep, eine echte Erfolgsstory und eine geile Konsole!

  2. ness sagt:

    Toller Artikel, das mit der Rückrufaktion wusste ich z.B. noch garnicht.

    Und Hiroshi Yamauchi hätte ich damals bei den „Verhandlungen“ zu gern gesehen^^.

    Das mit dem Mikrophon im Controller fand ich für damals echt ziemlich außergewöhnlich, in Zelda z.B. konnte man ja durch einen Schrei bestimmte Monster vertreiben und in Kid Icarus sogar Rabatt beim Händler bekommen, wenn man reinsprach^^.
    Und in „Beat Takeshi“ durfte man sogar ins Mikro singen^^.