Media Create hat schlechtes Gameplay

„Wer wird am Ende das Rennen gewinnen? Interessant deswegen, weil der Marktführer selbstredend mit dem besten Support von Seiten der Dritthersteller gesegnet sein wird und das möchte natürlich jeder Besitzer einer mehr oder weniger teuren, neuen Konsole der neuen Generation…“

Dies ist ein Auszug aus einem von mir im März 2007 geschriebenen und als „Der kleine Unterschied“ betitelten Artikels, der anlässlich der Veröffentlichung der PlayStation 3 in Europa entstand. Nun sind wir zwei Jahre weiter. Oder um es auf den Punkt zu bringen: Zwei Jahre weiter und fast noch auf derselben Stelle. Denn die aktuelle Konsolen- und Handheld-Generation schafft es weiterhin, uns mit Entwicklungen und Geschehnissen zu überraschen, die die allgemein gültigen Gesetze des Marktes in Frage stellen.

Da wäre zu einem die erstaunliche Performance der PlayStation Portable in Japan. In einem Land, in dem die Kunden in der Vergangenheit immer stromlinienförmig einer Richtung folgten und es stets einen übermächtigen Marktführer und ansonsten nur „den Rest“ gab, gelang dem Sony-Handheld das vielleicht erste ernsthafte Comeback in Japans Videospielgeschichte, auch wenn der Abstand zum Nintendo DS natürlich gewaltig bleiben wird. Und dann gibt es die Wii, womit wir zum „auf der Stelle treten“ zurückkommen. Prognostizierte ich, anlässlich des überwältigenden Verkaufserfolgs der Konsole, an dieser Stelle vor einigen Monden noch eine bald vor interessanten Neuankündigungen übersprudelnde Release-Liste und erklärte die Software-Dürre der Dritthersteller damit, dass diese vom Erfolg der Wii überrascht wurden, so hat sich die sichtbare Situation nur unwesentlich verbessert. Dass ein neues Monster Hunter und Dragon Quest X für die Nintendo-Konsole erscheinen werden, soll und kann nicht unerwähnt bleiben, doch hier hören die sensationellen Ankündigungen auch schon wieder auf. Noch nie wurde ein Marktführer so kollektiv ignoriert. Die sich an alte Marktgesetze haltenden Spieler, die sich mit dem Besitz der am weitesten verbreiteten Konsole wieder auf der sicheren Seite wähnten, müssen noch immer Tag für Tag mit ansehen, wie ein Großteil der potenziellen Hit-Kandidaten für die beiden HD-Konsolen angekündigt wird.

Street Fighter 4

Was sind die Gründe? Kaufen Wii-Spieler keine 3rd Party-Titel und schrecken die Publisher ab? Und ist die Wii damit, nach Nintendo 64 und GameCube, nun schon die dritte Nintendo-Plattform, auf welcher der alte Fluch lastet? An dieser Stelle könnten nun Zahlen aufgetürmt werden, die für die eine, sowie die gegensätzliche Position zu diesem strittigen Thema sprechen würden. Man muss aber in Betracht ziehen, dass tragbare Unterhaltungssysteme so beliebt wie nie zuvor sind und ein gewaltiges Stück des Kuchens für sich in Anspruch genommen haben. Gerade in Japan ging der Trend in den vergangenen Jahren immer weiter weg von den Heimsystemen, hin zu den in ihrer Leistung große Sprünge machenden Handhelds. Vor einigen Jahren wäre es kaum denkbar gewesen, einmal eine neue Episode der Dragon Quest-Hauptreihe auf einem Handheld begrüßen zu dürfen. Eine weitaus größere Rolle spielt jedoch meiner Meinung nach das Versagen Nintendos, die Dritthersteller endlich als gleichberechtigte Partner anzuerkennen. Das Unternehmen kann dankbar für den überwältigenden Erfolg des DS und der (zumindest für lange Zeit) schwächelnden Konkurrenz in diesem Segment sein, der die 3rd Partys, von denen mit Sicherheit einige der PSP viel Glück gewünscht haben, vor eine recht eingeschränkte Wahl stellte.

Mit Mangeln behaftete Entwicklertools und eine unausgewogene Werbestrategie, bei der die eigenen Titel zu sehr im Vordergrund stehen, sind der Garant dafür, dass Nintendo seinen Ruf als Entwicklerschreck weiterhin pflegen darf. Und das alles von einer Firma, die 2004, als man vom Erblühen eines neuen, weltoffenen Nintendos sprach, den Nintendo DS auch als „Developer System“ bezeichnete. Hat Satoru Iwata wirklich nichts aus den Fehlern Hiroshi Yamauchis gelernt? Für mich umso erstaunlicher, da Iwata eine Vergangenheit als aktiver Teil eines Entwicklerteams besitzt und nicht, wie es bei Yamauchi der Fall war, vom eigentlichen Prozess und den Sorgen und Nöten eines Entwicklers nur sehr wenig versteht. Im Grunde drückte sich die fehlende Kommunikation zwischen Nintendo und den 3rd Partys ja bereits in der Konzipierung des Systems aus, welches in technischer Hinsicht völlig über deren Köpfen hinweg entwickelt wurde. Ein Entgegenkommen, resultierend aus einem regen Austausch, hätte in meinen Augen eine deutlich fruchtbarere Software-Landschaft zur Folge gehabt. Aber auch das Versagen in der Vermarktung der Konsole als „And“-Produkt, um Reginald Fils-Aimés Bezeichnung für die Ausrichtung Nintendos auf alle Zielgruppen aufzugreifen, schreckt die Entwickler und Verleger ab und führte zur Überschwemmung des Marktes mit billigst produzierten Titeln für Gelegenheitsspieler. Ein Resultat: Auch das Unternehmen aus Kyoto leidet darunter und viele der von Nintendo entwickelten oder in Auftrag gegebenen Titel für die traditionelle Spielerschicht werden nur allzu gerne unter den Teppich gekehrt und sind in der öffentlichen Wahrnehmung quasi non-existent, woher auch die Legende rührt, auf der Konsole sei nichts für „echte“ Spieler erhältlich.

Anstatt auch nach zwei Jahren Werbung für Wii Sports zu schalten, hätte man zum Beispiel das letzte Wario-Abenteuer mehr in den Mittelpunkt rücken oder der Wii gleich eine Demo-Disc mit spielbaren Titeln beilegen sollen. Weshalb man (im Gegensatz zum Heimatland, in dem bereits zum Launch entsprechende Werbespots liefen) den Virtual Console-Service nicht stärker in den Vordergrund stellte, bleibt ebenso unklar. Nintendo hat spürbare Probleme mit der zugegeben höchst schwierigen Verschmelzung der Spielergruppen, sowohl bei der Bewerbung, als auch mit den eigentlichen Spielen. Jedoch: Es wäre ein Fehler, die Dritthersteller frei von aller Schuld zu sprechen. Fragwürdige Entscheidungen wurden auch auf dieser Seite getätigt. Im aktuellen Fall darf man sich fragen, weshalb Capcom nicht auch die Wii-Spieler mit einer Version von Street Fighter IV bedacht hat und wieso es dem gleichen Unternehmen so schwer fällt, die Nintendo-Konsumenten mit einem Resident Evil zu versorgen, welches seinem Namen auch gerecht wird, nachdem mehrmals bewiesen wurde, wie erfolgreich die Marke auf einer Nintendo-Konsole laufen kann. Man freut sich inzwischen ja bereits, wenn ein Gerücht über ein weiteres Remake für die Wii die Runden macht.

Resident Evil 4

Die japanischen Kundschaft teilt die derzeitige Stimmung (wie im Rest der Welt) in Form der Verkaufszahlen mit. So nährten sich die Verkaufszahlen der Nintendo-Konsole in den vergangenen Wochen  in Japan Niederungen an, die der PlayStation 2 im vergleichbaren Abschnitt ihres Lebens völlig fremd waren und für einen Marktführer im Land der aufgehenden Sonne ungewöhnlich sind. Dies ist auch das Resultat von zwei Titeln, namentlich Animal Crossing: Let’s go to the City und Wii Music, die weit unter den Erwartungen blieben – in jeglicher Hinsicht. Während Wii Music selbst nicht so recht weiß, was es nun eigentlich darstellen soll und, gerade für ein Nintendo-Produkt, erstaunlich anfängerunfreundlich ist, erlaubte man sich mit dem Animal Crossing-Ableger die lausigste und faulste Fortsetzung in der Geschichte Nintendos. Kein Wunder, wenn dann Kritiker über die für sich durchaus legitime Neuveröffentlichung diverser GameCube-Klassiker monieren. Gleichzeitig umringt von brillanten neuen Titeln würde kaum jemand Anstoß daran finden. Man darf gespannt sein, wie das in den letzten Jahren vom Erfolg verwöhnte Unternehmen reagieren wird. Mögen sich die Zahlen-Fetischisten die längste Zeit über Rekordmeldungen gefreut und die Feinde der „Größer, besser, weiter“-Fraktion über die schwächelnden Verkaufszahlen der beiden Konkurrenten amüsiert haben. Auf Nintendo beginnt vermehrt Druck zu lasten. Als Videospieler kann uns das nur recht sein.

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9 Antworten zu Media Create hat schlechtes Gameplay

  1. America`s Most Wanted sagt:

    „In den vergangenen Monaten hieß das Reizthema der Szene „Wii Motion Plus“, nachdem Nintendo die sogenannten Partner erst dann von der Wiimote-Erweiterung in Kenntnis setze, als die Arbeiten an Wii Sports Resort, dem Vorzeigeprodukt für Motion Plus, schon längst anliefen und selbst danach sollte es noch Monate dauern, bis die anderen Entwickler mit der Integrierung der Erweiterung in ihren Titeln beginnen konnten.“

    Das ist schlicht und ergreifend unwahr und beruhte nur auf fehlerhaft interpretierten Aussagen von zwei Mitarbeitern zweier Firmen. Wii Motion Plus haben alle interessierten Entwickler früh bekomen wenn sie wollten. Sry Oliver, aber das erinnert mich mehr an die Polemik aus dem Gehirn Ungenutzt-Forum, wo sich auch alle über Sudas Aussage ärgerten, er habe Wii Motion Plus noch nicht gesehen weil er keine Zeit hatte. Da sagten auch alle das dies Nintendos Schuld war, auf die viel logischere Möglichkeit das Suda wirklich keine Zeit hatte sich damit zu befassen weil er gerde an mehreren Spielen arbeitete, darauf kam keiner. GUF eben…

    • Oliver sagt:

      Das ist korrekt, die Passage (ich habe sie inzwischen ersetzt) entsprach nicht der Wahrheit bzw. wurde die Quelle nicht ausreichend hinterfragt. Ich möchte mich für diesen Fehler entschuldigen. Vielen Dank für den Hinweis, AMW. Bitte haltet weiter die Augen und Ohren offen und scheut nicht davor zurück, Kritik zu üben (und gegebenfalls Fehler aufzuzeigen), für die wir immer offen sind.

  2. America`s Most Wanted sagt:

    Das Problem an Wii Motion Plus ist einfach das es nunmal nur eine Zusatzperipherie ist [von dem imo viele viel zu viel erwarten, das Gejammere und Geheule wird wieder unerträglich sein], weswegen nur wenige Entwickler großes Interesse daran zeigen. Man muss mehr in die Entwicklung des Spieles stecken, hat aber letzendlich bis jetzt kaum etwas davon, da Wii Motion Plus noch nicht einmal released wurde, und niemand weiß wie sich Wii Sports Resort letzendlich verkaufen wird.

    Imo eine ähnliche Situation wie mit dem Expansion Pac für das Nintendo 64.

  3. Jimbei sagt:

    @America`s Most Wanted: Was war denn mit dem Expansion-Pack für das N64?

  4. America`s Most Wanted sagt:

    Es gab nur wenige Spiele [sowohl 1st- wie 3rd-Party] die es wirklich genutzt haben, egal ob zwingend notwendig oder nur optional.

  5. zoro sagt:

    Eine weitere, nach meiner Meinung falschen Strategie von Nintendo, ist die späte Releaseankündigung der Spiele. Würde Nintendo die Spiele früher ankündigen, würde es in der Community auch weniger Frustration geben. Man hätte etwas, auf das man sich freuen könnte, wüsste welche Spiele in der Zukunft auf uns warten und ab und zu sollte man die Nintendojünger auch mit neuem Bildmaterial versorgen, um auch seitens Nintendo ein Feedback aus der Community zu erhalten.

  6. ness sagt:

    @ SFIV: Die Entscheidung, es nicht für die Wii zu bringen, fand ich gerade bei den ganzen früheren Kommentaren zum Spiel und der Wii und beim Anblick von Tatsunoko vs. Capcom (Grafikengine) ziemlich verwunderlich.

  7. piccolo-junior sagt:

    Wahrscheinlich hat Capcom keine Wii-Version von Street Fighter IV entwickelt, weil die Verkaufszahlen der PS3 und 360 Versionen höher sind, als die Verkaufszahlen einer theoretischen Wii-Version.

  8. ness sagt:

    Aber das weiß man doch vorher nicht, zumal die Hardwarebasis der Wii inzwischen eigentlich hoch genug für solche Entscheidungen sein sollte, und sie ja immer noch wächst.