Der Weg des Klempners – Die Super Mario-Retrospektive (Teil 4)

1988: Super Mario Bros. 3 – Mit Waschbärschwanz zur Weltherrschaft

Super Mario Bros. 3

Marios Popularität hatte inzwischen kolossale Ausmaße angenommen. Als Nebeneffekt bevölkerten unzählige Merchandising-Artikel den Markt, ebenso wie eine amerikanische TV-Serie mit Real- und Trickfilmsequenzen, die ältere Semester auf RTL Plus verschlungen haben dürften, und mehrere heute fast unbekannte Animes, die ihre Heimat im Land der aufgehenden Sonne niemals offiziell verlassen haben. Doch Miyamoto wollte es sich nicht zu einfach machen, war doch schon die schnell zusammengeschusterte Fortsetzung Super Mario Bros. 2 gegen seine eigenen Richtlinien, nach denen sich ein Sequel deutlich vom Vorgänger absetzen sollte. Daher bekam das inzwischen auf zehn Mann angewachsene Team schließlich eine zweijährige Entwicklungszeit für das dritte Super Mario Bros.-Abenteuer gewährt. Aber zuvor sollte ein Schwung frischer Inspiration durch die Köpfe der Designer wehen. Also machte sich Miyamotos Kreativtruppe auf ins Disneyland Florida und sammelte auf diesem Ausflug Eindrücke und Ideen für Super Mario Bros. 3.

Eine der ersten dieser Ideen war es, Marios Verwandlungspalette aufzustocken und dem Helden diesmal die Möglichkeit zu geben, sich in einen Zentauren zu verwandeln, einem aus der griechischen Mythologie stammenden Wesen, das einen menschlichen Oberkörper besaß, während der Rest des Körpers dem eines Pferdes glich. Zwar verschwand das Konzept eines Zentauren-Marios schnell wieder in der Schublade, doch an der Aufstockung der Verwandlungsmöglichkeiten hielt man fest. So konnte Mario dank eines Waschbär-Schwanzes nicht nur erstmals fliegen, sondern als Frosch-Mario auch wesentlich flinker schwimmen, als Hammer-Mario die gleichnamigen Werkzeuge durch die Gegend werfen und sich mit einem Tanuki-Anzug gar für kurze Zeit in eine Statue verwandeln, so dass Bösewichte ihn einfach ignorierten. Dabei wollte man dem Spieler die Wahl überlassen, in welcher Gestalt dieser Mario durch die Levels manövrierte, dabei aber gleichzeitig dafür sorgen, dass sich Experimentierfreudigkeit, etwa durch das Entdecken eines Bonusraumes, auszahlte.

Das Leveldesign machte im direkten Vergleich zu seinen Vorgängern gigantische Sprünge und präsentierte sich um ein Vielfaches komplexer und kreativer. Die frischen Spielideen wurden großzügig über die mehr als 80 Levels verteilt. Von Ebbe-und-Flut-Stages, über labyrinthartige Mini-Schlösser, Zaubertüren, die Marios Gegner in Riesen verwandelten, bis zu in diagonaler Richtung verlaufenden Autoscroller-Levels (!) wartete das Spiel mit einem nie gekannten Einfallsreichtum auf. Während die restliche Videospielwelt noch immer verzweifelt versuchte, Super Mario Bros. adäquat zu kopieren, schien sich Miyamotos Truppe mit SMB3 schon wieder in ganz anderen Sphären aufzuhalten. Auch die später viel kopierte Übersichtskarte wurde mit diesem Spiel eingeführt, was wiederum dazu führte, dass der Spieler nun nicht mehr stur von Level A nach Level B wanderte, sondern bei mehr als einer Gelegenheit eine eigene Route verfolgen, dabei auch Levels überspringen und geheime Routen entdecken, konnte. Den i-Punkt setzte schließlich der Zweispielermodus, den man immer wieder für eine kleine Partie klassisches Mario Bros. unterbrechen konnte – damals ein Novum.

Super Mario Bros. 3

Im Gesamtbild betrachtet, zogen sich die Themen „Evolution „und „Erweiterung“ durch das gesamte Spiel, egal ob man sich nun das Gameplay, das stark erweiterte Pilzkönigreich (mit seinen neuen Provinzen und Königen) oder gar die Fortpflanzungsfreude der Gegner anschaut. So schwirrten plötzlich nicht nur Bloopers und Gumbas mit ihren Kindern im Anhang herum, sogar Bowser präsentierte dem Spieler seine sieben Gören. Deren Vornamen sind im Übrigen nicht ganz zufällig gewählt worden: Namen wie Larry (King), Morton (Downey Jr.), Wendy O. (Williams), Iggy (Pop), Roy (Orbison), Lemmy (Kilmister) und Ludwig van (Beethoven) werden dem einen oder anderen sicherlich geläufig sein. Eher unbekannt ist, dass die teils abgefahrene Haarpracht der Koopa-Brut den Frisuren des Entwicklerteams nachempfunden wurde, wobei wir an dieser Stelle gerne einen Fotovergleich hinzugefügt hätten… Eine interessante Parallele zum Kinderreichtum in SMB3 konnte auch durch einen Vergleich mit der damals aktuellen Situation Miyamotos hergestellt werden, da dieser inzwischen Vater einer Tochter und eines Sohnes war.

Um das nahende Meisterwerk in den Vereinigten Staaten in aller Munde zu bringen, startete Nintendo of America einen der cleversten Werbecoups überhaupt und arbeitete hierfür mit einem Filmproduzenten zusammen: Im Weihnachtsfilm-Hit „The Wizard“ liefen drei Kids von zu Hause weg, um an einem großen Videospiel-Contest teilzunehmen. Am Ende gelang einem der Kinder natürlich der Sprung ins große Finale des Turniers, bei dem, ihr ahnt es schon, Super Mario Bros. 3 gespielt wurde – und das fast drei Monate vor dem US-Release. Zu einer Zeit, als der große Internet-Boom noch in weiter Ferne lag und man noch nicht regelmäßig Neuigkeiten aus Foren, Chatrooms und Nachrichten-Seiten mit ein paar einfachen Klicks in die eigenen vier Wände bekam, war dies die mit Abstand wichtigste Bezugsquelle für Material zum Spiel, das so bereits vor seiner Veröffentlichung Legendenstatus erlangte. So avancierte die Kinoleinwand minutenlang zur Werbefläche für das dritte Klempner-Abenteuer, wobei viele Besucher des Films tatsächlich hauptsächlich wegen dieser Szenen in die Vorstellung gingen, die mit (damals) bekannten Gesichtern wie Fred Savage und Christian Slater besetzt war. Der Hype um SMB3 war in den USA für ein Videospiel ohne Beispiel, der Release das Gesprächsthema Nummer Eins für die zockende Jugend. Anders als in Europa. Da sich das NES hierzulande nur schwer und spät gegen die übermächtige Front der Heimcomputer durchsetzen konnte, entfiel ein vergleichbares Chaos.

Super Mario Bros. 3

Die mitunter vielleicht beachtlichste Leistung ist die Tatsache, dass das Spiel dem Hype gerecht wurde und bis zum heutigen Tag von Kritikern und Fans in aller Welt als eines der großartigsten Videospiele und Sequels aller Zeiten gilt. Letztendlich verkaufte sich Super Mario Bros. 3 weltweit über 18 Millionen mal und gehört damit zu den meistverkauften Spielen der Geschichte. Müßig sagen zu müssen, dass der Titel Marios Status als Superstar der Branche noch weiter festigte und die Welt der Mario-Spiele um ein Vielfaches ausbaute.

2 Antworten zu Der Weg des Klempners – Die Super Mario-Retrospektive (Teil 4)

  1. ness sagt:

    Hach, Super Mario Bros 3… Wie viele Stunden habe ich mit dem Spiel in meiner Kindheit verbracht, es waren unzählige. Für mich immer noch das beste 2D Jump’n’Run aller Zeiten und in meinen persöhnlichen Top 3 aller Spiele.

    Ist es nicht sogar DAS meistverkaufste Spiel aller Zeiten, wenn man nur die Retail Version ohne Bundles und sonstigen Effekten zählt? Stand auch so im Guiness Buch der Rekorde (Gamer’s Edition).

    P.S.: Natürlich wieder ein toller und informativer Artikel =).

  2. thomasd sagt:

    Hab eure Seite gerade erst entdeckt – sehr interessant und aufschlussreich geschriebene Artikel.
    SMB 3 ist tatsächlich ein Meilenstein in jeglicher Hinsicht…