Spielkonsolen und Zeitgeist

Was ist „in“, was ist „out“? Was ist das jetzige Motto, und warum gelten Leitsätze, die vor wenigen Jahren in den Köpfen aller waren, jetzt nicht mehr? Und was hat das überhaupt mit Videospielen zu tun?

Waren die Xbox 360 und PS3 von Anfang an zum Scheitern verurteilt, was das Geschäftliche betrifft? Wer diese Frage mit „ja“ beantwortet und gar noch behauptet, er habe die geschäftliche Niederlage der HD-Konsolen bereits vor Jahren kommen sehen, betreibt mit großer Wahrscheinlichkeit Geschichtsrevisionismus. Mit Ausnahme der optimistischsten und verrücktesten Nintendo-Fans wettete kein Mensch vor Winter 2006 auf eine unüberholbare Marktführung der Wii: Die Konkurrenz nahm enorme finanzielle Verluste in Kauf, um ihre Konsolen verkaufen zu können, die Leistungsdifferenz ist augenfällig groß, und speziell die Marke „PlayStation“ hatte noch die Aura des Unbesiegbaren (allerdings bekam sie im Handheldbereich bereits den ersten Kratzer). Vor allem aber passte die Konkurrenz zum damaligen Zeitgeist.

PlayStation 3 und Xbox 360

Der damalige Zeitgeist war geprägt durch Größe, Wachstum um jeden Preis und kurzfristiges Denken. Vielleicht würden Zyniker das Wort „Dekadenz“ zu Munde nehmen, aber die moralische Dimension halte ich für verfehlt, weil die Moral selber nicht unveränderlich ist und vom Zeitgeist bestimmt wird. Das Denken während dieser Zeit hatte viele Facetten: Leute kauften oft und gerne SUVs, aufgemotzte und benzinsaufende Geländewagen; Schulden machen gehörte zum guten Ton, mal wollten die Leute ein viel zu teures Haus oder einen übertrieben großen Fernseher. Die Entwicklung der Technik ging nur in eine Richtung: immer mehr PS bei gleichem Benzinverbrauch, immer mehr Leistung in den Prozessoren, ohne große Rücksicht auf Stromverbrauch und Hitzeentwicklung. Die Politik regulierte nicht viel und unterstützte sogar diese gesellschaftliche Entwicklung mit aller Kraft.

Die 360 und die PS3 sind deshalb logische Produkte, denn sie folgen einfach den damaligen Trends: stärkere Prozessoren, schnellere Laufwerke, mehr Speicher, größere Unterstützung der vorhandenen Technik wie hochauflösende Fernseher und Dolby Digital-Anlagen. Die beiden Konsolen waren bei der Veröffentlichung teurer als die meisten vorherigen Konsolen. Dies entsprach genauso dem Zeitgeist wie die abnormal hohen Subventionen, denn beide Konsolen wurden trotz des hohen Preises deutlich unter ihrem Wert verkauft. Die Verantwortlichen gingen nicht nur davon aus, dass Millionen von Kunden diesen Preis bezahlen würden, sondern dass sie noch viel mehr Geld für Spiele und Zubehör ausgeben würden. Heute nennen wir einen solchen Geschäftsplan riskant, wenn wir wohlwollen sind, absurd und ruinös, wenn wir nüchtern bleiben wollen.

Es gab eigentlich nur eine Marschrichtung, und beide Firmen, Microsoft und Sony, lieferten Produkte, die der damaligen Vorstellung zu entsprechen schienen. Deshalb schenkten die Medien den wenigen Kritikern kaum Gehör, glaubten, die Geschäftspraxis bleibe gleich und werde einfach nur mit höheren Investitionen fortgesetzt. Viele Spielehersteller sahen die Situation genau so und fingen früh mit der Entwicklung hochauflösender Spiele an. Analysten prognostizierten umwerfende Verkaufszahlen für beide Konsolen und im Wesentlichen die Ära der HD-Spiele. Natürlich lachen wir heute über diesen Fatalismus, aber viele (und nicht nur die Konsolenhersteller) sahen gar keine Alternative zum eingeschlagenen Weg – außer Nintendo.

Wii

Der Blick zurück offenbart die vielen Schwächen des Geschäftsplans und der Historiker kommt aus dem Staunen nicht heraus, warum nicht schon viel früher die Alarmglocken geläutet haben. Er stellt aber auch fest, dass praktisch alle – Spieler, Entwickler, Produzenten und Konsolenhersteller – mit dem eingeschlagenen Kurs einverstanden waren. Dieses Denken hält sich bei einigen bis heute hartnäckig. Doch je sturer sie auf den früheren Kurs der Leistungssteigerung setzen, desto härter werden sie mit der Realität konfrontiert, die längst auf einen neuen Zeitgeist setzt: Weg von der verschwenderischen Kraftmeierei und Wachstum um jeden Preis, hin zu mehr Energieffizienz, bodenständiger Geschäftspraxis und Nachhaltigkeit. Wenn dieser Zeitgeist für alle Lebensbereiche gilt, dann sicherlich auch für Videospielkonsolen.

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6 Responses to Spielkonsolen und Zeitgeist

  1. Gerhard sagt:

    Sehr schöner Beitrag. Leider hält sich dieses Denken wirklich noch hartnäckig. Mit ein Grund, weshalb Games wie Winter noch nicht das Licht der Welt auf Wii erblickt haben. Naja – hoffen wir das Beste!

  2. Oliver sagt:

    Déjà vu.

    Ich möchte aber folgende These in den Raum stellen: Hätte Nintendo nur ein Teil dieser „veralteten Ideologie“ weitergetragen, gäbe es auf der Wii nicht das mehr oder weniger große Softwareproblem (oder es wäre zumindest weitaus kleiner), wie es im Moment vorhanden ist, dann wären (gelungene) Umsetzungen der HD-Spiele an der Tagesordnung und nicht eine Seltenheit. Deswegen hoffe ich, dass mit der Nachfolgekonsole ein gesundes Mittelmaß gefunden wird. Diese Generation dürfte lehrreich für die gesamte Branche sein. Ich beobachte mit Spannung, welche Schlüsse die einzelnen Hersteller jeweils für sich daraus schließen werden.

  3. ness sagt:

    Jep, schöner Artikel. Ich bin auch mal gespannt, inwiefern Microsoft und Sony ihr Konzept in der nächsten Konsolengeneration ändern werden.

  4. zoro sagt:

    Ich kann Oliver nur zustimmen, zwar geht das Konzept von Nintendo auf, doch sind viele Nintendojünger eher unzufrieden: Zum einem kommen hochkarätige Spiele auf die Nintendokonsole viel zu selten und zweitens hätte Nintendo der Konsole ruhig ein bisschen mehr Power geben können, so hätten wir alle etwas mehr Freude an der Grafik und müssen nicht immer an einem Gamecube mit Nunchuk-Controller denken.

  5. piccolo-junior sagt:

    Geschichtsrevisionismus halte ich für fehl am Platz, das Wort Besserwisserei würde es wohl eher beschreiben. Nichtsdestotrotz teile ich deine Meinung teilweise. Dass Nintendo mit der Wii so erfolgreich sein würde, hätte niemand erwartet. Doch gerade in Japan scheint sich der Erfolg nicht fortzusetzten. Die Wii stagniert merklich und im Gegensatz zu der PS3 sind keine Top-Sellers in Sicht und die PS3 kann ja immer noch günstiger werden.

    Dass die anderen Konsolen eine Erscheinung des „damaligen Zeitgeist“ (als ob sich der Zeitgeist geändert hätte) sind, sehe ich nicht so. MS und Sony würden IMO ihre Konsolen ähnlich wie damals ausstatten.

  6. ness sagt:

    @ piccolo-junior: „Die Wii stagniert merklich und im Gegensatz zu der PS3 sind keine Top-Sellers in Sicht und die PS3 kann ja immer noch günstiger werden.“

    Also Topseller sind ebenso für die Wii in Sicht, Wii Sports Resort und Monster Hunter 3 als Beispiel. Und die Wii kann doch auch günstiger werden, das ist eigentlich kein Alleinvorteil der PS3.