Wer hat Schuld an der Krise der Videospielindustrie?

Trotz Umsatzsteigerungen befindet sich die Industrie nicht in bester Verfassung. Auf der Suche nach den Gründen für diese Entwicklung komme ich jedoch zum Schluss, dass alle daran schuldig sind. Willkommen in der Globalisierung!

Wahrscheinlich werden mich einige Personen als Panikmacher verulken, denn verglichen mit anderen Branchen steht die Videospielindustrie in guter Verfassung. Zumindest auf den ersten Blick, aber bereits in den früheren Kolumnen wies ich mehrmals auf die verschiedenen Probleme hin, wie zum Beispiel die hohen Entwicklungskosten, die ebenso hohen Werbekosten, die vielen Fusionen, Übernahmen, aber auch Schliessungen der Firmen, und nicht zuletzt die konservative Fortsetzungsstrategie der Mehrheit der Publisher. Hätte die Industrie einen anderen Weg einschlagen können? Und wer führte die Industrie hin zu dieser Entwicklung? Waren es die Konsolenhersteller, die ihre Konsolen zu teuer produzierten? Waren es die Investoren, die die Firmen unter Druck setzen, möglichst schnell möglichst viel Rendite zu bringen und sie dabei häufig in die falsche Richtung drängen? Waren es die Manager dieser Firmen, die gierig nach Wachstum streben und zu oft ungünstige Übernahmen befürworten, das Geld der Firma quasi mit beiden Händen rauswerfen? Waren es die Spielproduzenten, die garantierte Bestseller wollen und deshalb vor allem Fortsetzungsspiele erfolgreicher Franchises als Auftrag geben? Waren es die Spielentwickler, die gigantische Projekte lancieren wollen, weil sie dadurch eher im Rampenlicht stehen, jedoch zwecks Risikominimierung auf etliche neue Spielideen verzichten müssen, weil sie einen kommerziellen Flop nicht verantworten können? Oder lag es am Kaufverhalten der Spielerinnen und Spieler, die bestimmten Trends folgen und so die Industrie in eine bestimmte Richtung lenken?

Meine Antwort: Alle haben Mitschuld an dieser Entwicklung, denn die jetzige Wirtschaftskrise zeigt uns auf erschreckender Weise, wie alle Akteure dank der Globalisierung eng vernetzt sind. Asiatische Regierungen kauften Milliarden von Dollar und lagerten sie in ihren Nationalbanken, um den Dollar zu stärken, damit die US-Amerikanerinnen und –Amerikaner mehr importierten und weniger exportierten, was zu einer hohen negativen Handelsbilanz führte. Die Investoren suchten nach neuen Investitionsmöglichkeiten und fanden im Hypothekarwesen scheinbar hohe Renditen. Die grossen Investmentbanken scharten diese bis zur Unkenntlichkeit gebündelte Hypothekenpakete um sich. Die kleinen US-Banken brachten immer gefährlichere Hypotheken an die Leute und verkauften diese weiter, weil sie die immense Nachfrage der Investoren nach Hypotheken befriedigen wollten. Und schliesslich der einfache US-Bürger, der unbedingt ein Haus wollte und für ihn eine nicht bezahlbare Hypothek aufnahm. Dass die daraus resultierte Hypothekenkrise zu einer Finanzkrise und später zu einer globalen Wirtschaftskrise mutierte, unterstreicht die Konsequenzen der Globalisierung deutlich. Die Videospielindustrie weist auffallend viele Parallelen zu diesem Beispiel auf, und wir sollten deshalb nicht denken, dass nur wenige den Videospielmarkt kontrollieren.

Über die Verantwortung der Konsolenhersteller und Spielentwickler habe ich in der Vergangenheit bereits mehrmals geschrieben, aber die Verantwortung der einzelnen Spielerin oder des einzelnen Spielers soll auch nicht unterschätzt werden. Sicherlich, ein einziger Konsument kann in diesem System nicht viel ausrichten, aber die Gesamtheit aller Konsumenten bestimmt den Lauf der Dinge. Wenn der freie Markt zumindest in der Theorie freie Auswahl garantiert, dann sollten wir diese Wahlfreiheit mit Verantwortung nutzen. Im Gegensatz zu einer Demokratie sind die Stimmen nicht gleichwertig, denn wer mehr ausgibt, macht einen grösseren Teil des Marktes aus. Doch geben die Vielzocker unter uns nicht nur mehr aus, sondern sind auch nicht unverantwortlich bei der Mundpropaganda. Viele sehen ihre Wirkung auf dem Markt als so unbedeutend an wie der Flügelschlag eines Schmetterlings, aber was pflegen Meteorologen zu sagen? Das Wetter sei so komplex und zusammenhängend, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien der Ausgangspunkt für einen Orkan an der Küste Floridas sein könnte. Mit anderen Worten: Dass die Industrie sich in diese Richtung entwickelte, haben wir Spieler bis zu einem gewissen Grad selber bestimmt.

Wenn das ganze System derart zusammenhängt, welche Konsequenzen haben wir Spieler zu befürchten, wenn die Industrie einen Schnupfen kriegt, wenn wir mal nicht von einer Krise sprechen wollen? Schlechte Bilanzen bedeutet in der Regel, dass eine Firma kurzfristig weniger investieren wird, Arbeiter entlässt und im schlimmsten Fall ihre Türen schliesst. Direkte Folgen für uns sind weniger Spiele, vor allem weniger innovative Spiele. Inzwischen ist Eigenkapital in Milliardenhöhe nicht viel in diesem Geschäft, eine schlechte Konsolengeneration reicht, um die Reserven in Rekordzeit schmelzen zu lassen. Gewinne erlauben diesen Firmen weiterzumachen. Umgekehrt führen Verluste häufig zu Umstrukturierungen zwecks Kostenreduktionen, die vor allem zwei Gruppen zu Verlierern machen: die entlassenen Mitarbeiter und die Spieler, weil letztere mit weniger Spielen rechnen müssen. Wir Spieler haben als Teil des grossen Ganzen deshalb eine Mitverantwortung beim Spieleinkauf. Eine einzelne Handlung ist nichts, doch die Summe dieser Handlungen bestimmt den Lauf der Dinge.

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2 Antworten zu Wer hat Schuld an der Krise der Videospielindustrie?

  1. piccolo-junior sagt:

    Dass wir durch unser Kaufverhalten massgeblich dazu beitragen, dass sich die Industrie in eine bestimmte Richtung entwickelt (ich spreche bewusst nicht, von „weiter“-entwickeln), liegt auf der Hand.

    Aber gleichgültig wie wir uns verhalten hätten, die Krise hätte die Videospielindustrie ähnlich hart getroffen, wie jetzt.

  2. rupickman sagt:

    Ja, natürlich. Nur leider sind die Spieler halt in der Hinsicht auch nicht viel besser, dass die erfolgreichsten Games immer Nachfolger von irgendwelchen anderen Top-Titeln sind. Gamer sind in der Hinsicht vielleicht auch konservativ und wollen immer und immer wieder dasselbe in anderen Optiken spielen…