Die Geschichte um Lucas: Mother 3

Nach einem mehr als steinigen Entwicklungsprozess erschien 2006 der dritte und letzte Teil der Mother-Reihe auf dem GameBoy Advance und ist nun dank Fan-Bemühungen auch in Englisch spielbar. Warum Mother 3 im Gegensatz zu Earthbound nicht nur eine Kuriosität, sondern ein hochwertiges und modernes Videospiel darstellt, möchte ich in diesem Artikel vermitteln…

Die Mother-Serie hat es nun wirklich nicht leicht: Nachdem der zweite Teil, welcher im Westen auf den Namen „Earthbound“ hört, in den USA floppte und einen PAL-Release verhinderte, stellte sich die Entwicklung des dritten Teils als ein wahrer Alptraum heraus. Angekündigt wurde das Projekt erstmals 1996 für das Nintendo 64, kurze Zeit später sollte es als Launch-Titel für die 64DD-Erweiterung in Japan herhalten. Das Entwicklerteam rund um Shigesato Itoi hatte derweil jedoch so seine Probleme mit der Hardware des Nintendo 64, vorallem da die Programmierer kaum Erfahrung mit 3D-Grafiken vorzuweisen hatten. Nachdem sich das 64DD-Add-on als Misserfolg erwies, wurde die Arbeit an Mother 3 im Jahre 2001 endgültig eingestellt.
Doch Fans durften 2003 aufatmen: Während einem Werbespot für die Mother 1+2-Compilation, welche die ersten beiden Mother-Spiele (ursprünglich für das NES und SNES erschienen) auf einer GBA-Cartridge vereinte, enthüllte man, dass wieder an Mother 3 gewerkelt wurde – diesmal allerdings in 2D und für den GameBoy Advance.

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2006 durften Japaner dann erstmals Hand an den Abschluss der Trilogie legen, während westliche Fans von Earthbound nur einen neidischen Blick ins Land der aufgehenden Sonne werfen und darauf hoffen konnten, dass sich Nintendo of America dazu erbarmen würde, Mother 3 zu lokalisieren. Doch man wartete vergebens: Selbst als der Hauptcharakter des Spiels, welcher auf den Namen Lucas hört, der Kämpferriege im Blockbuster-Titel „Super Smash Bros. Brawl“ beitrat, machte Nintendo keine Anstalten, sich mit der Übersetzung des Spiels zu befassen. Stattdessen nahm man sich Titeln wie „Magical Starsign“ (interessanterweise entwickelt von Brownie Brown, welche ebenfalls an Mother 3 mitarbeiteten) an, sehr zum Unmut der Fans.

Doch glücklicherweise gibt es im Zeitalter des Web 2.0 immer eine Lösung und so erschien im Oktober 2008 eine Fan-Übersetzung von Mother 3, an welcher ein Team rund um den professionellen Übersetzer Clyde Mandelin (Kingdom Hearts 2, One Piece: Unlimited Adventure und etliche Anime-Serien), auch bekannt unter dem Synonym „Tomato“ zwei Jahre lang werkelte. Wer also durch Earthbound auf den Geschmack gekommen ist oder einfach nur wissen möchte, was es mit Lucas auf sich hat, der hat nun die Chance dazu (das japanische Originalspiel zu importieren, sollte es einem aber dann doch wert sein).

Die Story erzählt von dem idyllischen, hinterwäldlerichen Dorf Tazmily, Heimatort von Flint und Hinawa, sowie ihren beiden Söhnen Claus und Lucas. Tazmily ist derart zurückgeblieben, dass dessen Einwohner nicht einmal Geld kennen, doch der Frieden wird unterbrochen, als plötzlich mysteriöse Soldaten in Schweinsmasken auftauchen und auf Anordnung eines gewissen „King P“ die heimischen Tiere zu halb mechanischen, halb tierischen Chimären umbauen, welche die Dorfbewohner angreifen. Zur selben Zeit taucht ein mysteriöser Händler auf und führt nicht nur die erste Währung ein, sondern dreht den einfältigen Menschen in Tazmily „Happy Boxes“ (elektronische Flimmerkisten) an, ohne die sie angeblich niemals zu wahrem Glück gelangen können. Als schlussendlich die Häuser all derjenigen Einwohner, die sich weigern, eine Happy Box zu erwerben, nacheinander vom Blitz getroffen werden, macht sich der sonst so ängstliche Lucas auf, den Unruhestiftern das Handwerk zu legen.

Wer mit Mother 3 eine konsequente Fortführung des Earthbound-Settings erwartet, der wird überrascht sein, denn die Welt des dritten Teils spiegelt keine karikierte Sicht des Amerikas der 60er- bis 90er-Jahre wieder, sondern setzt wesentlich mehr auf Fantasy-Elemente. Zwar füllt man seine Lebensenergie noch immer mit allerlei Lebensmitteln wie gegrilltem Hühnchen und Pudding auf, doch statt Großstädte besucht man Spukschlösser und statt das Geld am Automaten zu ziehen, wird man in Mother 3 von sprechenden Fröschen versorgt. Doch Fans der Reihe müssen sich keine Sorgen darum machen, dass der einzigartige Charm der Vorgänger verloren gegangen ist: Die von den Schweinesoldaten mehr und mehr modernisierte Welt bietet wie immer allerlei Möglichkeiten, neuzeitliche Elemente mit dem RPG-Konzept zu verflechten. Wer erst einmal einen bulligen Zwischengegner mit der Broschüre seiner Lieblings-Rock-Band ablenkt hat, weiß, was gemeint ist.
Auch in Sachen Storytelling entfernt sich Mother 3 von den Konventionen seiner Vorgänger: Die Geschichte ist nun in Kapitel unterteilt, wobei der Spieler zu Beginn die Kontrolle über viele verschiedene Charaktere erhält, bevor er mit Lucas den Hauptteil der Story bestreitet. Unteranderem erlebt man die Geschichte aus den Augen von Lucas‘ Vater Flint, dem humpelnden Dieb Duster, der Tomboy-Prinzessin Kumatora und dem kleinen Affen Salsa.

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In Sachen Gameplay bleibt der Abschluss der Trilogie seinen Wurzeln treu, führt aber gleichzeitig einige wichtige Neuerungen ein. Das Kampfsystem wurde im Grunde unverändert von Earthbound übernommen: Noch immer sind die Gegner größtenteils nicht animiert, noch immer scrollt die HP-Anzeige nur langsam gegen Null, was ein Beenden des Kampfes oder schnelle Heilung vor dem Ableben des Charakters ermöglicht. Zusätzlich wurde das Kampfsystem um eine Rhythmus-basierte Komponente erweitert: Wer bei einem normalen Angriff den Button im Takt der Musik drückt, kann einen Combo von bis zu 16 Treffern aufbauen. Schläfert man den Gegner ein, erhält man eine zusätzlich Hilfestellung in Form des Herzschlags des Kontrahenten, welcher im Rhythmus der Musik ertönt.
Eine sehr willkommene Neuerung stellt außerdem der Lauf-Button dar, welcher das Spieltempo erheblich anhebt und in Earthbound schmerzlich vermisst wurde. Überhaupt wirkt Mother 3 im Vergleich zum SNES-Prequel viel mehr auf der Höhe der Zeit, nicht nur aufgrund der vereinfachten Menüführung, sondern vorallem wegen des Grafikstils. War dieser in Earthbound noch recht gewöhnungsbedürftig und leicht angestaubt, glänzt der GameBoy Advance-Titel mit prächtigen 2D-Welten und hübschen Animationen der detaillierten Sprites. Im Großen und Ganzen hat sich die Reihe mit dem dritten Teil endgültig von seinem Nischenplatz in der Videospielwelt verabschiedet und ist nicht mehr nur eine Kuriosität, wie es Earthbound war, sondern ein wahrer Top-Titel der GBA-Spielebibliothek, der wirklich jedem Zocker ans Herz gelegt werden kann.
Eines sollte jedoch unbedingt noch erwähnt werden: Mother 3 ist schwer; schwerer als Earthbound. Selbst die RPG-Elite sollte sich also schon einmal darauf gefasst machen, das ein oder andere mal einige Level zu „grinden“. Wer diese Zeilen liest, muss kein zweites Shin Megami Tensei befürchten, sollte aber gewarnt sein.
Ein ganz großer Pluspunkt für Mother 3 (und ein weiteres Anzeichen dafür, dass die Serie endlich ihr „Eckchen“ verlassen hat), ist der Soundtrack: Sicher gab es auch in Mother 1 und 2 den ein oder anderen Ohrwurm, doch der dritte Teil ist voll davon: Seien es die etlichen Kampfthemen, die Marschmusik der Schweinesoldaten oder Neuauflagen von Klassikern der ersten beiden Teile, der Soundtrack gibt ein durchweg hervorragendes Bild ab.

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Alles, was Earthbound so einzigartig gemacht hat, und noch viel mehr steckt in dieser kleinen Perle. Zwar spielt die Story diesmal eine weitaus größere Rolle und ist stellenweise ungewohnt düster, doch der typische Humor der Franchise macht wie immer einen der größten Reize des Spiels aus: Die Dialoge, Gegner und verrückten Einfälle der Entwickler sind witzig wie eh und je, dazu kommt ein mehr als solides Gameplay- und Präsentationsgewand. Diesen Teil der Reihe (den man übrigens ohne Vorkenntnisse der Vorgänger problemlos verstehen kann) kann ich diesmal wirklich jedem Videospieler ans Herz legen. Asche auf das Haupt von Nintendo, dafür, dass sie dieses kleine Meisterwerk niemals in westliche Gefielde gebracht haben.

Die Fan-Übersetzung zu Mother 3 findet ihr hier: mother3.fobby.net

5 Antworten zu Die Geschichte um Lucas: Mother 3

  1. ness sagt:

    Hat Spaß gemacht zu lesen =).

    Wirst du dir eigentlich das Fan-Handbook holen?

    http://handbook.fangamer.com/

    Soll ja jetzt im Januar fertig sein.

    @ Artikel: Gerade noch mal bei Play-Asia nachgeschaut, leider schon vergriffen, bei Ebay ebenso, und es auf dem PC zu spielen habe ich keine Lust, zumal ich irgendwie ein schlechtes Gewissen hätte ohne Original-Game.
    Hoffentlich kommt Earthbound wenigstens mit dem nächsten Hanabi-Festival zu uns. So unwahrscheinlich ist es ja nicht, zumal es auch schon von der ESRB gerated wurde.

  2. Retro V sagt:

    Das Handbuch finde ich wirklich sehr gut gemacht, der Preis geht auch in Ordnung. Vorbestellen möchte ich es nicht, das wäre mir bei solch einem Fan-Projekt dann doch zu riskant, aber eventuell werde ich es mir später mal zulegen, sofern die Herren PayPal akzeptieren ;)

  3. ness sagt:

    Soll ja auch richtig professionell werden, das Buch.
    PayPal wird akzeptiert, der Erscheinungstermin wurde aber auf März verschoben. Dann gibt es wohl auch eine freie low-res Version des Buches zum Download, man kann es sich dann also vorher auch nochmal komplett ansehen.

  4. ness sagt:

    Das Buch ist btw. inzwischen fertig, hier gibt es ein paar Bilder:

    http://www.n-sider.com/contentview.php?contentid=3857

  5. motherfreak sagt:

    Genau deswegen ist es auch mein Lieblingsspiel bisher. Ich habe mich noch nie, so wohl gefühlt, wie in diesem Spiel. Die Dialoge, Grafiken und der Soundtrack trugen wunderbar zur Atmosphäre bei. Aus dem Grund, dass ich diese Serie sehr liebe (weshalb ich mein Blog der Mother-/Earthbound-Serie gewidmet habe), arbeite ich (erst seit einiger Zeit) an der deutschen Übersetzung mit.