Virtual Console-Perlen, Vol. 2: Wave Race 64

Was 1992 mit einem simplen Rennspiel für den GameBoy anfing, entwickelte sich 1996 zu einem der ersten Software-Knaller für das Nintendo 64. Warum „Wave Race 64“ damals wie heute zu beeindrucken weiß, werdet ihr in diesem Artikel erfahren…

Einige Zeit nach der Veröffentlichung des GameBoy-Rennspiels „Wave Race“, in welchem man mit Jet Skis aus der Vogelperspektive übers Wasser düste, machte sich Miyamotos Entwicklerteam EAD an eine 3D-Umsetzung des Konzepts, wobei dieses anfangs gar nicht allzu viel mit seinem Vorgänger zu tun haben sollte: In der Version für die bald erscheinende Nintendo 64-Konsole flitzte man statt mit Jet Skis mit futuristischen Schnellbooten durch enge Wasserstraßen und Tunnel. Vielleicht lag es an der Ähnlichkeit zum ebenfalls in Entwicklung befindlichen „F-Zero X“, vielleicht an technischen Schwierigkeiten, doch Wave Race 64 schlug bald darauf wieder konventionellere Wege ein: Im Endprodukt schwingt man sich wie gewohnt auf von Kawasaki gesponsorte „Wassermotorräder“ und kämpft mit drei weiteren Fahrern um den Sieg.

Das Herz des Spiels stellt der Meisterschafts-Modus dar: Hier wählt man zwischen drei Schwierigkeitsgraden (Leicht, Mittel, Schwer) und darf sein Können dementsprechend auf sechs, sieben oder acht Strecken unter Beweis stellen. Wer sich noch etwas mit seinem Fahrzeug vertraut machen möchte, bevor es zur Sache geht, der darf sich im „Dolphin Park“ austoben: Hier werden dem Spieler via Text und den Anweisungen einer Frauenstimme die Grundlagen der Spielmechanik beigebracht, während einige Delfine dem Fahrer zeigen, wo es lang geht. Wer sich noch nicht mit den vier zur Auswahl stehenden Charakteren auskennt, der sollte die Proberunde im Dolphin Park auf jeden Fall nutzen, denn die einzelnen Jet Ski-Piloten unterscheiden sich vom Handling her deutlich: Ryota Hayami ist der typische Allrounder und im Grunde jeder Art von Spieler zu empfehlen. Der korpulente Dave Mariner steuert sich wesentlich schwerfälliger und packt die Kurven nicht ganz so elegant wie seine Rivalen, verfügt aber über die höchste Endgeschwindigkeit. Ayumi Stewart, die einzige Frau im Bunde, ist zwar nicht gerade die Schnellste, eignet sich aber aufgrund ihrer einfachen Handhabung optimal für Einsteiger. Miles Jeter steuert sich äußerst empfindlich und ist lediglich Experten mit einer ordentlichen Portion Fingerspitzengefühl zu empfehlen. Die Eigenschaften der Charaktere lassen sich vor Rennbeginn zwar noch manuell justieren, allerdings nur in einem gewissen Rahmen.

Wer schließlich die Meisterschaft startet und sich auf der ersten Strecke „Sunny Beach“ wiederfindet, der wird schnell merken, dass es sich bei Wave Race 64 um ein ernstes Rennspiel handelt, keinen Fun-Racer á la Mario Kart: Es geht nicht darum, die Gegner auf jede nur erdenkliche Art am Vorankommen zu hindern, sondern um möglichst fehlerfreies Fahren. Wer nicht disqualifiziert werden möchte, muss sich nämlich an die roten und gelben Bojen halten und an diesen in korrekter Weise vorbeifahren. Jede passierte Boje erhöht dabei eine Anzeige am unteren Bildschirmrand, welche die Geschwindigkeit des Jet Skis beeinflusst; sollte der Spieler auch nur eine Boje verfehlen, sinkt die Anzeige sofort wieder auf Null, bei fünf Patzern ist das Rennen beendet.
Das Umschiffen der Bojen stellt jedoch das kleinste Problem dar, denn der größte Feind der Fahrer ist das Wasser selbst: Spätestens im zweiten Schwierigkeitsgrad wird man von dem teils recht wilden Wellengang regelrecht umhergeworfen. Wer es jedoch vollbringt, die Wellen unter seine Kontrolle zu bringen, der nutzt sie dazu, Hindernisse zu überspringen oder sich mit einem gekonnten Hüpfer an die Spitze zu setzen.

Die Strecken kommen durchaus abwechlungsreich daher: Mal düst man bei romantischem Sonnenuntergang übers Meer, mal scheucht man auf einem spiegelglatten See Entenschwärme auf. Ein andermal orientiert man sich in den Wasserkanälen einer nächtlichen Stadt an Neonschildern oder kämpft im Eismeer mit rutschigem Untergrund. Egal auf welchem Schwierigkeitsgrad man die Meisterschaft in Angriff nimmt, handelt es sich bei der letzten Schikane stets um „Southern Island“, einer malerischen Küstenstrecke, auf welcher sich in jeder Runde der Wasserspiegel ändert, was neue Abkürzungen eröffnet. Hat der Spieler auch dieses Rennen erfolgreich gemeistert, wird abgerechnet, gefolgt von einer Siegerehrung. Wer es auf dem Treppchen ganz noch oben schafft, darf sich an dem nächsten Schwierigkeitsgrad versuchen.

Neben der Meisterschaft darf man sich an drei weiteren Modi versuchen: Im Zeitfahren geht es ausschließlich um Bestzeiten, wobei sich der Wellengang nicht weniger gnadenlos gibt als sonst.
Im Stunt-Modus geht es ausschließlich um Tricks (welche im normalen Spielverlauf nutzlos, aber durchaus schön anzusehen sind) und die damit verbundenen Punkte. Außerdem gilt es, durch möglichst viele Ringe zu fahren und dabei das Zeitlimit zu beachten. Wer es auf der Dolphin Park-Strecke schafft, alle Tricks mindestens einmal zu vollführen, alle Ringe zu durchfahren und die Ziellinie rechtzeitg zu erreichen, der darf sogar auf dem Rücken eines Delfins reiten.
Schlussendlich steht noch der Multiplayer-Modus zur Verfügung, welcher aber leider recht simpel gehalten wurde: Lediglich zwei Spieler (ohne zusätzliche CPU-Gegner) dürfen gleichzeitig in Einzelrennen übers Wasser sausen.

1996 beeindruckte Wave Race 64 die Spielerschaft mit seiner ungemein realistischen Wellenphysik, welche sich selbst heute noch, mehr als zehn Jahre später, durchaus sehen lassen kann. Die Grafik ist farbenfroh und klar, die Musik (komponiert von Kazumi Totaka) mag zwar mit den einfachen Synthesizer-Klängen nicht unbedingt zur Spitzenklasse des Nintendo 64 gehören, geht aber trotz allem ins Ohr und untermalt die entspannte Atmosphäre des Spiels. Die Strecken sind abwechslungsreich und toll designt, die einzelnen Fahrer unterscheiden sich spielerisch sehr voneinander, der Schwierigkeitsgrad ist auf höheren Stufen zwar fordernd, aber immer fair. Kurzum handelt es sich bei Wave Race 64 um ein Rennspiel mit EAD-typischem Feinschliff, dass seine 1000 Wii-Punkte für all diejenigen wert sein sollte, die nicht darauf bestehen, ihre Kontrahenten mit Schildkrötenpanzern und Bananenschalen zu bombardieren.

9 Antworten zu Virtual Console-Perlen, Vol. 2: Wave Race 64

  1. HomiSite sagt:

    Allzu viele Spiele haben sich auch nicht in das Genre verirrt, oder? Es gab für die PlayStations noch diese Reihe, in der man größere Jet Skis („Sea-Doos?“) fuhr (ich glaube, in den ersten Teilen ohne großartige Wellenphysik), aber sonst?

  2. Retro V sagt:

    Das ändert jedoch nichts daran, dass sich ein realistischer Wellengang nur äußerst schwer programmieren lässt und die Qualität der Wellenphysik hängt ja wohl nicht davon ab, wie viele andere Spiele es bisher versucht haben, oder? ;)

  3. HomiSite sagt:

    Hm, in diese Richtung ging eigentlich auch mein Statement :). Weil Wellenphysik eben nicht so einfach ist, gibt es da offenbar nicht viele Spiele. Hat Wave Race eigentlich noch die beste?

  4. Mr. Nutz sagt:

    Ein wahrer Toptitel und eines der wenigen ernsthaften Rennspiele fürs N64 mit Grafik, die mir auch heute noch gefällt.
    In höheren Schwierigkeitsgraden ist das Spiel ein MONSTER!

  5. Retro V sagt:

    Ah okay, ich dachte du zweifeltest die Qualität der Wellenphysik von Wave Race 64 an, HomiSite. Mein Fehler =)
    Ich habe zwar den Nachfolger Wave Race: Blue Storm für den GameCube nie gespielt, denke aber mal, dass dieser Teil die aktuelle Referenz in dem Bereich darstellt.

  6. ness sagt:

    Oh ja, Wave Race – Blue Storm für den GameCube ist in Hinsicht der Wellenanimation absolut unglaublich. Was da beim Sturmwetter abgeht lässt einem die Kinnlade runterfallen^^.

    @ Artikel: Schöne Zusammenfassung =).

    Aber wird durch die Stunts im Hauptspiel nicht auch die Max Power Leiste aufgefüllt? Sicher bin ich mir beim N64-Teil nicht, aber bei Blue Storm können sie jedenfalls im normalem Spiel ziemlich nützlich sein, denn da wird die Leiste durch die Stunts ebenso aufgefüllt, als wenn man die Böjen durchquert.

  7. ness sagt:

    Hast du mal geschaut, ob sich die Stunts bei der N64-Version so wie bei Blue Storm auf die Max Power Leiste auswirken?

  8. Retro V sagt:

    Jup. Also bei Wave Race 64 wirken sich die Stunts auf garnichts aus, auch nicht auf die Powerleiste. Man kann ja auch in der 64-Version keinen Turboboost zünden, von daher ist das auch nicht so wichtig wie in Blue Storm.

  9. piccolo-junior sagt:

    Habe das Spiel zwar nie selber besessen, doch konnte ich es ausgiebig bei Kollegen zocken. Jedenfalls gefiel mir das Spiel ganz gut, wie schon erwähnt war die Wellenphysik, aber auch die Wassergrafik der Hit. Enttäuschend war der Mehrspielermodus, da man das Spiel nur zu zweit spielen konnte. Ich muss aber zugeben, dass mir ein MK 64 um einiges mehr Spass bereitet hatte.