Wie das Wort „Killerspiel“ missbraucht wird

Nun ist es geschehen: Auch in der liberalen Schweiz gehen Politiker gegen sogenannte Killerspiele vor. Es wird Zeit, mit diesem Populismus aufzuräumen.

Mit Erstaunen und einem kopfschüttelnden Lächeln verfolgen die Videospieler ausserhalb Deutschlands die bizarre und populistische Kampagne gegen die sogennanten Killerspiele. Geführt wurde diese Diskussion von konservativen CSU-Politikern wie Edmund Stoiber, der sich jedoch nicht daran stört, wenn Jugendliche in Schützenvereinen mit echten Munitionen hantieren.

Am Anfang schien es, als sei diese Hetze gegen Videospiele mit gewalttätigem Inhalt nicht weiter als ein deutsches Phänomen: Ein Stellvertreterkrieg gegen die Videospielindustrie soll offensichtlich die gravierenden sozialen Probleme in den Hintergrund verdrängen, weil die Politiker genau diese Probleme nicht angemessen lösen konnten. Böse Worte gegen die Videospielindustrie zu richten kostet hingegen nichts, denn erstens ist diese Industrie in Deutschland nicht gerade gross und zweitens verfügt sie mit den Videospielern als Klientel nicht über eine politisch gewichtige Interessengruppe.

Leider blieb diese populistische Hetze gegen die Killerspiele nicht in Deutschland, sondern sie scheint auch in anderen Ländern Gehör zu finden. Vermeintliche Experten in der Schweiz schrieben in Kolumnen plötzlich über die bösen Killerspiele, ohne jedoch genau zu definieren, was unter einem Killerspiel zu verstehen ist. Nun hat ein Schweizer SP-Politiker namens Roland Näf eine Motion gegen die Killerspiele gestellt. Was sind für ihn Killerspiele? Näf: „Games, bei denen man mit Erschiessen, Kopfweghauen oder Schädeleinschlagen, Aufspiessen usw. Punkte gewinnen oder in ein höheres Level kommen kann.“ Man kann sofort verstehen, dass hier ein Politiker gegen übertriebene Gewaltdarstellungen vorgehen will. Doch dafür gibt es bereits Gesetze, die für die Beurteilung dieser Spiele angewendet werden können. Er verlangt stattdessen ein einfacheres Gesetz und nimmt so Willkür in Kauf.

Ein Spiel wie „Stranglehold“ erklärt er also anhand seiner Definition schon mal zu einem Killerspiel. Dabei ist das Spiel in erster Linie eine Hommage an die alten John-Woo-Filme. Ob er diese Filme nicht kennt? Und wenn doch, warum wehrt er sich gegen das Spiel, aber nicht gegen die Filme? Die Antwort ist offensichtlich: Nicht zum ersten Mal erleben die Videospieler, wie ein Politiker hier einen Doppelstandard setzt. Was in anderen Medien akzeptiert wird, wird in Videospielen mit Verboten bekämpft.

Anders als in Deutschland sind es jedoch nicht die Konservativen, sondern es ist ein SP-Politiker, der den erwachsenen Spielern nicht die Freiheit gewähren will, jene Spiele zu spielen, die sie spielen möchten. Kein Wunder, verlieren die SP in der Schweiz an Wählern wie mich, die nun eine liberalere Partei wie die liberalen Grünen (entweder GFL oder Grünliberalen) unterstützen.

Wir Videospieler müssen uns endlich dagegen wehren: Die Politiker, die in der Regel nicht mit der Videospielkultur aufgewachsen sind und meistens nur wenig Ahnung von diesem Material haben, sollen nicht freie Hand haben und Verbote ausrufen, ohne die Position von uns Spielern zu hören. Wir sollen uns auch gegen eine andere Behandlung wehren als jene, die Liebhaber anderer Medien – seien es nun Film, Theater, Literatur oder Musik – seit Jahren für selbstverständlich sehen können. Schreibt Kolumnen, Blogs oder Briefe an Politiker und Zeitungsverlage und macht auf dieser Weise auf unsere Positionen aufmerksam. Genau wie der Film oder die Comics sind Videospiele ein neues Medium und erfahren eine Unmenge an Vorurteile.

Wer sich direkt an Herr Näf wenden will, hier ist seine Website: http://www.naefpiera.ch

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3 Antworten zu Wie das Wort „Killerspiel“ missbraucht wird

  1. ness sagt:

    Schon irgendwie witzig. Auf einmal wird in letzter Zeit in Deutschland vermehrt positiv über Spiele berichtet, ja sogar die ARD Tagesthemen im Fernsehen hatten einen GTA IV Bericht gebracht, ohne auch nur ansatzweise das Wort Killerspiel in den Mund zu nehmen, und nun fängt das in der Schweiz an…

  2. Christian sagt:

    Komisch, die Killerspiel-Definition, die da benutzt wird, klingt, als hätte er sie sogar 1:1 von Beckstein, Schünemann und Co übernommen. Beinahe wortwörtlich. Erschreckend, wenn noch nichtmal bei sowas ein gewisser grundlegender Grad an Reflektion angenommen werden darf.

  3. piccolo-junior sagt:

    Wir müssen endlich die Altersbegrenzungen rigoros durchsetzen. Ein Spiel für 18-jährige gehört nicht in Kinderhänden. Was wir brauchen ist eine europaweite einheitlich Regulierung zu diesem Thema.

    Ich habe den Fall von Roland Näf auch in der Zeitung verfolgt. Er hat ja einen MediaMarkt -Verkäufer verklagt, weil er in seinen Augen ein Produkt verkauft hat (Stranglehold), das gegen einen Artikel im StGB verstösst. Da das Gericht die Klage abgewiesen hat, bin ich guten Mutes, dass zumindest die Justiz einen klaren Kopf behält.