Das S-RPG aus der Hölle: Disgaea

Nein, die Überschrift dieses Artikels spielt nicht etwa auf den Schwierigkeitsgrad dieses Strategie-RPGs an. Den Schauplatz von Disgaea stellt tatsächlich die Unterwelt dar und deren dämonische Einwohner wissen für einige Lacher zu sorgen…

Hour of Darkness

Wie viele kleinere Entwicklerstudios setzt „Nippon Ichi“ auch in Zeiten von Bump Mapping und hochauflösenden Texturen auf 2D-Grafiken, oft gepaart mit einfachen Polygon-Landschaften. Im Gegensatz zu „Vanillaware“ (Odin Sphere für die PS2, Oboro Muramasa Youtouden für Wii) protzen die Macher von La Pucelle Tactics und Phantom Brave nicht mit riesigen, prächtig animierten Über-Sprites, sondern kreieren mit eher traditionellen Mitteln einen nichts desto trotz charmanten „2.5D“-Look. Disgaea: Hour of Darkness stellt hier keine Ausnahme dar, weder im Bezug auf die grafische Darstellung, noch das Gameplay, denn wie der Großteil aller Nippon Ichi-Produktionen kommt auch Disgaea (erstmals auf der PlayStation 2 und vor kurzem als Port auf der PSP erschienen) als Strategie-RPG daher. Doch bevor ich mich mit den spielerischen Qualitäten dieses Titels befasse, erst einmal ein paar Worte zur Story.

Die Geschichte setzt mit Entas (eine der Vasallen des Königs der „Netherworld“) verzweifelten Versuchen ein, den Prinzen Laharl aus seinem bereits mehr als zwei Jahre währenden Nickerchen zu wecken. Als ihr dies durch Einsatz von Waffengewalt endlich gelingt, erkundigt sich Laharl nach den Geschehnissen seit Beginn seines Schlummers. Zu seinem Erstaunen muss er vernehmen, dass sein Vater Krichevskoy (Overlord der Netherworld) eines tragischen Todes gestorben ist (er verschluckte sich an einer Pretzel). Während Laharls Dornröschenschlaf brach aufgrund dieses Vorfalls natürlich im wahrsten Sinne des Wortes die Hölle los, wirft doch nun jeder Dämon ein Auge auf den Thron des Overlords. Laharls Interesse besteht natürlich darin, zu verhindern, dass ihm jemand diesen Platz streitig machen kann, weshalb er sich zusammen mit Etna und einer Truppe Pinguin-artiger Dämonendiener namens Prinnies (welche in ihren Bauchtaschen diverse Mordwerkzeuge versteckt haben und gelegentlich explodieren) sofort auf den Weg macht. Schon bald stößt auch Engel-Azubi Flonne dazu, die Laharl mit ihrem ständigen Gerede von Liebe und Frieden zur Verzweiflung bringt.

Dreh- und Angelpunkt der Geschichte stellt des Overlords Schloss dar, von dem aus der Spieler Shoppen, Charaktere erstellen und natürlich auch auf die einzelnen Level zugreifen kann. Jede Welt ist in mehrere Kämpfe unterteilt, vor denen meist in kurzen Zwischensequenzen (in denen die exzellente englische Synchronisation zur Geltung kommt) die witzige Story vorangetrieben wird. Findet sich der Spieler schließlich auf dem Schlachtfeld wieder, so müssen die eigenen Truppen zuallererst einmal aus der Basis geschickt werden, wobei maximal zehn Einheiten gleichzeitig kontrolliert werden dürfen. Die Armee des Spielers besteht zum einen Teil aus storyrelevanten Charakteren wie Laharl und Etna, zum anderen aus generischen Klassen wie Kämpfer oder Bogenschütze, welche im Schloss hergestellt werden können. Das Spielfeld ist wie in Final Fantasy Tactics oder Fire Emblem in Quadrate unterteilt, auf denen sich die Figuren bewegen können. Wie in S-RPGs üblich, kann angegriffen, abgewehrt oder ein Item benutzt werden. Ungewöhnlich ist hingegen der Befehl „Throw“: Hier nimmt ein Charakter einen Kameraden oder Gegner auf und kann ihn bei Bedarf durch die Gegend werfen. Das verursacht zwar keinen Schaden, ist aber nützlich, um die Kämpfer weite Entfernungen schneller überbrücken zu lassen oder Gegner außer Reichweite zu befördern. Doch wie fast jedes Feature in Disgaea bietet auch das Werfen weitere versteckte Einsatzmöglichkeiten: So können gegnerische Einheiten gleicher Art ineinandergeworfen und somit vereint werden, wodurch sich ihre Level addieren. Sehr praktisch beim Aufleveln von Charakteren. Ebenfalls ungewöhnlich sind die Spezialattacken: Anfangs noch recht zahm, kann es im späteren Spielverlauf schon einmal passieren, dass mit Meteoriten um sich geworfen und das Schlachtfeld mit einem gigantischen Schwerthieb in der Mitte geteilt wird. Eine Sache muss im Kampf außerdem beachtet werden: Sogenannte „Geo Panels“ verleihen bestimmten Feldern auf der Karte besondere Effekte; sei es erhöhte Angriffskraft für darauf befindliche Figuren oder eine Warp-Funktion, die alle Kämpfer zufällig auf der Karte verteilt. Dieses System ist natürlich vielseitig manipulierbar, jedoch zu komplex, als dass es sich im Rahmen dieses Artikels vollständig behandeln ließe.

Hour of Darkness

Sollten die Gegner mal zu stark werden, so gibt es neben dem bei RPGlern beliebten „Grinden“ auch andere Methoden, seine eigenen Mannen zu stärken: Beispielsweise steht es dem Spieler offen, die „Item World“ zu betreten. Dabei betritt man die Welt im Innern eines Ausrüstungsgegenstands, um dessen Werte zu erhöhen. Diese Welten bestehen aus bis zu 100 Stockwerken zufallsgenerierter Karten, die meist bis zum Rande mit Geo Panels gefüllt sind. Alle 10 Stockwerke kann der Spieler aussteigen, ansonsten verhilft in Notfällen ein spezielles Item zum schnellen Verlassen der unberechenbaren Item World. Auch dieses System ist enorm komplex, da jeder Gegenstand besondere Einwohner beherbergt, die bestimmte Attribute stärken und nach deren Besiegen sogar vom einen Item ins andere umziehen können. Disgaea steckt voll solcher Systeme, wie etwa das Mentor-Schüler-System oder das System der Reinkarnation. All diese Features müssen ausgenutzt werden, damit ein Charakter effizient den höchsten Level, 9999(!), zu erreichen vermag.

Neben dem tiefgreifenden Gameplay weiß Disgaea: Hour of Darkness vorallem durch seine Präsentation zu gefallen. Natürlich ist der Look, wenn auch charmant, alles andere als atemberaubend, doch bietet das Spiel neben recht schöner Musikstücke auch eine enorm überzeugende Sprachausgabe, was umso erstaunlicher ist, wenn man bedenkt, dass Disgaea im Westen ein Nischenspiel darstellt und bei der Lokalisierung ein dementsprechend kleines Budget zur Verfügung stand. Der Humor der japanischen Vorlage wurde jedoch bestens eingefangen, können doch auch die Texte selbst durch professionelle Übersetzung glänzen. Da schmerzt es auch nicht sonderlich, dass die europäische Version des Spiels ausschließlich über englischen Text und Ton verfügt.

Wer mit dem Genre des S-RPG etwas anfangen kann, der ist mit Disgaea bestens beraten, vorallem da Spielzeit und Wiederspielwert eine der großen Stärken darstellen: Während die Hauptstory, welche in 14 Episoden untergliedert ist, in etwa 45 bis 50 Stunden abgeschlossen werden kann, warten Unmengen an herausfordernden Nebenquests nach Beendigung der Kampagne darauf, gemeistert zu werden, genauso motivieren mehrere Enden zum Weiterspielen. Während all dieser Spielstunden gibt es kaum Längen, die humorige Geschichte, sowie die charmanten Charaktere unterhalten bis zum Schluss. Einziges Manko für Neulinge des Genres stellt die enorme Komplexität dar, durch die sich ein mancher vielleicht anfangs etwas verloren fühlt, doch auch ohne jede Finesse des Gameplays auszunutzen, ist Disgaea durchaus schaffbar. Interessierte sollten sich also schleunigst nach dem original PS2-Release oder dem PSP-Port Afternoon of Darkness umschauen. Von letzterer Version gibt es an dieser Stelle einige bewegte Bilder zu bestaunen…

9 Antworten zu Das S-RPG aus der Hölle: Disgaea

  1. ness sagt:

    Finde das Spiel, über das ich schon nicht wenig gelesen und gesehen hab, auch ziemlich interessant, mangels entprechender Konsolen konnte ich es bislang aber leider noch nicht spielen =(.

  2. America`s Most Wanted sagt:

    Sry aber ich fand Disgaea schlecht.

  3. Retro V sagt:

    Möchtest du erklären, warum?

  4. America`s Most Wanted sagt:

    Es hat mir einfach keinen Spass gemacht. Zudem nur in Englisch, wie ich finde keine Alternative zu Fire Emblem.

  5. zoro sagt:

    Soweit ich gehört habe, soll ein weiterer Teil für das Nintendo DS herauskommen.

  6. Retro V sagt:

    Ja, das ist richtig. Von den ersten Screenshots her sieht es nach einem Remake des ersten Teils aus. Falls der Titel es zu uns oder zumindest in die USA schafft, kommen so immerhin auch mal Nintendo-only-Besitzer (wie ness) in den Genuss dieser Perle. Schade nur, dass die Sprachausgabe wohl nicht auf die Game Card passen wird.

  7. ness sagt:

    Oh, dass mit der DS-Umsetzung hört sich wirklich super an =).

  8. piccolo-junior sagt:

    Ich hoffe, das Spiel wird dann auch in Deutscher Sprache lokalisiert. Übrigens noch einen klitzekleinen Verbesserungsvorschlag. Du hättest im Text noch erwähnen sollen für welche Konsole das Spiel ist. Falls sich mal ein Videospielunkundiger hierhin verirren sollte. ;-)

  9. Retro V sagt:

    Dass es Versionen für PS2 wie PSP gibt, habe ich im Text mehrmals erwähnt, piccolo ;)