Geschichtsrevisionismus von Videospielern

Trotz der jungen Geschichte der Videospiele finden sich zahlreiche Fallbeispiele und lehrreiche Anekdoten. Nur dumm, dass jeder die Geschichtsentwicklung zu verdrehen versucht.

Revision bedeutet in der Geschichtswissenschaft, die geschichtliche Entwicklung anders zu interpretieren. Meistens hat der Historiker neue Quellen oder neue Darstellungsmethoden gefunden, um das frühere Bild zu revidieren. Revision gehört deshalb zum Kern der Wissenschaft und macht die Geschichtsinterpretation vielfältiger. Einige versuchen jedoch, Tatsachen zu verdrehen und durch Ignorieren relevanter Punkten ein anderes Bild zu zeichnen. In der Geschichtswissenschaft haben wir die Holocaust-Leugner als Beispiel. Nicht ganz so schrecklich, aber doch sehr ärgerlich ist das Bemühen vieler, die Videospielgeschichte so zu verdrehen, dass sie ihrer Argumentation für oder gegen eine Konsole dient.

Revisionismus hat eine gefährliche Seite: Wer sich nicht mit der Geschichte auskennt, könnte auf die fehlerhaften Darstellung hereinfallen und daran glauben. Insgesamt existieren drei verschiedene Arten von Revisionismus: Die erste Art besteht im gezielten Weglassen wichtiger Informationen, die nicht zum Bild passen. Die zweite ist das Verschönern oder Schlechtreden gewisser Aspekte. Die dritte gehört zu den fundamentalen Sünden, nämlich das dreiste Lügen.

Überwältigt von den unvorstellbaren und kaum vergleichbaren Erfolgen des DS und der Wii zimmern die Kritiker eine groteske Geschichtsdarstellung gespickt mit Nostalgieverblendung und absurden Ableitungen für die Zukunft. Natürlich leiden auch andere Konsolen an den Vergangenheitsverdrehungen, aber aus nicht klar ersichtlichen Gründen muss Nintendo mehr Unwahrheiten ertragen als andere Konsolenhersteller. Wahrscheinlich denken die Kritiker bei Nintendos Höheflügen, dass der Erfolg zumindest teilweise unverdient ist. Diese legitime Meinung rechtfertigt jedoch die krassen Geschichtsmissbräuche nicht.

Die Liste der revisionistischen Schabernacke enthält zu viele Punkte, ich möchte nur einige herausgreifen:

  1. Nintendos Vergangenheit zeigt, dass Dritthersteller schlecht auf ihre Plattformen abschnitten. Als Beispiele gälten das N64 und der Gamecube. Aber kaum eine Nennung wert sind das SNES und das NES, weil diese das Bild des Third-Party-Schreckens stören würden. Und die Kritiker gehen auch nicht auf die Situation von N64 ein, als Nintendo wegen fehlender Unterstützung ihre Spielentwicklungen stark aufbauen musste.
  2. Da die Wii stark auf die Gelegenheitsspieler setze, würde sie trotz ihrer Marktherrschaft von den Drittherstellern vernachlässigt behandelt. Diese Argumentation hinkt an drei Stellen: Erstens erklärt sie die Grösse der Userbasis als irrelevant, zweitens setzt sie blind voraus, dass die Wii-Besitzer wenig Spiele kaufen, und drittens redet sie den Anteil der Vielzocker klein. Knapp formuliert wird die Wii als ein geschichtlicher Einzelfall bezeichnet, für den die früheren Gesetze nicht gelten.
  3. Wind Waker sei besser als Twilight Princess, die Entwickler hätten sich in „Mario Kart Wii“ kaum angestrengt im Gegensatz zu den früheren Teilen etc. Mit anderen Worten: Nintendo strenge sich weniger an als früher und entwickle sich zum Schlechteren. Wie merkwürdig, dass Nintendo früher alles besser machte als jetzt und trotzdem so viel Mühe hatte, ihre Konsolen zu verkaufen! Wenig Gedanken verschwenden die Nörgler auch an die Tatsache, dass Nintendo vor allem zu Cube-Zeiten ihre Spiele eiligst rausbrachte, während die Wii-Software mit Geduld entwickelt wird.
  4. Die Wii sei nicht die neue PS2, sondern die Kombination 360 und PS3 sei die legitime Nachfolgerin, weil die Dritthersteller die besten Spiele für sie machen würden. Diese Behauptung widerspricht allen vernünftigen Geschichtsinterpretationen! Erstens setzt sie voraus, dass die Dritthersteller mehrheitlich auf teure Multiplattformtitel setzen, was früher nicht die Regel war und heute immer noch den grösseren Firmen vorbehalten sein sollte. Zweitens können nur Leute mit mehreren Konsolen von dieser Kombination vollständig profitieren, denn nur so können sie die Exklusivtitel beider Plattformen kaufen. Wenn man aber so argumentiert, sollte man eher eine Kombination „Wii und 360“ oder „Wii und PS3“ vorschlagen. Drittens ist die Wii tatsächlich nicht die neue PS2! Betrachtet man die Verkaufsentwicklung beider Konsolen, so übertrifft die Wii die PS2 im vergleichbaren Zeitraum. Wenn wir die historische Entwicklung aller Konsolen anschauen, dann hat die Wii die beste Voraussetzung, um die erfolgreichste Konsole zu werden. Und die Dritthersteller ignorieren diese Tatsache? Das behaupten jedenfalls die Anhänger dieser Hypothese.

Diese Liste lässt sich beliebig verlängern, in jeder Diskussion kommen neue Behauptungen, gestützt auf wackligen geschichtlichen „Fakten“. Zwar wiederholt sich Geschichte nicht immer, und jede Generation bringt neue Konstellationen hervor. Dennoch dürfen relevante Grössen wie Kundschaftsgrösse (Userbasis) und Nachfrage nicht kleingeredet werden, weil diese sich in der Vergangenheit als die sichersten Indikatoren für den kommerziellen Erfolg bewiesen. Die Geschichte hat bisher immer gezeigt, dass die sich schwächer verkaufenden Konsolen das Nachsehen haben. Wie kann also die bestverkaufende Konsole eine schlechtere Unterstützung bekommen als die Konkurrenten auf den zweiten und dritten Platz?

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4 Responses to Geschichtsrevisionismus von Videospielern

  1. America`s Most Wanted sagt:

    An welches Forum bzw. welche User erinnern mich diese falschen „Argumente“ nur? *g*

  2. ness sagt:

    Das frage ich mich aber auch^^.

    Toller Artikel =).

  3. piccolo-junior sagt:

    Weil die Dritthersteller wahrscheinlich ähnlich denken, wie die „Revisionisten“. *g*

  4. Professor N sagt:

    Danke! Danke! Danke! Du sprichst mir mit dieser Zusammenfassung aus der Seele. Guter Artikel, fein recherchiert.