Ist der Konsolenkrieg pubertär?

In jeder Konsolengeneration schlagen sich die Spieler gegenseitig ihre Köpfe wund. Eine nicht ganz todernste Analyse über die Gedankengänge der Konsolenkrieger.

Manche Leser haben sich sicher gefragt, ob der Titel dieser Kolumne nicht ein offensichtlicher Pleonasmus ist. Benehmen sich zwei Spieler nicht pubertär, wenn sie den anderen überzeugen wollen, wie viel besser die Konsole ihrer Wahl ist? Wenn sie die Firma ihrer Wahl anfeuern und sich freuen, wenn diese besser abschneidet als die Konkurrenz? Oder wenn sie in der Diskussion Andersdenkende beleidigen, beschimpfen und verhöhnen? Anscheinend handeln diese Leute – nennen wir sie Fans – ganz nach dem Motto: „Ihr wollt Krieg? Dann geben wir euch den Krieg!“ Doch ganz so einfach lässt sich die Frage nicht beantworten. Erstens stürzen sich nicht nur Jugendliche, sondern auch Erwachsene nicht selten hohen Alters in die Schlacht. Zweitens haben selbst Gelegenheitsspieler ihre eigenen Vorurteile und begründen ihre Wahl der Konsole nicht immer mit Argumenten für ihre Konsole, sondern mit solchen gegen die anderen. Wer hat nicht schon mit allen möglichen Leuten „Konsolenkriege“ geführt, auch mit scheinbar harmoniebedürftigen?

Parteinahme gehört zu den Menschen. Diese Eigenschaft hat zwar etwas Pubertäres, weil Vernunft oft wegfällt, wenn jemand Partei nimmt. Trotzdem ist sie universell und nicht einmal eine grundsätzlich schlechte Eigenschaft. Egal ob wir eine Konsole oder ein neues Auto kaufen, den Kauf muss jeder hin und wieder rechtfertigen. Videospieler kaufen nicht nur für viel Geld Konsolen und Spiele, sondern investieren Unmengen an Zeit für diese Beschäftigung. Wen verwundert es, wenn ein Zocker sich heftig zu wehren beginnt, wenn sein Gegenüber die Konsole und Spiele seiner Wahl lächerlich macht? Und ist es nicht verständlich, dass sich jeder Spieler darüber freut, wenn seine Konsole sich gut verkauft und dadurch die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass noch mehr Spiele für die besagte Konsole hergestellt werden?

In der Regel bedeutet Parteinahme für eine bestimmte Konsole nur, dass jemand sein Hobby schätzt und bereit ist, Zeit dafür zu investieren. Das Problem fängt allerdings dort an, wenn diese Parteinahme ausartet, das heisst wenn die Fans nicht mehr sachlich bleiben und gerne mal Tatsachen verdrehen. Dann haben wir es wirklich mit einem Krieg zu tun, und Argumente zählen dann weniger als blosse rhetorische Überlegenheit – nicht selten ist eine Seite bloss lauter als die andere. Um Objektivität zu demonstrieren, streichen nicht wenige Konsolenkrieger ihren Besitz von mehreren Konsolen hervor. Doch weshalb soll der Besitz von mehreren Konsolen eine Parteinahme verhindern? Oft sind gerade jene sogenannten Multikonsoleros die Überheblichen, sind sie doch davon überzeugt, dass sie durch ihren Besitz eine gewichtigere Meinung haben als die anderen.

Ein anderes Phänomen bilden jene Spieler, die vorher noch Fans einer bestimmten Konsole waren und nun das „Lager“ gewechselt haben. Diese Spieler ziehen oft mit dickeren Geschützen in den Konsolenkrieg als alle anderen. Wir können ihre Motive verstehen: Sie wollen sich von ihrer Vergangenheit emanzipieren und prügeln deshalb erst recht auf die frühere Seite ein. Ähnlich wie die Multikonsoleros glauben sie, dass sie durch den Wechsel an Perspektiven gewonnen haben und deshalb besser beurteilen zu können als jene, die immer die gleichen Konsolenhersteller bevorzugen. Im Eifer des Gefechts verlieren diese Spieler jedoch nur allzu häufig ihre Objektivität und betreiben nicht selten Revisionismus, malen die Vergangenheit ihrer früheren bevorzugten Konsolen etwas schöner, um die neue Konsole des früheren Favoriten bissiger kritisieren zu können.

Ob wir es wollen oder nicht, Konsolenkriege werden immer existieren, so lange es verschiedene Konsolen auf dem Markt sind. Es liegt in der Natur des Menschen, dass wir uns wünschen, sich über unsere Vorlieben zu äussern. Dabei versuchen wir durchaus, unsere Meinung mit Fakten und Tatsachen zu stützen. Sich über Konsolen zu streiten ist also einfach nur menschlich. Es liegt mir auch fern, meine Kolumnen die Subjektivität abzustreiten. Sollte jedoch eine Kolumne Fakten widersprechen oder unfaire Bewertung der Lage enthalten, dann sind die Leser und Leserinnen herzlich eingeladen, ihre Meinung zu einer solchen Kolumne darzulegen. Am besten mit dem Willen zu Fairness, verständlicherweise.

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4 Responses to Ist der Konsolenkrieg pubertär?

  1. Blickdicht sagt:

    Man verteidigt ja eigentlich nicht seine Konsole, sein Auto oder sein Computer-Modell, sondern seine Lebenseinstellung. Wenn die jemand angreift, ist man ja auch ätzig, da zumeist jeder in dieser Hinsicht sehr dünnhäutig ist. Da bleibt dann bei den meisten wirklich die Objektivität auf der Strecke. Bei RetroV ist das überraschenderweise nicht so, aber wenn ich mir manche Wii-Seiten so angucke…

  2. ness sagt:

    Schöner Artikel mal wieder.

    Beim Lesen sind mir auch immer wieder ein paar Leute eingefallen, die auf die jeweilige Beschreibung passen^^.

  3. Datassette sagt:

    Wahre Worte. Und vor allem nichts neues: Commodore- und Atari-Enthusiasten haben sich in den 80ern die Schädel eingeschlagen, dann Sega und Nintendo, jetzt „Big N und die anderen zwei“ ;-) Das ist sicher nicht der letzte Systemkrieg, den wir miterleben – und wie alle anderen zuvor wird keine Seite gewinnen. In 10 Jahren werden wir zurückblicken und schmunzelnd sagen: „Junge, waren das wilde Zeiten“, und dabei unserem damaligen Gegner virtuell auf die Schulter klopfen.

  4. piccolo-junior sagt:

    Nö, in zehn Jahren werden wir uns einfach weiter weichklopfen *g*

    Toller Artikel^^