Übersehen und unterschätzt, Vol. 1: Drill Dozer

Einige echte Spieleperlen erhalten bei ihrem Erscheinen einfach nicht die ihnen gebührende Achtung, sei es aufgrund schlechtem Marketings oder anderen Faktoren. Fallen die Verkaufszahlen in Japan und den USA dann entsprechend schlecht aus, so kann es schonmal passieren, dass wir Europäer das Spiel gar nicht erst zu Gesicht bekommen. So verhält es sich auch bei „Drill Dozer“ aus dem Hause Nintendo…

Jill, Gearmo & Grutch

Es ist schon eine Schande: Nach jahrelanger Pokémon-Knechtschaft dürfen sich die Entwickler von „Game Freak“ endlich einmal an ein vollkommen neues Projekt wagen, welches dazu noch vor Ideen nur so strotz und eine echte Bereicherung für die Spielebibliothek des GameBoy Advance darstellt, und dann floppt es in Sachen Verkaufszahlen. Drill Dozer (in Japan als Screw Breaker bekannt), das erste Jump ’n Run aus dem Hause Game Freak seit Pulseman im Jahre 1994, ist bei weitem kein Einzelfall: Dass viele Videospieler eher auf bekannte Namen, als auf spielerische Qualität achten, ist leider die traurige Realität und gepaart mit Nintendos „Fähigkeiten“ in Sachen Marketing geht der ein oder andere sehr gute Titel schnell mal unter. So kam es dann auch, dass Big N dem Action-Spektakel rund ums Bohren keine Chancen in Europa einräumte und das Spiel kurzerhand von sämtlichen PAL-Releaselisten entfernte. Glücklicherweise ist der GBA (sowie der dazu abwärtskompatible DS) region-free, weshalb engargierte Zocker zumindest zur US-Version greifen können (welche übrigens auf dem amerikanischen eBay-Marktplatz äußerst günstig zu bekommen ist). Warum sich ein Import lohnt, möchte ich in diesem Artikel vermitteln.

Jill mag zwar wie ein normales Schulmädchen aussehen, doch sie ist die Tochter von Doug, dem Boss der Red Dozers, einer berühmten Bande ehrenvoller Diebe. Als sie eines Tages nach Hause kommt, findet sie ihren Vater in krankenhausreifem Zustand vor und erfährt von ihren Kameraden, dass der rote Diamant, ein Andenken an Jills verstorbene Mutter, von der Skullker-Gang entwendet wurde. Von Wut gepackt bemannt sie kurzerhand die Geheimwaffe der Red Dozers: Den Drill Dozer, einen kleinen Bohr-Roboter. Auf ihrer Suche nach dem roten Diamanten entdeckt Jill, dass noch weitere dieser Edelsteine auf der ganzen Welt verteilt sind und enorme Kräfte verbergen…

Drill Dozer

Drill Dozer als Jump ’n Run zu bezeichnen, ist vielleicht nicht ganz richtig: Zwar stampft und hüpft der zweibeinige Mecha zusammen mit seiner Pilotin durch die abwechslungsreichen Welten, viel wichtiger als der Sprung-Knopf sind hier aber die Schultertasten, mit denen kräftig gebohrt wird. Während R den Bohrer im Uhrzeigersinn dreht, schickt ihn L in die entgegengesetzte Richtung. Zwar ist die Bohrrichtung meist unwichtig, einige Situationen im Spiel erfordern jedoch ein genaues Abstimmen der beiden Schultertasten, wie z.B. Röhren, durch die man sich nur im bzw. gegen den Uhrzeigersinn drehen kann. Doch das ist nur eine der unzähligen cleveren Spielideen, welche die Entwickler in die Cartridge gepackt haben: So kann sich Jill beispielsweise von Blöcken abstoßen, indem sie sich in eine Richtung in sie hineinbohrt und den Bohrer daraufhin schnell in die entgegengesetzte Richtung dreht. An anderen Stellen muss sie sich in Lifts festbohren oder mit einem gekonnten Slide durch enge Passagen schlittern.
Am Anfang eines jeden Levels startet der Spieler mit Minimalausrüstung und muss so schnell wie möglich zusehen, seinen Bohrer aufzustocken. Dafür sind spezielle Zahnräder zu finden, die die Geschwindigkeit des Bohrers erhöhen. Schaltet der Spieler also vom ersten in den zweiten und später auch in den dritten Gang, so gleitet der Drill Dozer durch harte Steinblöcke wie durch Butter und ist sogar in der Lage, spezielle Sperren zu zerstören, die sich andernfalls von selbst wiederherstellen. Natürlich kann der Bohrer auch als Waffe eingesetzt werden: Skullker-Schurken können gegen diesen nicht viel ausrichten, selbst gegnerische Geschosse prallen einfach an der Stahlspirale ab. Endgegner entblößen meist eine Öffnung oder Schraube, an der Jill herumbohren kann, bis die teils riesigen Kampfroboter endlich ihren Geist aufgeben. Sollte ein Endgegner trotzdem einmal Probleme bereiten oder ein Material undurchdringbar erscheinen, so bietet der hauseigene Shop weitere Energietanks und verbessertes Bohrwerkzeug an. Auch Landkarten, die den Weg in geheime Levels verraten, können hier erworben werden. Bezahlt wird mit Chips, welche sich in Blöcken, zerstörbarer Innenausstattung und brüchigen Wänden finden lassen.
Übrigens kann der Bohrer des Drill Dozer noch mehr, als Wände einreißen: Wird eine Schiffsschraube oder ein Propeller daran befestigt, so bewegt sich der Roboter durch tiefe Gewässer oder erhebt sich in die Lüfte. Die Steuerung ist in diesen Leveln zwar etwas gewöhnungsbedürftig, eine willkommene Abwechslung stellen sie aber allemal dar.
Leider ist Drill Dozer, wie viele GBA-Spiele, recht kurz und kann in wenigen Stunden beendet werden. Sammler machen sich nach dem Endkampf auf, alle 31 versteckten Schätze zu sammeln, während Leute, die eine Herausforderung suchen, sich an die Geheimlevels wagen und den höheren Schwierigkeitsgrad freizuspielen versuchen. Während all dem wird der Handheld übrigens kräftig durchgeschüttelt: Das etwas größere Spielmodul (gefärbt in passendem Ziegelrot) beherbergt nämlich eine Rumble-Funktion! Diese besitzt zwar keine wichtige Rolle im Gameplay, trägt aber zu einem authentischen Spielgefühl bei.

Drill Dozer ist ein charmantes kleines Spiel, das zwar nicht unbedingt neue Maßstäbe in der Welt der Videogames setzt, jedoch vollgepackt mit allerlei cleveren Ideen daherkommt und sich durchaus zu den besten Titeln der GBA-Spielebibliothek zählen darf. Wer die Pokémon-Reihe verfolgt, der wird sich gleich zuhause fühlen: Grafikstil und Charakterdesign (für welche sich Ken Sugimori, der Designer der Taschenmonster, auszeichnet) erinnern genauso stark an Game Freaks Hauptbeschäftigung wie die Musik: Gerade bei Bosskämpfen könnte man meinen, sich stattdessen in einem hitzigen Pokémon-Gefecht zu befinden. Wer also einmal Lust auf eine frische Spielerfahrung hat, der sollte schonmal die hiesigen Internetmarktplätze durchstöbern.

3 Antworten zu Übersehen und unterschätzt, Vol. 1: Drill Dozer

  1. ness sagt:

    Hört sich richtig klasse an und sieht auch noch gut aus^^. Kannte das Spiel auch vorher schon aus diversen Videos und Berichten. Allerspätestens bei der GameBoy-Virtual Console werd ich zuschlagen, weil ich aktuell eh genug zum Spielen hab^^.

  2. motherfreak sagt:

    Habe es importiert – es macht echt Spass – schade, dass es nicht lokalisiert wurde.

  3. Rumms sagt:

    Das spiel sieht ja schön aus (ich kenne sie als Helfertropähe in SSBB(super smash bros braw und da ist sie richtig fies)