Ein kleiner Goliath namens DS Lite

In letzter Zeit spaltet die Wii die Zockergemeinde, Gegner und Enthusiasten verbeissen sich in hitzigen Diskussionen. Dabei heisst der eigentliche König nicht Wii, sondern DS Lite.

Unter den Vielzockern geht die Angst um, die Angst vor der früheren Schreckensherrscherin Nintendo. Die kristallisierte Form ihrer Dominanz nennt sich die Wii, und das Bild der fröhlichen, Wiimote schwingenden Grossväter und –mütter bringt einige langjährige Zocker zum Rasen. Diese Vielzocker malen denn auch die düstersten Szenarien und reden sich ein, die Wii werde nur mit trashigen Spielen versorgt und werde keine solide Unterstützung seitens der Dritthersteller bekommen. Manche wollen gar von einer Abneigung oder gar Hass der Entwickler wissen, die nichts mit der Wii anfangen wollen.

Die Angst vor einem Beinahe-Monopol Nintendos ist verständlich, aber die Kritiker schiessen auf die falsche Konsole. Der wahre Goliath ist viel kleiner und heisst DS Lite. Und wie schon in der Vergangenheit beachten die Zocker die Tatsache zuwenig, dass der Handheldmarkt Nintendos grösste Stärke darstellt. Aber warum ist das so? Wie können die harschen Kritiker das enorme Wachstum der DS-Spielerbasis gelassen hinnehmen?

Ich habe viele mögliche Gründe ausgemacht, der Werdegang dieses Handhelds mag dabei eine besondere Rolle gespielt haben: Viele Beobachter sahen den DS als den Underdog gegenüber Sonys hochambitioniertem High-Tech-Handheld namens PSP. Der DS als David bekam deshalb Sympathien, wenn nicht sogar Mitleid, während die PSP als kommender Goliath bereits als Siegerin und Marktführerin feststand. Die Ironie in dieser Geschichte ist, dass der DS vom ersten Tag an gegen die PSP behaupten kann und später mit dem DS Lite als Revision alle Spielplattformen deklassiert. Der David hat sich also als Goliath entpuppt, und eigentlich müsste der DS Lite bei vielen als bedrohlicher Dominator erscheinen. Aber der Markt entwickelte sich zu Gunsten des DS Lites, viele gute bis sehr gute Spiele sind bereits für ihn erschienen und in naher Zukunft kommen die Hits gleich dutzendweise. Mit anderen Worten: Die Vielzocker haben den Handheld bereits zu lieben gelernt, da sehen viele marktkritische Spieler gerne hinweg, dass der DS Lite in den nächsten Jahren die Spieleszene stärker beeinflussen wird als jede andere Plattform.

Dass Kritiker Handhelds oft unterschätzen, hat einen weiteren, klassischen Grund, nämlich die starke Präsenz der Heimkonsolen. Sowohl die Medien wie auch die Spieler lassen sich von den prachtvollen Bildern auf dem Fernseher beeindrucken, Heimkonsolen gelten seit jeher als wahre Spieleplattformen, während Handhelds eher als ein Vergnügen für Zwischendurch angesehen werden. In der Vergangenheit stimmte dieses Bild mehrheitlich, viele Spiele für den Gameboy sahen aus wie verstümmelte Versionen der Heimkonsolenspiele, zudem litten die Spiele unter der schlechten Qualität des Bildschirms. Auch wenn die absoluten Softwareverkaufszahlen des Gameboys durchaus beeindrucken, so hielten die Heimkonsolen doch eine grössere Anzahl prägender Spiele. Der DS hingegen kann sich als richtige Spieleplattform behaupten, das Tie-Ratio ist auf einem guten Niveau, viele Spiele werden direkt für den DS entwickelt und schöpfen das Potenzial richtig aus. Selbst portierte Spiele sehen gut aus und können meistens die vollen Funktionen beibehalten. Aber weil die meisten Spieler das Spielerlebnis auf tragbaren Konsolen immer noch unterschätzen, wirkt der Goliath kleiner als er eigentlich ist.

Die Wii muss also weiterhin ihre Backen hinhalten und als Symbol für Nintendos Machtposition mehr böse Kritik ertragen als gerechtfertigt. Das ist das Glück des DS Lites, allerdings hilft diese verzerrte Sichtweise nicht, Nintendos Geschäftspolitik besser zu verstehen und dadurch berechtigte Kritik zu verfassen. Ein Beispiel: Während viele Spieler die langsame Spielekonvertierung für die Wii in Europa verurteilen, kritisieren nur wenige Leute die DS-Politik, die zum Teil Spiele den europäischen Zockern noch viel länger vorenthalten. Da aber das Angebot bereits sehr vielfältig ist, stört diese Praxis beim DS die Spieler viel weniger. Und warum finden so viele Kritiker, dass die Wii aufgrund ihrer Leistung zu teuer ist, aber in diesem Urteil den DS Lite nicht in Betracht ziehen? Historisch gesehen sind nämlich Handhelds schneller teurer geworden (verglichen mit Nintendos Heimkonsolen), während die Wii zwar mehr kostete als ihr Vorgänger – der Gamecube -, aber immerhin ein zusätzliches Spiel beinhaltet.

5 Antworten zu Ein kleiner Goliath namens DS Lite

  1. Blickdicht sagt:

    Kann ich nur zustimmen. Ich habe den DS in seiner klobigen Form nie für voll genommen. Erst der DS-Lite (der ja sicherlich auch wegen der bei Apple-Produkten gehypten Farbe weiß so stark beachtet wurde) war dann interessanter. Nicht nur die kompakte Form, sondern auch das Gros an Spielen, welche nun langsam aber sicher die Nutzung des Stylus immer geschickter einbeziehen (Anno) machen ihn so einzigartig.

    Schaue ich dagegen auf die PSP, ist das eine wirklich schicke Konsole mit wirklich guten Spielen, die ich gern spiele, aber hat man die erstmal alle durch, ist kaum qualitativer Nachschub zu finden. Obwohl die PSP ja immer noch sehr gut verkauft wird, halten sich die Entwickler seltsamerweise irgendwie zurück. Eine Konsole wie auch ein Handheld steigen und fallen mit ihren Spielen. Die PSP kränkelt da nun leider ein wenig. Schade eigentlich.

    Parallelen von DS ziehe ich auch zur Wii. Eine einzigartige Steuerung, die nach Erscheinen erstmal auf Biegen und Brechen überall intergriert werden muss. Erst später wird die Wii-Mote als nützliches AddOn verstanden werden und die Spiele noch ausgereifter machen. Denn momentan wären viele Wii-Games mit simpler Button-Steurerung immer noch besser bedient.

  2. ness sagt:

    Mal wieder toller Artikel, mehr als im Text steht kann ich eigentlich auch nicht hinzufügen^^.

  3. shadaik sagt:

    Ich sehe einen weiteren, imho viel wichtigeren Punkt: Der DS ist der nachfolger des GBA, der auf dem Handheldmarkt einen Anteil von 100% hatte.
    Im vergleich zum GBA hat der DS also einen wesentlich geringeren Marktanteil mit seinen (über den Daumen gepeilten) 70%.

    Hinzu kommt auhc noch, dass Dritthersteller auf dem DS wesentlich erfolgreicher sind als auf der Wii, hier also ein Monopol nicht so bedrohlich wäre.

  4. ahe sagt:

    Schon bei der Markteinführung der Wii hat mich irritiert, dass der DS oftmals so konsequent ignoriert wurde. Damals hatten viele Beobachter den Eindruck, als würde Nintendo mit der Wii wohl einen riesigen Flop landen und hätte sich durch den Verzicht auf HD-Technik schon das eigene Grab geschaufelt.

    Dabei war schon damals längst klar, dass die PSP wohl kein leichtes Spiel haben würde und Nintendo hätte auch ohne die Wii zumindest noch den Handheld-Markt dominiert. Selbst wenn die Wii gefloppt wäre, wäre Nintendo dank des DS wohl noch weit davon entfernt gewesen, den Laden zumachen zu müssen. Und heute ist Nintendo dank der Wii zwar wieder in aller Munde, der DS wird aber immer noch mehr als unterschätzt. Währenddessen wird die meiste Zeit über Konsolen diskutiert, deren Verkaufzahlen verglichen mit dem DS geradezu lächerlich anmuten.

    Aber vielleicht liegt es ja auch gerade daran, dass der DS selbst für seinen Besitzer eher unscheinbar und unkompliziert ist. Im Gegensatz zu stationären Konsolen hat man den DS immer dabei oder er liegt auf einem Tisch oder in irgend einer Ecke und wenn einem danach ist klappt man ihn auf und es kann losgehen. Stationäre Konsolen ziehen da vermutlich einfach mehr Aufmerksamkeit auf sich, da sie kaum übersehbar neben dem Fernseher stehen und man sich auch mit solch banalen Fragestellungen wie z.B.: „Wie schalte ich um zwischen TV und Konsole?“, „Welches ist das beste Anschlusskabel für meinen Fernseher?“, „Wie betreibe ich mehrere Konsolen an einem Fernseher?“, „Warum hat es hier schon wieder einen solchen Kabelsalat?“ usw. herumschlagen muss.

  5. piccolo-junior sagt:

    Toller Artikel.

    Ich muss zugeben, ich hätte zu Beginn nicht gedacht, dass der DS die PSP schlagen könnte. Doch der DS verkauft sich nicht nur super, er hat auch eine vielzahl an fantastischen Spielen. Was man von der PSP überhaupt nicht sagen kann.