Schwache Männer, starke Frauen: atypische Paare in Anime und Manga

Gehen euch Klischees auf die Nerven? Dann seid ihr hier richtig, denn muskelgepackte Typen mit einem sanftmütig lächelnden Mädchen in den Armen kommen in dieser Kolumne nicht vor.

Der Mann als Macher und die Frau als Verführte ist ein Klischee so alt wie wahrscheinlich die Menschheit. Genau so alt ist die erfrischende Drehung dieses Klischees, schon in der Antike machte Aristophanes seine Heldinnen zu Herrscherinnen über die Männer, und in Lessings „Minna von Barnhelm“ agiert die clevere Minna, während ihr Geliebter nach ihrer Pfeife tanzt. In Anime und Manga kommen starke Frauen und Mädchen oft vor, denn nichts langweilt die Zuschauer und Leser mehr als eine ganze Kette von Klischees. Die Zuschauer und Leser zu überraschen gehört zu den wichtigsten Eigenschaften einer Geschichte, der Rollentausch bietet eine solche Überraschung. Ich werde in dieser Kolumne nur eine Auswahl solcher Paare vorstellen, sozusagen die Spitze des Eisberges.

Keiichi und Belldandy von „Ah! My Goddess!“ bilden sicherlich nicht das früheste Paar mit umgekehrten Vorzeichen, aber sie gehören zu den populärsten Figuren. Der Plot ist sowohl einfach als auch verrückt: Der nette und ehrliche Keiichi Morisato, der leider nicht gerade von Glück verfolgt wird, verwählte sich beim Telefonieren und rief die Göttin Belldandy vom „Technischen-Göttinnen-Notdienst“ hervor, die ihm einen Wunsch gewähren liess. Angetan von ihrer Schönheit und Güte, wünschte er, sie immer an seiner Seite zu haben. Keiichi lebt seither mit Belldandy zusammen, die mit ihrer Magie und Hingabe ihn nicht nur aus heiklen Situationen rettet, sondern auch sein Leben glücklicher (und hektischer) macht. Die Beziehung zwischen Keiichi und Belldandy lebt von ihrer schüchternen und liebenswürdigen Annäherung: Während Belldandy von Natur aus stets ehrlich zu ihren Gefühlen steht, hat Keiichi meist nicht den Mut zu sagen, was er für sie empfindet. Der Witz in vielen Geschichten aus „Ah! My Goddess!“ besteht in der Tatsache, dass Belldandy eine mächtige Göttin ist, Keiichi hingegen ein normaler Mensch, der nur allzu oft ihre Hilfe benötigt. Anders als viele männliche Protagonisten ist Keiichi kein Draufgänger, dafür nimmt er stets Rücksicht auf Mitmenschen und beweist in fast allen Situationen Gutmütigkeit und Aufrichtigkeit.

Keitaro & Naru

Ähnlich lebhaft, aber weit weniger harmonisch kommt die Beziehung zwischen Keitaro Urashima und Naru Narusegawa in „Love Hina“ daher. Keitaro wird zu Beginn als Loser und Träumer vorgestellt und endet irgendwie als Hausmeister in einer Mädchenpension, während Naru in erwähnter Pension lebt und ihn zunächst verabscheut. Man kann Naru als eine „Tsundere“ beschreiben, das heisst, dass sie eine kämpferische und aggressive Natur hat, aber ihre liebliche und verletzliche Seite gerne versteckt. Keitaro hingegen ist ein sowohl sanftmütiger als auch tollpatschiger Charakter, der nicht nur von Naru, sondern auch von anderen Mitbewohnerinnen immer wieder Prügel bekommt. „Love Hina“ kehrt übliche Erwartungen völlig um: Nicht der Mann hat hier das Sagen, sondern die Mädchen in der Pension. Die Beziehung von Keitaro und Naru lebt von diesem Rollentausch, denn er sieht sich in seinen Träumen als der Agierende, aber in Wirklichkeit muss Naru ihn immer wieder zurechtweisen.

Haruhi & Kyon

Während Belldandy in „Ah! My Goddess!“ als weibliche Hauptperson einen sehr sanften Charakter aufweist und so ihre dominierende Stellung im Haus nicht sofort auffällt, weiss man in „Love Hina“ sofort, wer das Sagen hat, nämlich nicht Keitaro. Noch offensichtlicher ist die Dominanz Haruhis in „The Melancholy of Haruhi Suzumiya“: In dieser herrlich überdrehten Geschichte gespickt mit parodischen Elementen dreht sich alles um Haruhi, selbst die ganze Welt, die anscheinend nur existiert, wenn sie diese akzeptiert. Haruhi ist also eine Art Göttin, nur weiss sie selbst nichts davon. Aufgrund ihrer Exzentrizität haben die meisten Mitmenschen Mühe, sich ihr zu nähern. Nur der lethargisch wirkende Kyon gewinnt ihre Aufmerksamkeit, was ihm gar nicht gefällt, weil die temperamentvolle Haruhi ihn in allerlei Situationen hineinzieht. Die Geschichte ist deshalb so originell, weil Haruhi eine noch nie dagewesene weibliche Persönlichkeit darstellt: einerseits bossig, selbstbewusst bis arrogant, ungeduldig und leicht reizbar, andererseits stets fröhlich, optimistisch und mit einem unwiderstehlichen Tatendrang ausgestattet. Sie bestimmt die Richtung, und Kyon versucht, ihr Vorhaben zu erfüllen, meist sarkastisch kommentierend und sich unwillentlich zeigend.

Als letztes Paar sind noch Revy und Rock von „Black Lagoon“ zu erwähnen: Sie beide kehren die Rollen völlig um! Draufgängerisch ist hier nicht der Mann, sondern die Frau. Die schiesswütige Revy zeigt kein bisschen damenhaftes Benehmen, sondern beweist Trinkfestigkeit, raucht oft, flucht viel und explodiert bei jeder Kleinigkeit. Wie Naru kann man sie als eine „Tsundere“ bezeichnen, die aber eine sehr dunkle Seite hat und sich um ihren berüchtigten Ruf bemüht. Der ehemalige japanische Geschäftsmann Rock ist das Gegenteil von Revy: nett, ordentlich, verständnisvoll und um Schlichtung bemüht. Zwar weigert sich Rock, eine Waffe in die Hand zu nehmen, aber er setzt seine Intelligenz und seine analytischen Fähigkeiten ein, um auch gefährliche Situationen meistern zu können. Mag Revy die aggressivere Person sein, so zeigt sie ihre Gefühle doch eher zögerlich und versteckt. Wie sehr sie Rock schätzt, beweisen nicht nur mehrere Rettungsaktionen, in denen sie Dutzende Gegner über den Haufen schiesst, sondern auch ihre Bemühung, ihn vor psychischen Leiden zu schützen. Weil Revy ihre Gefühle zu Rock nicht offen zeigt, macht die lebenslustige wie zielsichere Nonne Eda einen Spass daraus, mit Rock zu flirten, denn Revy wird schnell eifersüchtig und flippt schnell aus.

6 Antworten zu Schwache Männer, starke Frauen: atypische Paare in Anime und Manga

  1. ness sagt:

    Ach wie ich den Manga „Love Hina“ liebe^^. Wirklich tolle Geschichte, und auch wirklich ein Paradebeispiel für diesen Artikel, der wieder toll ist =).

    P.S.: Der erste Link zu Keiichi und Belldandy funktionert nicht, zumindest bei mir.

  2. Retro V sagt:

    Danke, ness, habs geändert.

  3. piccolo-junior sagt:

    Toller Artikel.

    So viel ich weiss, wird in Japan ja immer noch ein klassisches Rollenmodell idealisiert. Deswegen mögen es Leute auch, wenn sie in Animes mal das genaue Gegenteil erleben. ^^

  4. martha roisa sagt:

    son geniales t amo j. g. a.

  5. mfauli sagt:

    Ah, Artikel ist von 2007, das erklärt einiges ;) Mittlerweile ist es geradzu TYPISCH, starke Mädels und untergeordnete Jungs in Mangas und Animes zu haben. Ich kann mich kaum mehr erinnern, was die letzte moderne Serie war, in der ein Junge Hauptcharakter war. Leider, muss ich sagen. Eintönigkeit ist immer schlecht, egal in welche Richtung. Aber das scheint den heutigen Anime-Produzenten ohnehin egal zu sein, besteht eine neue Saison aus 50% „Magical Girl beats everyone“-Serien und Moe-Mist…

  6. Oliver sagt:

    Ich glaube, in Sachen Ideenlosigkeit schlägt die Manga-Anime-Industrie sogar Hollywood um Meilen. Und das ist eine echte Leistung.