Das Spiel hinter Ness: Earthbound

Es gibt nicht viele Videospiele, die gameplaytechnisch wenig herausragendes bieten, den Spieler aber allein durch Humor und Atmosphäre zu fesseln wissen. Earthbound ist eines davon…

Tja, die Mother-Serie und der Westen… Nachdem die bereits übersetzte Version des ersten Teils (neben dem Originaltitel Mother auch als Earthbound Zero bekannt) für das NES nie das Nintendo-Hauptquartier verließ, durften Videospieler 1995 auch außerhalb Japans immerhin zum Nachfolger auf dem Super Nintendo greifen… zumindest in Amerika. Denn als das dort als Earthbound bekannte Werk von Shigesato Itoi aus finanzieller Sicht floppte (trotz beigelegtem Spieleberater), hielt man eine Lokalisation in die europäischen Sprachen für nicht mehr lohnenswert. Und so mussten sich Westler bis heute damit begnügen, mit Earthbound-Protagonist Ness in den Super Smash Bros.-Spielen die Fetzen fliegen zu lassen, während sich die Japaner vor kurzem nicht nur über eine Neuauflage der ersten beiden Teile für den GameBoy Advance, sondern auch einen neuen dritten Part für selbige Plattform freuen durften. Es fällt nicht schwer, Gründe aufzuzählen, warum Earthbound in den USA nicht die erhofften Verkäufe einfahren konnte: Auf den ersten Blick wirkt das kleine Meisterwerk nicht nur wie ein Spiel für Kinder, sondern in Sachen Gameplay vollkommen veraltet, vergleicht man es z.B. mit einem Final Fantasy VI. Welcher spielerische Hochgenuss jedoch unter dieser Oberfläche schlummert, möchte ich in diesem Artikel veranschaulichen.

Ness' Haus

Earthbound erzählt die Geschichte von Ness, einem ganz normalen Jungen aus der gemütlichen Vorstadt Onett. Eines Nachts wird er von einem ohrenbetäubenden Knall aus dem Schlaf gerissen, worauf er sich, neugierig wie er ist, sofort aufmacht, den Grund dieses Geräuchs zu untersuchen. Tatsächlich schlug ein Meteorit in einen Berg ganz in der Nähe ein, aus welchem eine sprechende Biene aus der Zukunft entsteigt. Diese berichtet dem Jungen mit der Baseball-Kappe von seinem Schicksal: Das außerirdische Monstrum Giygas bedroht den blauen Planeten und nur der mit übersinnlichen Kräften ausgestattete Ness kann dies, zusammen mit drei Kameraden, verhindern. Dabei liegt es am Spieler, acht mystische Orte aufzusuchen, um den Sound Stone mit magischen Melodien zu füttern, da nur diese in der Lage sind, Ness die nötige Kraft zu verleihen, gegen Giygas anzukommen. So beginnt eine total abgedrehte Reise durch ein verrücktes Land, welches Amerika aus der Sicht eines kreativen Japaners darstellt und voller Anspielungen auf die Popkultur der 60er bis 90er-Jahre steckt.

In vielen Bereichen gibt sich Earthbound äußerst simpel; sei es die Optik, die Menüverwaltung oder das Kampfsystem. Bei diesem Titel steckt jedoch hinter allem mehr, als man auf den ersten Blick wahrnimmt: Die grafische Darstellung mag anfangs an die guten alten 8-Bit-Zeiten erinnern, doch je tiefer man in die Welt von Ness, Paula, Jeff und Poo eintaucht, desto mehr weiß man diesen Stil zu schätzen, ergibt er doch ein wunderschönes Ganzes. Ähnliches gilt für das Kampfsystem: Dieses ähnelt sehr dem der Dragon Quest-Spiele, das heißt, dass auf dem Kampfbildschirm lediglich unbewegliche Gegnersprites und einige spartanische Angriffsanimationen bei Einsatz von PSI-Attacken zu sehen sind. Der Rest spielt sich in Form von Text ab. Jeder Charakter verfügt über die typischen Befehle: Angriff, Verteidigung, Itemeinsatz, Zauber (hier PSI) und je nach Charakter spezielle Taktiken wie Ausspionieren oder Beten. Statt Hintergründen, welche die Umgebung darstellen, flimmern bei Earthbound psychedelische Muster über den Bildschirm. Über einige interessante und zu jener Zeit äusserst innovative Features verfügt das ansonsten eher simple Kampfsystem allerdings schon: Zuerst einmal gibt es keine Zufallskämpfe. Die Gegner sind immer zu sehen und können im Idealfall von hinten überrascht werden (wobei das auch umgekehrt funktioniert). Das wohl wichtigste Detail ist die scrollende HP-Anzeige: Wird ein Partymitglied vom Gegner getroffen, verliert es seine Lebenspunkte nicht auf einen Schlag, sondern nach und nach: Die HP werden langsam (wobei das gar nicht so langsam ist) heruntergezählt und erst, wenn der Counter bei Null angekommen ist, fällt der Charakter zu Boden. Das sieht in der Praxis wie folgt aus: Später im Spiel trifft der Spiele z.B. auf einen kugeligen Roboter, welcher, sobald er besiegt wird, explodiert und so den Teammitgliedern veheerenden Schaden zufügt. Schafft man es allerdings, den Kampf schnell genug zu beenden, so bleibt der HP-Zähler stehen, sodass man den Kampf lediglich mit blauen Flecken verlässt. Ähnlich benutzerfreundlich ist das Verhalten schwächerer Gegner: Steigt Ness‘ Truppe im Level, so bekommen kleinere Monster Angst und machen den Spielfiguren ehrfurchtsvoll den Weg frei. Sollte man sich trotzdem mit einem schwächeren Gegner anlegen, so kann es passieren, dass man den Kampfbildschirm gar nicht erst zu Gesicht bekommt: Stattdessen erkennt man nicht mehr als einen Lichtblitz und der Gegner wird automatisch besiegt. Dies spart Zeit und Fingerarbeit. Übrigens muss auch in Earthbound stellenweise erst einmal hochgelevelt („gegrindet“) werden, um bestimmte Areale heil zu überstehen. Zwar nimmt dies nicht die Ausmaße wie in vielen anderen Japano-RPGs an, ist aber vorhanden.

Kampfbildschirm in Earthbound

Eines der Highlights dieses Spiels ist der Soundtrack: Hirokazu Tanaka und Keiichi Suzuki haben für Earthbound einige wunderschöne Melodien beigesteuert; sei es das fröhliche Onett-Thema, die Hintergrundmusik der Metropole Fourside, die echtes Großstadtfeeling verleiht oder der Song aus Twoson, welcher an den Klassiker „Yesterday“ erinnert (nur eine von vielen Beatles-Anspielungen im Spiel). Dies stellte, wie fast alle Elemente von Earthbound, einen starken Kontrast zu den restlichen RPGs aus japanischem Hause dar, welche fast immer auf ein mittelalterliches Setting setzten und auch dementsprechende Musikuntermalung boten. Überhaupt wirkt dieses SNES-Spiel wie eine Parodie auf Dragon Quest, angesiedelt im mordernen Amerika: Statt Schwertern schwingt man Baseballschläger, Tränke werden durch Hamburger und Pizzen ersetzt und um sich zu heilen, geht man nicht in die Kirche, sondern ins Krankenhaus. Und auch wenn man wie üblich im Kampf vergiftet und in Schlaf versetzt werden kann, setzten die Entwickler von „APE, Inc.“ noch eins drauf: Ness und Co. bekommen einen Schnupfen, erleiden in der Wüste einen Hitzschlag oder bekommen Heimweh, was nur durch ein Telefonat mit Mama geheilt werden kann. Genauso witzig geben sich die Gegner: Unteranderem sind einem die „nervige alte Dame“, das „süße kleine UFO“ und die „gehässige Krähe“ nicht gerade wohl gesonnen. Andere Kreaturen verfügen über mächtige PSI-Angriffe, welche aber einfach nicht treffen wollen oder setzen mit Vorliebe solch gefährliche Taktiken wie „mit der Augenbraue zucken“ oder „etwas Schmutziges sagen“ ein.

Threek

Ich bin ja eigentlich kein großer RPG-Fan und an solch traditionellen Rollenspielen wie Final Fantasy und Dragon Quest verliere ich schnell die Lust. Ich kann Grinden genauso wenig ausstehen wie strikt rundenbasierte Kämpfe aus der Ego-Perspektive. Earthbound vereint all diese Mankos und hat mich trotzdem nicht mehr losgelassen, was wohl für sich spricht. Wie viele RPGs bietet es in Sachen Gameplay nichts sonderlich atemberaubendes und wirkt an einigen Ecken doch etwas veraltet (das Fehlen eines Renn-Buttons fällt genauso negativ auf, wie die teils umständlichen Menüs). Es waren allein der Humor des Spiels und die wunderschöne, melancholische Atmosphäre, die Earthbound ausstrahlte, welche mich bei der Stange hielten. Dieses Videospiel ist witzig, ergreifend, enorm einfallsreich und vollkommen anders, was es zu einer wahren Perle der 16-Bit-Ära macht. Sicher, es trifft nicht jedermanns Geschmack, doch Spieler, die mit einer offenenen und vorurteilsfreien Einstellungen an diesen Titel herangehen, werden bald eine wunderschöne Videospielerfahrung mehr haben. Es ist wirklich eine Schande, dass Nintendo nicht einmal die Mother 1+2-Compilation für den GBA bei uns veröffentlicht hat.

Für viele weitere Informationen zur Mother-Serie empfehle ich: Starmen.net

5 Antworten zu Das Spiel hinter Ness: Earthbound

  1. theNerd sagt:

    Interessant, daß du die melancholische Seite des Spiels erwähnt hast. Ich dachte bisher nur ich hätte das bemerkt. Der Anfang erinnert mich mit der Vorstadt-Atmosphäre etwas an die Peanuts und auch die haben für mich einen „angenehm“ melancholischen Beigeschmack.

    Vielleicht erwartet uns ja doch noch eine Pal oder zumindest US Fassung für den GBA, ausschließen kann man das nicht. Oder?

  2. ness sagt:

    Ich hoffe inständig, dass Nintendo irgendwie Mother 1+2 noch zu uns bringt, was aber leider ja fast ausgeschlossen ist. Vielleicht ja über die VC, das würde ja auch gehen. Aber ob sie sich die Mühe machen, Teil 1 extra zu übersetzen? Wohl kaum. Oder Teil 3 für den GBA? Unwahrscheinlich… =( =(

    Aber ansonsten schöner Artikel. =)

  3. Sasuke Uchiha sagt:

    Ich hab das Spiel auch mal gespielt aber leider nur auf einem Emulator damals würde es gerne mal legal und anständig spielen.

  4. Martcraft sagt:

    Ich habe Earthbound/Mother 2 und Mother 3 ( Engliche Übersetzung ^^ ) auch gespielt. Ich Fand es einfach Großartig! Besonders Die gegner gefallen mir, die in vielen Maßen witzig aussehen ( New age Retro Hippie xD). Ebendso Liebe ich auch ein Großen teil der Musik. In anderen RPG ist bei den Kämpfen die Musik immer gleich… ein Normale Kampf-Musik und eine Boss Kampf-Musik… Doch die Unterschiedliche musik bei den Verschiedenden Gegner sorg immer wieder für abwechlung in den Kämpfen.

    Ich würde mich wirklcih freuen, wenn die Teile es mal Auf Deutsch geben würde…aber ich habe manschmal das gefühl, das Nintendo was gegen die Earthbound hat ( In Super Smash bros Brawl gibt es kein einziges Lied, was Rein aus Earthbound kommt )

  5. motherfreak sagt:

    Hey guter Artikel, erinnert mich irgendwie an mein Blog, da schreibe ich auch u.a. über die Mother-Serie.^^