Der Videospielmarkt und die US-Comicmarkt-Analogie

US-Spieler vergleichen jüngst den Videospielmarkt mit jenem des US-Comicmarktes. Ihr habt keine Ahnung, wie die Analogie zu verstehen ist? Hier eine kurze Erklärung.

Weltweit existieren drei bekannten Comicmärkte: der japanische Comicmarkt, der französische und der amerikanische. Während in Japan immer noch eine Unmenge Manga produziert wird und in Frankreich die Bandes Dessinées trotz rückläufiger Umsätze kreativ bleiben, erreichte der amerikanische Comicmarkt in der Mitte der Neunziger Jahre seinen Höhepunkt, versank nachher beinahe in die Bedeutungslosigkeit, und hat sich bis heute noch nicht von seinem Sturz erholt. Was war geschehen? Kommerzielle US-Comics bedeuten in der Regel Superheldencomics, kein Genre dominiert so stark den Markt wie jene der Superhelden. Talentierte Zeichner entwickeln die seit dem 60er Jahren beliebten Superhelden immer weiter, die Zeichnungen nehmen weiterhin an Komplexität zu, dennoch haben sich die Leser Ende der Neunziger sattgesehen. Gehörten Superheldengeschichten früher zum Mainstream, so finden heute nur die eingefleischten Fans Zugang zu dieser Bildsprache. Natürlich existiert neben dem Superheldenmarkt noch eine alternative Comicsszene, die neben Undergroundcomics ebenso Comic Novels zu bieten hat, aber diese Szene ging verkaufstechnisch ebenfalls zurück, weil sie nicht stark genug war und ist, um sich unabhängig von den Superheldencomics zu entwickeln.

Inwiefern hat dieser Comicmarkt mit jenem der Videospiele zu tun? Die US-Spieler stellen die Behauptung auf, dass ohne die Wii der Videospielmarkt ebenso zusammenbrechen könnte wie jener der US-Comics. Die Überlegung ist simpel: Vergleicht man die Verkaufszahlen der Xbox 360 und der PS3 mit jenen der Vorgängerinnen, so stellt man fest, dass sich die neuen Konsolen im gleichen Zeitraum langsamer verkaufen. Möglicherweise hat die Wii einige Kunden weggeschnappt, dennoch haben die schleppend laufenden Verkäufe andere Ursachen! Nicht nur die hohen Preise der Konsolen und der Spiele verhindern einen spontanen Einkauf, auch die Spielserien haben trotz verbesserter Grafik an Attraktivität verloren. Den Fokus völlig an die Hardcore-Spieler gerichtet, haben sich Microsoft und Sony unbewusst von den anderen Käuferschichten distanziert. Hier besteht die Analogie mit dem US-Comicmarkt: Statt sich um neue Kunden zu bemühen, versuchen die Produzenten, den alten Kundenstamm möglichst auszuquetschen – mit der Konsequenz, dass Gedeih und Verderb ihres Marktes völlig von diesem Stamm abhängig sind. Die US-Comicleser haben die Superheldencomics jahrelang gekauft, doch irgendwann haben sie genug davon. Im Videospielmarkt erleben wir derzeit die dritte Generation der 3D-Spiele, wesentliche Veränderungen in der Spielmechanik können die Spieler nicht mehr erwarten, selbst die Grafik erfährt keine Revolution, sondern wird gemäss der Erwartung verbessert – zum Teil erfüllt sie nicht einmal der Erwartung, wenn wir explizit von der Framerate und den Ladezeiten sprechen. Die Wii verkauft sich hingegen alleine schon aufgrund der Hoffnung, dass diese Konsole Neues zu bieten hat.

Hat die Wii also den Heimkonsolenmarkt gerettet? Vielleicht. Zumindest dürfen die Spieler froh sein, eine Alternative zu den teuren High-Tech-Konsolen zu haben. Und sicherlich hätten Microsoft und Sony irgendwann das Geschäftsmodell anpassen müssen, wenn die Verkäufe weiterhin rückläufig bleiben würden. Aber wann würde ein solcher Schritt erfolgen, wenn die Wii nicht existieren würde? Ein Blick auf den US-Comicmarkt zeigt, dass – im schlimmsten Fall – eine ganze Industrie selbst nach einem Jahrzehnt nicht zur alten Stärke zurückfinden kann, wenn niemand die richtigen Schritte einleitet.

Es soll darauf hingewiesen werden, dass heute die Manga praktisch alle Comicmärkte erobert haben, weil sie eine riesige Genrevielfalt bieten, die nur von vorsichtigen Verlegern eingeschränkt wird. Zwar sind Manga nur in Schwarzweiss erhältlich und werden auf günstigem Papier gedruckt, aber der dadurch resultierende Preisvorteil lockt mehr Leser an als die teuren französischen Bände, die meistens farbig und auf glattem, teurem Papier gedruckt sind. Ein Blick in einem Comicladen reicht, um die Dominanz der Manga festzustellen. Diese Analogie bedarf keiner Erklärung mehr.

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2 Antworten zu Der Videospielmarkt und die US-Comicmarkt-Analogie

  1. Ness sagt:

    Interessanter, von mir vorher so noch nicht gesehener Vergleich bzw. Verbindung.
    Der Artikel macht es jedoch deutlich und es gelingt ihm in wirklich gekonnter Art, dies schlüssig zu erklären.
    Kurz gesagt: Mir hats mal wieder besonders klasse gefallen. Und was gelernt hab ich auch noch dabei. Danke =)

  2. Boogie sagt:

    Auf so einen Vergleich wäre ich zwar nicht gekommen, aber logisch klingt er allemal. Ich konnte vor kurzem ausgiebig mal die Playstation 3 antesten (mit Freunden für 5 Tage geliehen + Spiele + HD-TV etc.).
    Wirklich, unglaublich gute Grafik. Hat mich schon überzeugt, trotzdem blieb dieses schale Gefühl, dass ich alles schon gesehen habe. Ja, Virtua Tennis hat richtig Laune gemacht, aber auch nicht mehr als Mario Tennis vor ein paar Jahren auf den N64.
    Ich bin sehr froh das es Wii gibt und das der NDS sich so gut verkauft. Wird echt Zeit für Abwechslung und neue Ideen.