Guten Appetit

Sony entdeckt derzeit nicht nur die eigenen Grenzen im Kampf gegen eine Konkurrenz, die nie mächtiger war, sondern auch neue Höhepunkte des schlechten Geschmacks. Der bedenkliche Abstieg des ehemaligen Marktführers.

Sony und die Werbung. Kein unbeschrittenes Territorium, denn schon seit dem Erscheinen der ersten PlayStation ist der japanische Elektronikhersteller für seine Werbekampagnen und Aktionen bekannt, die durchaus äußerst unkonventionelle Züge annehmen können. So gelang Mitte der 90er Jahre ein kleiner Geniestreich, als man PlayStation Demo-Stationen in die bekanntesten Clubs Europas stellte, zusammen mit dem futuristischen Rennspiel-Hit WipeOut, während gerade die Techno-Welle über den alten Kontinent rollte. Geschickt geschaltete Werbung zu den späten Abendstunden zog das Interesse von Personen auf sich, die ansonsten tagsüber gar nicht die Gelegenheit hatten, einen Spot für Videospiele in Augenschein nehmen zu können. Sony zeigte der in dieser Hinsicht enorm lahmenden Konkurrenz, wie man erfolgreich eine ältere Zielgruppe ansprach. Diese gab sich damals äußerst arrogant. So wirkte Nintendo wie ein altersschwacher König, der all die gefährlichen Vorzeichen nicht erkannte, die vom Ende seiner Regentschaft kündigten. Wer erinnert sich noch an Nintendo of America Chairman Howard Lincoln, der die überraschende Preissenkung der PlayStation auf der E3 1996 mit den Worten „Sie haben die donnernden Hufe des Nintendo 64 gehört“ kommentierte. In Wahrheit war Nintendo damals ob der Kaltschnäuzigkeit, mit der Sony diese nicht vorhersehbare Aktion ausführte, in die Ecke gedrängt worden, während die Dritthersteller, nach Jahren der Benachteiligung, ihre eigene Revolution vom Zaun brachen, da Sony ihnen den Eintritt in das „Dritthersteller-Paradies“ versprach, fernab von hohen Lizenzkosten, übermäßiger, fast manischer Kontrolle und einer komplizierten Hardware, wie sie das Nintendo 64 darstellte, vom Sega Saturn kaum zu sprechen. In den folgenden Jahren zeigte Sony ein feines Gespür für (im positiven Sinne) Aufmerksamkeit erregende Werbeaktionen, die den Namen PlayStation zum Synonym für einen ganzen Industriezweig werden ließen. Die Fans fanden u.a. mit Ken Kutaragi schnell eine neue Ikone und lauschten gespannt den großen Visionen des Vaters der PlayStation.

Zeitsprung: Was ist davon heute geblieben? Die hochtrabenden Kommentare aus der Chefetage wurden im Laufe der Zeit zu unausstehlich arroganten Verbalattacken gegen die mächtiger werdende Konkurrenz. In den Wochen vor der Einführung der PlayStation Portable etwa, die im Handheldsektor Nintendo ebenso zurückdrängen sollte, wie es ein Jahrzehnt zuvor im Konsolensegment geschah, sprach Kaz Hirai (damals noch President und CEO von SCEA) davon, dass die PSP die tragbare Unterhaltung aus dem so genannten „Handheld-Ghetto“ hinausbefördern werde und Sony auch die einzige Firma sei, die dazu überhaupt in der Lage wäre. Andere Stimmen aus dem Unternehmen verdammten den Nintendo DS schon im Vorfeld zum reinen „Pokémon-Handheld“ und versuchten ihn in die unbeliebte Kiddie-Ecke zu drängen. Sony hätte sich damals mit Sicherheit nicht im Traum hätte vorstellen können, dass eine Hunde-Simulation, eine Gehirn-Trainingssoftware, eine Life-Simulation, deren Leben als Nintendo 64 Spiel begann und schließlich ein neues 2D Super Mario Spiel das Schicksal ihres Handhelds besiegeln würden – und ihrerseits viele neue Kunden als Spieler gewannen. Sony betrat den Handheld-Markt just in jenem Moment, in dem Nintendo diesen enorm zu erweitern und damit auch verändern begann. In gewisser Weise kam Sony mit einem veralteten Handheld auf den Mark bzw. mit einem hochgezüchteten, tragbaren Multimedia-Handheld, dessen dahinter stehendes Konzept von gestern war. Selbiges geschieht derzeit im Kampf um die Konsolenkrone, die Nintendo in Japan nicht mehr zu nehmen sein wird. Anscheinend waren die japanischen Mitbürger doch nicht gewillt, für das edle Stück Hardware einen Zweitjob anzunehmen, wie es Ken Kutaragi gerne sehen wollte. Der konnte inzwischen selbst seinen einzigen Job als CEO von Sony Computer Entertainment Inc. nicht mehr halten und wird in Zukunft nur noch als Chairman von SCEI tätig sein. Das vorzeitige Ende eines großen Visionärs, dem eine zügelnde Hand zur Perfektion fehlte. Ihm fast völlige Freiheiten zu gestatten, war im Nachhinein der denkbar größte Fehler.

Auch bei der Bewerbung der Produkte sind allenfalls Rückschritte zu erkennen, nachdem Sony lange Zeit als Musterschüler in dieser Kategorie galt. Doch in jüngster Vergangenheit zeigt man sich nicht nur recht verschlossen gegenüber den Medien, sondern schadet sich selbst durch äußerst fragwürdige Aktionen, die weit über das Ziel hinaus schießen. Als in Amsterdam vor gut einem Jahr Plakate angebracht wurden, die die Einführung der weißen PlayStation Portable bewerben sollten, hagelte es nur so vor massiver Kritik, die in der Werbung eine eindeutige rassistische Botschaft erkannt haben wollte.

Aktuell sorgte gerade eine PR-Veranstaltung in Athen für hitzige Diskussionen, die zur Feier des Verkaufstarts von God of War II abgehalten wurde. Stein des Anstoßes ist eine extra für das Event getötete Ziege, die mit kalkulierter Freude an einen Skandal medienwirksam auf der Veranstaltung platziert worden ist, indem eine Fleischsuppe in den Kadaver des Tieres gefüllt wurde, die dann von netten Damen in geschmackvolleren Schüsseln umgefüllt und serviert wurde (wobei es bis zum jetzigen Zeitpunkt widersprüchliche Aussagen über den Inhalt der Ziege existieren, da die unseriöse Urquelle der Geschichte den Skandal künstlich noch weiter aufblähen wollte). Damit wurde nicht nur eine Grenze des guten Geschmackes überschritten, die Veranstalter des Events spuckten in respektloser Art und Weise, mit der das Tier ausgestellt wurde, auf ethische Grundsätze und missbrauchten den Körper einer toten Ziegen für die Bewerbung eines Videospiels. Kurz nach der Veröffentlichung des ersten Zeitungsartikels, der über den Skandal berichtete, gab Sony erwartungsgemäß eine Pressemitteilung heraus, in der man sich natürlich geschockt über die Erkenntnisse zeigte, von der man selbstredend keine Ahnung hatte. Man würde ein solch unangebrachtes Verhalten der Subpartner natürlich nicht verzeihen oder gutheißen. Natürlich. Deswegen berichtete das offizielle PlayStation Magazin Großbritanniens auch schon vor dem alles losreißenden Zeitungsbericht in einem zwei Seiten starken Artikel von der Veranstaltung… Ohnehin ist die hintergründige Aussage, Sony würde keinen Blick auf die Planungen ihres Subpartners werfen, äußerst unglaubwürdig. Und selbst wenn Sony, gegen jede Logik, nichts von den Details dieser Veranstaltung gewusst haben sollte, bleiben Vorwürfe an dem Unternehmen hängen, da eine solche Vorgehensweise nur als unprofessionell zu beurteilen ist.

Was bleibt ist der Eindruck, dass Sony nach einem rekordverdächtigen Aufstieg, der vor mehr als zehn Jahren begann, nun einen eben solch rekordverdächtigen Abstieg hinlegen möchte, der aber gerade mit den beiden letztgenannten Aktionen neue Dimensionen erreicht hat. Anscheinend ist man sich inzwischen für keinerlei Publicity mehr zu schäbig.

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5 Responses to Guten Appetit

  1. Zivi sagt:

    Mir wird Sony von Tag zu Tag unsymphatischer. Bisher war ich mir noch nicht so sicher woran es liegt… aber nun… schon besser ;)

  2. Ness sagt:

    Wow, ein wirklich herausragender Artikel. Wirklich spitze. Kompliment. =)

  3. Wahrheit sagt:

    Ja, nach einiger Zeit wieder einmal ein richtig großartiger Artikel!
    Zu Sonys Werbeaktionen eine Ergänzung noch… Auf ähnlich niedrigem Niveau war man vor etwa drei Jahren auch schon einmal angelangt, als man diese „blutgetränkten Stofffetzen“ oder wie Sony danach sagte „im Army-Style bedruckte rechteckige Stücken Stoff“ mit der Aufschrift „wir stecken in der scheisse – hol uns hier raus“ per Post verschickte, um für Socom 2 zu werben…

  4. Boogie sagt:

    Toller Artikel, wie immer!
    Nichts gegen aufällige provozierende Werbung, aber auch die aktuellen PS3 – Spots, sind mir persönlich viel zu zwanghaft auffällig. Schade, dabei fand ich die alten PS1 Spots immer sehr gut…

  5. piccolo-junior sagt:

    Was will man da noch hinzufügen? Ich finde, dass der Artikel die aktuelle Situation gut zusammenfasst. Sonys Werbung hat mich noch nie interessiert (Werbung interessiert mich grundsätzlich nicht), hab schon die „the third place“ Werbung nicht sofort begriffen.