Angst vor dem schwarzen Mann

Nintendo gibt sich alle Mühe, um Spieler zu der Ansicht zu verleiten, dass Online-Gaming nicht nur zweitrangig, sondern gar gefährlich sei – sobald Kommunikation stattfindet.

Im Zuge der durch das Famicom (hierzulande als Nintendo Entertainment System bekannt) ausgelösten Manie, veröffentlichte Nintendo ein für damalige Verhältnisse ungewöhnliches Zubehörteil. Mit dem Famicom Modem sollten die Japaner ihre Geldgeschäfte regeln und schnell einen Blick auf die aktuellen Kurse der Börse werfen können. Gerade dieser Service würde sich heute wieder als eine akkurate Option erweisen und könnte als Stock Exchange-Channel für die Wii Konsole eine Wiedergeburt feiern. Dem damaligen Experiment, denn nichts anderes war die Veröffentlichung des Modems, war jedoch kein Erfolg beschieden. Der Misserfolg lag zum einen an den sehr langsamen Zugriffszeiten, wie der Tatsache, dass auch das Famicom eher als Spielzeug verstanden wurde. Einige Jahre später: Das geplante Modem für das Super Famicom (Super Nintendo Entertainment System) wurde eingestampft, nachdem sich das Satellaview, ein Add-On, mit dessen Hilfe in Japan Spiele, Demos und Infos über einen Satelliten empfangen werden konnten, ebenfalls als Misserfolg herausstellte. Über das dem 64DD Paket beigelegte Modem für das Nintendo 64, welches am Ende des Tages lediglich für einen Mail-Dienst herhielt, muss man eigentlich kaum weitere Worte verlieren. Bekanntlich verschob Nintendo das Teil solange, bis die Veröffentlichung in Japan nur noch vollzogen wurde, damit Hiroshi Yamauchi sein Wort halten konnte und damit den letzten Rest an Potential verspielte.

All diese Erfahrungen müssen traumatische Wunden in den Köpfen der Mitarbeiter hinterlassen haben. Anders ist schwer zu erklären, weshalb man sich vom Vorreiter zu einem Nachzügler gewandelt hat. Es ist gar nicht so lange her, als Nintendo im GameCube Zeitalter das Onlinespielen als sozial bedenkliche Freizeitgestaltung darzustellen versuchte und Konzepte wie Xbox Live als „zu früh“ abtat. Mit Blick auf die vergangenen Experimente des Konzerns aus Japan erübrigt sich ein weiterer Kommentar. Heute dagegen gehört es zum guten Ton, Xbox Live als einen wichtigen Meilenstein in der Entwicklung des Onlinespielens für Konsolen zu würdigen, wie es Reggie Fils-Aime (President and Chief Operating Officer) auch getan hat. Nur bedauerlich, dass er diese Erkenntnis nicht nach Kyoto weiter tragen kann.

Wi-Fi Connection Logo

Nintendos Wi-Fi Connection Service, der (endlich) von Nintendo erfolgte Einstieg in die Welt des Onlinespielens, stellt im Kern den Bruch eines fundamentalen Versprechens der Firma dar: Wurde immer wieder betont, dass Nintendo eine so genannte „And-Philosophie“ verfolgen und damit Core- wie Casual-Gamer gleichermaßen bedienen würde, zeigt die bisherige Online-Politik Nintendos einseitig in eine Richtung. Sprich: Damit Kinder vor Kontakten mit zwielichtigen Personen geschützt werden, muss die gesamte Community, wenn man die anonymen Teilnehmer wohlwollend so bezeichnen darf, mit einem lächerlich simplifizierten System leben, dessen Beschränkungen einige der grundsätzlichen Vorzüge des Onlinespielens aussperrt. Die Freundescode-Misere, wonach jeder für den Nintendo DS erscheinende Titel mit Online-Mode einen eigenen Code erhält, den man erst einmal mit der gewünschten Person austauschen muss (und im Gegenzug den Code des anderen Spielers erhält), ist noch wohlwollend mit der Überstürztheit zu entschuldigen, mit dem Nintendo ihren NDS auf den Markt bringen musste, bevor das System fertig war. Da aber jede Art der Kommunikation mit fremden Spielern von Nintendo unterbunden wird, in einigen Spielen finden sich gar nur vorgefertigte Sätzchen, die man dem Mitspieler am anderen Ende der Leitung schicken darf, verkommt das Freundescode-System zu einem Witz. Das Ergebnis ist eine kalte, geradezu steril unpersönliche Erfahrung und damit das genaue Gegenteil zu den eigentlichen Vorzügen des Onlinezockens. Einzige Lösung: Die Kommunikation über das Internet. Selbst hier schreitet Papa-Nintendo ein und verbietet jegliche Weitergabe von Codes in den offiziellen Foren des Unternehmens.

Präventive Maßnahmen, der Schutz der Kinder vor dem bösen, schwarzen Mann. Damit wird das minimalistische System gerechtfertigt, wobei natürlich niemand bestreiten möchte, dass Kinder generell nicht ohne Schutzmechanismen ins Netz gehen sollten. Aber wo beginnt die Grenze, wo hört sinnvoller Schutz auf und fängt die Wegschließung an? Sollten Eltern generell nicht immer ein Auge auf die Schützlinge haben, wenn diese mit Fremden kommunizieren, ihnen aber gleichzeitig diese Freiheiten in einem gewissen Rahmen gewähren, da so soziale Kompetenzen gefördert werden? Schließlich lernen Kinder heute schon früh in der Schule, was ein Chat ist und machen von dessen Möglichkeiten auch regen Gebrauch. Eine gute Medienerziehung ist das Zauberwort. Nur findet die immer noch viel zu selten statt, wodurch man fast in Versuchung gerät, Nintendos Vorgehen als Reaktion auf eine mangelhafte Erziehung zu sehen. Alle dafür sprechenden Argumente können aber nicht die Frage klären, weshalb Nintendo kein zweigleisiges System zur Verfügung stellt. Selbst ein Passwortsystem, welches Kindern, auf Wunsch der Eltern, die Kommunikation mit fremden Spielern nicht gestattet, wäre ein großer Schritt in die richtige Richtung.

kinderfreundliche Onlineumgebung

Betrachtet man die Lage auf der noch in den Babyschuhen steckenden Wii Konsole, zeigt sich ein zwiespältiges Bild. Da gibt es zum einen Opera-Browser, mit dem die ganze schmutzige Welt des Internets, um es mal so auszudrücken, zur freien Verfügung steht. Die fertige Version wird mit hoher Wahrscheinlichkeit über einen einstellbaren Filter verfügen, nachdem schon erste Kritik aus den USA aufflammte. Nintendo selbst dagegen, hat sich bisher nicht mit Ruhm bekleckert: Als einziger der drei Konsolenhersteller startete man ohne onlinefähige Spiele und bis zum jetzigen Zeitpunkt ist es unklar, ob erneut jeder Titel einen eigenen Freundescode besitzen wird oder der Code der Wii-Konsole als universeller Code genügt. Berichte, wonach Dritthersteller noch vor einigen Wochen keine Ahnung hatten, wie Nintendos sein Onlinesystem auf der Wii gestalten wird, zeigen ein unprofessionelles Desinteresse des Traditionsunternehmens. Das letztendliche Urteil wird fallen, wenn Mario Strikers Charged am 25. Mai 2007 in unsere Läden kommt. Nintendo muss höllisch aufpassen, wenn sie die Core-Gamer nicht weiter verärgern möchten. Und eines Tages wird auch die Generation, die ihre ersten Onlineerfahrungen mit Animal Crossing: Wild World gemacht haben, über den Tellerrand hinausschauen.

2 Antworten zu Angst vor dem schwarzen Mann

  1. Ness sagt:

    Wirklich sehr guter Artikel, kann dem eigentlich alles nur zustimmen. =)

  2. piccolo-junior sagt:

    Nur weiter so Oliver^^. Dieser Artikel ist gut geschrieben und auch noch sehr aktuell. Schauen wir mal, was Nintendo uns zum Online-Gaming noch zu bieten hat.