Die Ungehörten – Episode I

Hörenswerte Videospiel-Soundtracks abseits von The Legend of Zelda, Final Fantasy und Metal Gear Solid…

Im Laufe fast jeder Unterhaltung, die sich um das Thema Videospiel-Soundtracks dreht, werden die gleichen Titel ins Gespräch gebracht. Ich möchte an dieser Stelle nicht an den Qualitäten eines „One Winged Angel“ oder „Kakariko Theme“ zweifeln, das liegt mir fern. Aber viele Videospieler beschränkten sich meiner Meinung nach zu sehr auf die populären Titel, wenn es um großartige Soundtracks geht und lassen dabei andere musikalische Begleitungen, die viel mehr als nur das sind, im Nebel stehen. Über die Gründe möchte ich gar nicht sprechen, obwohl es klar sein sollte, dass die Bekanntheit eines Soundtracks natürlicherweise mit der Verbreitung eines Titels steigt. Was der Videospieler nicht spielt, hört er nicht. Und doch finden sich selbst unter den bekannten Spielen einige Exemplare, deren Soundtracks in damaligen Reviews höchstens in Nebensätzen erwähnt wurden. Deswegen lade ich heute zum Beginn einer Reihe der Ungehörten ein. Beginnend mit fünf Soundtracks, die man meiner Meinung nach wenigstens einmal angehört haben sollte und völlig zu unrecht unbeachtet blieben. Zu jedem Beispiel könnt ihr euch übrigens auch Hörproben in Form eines YouTube-Videos am Ende des Beitrags anhören. Vielleicht findet der eine oder andere tatsächlich seinen neuen Lieblings-OST. Die Reihenfolge stellt übrigens keinerlei Wertung dar:

Kirby’s Fun Pak
Als das Nintendo 64 hierzulande ganz frisch im Regal stand, wurde mit Kirbys Fun Pak eines der letzten Super Nintendo Spiele veröffentlicht. Und selbstredend mit keinerlei Beachtung registriert. Dabei lieferte HAL mit dem in neun Spielen unterteiltem Jump and Run eine Qualitätsarbeit ab und das in jeder Beziehung. Der Soundtrack vereinte alle bis dato erdachten guten Stücke der Franchise (Reihe), schraubte die Qualität dank SNES Soundchip ordentlich nach oben und streute als Sahnehäubchen genügend neue Ohrwürmer obendrauf. Zusammen mit der Rendergrafik hinterließ das ganze Spiel einen sehr luxuriösen Eindruck, auch ohne das Wissen im Kopf, dass der Titel in Japan als Hoshi no Kirby Super Deluxe veröffentlicht wurde. Viele Stellen im Soundtrack machten den Eindruck, als habe Musiker Jun Ishikawa, hier in seiner einzigen Zusammenarbeit mit Dan Miyakawa, die Tracks mit einem Orchester im Hinterkopf komponiert und am SNES auch instrumentalisiert. Am deutlichsten wird dies bei einem Track, der später in Super Smash Bros. Melee fast 1:1 mit einem Orchester übernommen werden konnte. Der OST ist eine Ansammlung an quirligen Ohrwürmern, wie man sie in dieser Menge selten gesehen hat.

Kirby's Fun Pak

Kameo: Elements of Power
Steve Burke arbeitete einer assistierenden Funktion mit Filmkomponisten zusammen, bevor er Anfang dieses Jahrtausend eine Anzeige im englischen Videospielmagazin EDGE sah, die sein Aufsehen erregte: Die Spielschmiede Rare suchte dort unter anderem nach einem neuen Komponisten, was sich Burke als Videospielfan nicht zweimal überlegen musste. Kameo: Elements of Power sollte am Ende dann auch sein Erstlingswerk bei der englischen Schmiede werden und überdeutlich zeigen, weshalb der Mann dort einen Posten bekommen hat.

Es gibt unzählige Videospielsoundtracks, die sich heutzutage mit einem Orchester schmücken und dabei eine epische Stimmung vermitteln wollen (man denke nur an all die unsäglichen, im Pathos schwimmenden 2. Weltkriegs-Shooter). Bei Burks Einstand in die Welt der Videospiel-Soundtracks hat dagegen die Orchestrierung, vorgenommen durch das Prager Philharmonik Orchester, ein beeindruckendes Debüt zu einem kolossalen Geniestreich gemacht. Wenn die allzu inflationär genutzte Bezeichnung „episch“ einen Einsatz verdient hat, dann hier. Selten hat sich ein Triumphmarsch in einem Videospiel so Welten umwälzend angehört wie hier. An anderer Stelle wird der Spieler mit Pauken und Trompeten und einem ewig nicht mehr aus dem Kopf gehenden Thema in einen regelrechten Kampfrausch getrieben. Und doch schwingt fast überall eine Leichtigkeit und teils auch kalkulierter Überheblichkeit mit, die an John Williams (Indiana Jones) Abenteuerstücke erinnert. Doch nicht nur diese Momente beherrscht Burke wie ein Virtuose. In ruhigen Momenten zeigt er in seinen Melodien eine der Vergangenheit nachtrauernden Schönheit, die den Vergleich mit einem Howard Shore (Der Herr der Ringe) nicht scheuen muss, eher im Gegenteil. An Danny Elfmans (Edward mit den Scherenhänden) bitter-süß-schrägen Stil hingegen erinnern die verspielten Stücke im Soundtrack, die sich perfekt zur Feen-Welt in Kameo einfügen. Trotz aller Einflüsse hat der Komponist dennoch keine Schwierigkeiten, einen eigenen Stil zu entwickeln, was die vielleicht größte Leistung überhaupt ist. Burke wird in der Zukunft zu den besten Männern seines Fachs gezählt werden.

Elements of Power

Tetrisphere
Ich persönlich kann nicht viel mit Techno und Trance anfangen, mit sehr überschaubaren Ausnahmen. Dazu gehört die Vertonung von Tetrisphere von Neil D. Voss. Selten ging ein Soundtrack eine derzeit faszinierende Symbiose mit dem Geschehen auf dem Bildschirm ein. Fast wie in Trance versucht der Spieler die Steine auf der Kugel aufzulösen und dieser Zustand rührt nicht zuletzt durch die hochklassig musikalische Untermalung. Beim nackten Anhören der Tracks, also ohne Puzzlespiel vor Augen, kann nicht ansatzweise die Begeisterung nachvollzogen werden, mit der diese von der kleinen Scharr an Fans aufgenommen wurde. In diesem Punkt sehe ich eine Verbundenheit zur Ridge Racer Serie, deren Musik ihre Stärken ebenfalls nur in Verbindung zum Gameplay ausspielen konnte. Dann aber richtig.

Tetrisphere

Mystical Ninja: Starring Goemon
In den 90er Jahren schien es, als würden die guten Komponisten bei Konami auf den Bäumen wachsen. Doch mit der zu Ende gehenden 16 Bit Generation, endete auch die goldene Ära Konamis. Nichtsdestotrotz schuf man mit dem Soundtrack zum ersten Nintendo 64 Ableger der (leider viel zu wenig gerühmten) Goemon-Reihe ein wahres Juwel. Vier Komponisten, darunter Veteranen wie Hironobu Kageyama (Dragon Ball Openings und Endings), warfen Zutaten wie typisch-traditionelle Klänge aus dem asiatischen Mittelalter, herrlich alberner, sowie fetziger Anime-Musik in den Topf, unterlegten viele Stellen mit einem gesalzenen, fetzigen Groove, verrührten den Mix mit dem berüchtigten Ohrwurm-Kochlöffel, den Konami inzwischen leider nicht mehr findet – und fertig war ein Soundtrack, bei dem fast alle von gut fünfzig Stücke zum hemmungslosen Mitpfeifen anregten. Zusätzlich stellten Konamis Genies fast alle ihre Konkurrenten auf Nintendos 64-Bitter beschämt in die Ecke: Wo andere Musiker den Spieler mit schrecklich künstlich klingenden Musiken quälten, wobei die Schuld der Nintendo Konsole mit ihrer bizarren Architektur (kein Soundchip) nicht abzusprechen ist, ertönen die Instrumente in Mystical Ninja in einer erstaunlichen Natürlichkeit und hätten ohne Probleme als Untermalung eines Animes herhalten können. Das wird durch die drei, mit Gesängen ausgestatteten Songs noch unterstützt. So bin ich damals (Carlsen Comics sei Dank) gleichzeitig in den Kontakt mit den Dragon Ball Mangas getreten und habe dabei immer die Musik Goemons im Hinterkopf gehabt. Als der Anime Jahre später in hiesigen Gefilden anlief, war die reale Musikbegleitung schon eine mittelheftige Enttäuschung…

Starring Goemon

Wii Sports
Bevor der Mauszeiger zuckend zur Kommentarfunktion hechtet: Klar, die Menge an musikalischen Ergüssen hält sich in Wii Sports in bescheidenen Grenzen. Aber dennoch wird die Musik meines Erachtens nach fast nie beachtet. Ungerechterweise, denn der Komponist machte einen tollen Job: Von der klanglichen Seite betrachtet achtete man darauf, keinen allzu nach „Videospiel klingenden Stil“ zu verwenden, sondern saubere, klare Töne, verbunden mit einem starkem Leitthema, das gut genug ist, um die ganze Sammlung tragen zu können. Dass dahinter Wave Race 64 und Animal Crossing Komponist Kazumi Totaka steckte, zeigt sich an zwei Stellen sehr deutlich: So erinnert der Einsatz bestimmter Elemente im Titelbildschirm tatsächlich frappierend an Wave Race 64, während die ruhigen Stücke immer noch gut genug sind, um nicht als Fahrstuhlmusik auf den Geist zu gehen. Das Ergebnis von Totakas Soundtrack zeigt, was ich unter einer gelungenen musikalischen Untermalung verstehe, die die Atmosphäre bzw. den Look des Spiels einfängt und in Tönen wiedergibt und damit gleichzeitig für eine Verstärkung derselbigen sorgt. Eine interessante Überlegung: Da für eine nicht zu unterschätzende Anzahl an Personen Wii Sports die erste prägende Erfahrung mit dem Medium wird, könnte das Leitthema in einigen Jahren vielleicht eine große Bekanntheit im kollektiven Bewusstsein erlangen.

Wii Sports

Wer nur schnell einen Eindruck von den Soundtracks, die heute vorgestellt wurden, bekommen möchte, kann in dieses YouTube Video reinschauen:

[YouTube=http://www.youtube.com/watch?v=oe7BihHvrdc]

Damit beenden wird den kleinen Überblick für heute. Die Reihe wird zukünftig in unregelmäßigen Abständen fortgesetzt werden.

4 Antworten zu Die Ungehörten – Episode I

  1. Otaku1990 sagt:

    Großartige Soundtracks hast du da ausgewählt, Oliver!

    Die Kirby-Spiele hatten schon immer einen tollen OST, neben Fun Pack kommen mir da vorallem Power Paintbrush und Air Ride in den Sinn. Während ersteres die altbekannten Melodien in einem interessanten „verzerrten“ Stil darstellt und damit das Grafik-Kunstwerk mit passendem Sound unterlegt, hauen einen die orchestralen BGMs eines Kirby Air Ride vom Stuhl.

    Und natürlich darf auch Mystical Ninja nicht fehlen. Toll, dass dir der OST dieses Japano-Adventures genauso gut gefällt, wie mir. Da hat Konami saubere Arbeit geleistet, obschon sie mit dem Soundtrack der Ganbare Goemon-Reihe schon immer zu überzeugen wusste.

  2. piccolo-junior sagt:

    Ich finde die Auswahl auch vorzüglich. Ich besitzte (ausser Wii Sports) keine der im Artikel genannten Spiele, doch fand ich die Soundtrack sehr schön und irgendwie passend. Ich freue mich, auf den nächsten Artikel.

  3. Ness sagt:

    Klasse Songauswahl muss man sagen, gefallen mir alle ebenso wirklich super. Bin auch mal auf die nächste Auswahl gespannt. =)

  4. rilling sagt:

    Hat du sehr gut gemacht, olli ;)