Ist der Ruf erst ruiniert…

Exemplarisch für das Zielgruppen-Problem der Xbox 360: Kann Rare überhaupt noch erfolgreich sein?

Ich erinnere mich, als wäre es erst gestern gewesen: Die Tage im September 2002 waren für Nintendo Fans höchst verwirrend und chaotisch. Die überall raschelnden Gerüchte über einen Weggang des Entwicklerstudios „Rare, Ltd.“ hatten nach Monaten ihren Höhepunkt erreicht. Es folgte ein Dementi von Seiten Nintendos und ich war wieder beruhigt, pfiff auf all die Gerüchte, die das Traumpaar vor dem Scheidungsanwalt sahen. Bis ich nur Stunden später den Fernseher einschaltete und mir der nette Herr von Bloomberg mitteilte, dass Rare und Nintendo endgültig getrennte Wege gehen und die hochgelobte Spielschmiede aus England in Zukunft unter dem Label der Microsoft Game Studios ihre Spiele an den Mann bringen würden.
Genau das scheint schier unmöglich zu sein. Grabbed by the Ghoulies, Rares Einstand auf der Xbox, wurde zum größten Flop der Firmengeschichte, obwohl der Titel gerade in den USA massiv zu Halloween beworben worden ist. Danach kam bekanntlich eine ganze Zeit überhaupt nichts mehr aus den Hallen des einstigen Star-Entwicklers, lediglich Verschiebungen über Verschiebungen (und Software für den GBA). Das Conker’s Bad Fur Day-Remake erschien schließlich zu einem Zeitpunkt, an dem sich der übermächtige Schatten der Nachfolgekonsole schon groß abzeichnete. Hätte es der Titel schon zuvor schwer gehabt einen Wurf zu landen, ging er nun in den Meldungen geradezu unter. Am meisten Aufmerksamkeit wurde ihm mit Sicherheit noch von den Nintendo Fans gewährt…

Neue Konsole, neues Glück: Perfect Dark Zero und Kameo: Elements of Power sollten das Traumduo des Konsolenlaunchs werden und eine Xbox 360 unter dem Weihnachtsbaum der Familie garantieren. Die kesse und mit Waffen gut versorgte Joanna für den Papa und den großen Sohn und Kameo für die kleine Tochter (Achtung: überdramatisierte Ansicht eines Marketing-Menschen). Während PDZ in den USA zum First Party Spiel mit den höchsten Absatzzahlen avancierte, bildete Kameo das Schlusslicht dieser Tabelle. Obgleich von wesentlich höherer Qualität als der Ego-Shooter, schien es auch auf der Xbox 360 keinen Markt für Rares Spiele zu geben, zumindest solange es sich nicht um einen Ego-Shooter handelte. Das ist zu einfach gedacht, hieß es damals und man solle doch bitte erst abwarten, bis genügend 360-Systeme über die Ladentheken gewandert wären, da viele Erstkäufer zuvor schon die Vorgängerkonsole besaßen. Kein von der Hand zu weisendes Argument, die düstere Wahrheit folgte allerdings, als Rare im Dezember ihr Viva Piñata veröffentlichten.

Was hatte sich Microsoft nicht alles vom dem Spiel versprochen, es gar als das „wichtiges Produkt des Jahres“ für die Konsole bezeichnet. Eine umfangreiche Werbekampagne, inklusive einer qualitativ erstaunlich hochwertigen TV-Serie im Render-Look, sollte den erwarteten Erfolg garantieren. Jetzt kämpft der Titel in den USA um das Erreichen der 200.000er-Marke. Und das, obwohl es von allen Seiten Lob hagelte, wie seit Jahren nicht mehr für ein Rare Spiel, selbst von Kritikern, die ihre Antipathie gegenüber Produkten mit dem goldenen „R“ auf dem Cover öffentlich nicht scheuten. Der größte Erfolg seit Jahren und er versauert in den Ladenregalen. Was ist da (erneut) schief gelaufen?

Viva Piñata ist kein Kinderspiel. Jeder, der länger als eine handvoll Minuten mit dem fertigen Produkt verbracht hat, wird zugeben, dass es trotz der intuitiven Steuerung seine Zeit braucht, bis der Gaul still hält, bis man die Zügel des Spiels locker in den Händen hält, da die Tiefe aufgrund der simplen Oberflächenstruktur schlichtweg unterschätzt wird. Zwar können kleine Kinder sicherlich einfach drauflos spielen und auch dabei viel Spass haben, aber wir sprechen hier an dieser Stelle auch nicht um die Kompatibilität zu Kindern, sondern die gezielte Präsentation als Kinderprodukt, die dem Spiel nicht gerecht wird und es quasi unter dem Wert verkauft, indem es diesen Teil einfach ausblendet. Der Versuch, dem Spiel in der Bewerbung ein anderes Image zu verleihen, wäre übrigens nicht am Look des Spiels gescheitert; als Paradebeispiel muss man sich nur die Art und Weise vor Augen halten, in der Nintendo sein buntes, knuddliges Animal Crossing: Wild World höchst erfolgreich bewirbt. Auch wenn wir diese Kritik mal ausblenden, darf man die Frage stellen, weshalb für viel Geld eine Serie entwickelt wird, die bis heute noch nicht Fuß auf unserem Kontinent gesetzt hat. Keine Zweifel, dass man durch eine rechtzeitige Ausstrahlung in Europa einen größeren „Erfolg“ verbucht hätte. Außer dem (absolut furchtbar) synchronisierten Werbespot blieb in Europa nicht mehr viel von der angeblich zu umfassenden Kampagne übrig…

Wahrscheinlich wird sich Diddy Kong Racing DS schon in den ersten Monaten besser verkaufen, als es Viva jemals wird. Ein Remake, wohlgemerkt. Selbiges passierte auch bei den DKC-Remakes für den GBA im Vergleich zu den Xbox-Engagements. Das führt mich zur abschließenden Frage: Kann Rare überhaupt auf einer Microsoft-Plattform ansatzweise an die früheren Erfolge anschließen oder wird die in der Vergangenheit durch einseitige Kaufentscheidungen aufgefallene Zielgruppe weiterhin den Strich durch die Rechnung machen? Microsoft scheint in diesem Punkt bekanntlich an eine Wand zu laufen, teilweise durch eigenes Verschulden im Marketing. Den anderen Teil tragen Sony und Nintendo dazu. Auch mit einem Jahr auf dem Buckel ist eine Xbox 360 einfach noch zu neu (sprich relativ kleine Software-Bibliothek) und vor allem zu teuer, um als akzeptable Familienkonsole angesehen zu werden. Eine PS2 dagegen geht schon für 150 Euro über den Ladentisch und inklusive eines Produktes wie Eye Toy und Buzz. Nintendos Wii kostet zwar 100 Euro mehr, punktet dafür aber natürlich mit seiner neuartigen Art der Steuerung (und dem daraus resultierenden, unglaublich positiven Medienecho, unter dem ein Viva geradezu begraben wurde). Unter diesen Gesichtspunkten und in Anbetracht der mitgetragenen Altlasten der alten Generation, in Form des Images, war es vielleicht selbst jetzt noch zu früh für Viva. Was würde aber geschehen, wenn die PlayStation 3 wirklich ernsthafte Probleme hätte, sich gegenüber der Konkurrenz durchzusetzen? Microsoft würde sicherlich etwas vom Kuchen abbekommen, aber die große Chance wird sich erst auftun, wenn der Preis der Konsole in Kombination mit dem geschilderten Ereignis weiter gesenkt wird, da der durchschnittliche Konsument in vielen Fällen gar nicht erkennt, dass er mehr Geld für mehr Leistung bezahlt. Und es ihm im Grunde auch egal ist, wie man exemplarisch am Erfolg der PS2 sehen kann. Spätestens am dritten Teil der Banjo-Saga werden sich die eventuellen Veränderungen und Ausweitung der Zielgruppe erkennen lassen. Das traurige ist: Rare könnte erneut ein Meisterwerk abliefern, aber die Legende vom Abstieg der Entwickler würde weiter gehen.

2 Antworten zu Ist der Ruf erst ruiniert…

  1. piccolo-junior sagt:

    Was soll ich dazu noch sagen.

    Ich war schockiert, als ich die Nachricht vernommen hatte. Kein Conker mehr, kein Banjo, kein Perfect Dark und andere tolle Rare Spiele. Schliesslich kam es für mich nicht in Frage, dass ich mir eine M$ Konsole zulege.

    Ich dachte, wieso hat Nintendo Rare nur verkauft, sie produzierten ja so hervorragende Spiele. Andererseits wenn man die VKZ der veröffentlichen Spiele anschaut, ist es eigentlich kein grosser Verlust.

    Ich würde mich wirklich freuen, wieder einmal ein Banjo Spiel zu spielen. Doch extra dafür eine Xbox kaufen, dazu habe ich dann doch wenig Lust und Geld.

  2. Anonymous sagt:

    Wie schon gesagt, an Rare erkennt man echt gut wer 360 spielt und wer Nintendo und auch welche Spiele die unterschiedlichen Zielgruppen schätzen.
    Nintendo sollte Rare für die Hälfte wieder zurückkaufen ;)