On Rail!

Videospielen ist ein interaktives Medium. Die Spieler brauchen demnach Freiheit in ihrer Handlung, doch manchmal ist eingeschränkte Freiheit das Beste für das Spiel.

Für Vielzocker ist es klar: Videospiele leben von der Interaktivität, von der Entscheidungsmöglichkeit! Zu viele und vor allem zu lange Zwischensequenzen stören den Spielfluss, egal ob sie nun in Echtzeit berechnet werden oder aus „Full Motion Videos“ (FMVs) bestehen. Ebenso schimpfen viele Core-Gamer über den linearen Spielverlauf in manchen Spielen, denn dadurch sind die Ereignisse vorbestimmt. „Da kann man genauso gut einen Film anschauen!“, werden einige ausrufen. Im Prinzip haben diese Kritiker recht: Videospiele können als Medium erst dann eigenständig sein, wenn sie sich auf ihre Stärke besinnen – und diese ist ihre Interaktivität. Cineastische Anleihen mögen einige Spiele bereichern, aber Videospiele sind viel mehr als nur interaktive Filme.

Erfahrene Spielentwickler wissen jedoch auch, dass zuviel Freiheit die Spieler überfordern kann, sodass sie nicht mehr wissen, wohin sie laufen müssen und was sie machen sollen. Deshalb braucht jedes Spiel gewisse Einschränkungen, vor allem am Anfang eines Spiels, damit sich der Spieler Schritt für Schritt die Spielregeln aneignen kann. Manche Spielkonzepte sind sogar von Anfang bis Ende so ausgelegt, dass sie den Spielern führen. Nicht wenige Spiele dieser Art kommen häufig in Arcade-Hallen vor, denn Spielautomaten zeichnen sich vor allem durch viel simple Action und eine möglichst intuitive Steuerung aus.

Spiele, deren Verlauf fest vorgeschrieben ist und in denen die Spieler über den Spielrhythmus nicht bestimmen können, sind „on rail“, also auf Schienen. Beispiele für On Rail-Spiele sind solche aus dem Genre des Shoot’em Ups: Der Spieler steuert ein Raumschiff oder ein Flugzeug, meist von links nach rechts. Dabei kann er sich innerhalb des Bildschirms nach oben und unten, nach links und rechts bewegen, der Bildschirmausschnitt aber läuft in der Regel in einem vorbestimmten Tempo und nach einer vorbestimmten Route. Die Konsequenz: Gegnerformationen, Soundtrack und sogar die Möglichkeit, Items zu bekommen, laufen immer gleich ab, egal wie oft und unterschiedlich man einen Level spielt. Sind Shoot’em Ups also per se schlechte Spiele, weil sie den Spielern derart einschränken?

Der Gegenteil ist der Fall: Shoot’em Ups mögen zwar in der heutigen Spielewelt eher zu den aussterbenden Genres gehören, doch einige Spiele dieses Genres gelten unter den Spielveteranen und Vielzockern zu den besten Spielen überhaupt. Zwar mögen die Spiele auf den ersten Blick ein eher eingeschränktes Gameplay haben, aber gute Entwickler verstehen es, das Spiel abwechslungsreich zu gestalten. Die Faszination liegt darin, im festen Ablauf der Gegner die Lücken zu finden; die Ausrüstung an die Situation anzupassen; und im meist irrwitzigen und farbenträchtigen Feuerwerk an Geschossen zu überleben. Mit anderen Worten: Der Spieler sucht die Route innerhalb der festgelegten Route. Und diese Suche kann sehr lange dauern, vor allem, wenn der Spieler nach der höchstmöglichen Punktzahl strebt.

Moderne Spiele sind meist darauf ausgelegt, dass der Spieler nach seinem eigenen Spielrhythmus spielt. Dieses Spielkonzept stelle ich nicht in Frage, sondern finde es sogar sehr löblich. Dennoch sollten die Spielkonzepte mit vorbestimmter Geschwindigkeit und Verlauf nicht aus dem Sortiment verschwinden, denn das Spielangebot muss mehr beinhalten als nur die zurzeit beliebten Genres. Gute On Rail-Spiele sind meistens sehr zugänglich und bieten trotzdem eine enorme Spieltiefe. Egal ob Lightgun-Shooter wie Time Crisis, Vertikal-Shooter wie Ikaruga, oder auch das eigensinnige Sin and Punishment oder Nintendos Lylat Wars: Sie alle gehören zu den besten Spielen überhaupt und verdienen mehr Aufmerksamkeit. Einige der besten Spiele bieten deshalb On Rail-Levels, um den Spielverlauf ein bisschen in Schwung zu bringen oder auch einfach nur der Abwechslung wegen: Ein gutes Beispiel ist hier Super Probotector (auch als Contra III bekannt), das im dritten Level einen kurzen On Rail-Abschnitt bietet und im vierten Level sogar mehrere.

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One Response to On Rail!

  1. Ness sagt:

    Kann dem Artikel nur zustimmen. Leider gibt es gerade von den Shoot’em Ups immer weniger, ein kleiner Lichtblick ist da ja auch nur die Virtual Console des Wiis. Und hoffentlich zeigt Nintendo doch noch Erbarmen mit den Fans, so dass man Sin & Punishment doch noch auf der Virtual Console runterladen kann.