Tomboys in Videospielen

Einige regen sich über die weiblichen Stereotypen in Videospielen auf. Doch nicht alle sind großbusig und ähneln einer Barbie-Puppe. Eine Kolumne über männlich wirkende Videospielheroinen.

Man kann es nicht leugnen: Videospiele sind bis heute ein Medium vorwiegend für Männer. Sexbomben und andere männliche Fantasien werden bis an die Grenzen des Geschmackslosen ausgelebt, und zwar sowohl von den Entwicklern und Produzenten, als auch den Spielern; letztere bestimmen mit ihren Kaufentscheidungen über die Marschroute. Darüber möchte ich nicht klagen, denn das Medium soll nicht wegen scheinheiligen Moralfragen geschnitten werden. Vielmehr frage ich mich, welche Frauentypen in Videospielen noch vorkommen. Solche, die nicht dem typisch männlichen Frauenbild entsprechen.

Eine auch in anderen Medien dankbar angenommene Figur stellt der Tomboy dar: Als Tomboy wird in der Regel ein Mädchen bezeichnet, das sich bewusst männlich verhält. Solche Mädchen werden in der Literatur, aber auch in anderen Medien gerne gezeigt, weil sie die Grenze zwischen Frauen und Männern relativieren, und weil sie die Gefahr von Stereotypen bannen. In dieser Kolumne umfasst der Begriff auch junge Frauen, was meiner Meinung nach keine Verwässerung des Begriffs nach sich zieht.

Aufgrund der reichen Videospielgeschichte ist eine vollständige Liste unmöglich zu machen, zudem sollen nur mindestens halbwegs berühmte Figuren Erwähnung finden. Ein Prototyp des Tomboys hört auf den Namen King: SNKs Beat ‚em Up-Serie „Art of Fighting“ hebt sich nicht nur spielerisch und grafisch von Street Fighter 2 und Fatal Fury ab, sondern auch durch ihre einzige Frauenfigur, die sich im Gegensatz zu Capcoms Chun-Li nicht als Frau erkennen lässt. Nur wenn der Spieler ihr in der zweiten Runde eines Kampfes besonders hart den K.O.-Schlag verpasst, wird ihr Hemd entblößt, womit Kings Weiblichkeit erscheint. Mittlerweile gehört King zu den berühmtesten Figuren der King of Fighters-Serie. Aus dieser Serie stammt auch Vanessa, deren Auftreten und Kampfstil betont männlich ist: Eine zähe und agressive, aber sehr elegante Boxerin, die nur gelegentlich ihre feminine Seite zeigt.

Capcom wiederum präsentiert in der „Rival School“-Serie eine Schülerin, die sich unter ihrer harten Motorrad-Attitüde versteckt: Akira zeigt sich im Auswahlbild sogar zweifach, einmal mit ihrer Motorradbekleidung und dem Totenschädelhelm und einmal ohne. Die Besonderheit Akiras liegt darin, dass sie ohne die Motorrad-Attitüde ausgesprochen mädchenhaft und sanft, fast schüchtern wirkt. Die Tomboys der Videospiele haben in der Regel diese Eigenschaft: Unter der männliche Attitüde verbirgt sich meist ein hübsches Mädchen oder eine attraktive, junge Frau, denn die Faszination für diese Figuren liegt in ihrem Widerspruch zwischen männlichen und weiblichen Eigenschaft.

Dass gerade Beat’em Ups solche Figuren zeigen, ist nicht verwunderlich, da sich die meisten Spiele dieses Genres um Charaktervielfalt bemühen. Und männlich wirkende Frauen bilden ein beliebtes Sujet für Charakterdesigner. Kein Wunder, bemühte sich Capcom mit Makoto, die Charaktervielfalt zu gewähren. Makotos wenig mädchenhafte Aura stellt einen Gegenpol zu den restlichen Street Fighter 3-Heroinen dar.

In gewisser Weise gehört Metroids Heldin Samus Aran in diese Kategorie: Gunpei Yokois Figur verschleiert ihre weibliche Identität bis ins Extreme! Nicht nur die schwere Rüstung, auch der Name gibt keine konkreten Hinweise darauf, dass es sich bei Samus um eine Frau handelt – die Überraschung der Spieler ist dann am Ende jedes Spiels um so größer. Die Figur lebt von der Diskrepanz ihrer männlichen und gleichzeitig weiblichen Natur. Als letzte sehr bekannte Frauenfigur mit Hang zum Mannsein sollte Zelda nicht unerwähnt bleiben. Manche mögen erstaunt über diese Tatsache sein, aber seit „The Legend of Zelda: Ocarina of Time“ schlüpft die vorher stets betont damenhafte Prinzessin öfters in einer Rolle, in der sie ihre Weiblichkeit verstecken kann. Sei es als Shiek in Ocarina of Time oder als Tetra in The Wind Waker: Man könnte meinen, Produzent Eiji Aonuma möchte Zelda von ihrem engen Prinzessinenkorsett befreien und ihr durch Verleugnung ihrer Identität als Prinzessin und Frau mehr Charaktertiefe geben – eine Prinzessin als Tomboy!

2 Antworten zu Tomboys in Videospielen

  1. piccolo-junior sagt:

    Ich weiss nicht so recht, was ich von „männlichen Frauen“ halten soll.

    Japaner haben ja ein anderes Bild von Frauen.

  2. Ness sagt:

    Interessanter Artikel, der mal wieder zeigt, dass ihr euch mit sehr unterschiedlichen Themen auseinandersetzt. Weiter so. =)