Nintendos Feldzug gegen die Pisa-Versager

Seit den Neunzigerjahren stecken die Industrieländer in sozialen Schwierigkeiten: Verglichen mit der rauschhaften Industrieentwicklung nach dem zweiten Weltkrieg stagniert die Beschäftigungsrate, Mitte der 90er war die Arbeitslosigkeit gar in vielen Ländern so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Zwar hat sich die Lage Ende der 90er beruhigt, und auch nach einem kleinen Zwischentief wegen dem 11. September 2001 steigt jetzt die Beschäftigungsrate wieder. Dennoch gehört die Furcht vor der Arbeitslosigkeit zum modernen Menschen. Außerdem möchten die meisten auch einen gut bezahlten Job haben, das Angstwort „Working Poor“ geistert in den Köpfen aller umher.

Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass Bildung und Weiterbildung momentan sehr gefragt sind, denn verspricht eine gute Bildung den Schülern nicht bessere Arbeitsaussichten? Gehört nicht Flexibilität und Vielseitigkeit zu den modernen Tugenden? Verschärft wird die Bildungsdiskussion mit der Pisa-Untersuchung: Industrieländer sorgen sich, aufgrund schlecht ausgebildeter Schüler und Schülerinnen in der internationalen Wirtschaft nicht bestehen zu können, weil ihnen die Spitzenkräfte fehlen.

Man mag über diese Bildungswut ereifern und sich fragen, ob die Bildung nicht überschätzt wird. Worin besteht der Wert eines guten Schulabschlusses, wenn letztlich noch andere Faktoren wie Wirtschaftslage, Beziehungen und Glück eine Rolle spielen, ob man eine Stelle bekommt? Kann ein Land mit lauter Spezialisten sich fortentwickeln? Braucht man nicht eher Quereinsteiger, die mit ihrer Biographie und andersartigen Fähigkeiten neue Aspekte in eine Firma bringen können? Wie auch immer, die Bildungsoffensive muss man annehmen, der Leistungsvergleich wird alle drei Jahre mit der Pisa-Untersuchung durchgeführt – die zusätzlichen nationalen Untersuchungen nicht einberechnet.

Den Erfolg von Nintendos Gehirn-Jogging, auch unter Brain Training bekannt, muss man mit diesem Hintergrund begründen. Gehirn-Jogging macht nicht nur Spaß, sondern suggeriert, man könne mit den Übungen gleichzeitig seine geistigen Fähigkeiten verbessern. Sowohl Kinder als auch Erwachsene spüren den Ehrgeiz, das geistige Alter auf das Optimum zu bringen, das laut Nintendo bei 20 Jahren liegen soll. Es stellt sich die Frage, ob Nintendos neues Spiel nicht einfach nur von der Bildungshysterie profitiert und eigentlich nicht das hält, was es verspricht – nämlich einen messbaren geistigen Fortschritt. Was diesen Vorwurf betrifft, so hat Nintendo bereits einen guten Schachzug erzielt, indem sie mit dem Gehirnforscher Dr. Kawashima kooperieren und ihn als Namensgeber der Software präsentieren. Die Übungen sind auch nicht sonderlich spektakulär, sondern unter Gehirnforschern altbekannt: Mit Hilfe simpler Übungen wie einfachem Rechnen, lautem Lesen und dem Farbtest bringt das Programm den Spieler dazu, sich für wenige Minuten oder Sekunden zu konzentrieren. Der Reiz liegt bei den meisten Übungen darin, sie möglichst schnell zu absolvieren. Rekorde und die Entwicklung werden täglich aufgenommen, damit man den Fortschritt beobachten kann.

Der Spieler wird alleine mit den Übungen nicht plötzlich ein besserer Schüler sein, dennoch ist der Nutzen ersichtlich: Vor allem „Rechnen“, „Wörter merken“ und „Lautlesen“ gehören zu den Fähigkeiten, die in der Schule verlangt werden; wer will da eine Kausalität absprechen? Deshalb sollten die Lehrer den Schülern und Schülerinnen Gehirn-Jogging empfehlen, wenn es nach mir ginge. Am besten sollten jeweils mehrere Spieler gegeneinander spielen, denn der Vergleich spornt an, die Rekorde zu verbessern. Und wie Dr. Kawashima stets mahnt, sollte man die Übungen täglich machen – Übung macht dem Meister! Und da der Lerneffekt mit zunehmender Erfahrung abnimmt, hat Nintendo noch weitere Spiele dieser Art auf Lager: Big Brain Academy verspricht Lernspaß im Multiplayer, English Training Fortschritte in Englisch. Und ein „Gehirn-Jogging 2“ erscheint spätestens 2007. Ob das Land mit der höchsten Verbreitung dieser Spiele auch am besten in der Pisa-Untersuchung abschneidet? Zu wünschen wäre es zumindest, wenn die Schüler und Schülerinnen mindestens genügende Resultate erzielen können. Nintendo trägt seinen Teil bei.

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