Otaku1990 in Japan (Teil 5)

9. Oktober 2009

Ein neuer Tag im Land der aufgehenden Sonne bricht an. Neben einem typischen Großstadtviertel würden wir heute die Peripherie Tokyos, sowie die Facetten des U-Bahn-Systems kennenlernen…

Shinjuku

„Chuuou Line… Chuuou Line… Chuuou Line…“, murmelte ich vor mich hin, während ich die Schilder über unseren Köpfen studierte. Wir befanden uns im Bahnhofsgebäude von Shinjuku, einem der wichtigsten Stadtteile Tokyos. Als hübsch würde ich das, was ich von Shinjuku gesehen habe, nicht bezeichnen. Eher erinnerte es mich an die tristen Betonfassaden, immer wieder unterbrochen von Wolkenkratzern, welche man in jeder Großstadt vorfindet. Bei unserem kurzen Bummel durch einen Teil des Bezirks, der auch gerne als „Mini-Akihabara“ bezeichnet wird, wühlten wir uns durch das vollkommen unüberschaubare Angebot eines mehrstöckigen Allzweckladens (in welchem man von Unterwäsche, über Videospiele bis hin zu Sex-Toys alles in rauhen Mengen vorfindet und in dem man kaum treten kann), setzten uns dem ohrenbetäubenden Lärm einer Pachinko-Halle aus und landeten schließlich in der Shinjuku Station, dem verkehrsreichsten Bahnhof der Welt. Während unserer Anwesenheit hielt sich das Menschenaufkommen allerdings in Grenzen. Überhaupt war uns Tokyo bisher erstaunlich leer vorgekommen.

Der Grund, weshalb wir die Shinjuku Station aufgesucht hatten, war das Ghibli Museum, welchem wir heute einen Besuch abstatten wollten. Bereits am ersten Reisetag hatten wir einen der hiesigen Lawson-Supermärkte aufgesucht, wo man sich die entsprechenden Tickets (deren Stückzahl stark begrenzt ist) am Automaten ziehen kann. Ich hatte mich schon vor der Abreise online darüber schlau gemacht, wie ich die komplett in japanischer Sprache gehaltenen Automaten zu bedienen hatte, um an mein Ticket (eigentlich eine Reservierung und nur für einen bestimmten Zeitrahmen an einem bestimmten Tag gültig) zu kommen. Dementsprechend selbstsicher näherte ich mich der Maschine, nur um festzustellen, dass dessen Interface inzwischen komplett überarbeitet worden war. Zum Glück eilte einer der Angestellten zur Hilfe und bediente den Automaten nach unseren Anweisungen, sodass wir schon bald unsere Eintrittskarten für das Ghibli Museum in den Händen halten durften.

„Aha! JR Chuuou Main Line!“, stieß es aus mir hervor. Wir hatten die Zuglinie gefunden, welche unteranderem nach Mitaka, einem Städtchen am Rande Tokyos und Standort des Museums, fährt. Wir erreichten das Bahngleis zur rechten Zeit, sodass der Zug bereits nach ein paar Minuten angerollt kam. 20 Minuten dauerte die Fahrt nach Mitaka und entgegen meinen Erwartungen fiel das Zugfahren genauso günstig aus wie das Fahren mit der U-Bahn. Wer in Tokyo lebt, kann wirklich nicht behaupten, über keine geeignete Transportmöglichkeit zu verfügen.

Mitaka strahlte eine wunderschön idyllische Vorstadtatmosphäre aus. Kaum ein Auto auf den Straßen, der Himmel verdeckt durch das Wirrwarr an Stromkabeln und überall enge Gässchen, welche uns an den kleinen Wohnhäusern mit ihren noch kleineren Höfen und Gärten vorbeiführten. Irgendwie fühlte ich mich, als würde ich durch Inaba aus „Persona 4“ schlendern.

Mitaka

Nach einem viertelstündigen Fußmarsch erreichten wir schließlich das Gelände des Ghibli Museums, welches von Außen äußerst unscheinbar anmutet. Da wir recht früh dran waren und der nächsten Besuchergruppe noch kein Einlass gewährt wurde, vertraten wir uns die Beine im angrenzenden Sportgelände, wo Japaner im Kreis joggten und Tennis spielten (trotz des noch immer mäßigen Wetters). Langsam bildete sich vor dem Eingang des Museums eine kleine Menschentraube, weswegen wir dorthin zurückkehrten, um kurz danach in die heiligen Hallen eintreten zu dürfen. Die Frau, welche unsere Reservierungen in die eigentlichen Tickets (kleine Filmstreifen) umtauschte, erkundigte sich, woher wir kämen und schien höchst erfreut über deutsche Gäste, weshalb sie uns ein enthusiastisches „Guten Tag!“ entgegenschmetterte.

So unscheinbar das Ghibli Museum von außen wirkt, umso schöner ist dessen Inneres gestaltet. Wer am Ticketschalter vorbei gen Haupthalle schreitet, darf unterwegs die liebevoll gestalteten Deckengemälde und die Glasmalereien in den Fenstern betrachten, in welchen sich diverse Ghibli-Figuren verstecken.
Die Haupthalle hinterließ bei mir den stärksten Eindruck. Hier fühlt man sich mitten in die Szenerie eines Ghibli-Films hineinversetzt: Hölzerner Boden, hohe Wendeltreppen, Verbindungsbrücken und eine Glaskuppel erzeugen eine ungemein gemütliche Atmosphäre.
Ohne wirkliches Ziel vor Augen schlenderten wir durch die einzelnen Abteile, wobei wir zuerst einen Raum betraten, in welchem diverse Methoden des Animierens zur Schau gestellt wurden. So wurde zum einen eine Szene aus dem neuesten Ghibli-Film „Ponyo“ in Einzelbildern ausgestellt, welcher man durch das Drehen an einer Kurbel leben einhauchen konnte, zum anderen wurde das Prinzip der Stop-Motion-Animationstechnik anhand eines Karussells, bestückt mit Figuren aus „Mein Nachbar Totoro“ veranschaulicht: So waren mehrere Exemplare des Katzenbuses, jedes in einer bestimmten Pose, im Kreis angeordnet. Alle paar Sekunden begann sich das Karussell zu drehen, wodurch sich der Katzenbus zu bewegen schien. Nun wurde auch noch ein Blitzlichteffekt hinzugeschaltet, was eine absolut flüssige Bewegung erzeugte, sodass der Katzenbus lebensecht seine sechs Beine durch die Lüfte schwang.
Zusätzlich zu dieser Attraktion gab es einen Schrank mit vielen kleinen Türchen, unter denen jeweils Jahreszahlen angebracht waren. Öffnete man eines der Türchen, so fiel der Blick auf eine Szene aus dem jeweiligen Ghibli-Film, welcher in dem entsprechenden Jahr veröffentlicht wurde. Ebenfalls beeindruckend war eine Miniaturausgabe des Roboters aus „Das Schloss im Himmel“, um den dank optischer Täuschung ein Schwarm von Vögeln in die Lüfte emporzusteigen schien. Allein in diesem einen Raum gab es selbstverständlich noch viel mehr zu sehen, doch auf jedes Ausstellungstück einzeln einzugehen, würde den Rahmen dieses Berichts bei weitem sprengen.

Nachdem wir in dem kleinen Museumskino einen exklusiven Kurzfilm aus dem Hause Ghibli genießen durften, ein altmodisches Atelier (vollgestopft mit wunderschönen Zeichnungen und Skizzen zu den diversen Filmen des Studios) besichtigt und den Kindern beim Herumtollen auf einem Katzenbus-Nachbau zugeschaut hatten, machten wir uns auf den Weg zur Dachterasse, wo eine lebensgroße Statue des Robotersoldaten aus „Das Schloss im Himmel“ auf uns wartete. Wie jedes der Außenareale des Museums war auch das Dach reich an Vegetation, was einen großen Teil des Charms des Ghibli Museums ausmacht. Ein Foto vor der Roboterstatue zu machen, ist natürlich Pflichtprogramm, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass Fotografieren im Inneren des Gebäudes verboten ist. Nachdem einige Japaner ihre Schnappschüsse im Kasten hatten, waren dann auch André und ich an der Reihe. Bitte lächeln!

Bevor wir uns einige Zeit später wehmütig auf den Rückweg machten, statteten wir dem wunderschön gestalteten Innenhof des Museums noch einen Besuch ab. Hier können sich durstige Besucher unteranderem an einem voll funktionstüchtigen Brunnen Wasser pumpen oder sich an den zahlreichen kleinen Details, wie den grinsenden Gullideckeln und den bemalten Fensternischen laben. Als wir das Museum schlussendlich wieder verließen, strahlten André und ich über beide Ohren, denn der Besuch des Ghibli Museums war wirklich ein Erlebnis und stellt rückblickend wohl den Höhepunkt unserer Reise dar.

So viel Begeisterung macht natürlich hungrig und so blieb ich mit einem Male stehen, als ich auf dem Rückweg durch Mitaka ein Schaufenster mit Plastiknachbildungen von diversen schmackhaft anmutenden Gerichten erblickte. Die Vitrine gehörte zu einem urigen japanischen Restaurant, wie man sie sonst nur aus Animes kennt. Als wir drinnen Platz genommen hatten, wurde uns bereits je ein Glas Wasser serviert (dieses gibt es in japanischen Restaurants stets gratis, aber da es sich um Leitungswasser handelt und dieses kräftig gechlort wird, mundet es dem deutschen Gaumen nicht wirklich) und unsere Bestellungen aufgenommen. Ich hatte meine Wahl schnell mitgeteilt, aber André strauchelte ein wenig, was wir damit lösten, dass er dem Bediensteten das von ihm auserkorene Gericht draußen im Schaufenster zeigte. Während wir auf unsere Speisen warteten, warf ich einen Blick hinüber zur Küche, wo der Meister mit Elan die Nudeln bearbeitete, während ihm der Schüler, welcher uns bedient hatte, ihm ab und an zur Hand ging. Auf dem kleinen Fernseher an der Wand wurde derweil Sumo-Ringen übertragen. Das nenne ich ein original japanisches Erlebnis!

Gesättigt von Curry-Reis und Nudelsuppe trafen wir schließlich wieder in der Mitaka Station ein, wo bereits ein Zug auf uns wartete. Ich wollte kurz innehalten, um nachzuschauen, ob es sich um die richtige Linie handelte, doch André stürmte (da der Zug jeden Moment abzufahren drohte) ohne zu zögern in den Wagen hinein, während ich protestierend hinterherstolperte.
Es dauerte ungefähr zehn Minuten, in welchen eine uns unbekannte Haltestation nach der anderen über die Anzeigetafeln huschte, bis auch André bemerkte, was los war, sich zu mir drehte und bemerkte: „Ich glaube wir sind auf der falschen Linie“. Bravo, gut erkannt!

Den Rest des Nachmittags verbrachten wir damit, über einen riesigen Umweg per U-Bahn wieder zu unserem Hotel zurückzufinden, weshalb unser zweiter Abstecher nach Shinjuku, welchen wir nach dem Besuch des Ghibli-Museums eingeplant hatten, flach viel. Zumindest konnte ich ausgiebig Japaner beim U-Bahn-Fahren studieren. Neben genervten Eltern und einem „Dragon Quest IX“ spielenden Pärchen durfte ich Bekanntschaft mit einem müden Angestellten machen, dessen Kopf alle paar Sekunden auf meine Schulter hinabzusinken drohte. Ein weiteres original japanisches Erlebnis!


Otaku1990 in Japan (Teil 2)

8. August 2009

Nach der Ankunft in Japan saßen André und ich also auf unseren Hotelzimmern, packten das nötigste aus und versuchten, das Gefühl, welches nach mehr als 20 Stunden ohne Schlaf ausgelöst wird, zu unterdrücken. Am besten geht das natürlich, indem man sich beschäftigt… Also auf nach Akihabara!

Akihabara

Am einfachsten erreicht man die verschiedenen Stadtteile Tokyos natürlich mit der U-Bahn. Wir betraten also die nächstbeste Station und kümmerten uns zuallererst um unsere Pasmo-Karten. Diese sehen aus wie Telefonkarten und können an entsprechenden Automaten mit Geld aufgeladen werden, um dann an den Drehkreuzen vor jeder U-Bahn-Haltestelle über den Kartenscanner gezogen zu werden. Nachdem man seine Zielstation erreicht hat und die Pasmo-Karte ein weiteres Mal einsetzt, wird der Betrag, den ein Ticket für die gefahrene Strecke gekostet hätte, automatisch vom auf der Karte befindlichen Guthaben abgezogen. Das Restguthaben wird auf einem im Drehkreuz eingebauten kleinen Bildschirm angezeigt. Übrigens kann man die Karten auch für die überirdischen Züge im Bereich Tokyo und einige Bus-Linien verwenden.
Durch den Besitz einer Pasmo-Karte fällt das Kaufen eines Tickets im Voraus flach, was das bereits äußerst effiziente Metro-System Tokyos noch angenehmer macht. Die U-Bahnen in Japan fahren nicht nur in hoher Frequenz, sondern sind auch pünktlich, schnell und vor allem günstig. Von den unglaublich vollen Wagons, in welche die armen Japaner mit Gewalt hineingedrückt werden und sich wie Sardinen in der Büchse fühlen müssen, haben wir nichts mitbekommen, da wir es vermeiden konnten, zu den Stoßzeiten zu fahren. Die meiste Zeit über sind die Wagen recht leer und man findet auch meist einen Sitzplatz, wobei es fast überflüssig ist, sich zu setzen, falls man nicht zumindest sechs Stationen weit fährt. Dafür sind die U-Bahnen einfach zu schnell.

In den Wagons selbst herrscht absolute Ruhe (so sehr, dass ich mehrere Male fast weggedöst wäre), da z.B. das Sprechen am Mobiltelefon untersagt ist. Stattdessen vertreiben sich die Japaner genau so die Zeit, wie man es stets zu hören bekommt: Sie spielen DS, lesen Manga oder schreiben SMS. Hält der Zug an einer der Haltestellen, so stehen die zusteigenden Fahrgäste bereits in Reih und Glied hinter einer Markierung (die Zugfahrer sind darauf trainiert, zentimetergenau zu bremsen, sodass die Türen der Wagons genau an den Markierungen am Bahnsteig zum Stehen kommen) und teilen sich in zwei Hälften auf, sobald sich die Türen öffnen, um in der Mitte Platz für diejenigen zu schaffen, die aussteigen möchten. Danach erst betreten sie die U-Bahn.
Während wir all das beobachteten, ertönte eine Durchsage: „Tsugi wa Jimbocho. Jimbocho“. Und danach nochmal in Englisch: „The next station is Jimbocho“. Nicht schlecht, André hatte das auf den ersten Blick enorm verwirrende Bahnsystem anscheinend halbwegs verstanden und uns heil nach Jimbocho gebracht. Nun noch eine kurze Fahrt auf der Shinjuku Line und wir waren Akihabara bereits ziemlich nahe.

Das erste, was wir nach Verlassen der U-Bahn-Station taten, war der Kauf eines Regenschirms für André (er hatte lediglich eine Regenjacke dabei, welche sich bei den schwülen Temperaturen als weniger angenehm entpuppte). Wir hatten nicht gerade das beste Wetter erwischt, sodass uns Tokyo mit einem Gemisch aus Wolken und Nieselregen begrüßte. André legte sich also in einem kleinen Laden an der Straßenecke (in welchem ein Song der Gruppe „Asian Kung-Fu Generation“ lief) für 500 Yen einen Regenschirm zu; einen durchsichtigen, um genau zu sein. Durchsichtige Regenschirme waren in Tokyo am weitesten verbreitet und ermöglichten es André, so behauptete er zumindest, durch den Schirm hindurch die Wolkenkratzer zu bewundern. Heureka.

Der Weg nach Akihabara führte vorbei an diversen Soba- und Ramen-Imbissen, kleinen Läden wie dem Geschäft mit den Regenschirmen und natürlich etlichen Getränkeautomaten (hier fand ich heraus, dass japanische Coke wie deutsche schmeckt, sofern man nicht zu den eigenartigen Dosen-Flaschen-Hybriden greift, denn dort scheint die Verpackung den Geschmack auf eine Weise zu beeinflussen, die ich weder als positiv, noch negativ beschreiben würde). André hatte inzwischen damit begonnen, jedes Getränk, das er ausprobierte, vor dem Konsum zu fotografieren. So langsam kam die Flut an Neon- und Blinklichtern immer näher, weshalb wir uns sicher waren, im sagenumwobenen Otaku-Paradies angekommen zu sein.

Cosplay-Shop

Eines der ersten Gebäude, welches uns ins Auge fiel, umfasste sieben Stockwerke und schien allerlei Cosplay-Outfits anzubieten. Zumindest standen vor dem Eingang zwei Schuluniformen aus dem Anime „Lucky Star“ und auch in den Schaufenstern der Stockwerke darüber wurden Hausmädchen-Kostüme und Ähnliches präsentiert. Als wir das Geschäft betraten, ließen wir uns von den Gummipuppen an der Wand nicht beirren und suchten stattdessen den Fahrstuhl auf, um uns in den oberen Stockwerken umzuschauen. Im zweiten Geschoss angekommen, erblickten wir eine außerordentliche Auswahl an Kostümen… aller Art. Das angebotene Ledergeschirr machte uns dann doch etwas stutzig. Doch erst als die Fahrstuhltür im dritten Stockwerk aufging und uns das lustvolle Stöhnen eines Anime-Mädels in die Ohren drang, während wir verzweifelt auf den Knopf zum Schließen der Fahrstuhltür hämmerten, hatten wir es kapiert: Wir befanden uns in einem siebengeschössigen Porno-Geschäft! Das vierte Stockwerk bestätigte unseren Verdacht nur noch, sodass wir von den restlichen Abteilen bereits genug hatten, bevor wir sie überhaupt zu Gesicht bekamen. Allerdings mussten wir schon bald feststellen, dass jedes Geschäft in Akihabara eine Porno-Abteilung besitzt; entweder in den obersten Stockwerken, oder im Keller.

Mit einem Grinsen im Gesicht drangen wir tiefer und tiefer in das Elektronik-, Manga- und Anime-Heiligtum namens Akihabara ein. Diejenigen Geschäfte, welche sich nicht über mehrere Stockwerke erstreckten, versuchten den Platzmangel auszugleichen, indem sie die Wände mit ihren Waren pflasterten. Wer hier auf Anhieb findet, was er sucht, verdient meinen Respekt. André und ich zumindest brauchten eine gewisse Zeit, bevor wir einen passenden Stromwandler fanden. Natürlich hatten wir uns bereits in Deutschland entsprechende Geräte zugelegt, jedoch passten die drei Stifte unseres Steckers nicht in die zweistiftigen Steckdosen des Hotelzimmers (anscheinend sind beide Systeme in Japan üblich), was natürlich typisch ist. Statt einen komplett neuen (und teuren) Stromwandler zu kaufen, schlug ich vor, nach einem Adapter zu suchen, der lediglich vom 3-Stift- ins 2-Stift-Steckersystem überführte. Nach einigem Suchen wurden wir fündig und erstanden einen Adapter für etwa 700 Yen.

Was einem in den Einkaufsvierteln Tokyos nach einiger Zeit auf die Nerven gehen kann: Die Japaner rühren für ihre Läden kräftig die Werbetrommel und stehen daher oft auf den Straßen und preisen wie Marktschreier lauthals ihr Angebot an. Gerne auch mal per Megaphon. Von dieser Soundkulisse lenkten mich aber glücklicherweise immer wieder die riesigen Anime-Charaktere auf den Plakaten und Leinwänden ab, sowie die Japanerinnen im Hausmädchen-Kostüm, welche Flyer für die zahlreichen „Maid Cafés“ verteilten (hier wird man von Frauen im entsprechenden Outfit bedient und als Meister angesprochen). Während André und ich am Straßenrand Takoyaki mampften (sehr eigenartiger Geschmack, aber durchaus lecker), beobachtete ich eines der Mädchen beim Verteilen der Flugblätter und stellte zu meinem Bedauern fest, dass niemand sie auch nur ansah. Fortan nahm ich jeden Flyer an, der mir in die Hand gedrückt wurde. Übrigens hatten auch wir vor, einmal ein Maid Café zu besuchen, doch zumindest von Außen sahen diese doch dubioser aus, als wir erwartet hatten, sodass wir es uns schließlich anders überlegten.

Japanerin im Maid-Outfit

Während des Besuchs der großen Sega-Spielhalle (wo japanische Grundschüler „Taiko no Tatsujin“ selbstverständlich auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad zocken) schaltete mein Gehirn sich nach fast 30 Stunden ohne Schlaf einfach ab, sodass Akihabara für mich nur noch eine riesige Reizüberflutung darstellte. Wie ein Zombie trottete ich durch gigantische Manga- und Anime-Kaufhäuser („Animate“ und „Gamers“ lässt grüßen) und Retro-Videospiel-Läden und versuchte dabei dem Drang zu widerstehen, mein Zelt mitten in einem der Geschäfte aufzuschlagen und Akihabara nie wieder zu verlassen. Trotzdem war es langsam Zeit, sich mal wieder Richtung Hotel aufzumachen. Vorher brauchte ich aber noch etwas zwischen die Zähne!

Wir entschieden uns für Fließband-Sushi. Diese Art von Sushi-Restaurant ist auch in Deutschland nicht unüblich: Auf einem Fließband fahren diverse Tellerchen mit verschiedenen Sushi-Sorten am Kunden vorbei und man nimmt sich, was einen gerade anlächelt. In unserem Fall gaben die Muster der Tellerchen Aufschluss über den Preis der Häppchen.
Nach der schmackhaften Mahlzeit war es Zeit, dem Koch klarzumachen, dass wir fertig sind. Da mein Kopf schon lange nicht mehr ordentlich funktionierte, bekam ich keinen ordentlichen japanischen Satz zusammen und griff daher nach meinem Wörterbuch. Ich schlug die Bedeutung von „bezahlen“ nach, nahm die Grundform und hängte die Bittform „onegai shimasu“ an; vielleicht würde er ja verstehen, was ich meinte. Als Antwort schmetterte mir der Koch ein entschiedenes „Wakarimashita!“ („Verstanden!“) entgegen. Das war ja einfacher als gedacht! So schien es zumindest. Denn zwei Minuten später hielt man mir plötzlich ein Tellerchen mit nur für mich frisch zubereitetem Sushi unter die Nase! Ich weiß nicht wie, aber ich hatte irgendeine Art von Fisch bestellt. Ich griff auf Englisch zurück, worauf man mein Anliegen endlich verstand und mir grinsend die Rechnung in die Hand drückte. Nach einigen weiteren Minuten hatten André und ich dann auch kapiert, dass wir mit der Rechnung zur Kasse am Eingang des Restaurants gehen sollten.

Die Rückfahrt mit der U-Bahn verlief glücklicherweise problemlos, sodass ich schon bald unter die Dusche hüpfen, in den bereitgelegten Yukata-Bademantel schlüpfen und danach ins Bett fallen konnte. Das Licht wurde aber natürlich erst gelöscht, nachdem wir unseren Köpfen bei ein paar Minuten schwachsinnigem japanischem Fernsehen eine Ruhepause gegönnt hatten. Immerhin wurde ich Zeuge des wohl großartigsten Werbespots, der je für einen Iso Drink produziert wurde:

Diese Japaner.


Erste Impressionen zu Urasawas „Pluto“

4. März 2009

Seit kurzem erscheint Naoki Urasawas neuestes Manga-Epos „Pluto“ über Viz Media auch im Englischen. Was Fans von „Monster“, „20th Century Boys“ oder aber „Astro Boy“ zu erwarten haben, erfahrt ihr in dieser Rezension des ersten Bands…

„The Greatest Robot on Earth“ gilt in Japan als beliebteste Geschichte der Astro Boy-Serie von Manga-Urvater Osamu Tezuka. Sie erzählt von dem Roboter Pluto, erschaffen von einem machthungrigen Sultan und mit nur einer Mission: Die sieben stärksten Roboter der Welt ausfindig zu machen und zu vernichten, um selbst der König der Roboter zu werden. Auch auf Astro Boy hat es Pluto abgesehen. Hat das kleine Kerlchen auch nur den Hauch einer Chance gegen die ihm haushoch überlegene Kampfmaschine?

Pluto - Urasawa X Tezuka, Band 1

Naoki Urasawa, bekannt vorallem durch seine Meisterwerke Monster und 20th Century Boys, entschied sich dafür, sein nächstes Manga-Projekt auf dem Grundgerüst von Astro Boy aufzubauen und orientiert sich in Sachen Story lose an „The Greatest Robot on Earth“. Im Mittelpunkt der Handlung stehen daher vorallem die sieben stärksten Roboter aus der Originalgeschichte, wobei dem deutschen Robo-Detektiv Gesicht besondere Aufmerksamkeit zukommt: Er spielt die Hauptrolle. Ganz recht, Astro Boy hält in der Neuinterpretation des Klassikers nicht etwa als Protagonist her, sondern taucht ledglich als Nebenrolle (und unter seinem japanischen Originalnamen Atom) auf. Dementsprechend handelt es sich bei Pluto auch nicht um eine Action-Serie, sondern eine Kriminalgeschichte, einen Thriller im Stile von Monster.

In einer Zukunft, in der Menschen und Roboter mit gleichen Rechten friedlich zusammenleben und –arbeiten, wird der renommierte Detektiv Gesicht mit zwei augenscheinlich bezugslosen Mordfällen betraut: In der Schweiz wurde der beliebte Bergführer-Roboter Mont Blanc ermordet, in Düsseldorf traf es einen menschlichen Aktivisten für Roboterrechte, Bernard Lanke. Was die beiden Fälle verbindet, ist eine eigenartige Konstruktion, welche an den Köpfen der Opfer angebracht wurde und an Teufelshörner erinnert. Nun gibt es aber ein Problem: Nur ein Roboter könnte die Kraft aufbringen, welche nötig ist, eine solch mächtige Kreatur wie Mont Blanc zu zerstören, doch einem Roboter ist es aufgrund seiner Programmierung unmöglich, einen Menschen umzubringen. Zumindest theoretisch, denn praktisch fand vor acht Jahren bereits ein Mord an einem Menschen durch einen Roboter statt. Gesicht macht sich also auf, dem Täter von damals einen Besuch abzustatten. Dort erfährt er, dass auch er, als einer der sieben größten Roboter auf Erden, in höchster Gefahr schwebt…

Wer die Inhaltsangabe von Pluto mit derjenigen der Astro Boy-Geschichte vergleicht, wird schnell feststellen, dass die Kenntnis von „The Greatest Robot on Earth“ absolut keine Bedingung für das Verständnis dieses Mangas darstellt. Fans des Originals werden zwar die mal mehr, mal weniger offensichtlichen Anspielungen und versteckten Details zu schätzen wissen, doch dies ist nicht, was Urasawas neuestes Werk auszeichnet. Die herausragendsten Qualitäten sind diejenigen, welche schon Monster und 20th Century Boys zu Meisterwerken machten: Der detaillierte Zeichenstil, das sympathische Charakterdesign, die filmreife Inszenierung und vorallem Urasawas typische Art des Storytelling. Da ist es kein Wunder, dass die drei Kapitel, welche sich nicht direkt mit der Haupthandlung, sondern mit dem Leben eines der sieben großen Roboter befassen, den Höhepunkt des ersten Bands darstellen. Naoki Urasawa hatte schon immer ein Händchen dafür, seine Nebenfiguren auszuarbeiten und sie dem Leser ans Herz wachsen zu lassen.

In der Nebenhandlung geht es um den ehemaligen Kriegsroboter North No. 2, welcher genug vom Schlachtfeld hat und sich nun als Butler verdingt. Zu seinem Pech gerät er an den grantigen, blinden, alten Musiker Paul Duncan, welcher eine Abneigung gegen jegliche Art von Maschine hegt. Dementsprechend respektlos behandelt Duncan seinen Butler auch und feuert ihn kurz nach Dienstantritt wieder. North No. 2 jedoch weigert sich zu gehen (unteranderem weil er nun seine Liebe für Musik entdeckt hat) und begegnet dem alten Mann mit viel Geduld. Doch erst als Duncan eines Nachts beobachtet, wie sein mechanischer Gehilfe genau wie er unter Alpträumen leidet, entwickelt er eine gewisse Sympathie für ihn. Als North No. 2 seinen Meister über einige Lücken in dessen Vergangenheit aufklärt und ihn somit dazu befähigt, wieder Stücke zu komponieren, bildet sich schließlich eine Freundschaft zwischen den beiden.

Pluto - Urasawa X Tezuka

Geschichten wie diese machen den ersten Band von Pluto aus, der Kriminalfall tritt größtenteils in den Hintergrund. Naoki Urasawa nutzt den Anfang seiner Geschichte lieber dafür, uns die Welt von Gesicht näherzubringen, vorallem das Zusammenleben von Menschen und Robotern. Hauptsächlich durch den deutschen Detektiv erfahren wir, dass Roboter heiraten können, in den Urlaub fahren und sogar Menschenkinder adoptieren dürfen. Mensch und Maschine werden also als gleichwertig dargestellt, ein Bild, welches in westlicher Literatur kaum Verwendung findet, im Verständnis der Japaner aber durchaus üblich ist. Trotz allem gibt es in der Welt von Pluto noch immer Leute wie Paul Duncan, die Roboter als seelenlose Werkzeuge ansehen und erst noch verstehen müssen, was ein Lebewesen ausmacht.
Wer bereits Werke von Naoki Urasawa gelesen hat, der wird sicher über die Designs der Roboter überrascht sein. Da sie sich vom Aussehen her grob an den Astro Boy-Originalen orientieren, wirken sie comichafter als die sonst üblichen Charaktere, doch trotz allem schafft es Urasawa, sie nahtlos in seine Welt einfließen zu lassen. Das Design der menschlichen Charaktere erinnert mit den fast karikaturhaften Gesichtszügen und den ausgeprägten Nasen eher an Monster, als an 20th Century Boys, was wohl daran liegt, dass das Ensemble des ersten Bandes hauptsächlich aus Europäern besteht.

Wenn Pluto die Qualität des ersten Bands aufrecht erhalten kann, dann erwartet uns ein weiteres Meisterstück aus dem Hause Urasawa, dass kein Manga-Fan verpassen sollte. Die bei Viz Media in Englisch erscheinenden Bände lassen sich ohne Probleme über z.B. Amazon.de bestellen und sind vorallem deshalb zu empfehlen, weil ein Release in Deutschland wohl nicht mehr in Frage kommt.


„I’m a badass!“: Gnadenlos fiese Mädels

18. November 2007

Starke Frauen sind in Anime und Manga längst keine Seltenheiten mehr, aber nur ganz wenige verdienen das Attribut „Badass“. Hier meine Top Five (ohne definitive Reihenfolge).

Was macht eine starke Frau aus? Womöglich die physische Stärke, aber auch mit Verstand und Geschick kann eine Frau glänzen, und im Fantasy-Genre nicht selten mit Magie. Bezeichnet man jemanden als „Badass“, so will man jedoch nicht nur auf die Stärke dieser Person hinweisen, sondern auch auf ihren Charakter: Ein Badass zeigt wenig Rücksicht auf Mitmenschen und gar keine auf Gegner, er dominiert im Kampf und vernichtet die Opposition. Eine Frau als Badass muss eine fiese, arrogante und kalte Attitüde aufweisen, und sie nimmt es mit jedem auf. Maki Aikawa, besser bekannt als „Air Master“, ist eine solche Person. Als weibliche Street Fighter vernichtet sie ihre Gegner reihenweise, sie selber lechzt nach gefährlichen Kämpfen und ängstigt ihren Gegner mit ihrem Selbstbewusstsein, das nicht selten überheblich wirkt. Mit ihrer Körpergrösse von über 1.80 Meter und ihrer Athletik fügt sie ihren Gegner verherrenden Schaden zu, vor allem in Kombination mit ihrer aus der Turnakrobatik stammenden Technik. Ihr Gesicht wirkt in überlegenen Kämpfen kühl, in spannenden Kämpfen lächelt Maki schelmisch, aber nicht selten ist sie im Kampf einfach nur wutentbrannt. Dass sie im Umfeld ihrer Freunde ein ganz normales, wenn nicht gar schüchternes Mädchen ist, verwundert sogar ihre Freunde.

Eine ähnlich beängstigende Aura hat auch Soi Fong zu bieten. Mögen in der Serie „Bleach“ viele Frauen kampfstark sein, so sind doch nur wenige so furchteinflössend wie Soi Fong. Schon früh zu einer Elitekämpferin gedrillt, verfügt sie über eiserne Selbstdisziplin und Pflichtbewusstsein. Trotz dieser Eigenschaften hat sie ein eher aufbrausendes Temperament und kämpft ziemlich hitzköpfig. Es erstaunt deshalb nicht, dass sie so gefürchtet ist. Doch diese Attitüde zeigt nicht ihr ganzes Wesen, denn ihre Liebe zu ihrer ehemaligen Vorgesetzte Yoruichi ist ein offenes Geheimnis. In der Nähe von Yoruichi benimmt sie sich deshalb deutlich sanfter und liebevoller, wenn nicht gar schüchtern.

Ebenso furchterregend erscheint Sir Integral Fairbrook Wingates Hellsing, die meistens als Sir Integra angesprochen wird. Obwohl eine Frau, wird sie mit dem Titel „Sir“ angesprochen, was angesichts ihrer kühlen und dominanten Art eigentlich nicht unpassend wirkt. Als Befehlsgeberin eines schier übermächtigen Vampirs darf sie keine Schwächen zeigen, und oft zeigt sie Gefallen daran, wie ihre Gegner an ihren Streitkräften (hauptsächlich Alucard und Seras) verzweifeln. Ihre Kühlheit unterbricht sie manchmal jäh in Wutanfällen, denn die Führung ihrer Truppe ist aufgrund des unberechenbaren Alucards genauso nervenaufreibend wie die Auseinandersetzung mit Kontrahenten. Im Umgang mit Seras zeigt sie ihre menschliche Seite und wirkt deshalb nicht ganz so biestig.

In einer Serie wie „Black Lagoon“, in der die berüchtigsten Personen Frauen unterschiedlichen Alters sind, hat man die Qual der Wahl: Egal ob die mächtige Miss Balalaika, die nonchalante Nonne Eda oder die explosive Revy – sie alle sind Badasses im eigentlichen Sinne. Hervorzuheben ist jedoch das Hausmädchen Roberta, das als die gefährlichsten und furchteinflössendsten Haushaltsgehilfe in der Geschichte der gezeichneten Künste eingeht. Bevor Roberta unter der Familie der Lovelace untertauchte, war sie als Rosarita Cisneros und Mitglied der FARC bekannt. Gestählt durch das militärische Training in Kuba, wurde sie zur berüchtigsten Killerin in Südamerika. So wenig Gnade und so viel Kaltblütigkeit sie gegenüber ihren Gegnern zeigt, so verwirrend warmherzig verhält sie sich gegenüber Garcia, des Familienoberhaupts Sohn. Diese Ambivalenz macht einen grossen Teil der Faszination von Roberta aus.

Ähnlich wie Black Lagoon treten in „Claymore“ vorwiegend mächtige Frauen auf. Obwohl diese Frauen nur noch halb menschlich sind und dank ihrer erworbenen Kräfte mit menschenfressenden Monstern aufnehmen können, treten sie trotz ihres unnatürlichen Aussehens nicht so zynisch auf wie die brutalen Mädels aus Black Lagoon. Die dominanteste und damit als Badass bekannte Figur dürfte wohl Teresa sein. Sie galt als die stärkste Kriegerin, die je mit einem Claymore gegen die menschfressenden Yomas antrat. Diese Stärke machte sie unnahbar, nicht nur Menschen, sondern auch die Mitglieder ihrer Organisation fürchteten sich vor ihr. So kühl und vernichtend sie auch erscheint, so rührend kümmert sie sich um die jungen Clare, die genauso ähnlich einsam ist wie Teresa. Grundsätzlich wirken die in „Claymore“ auftretenden Kriegerinnen trotz ihres harten Schicksals und ihres distanzierten Auftretens eigentlich nett und sympathisch, vor allem wenn sie mit ihren Kameradinnen zusammen sind.


Schwache Männer, starke Frauen: atypische Paare in Anime und Manga

13. Oktober 2007

Gehen euch Klischees auf die Nerven? Dann seid ihr hier richtig, denn muskelgepackte Typen mit einem sanftmütig lächelnden Mädchen in den Armen kommen in dieser Kolumne nicht vor.

Der Mann als Macher und die Frau als Verführte ist ein Klischee so alt wie wahrscheinlich die Menschheit. Genau so alt ist die erfrischende Drehung dieses Klischees, schon in der Antike machte Aristophanes seine Heldinnen zu Herrscherinnen über die Männer, und in Lessings „Minna von Barnhelm“ agiert die clevere Minna, während ihr Geliebter nach ihrer Pfeife tanzt. In Anime und Manga kommen starke Frauen und Mädchen oft vor, denn nichts langweilt die Zuschauer und Leser mehr als eine ganze Kette von Klischees. Die Zuschauer und Leser zu überraschen gehört zu den wichtigsten Eigenschaften einer Geschichte, der Rollentausch bietet eine solche Überraschung. Ich werde in dieser Kolumne nur eine Auswahl solcher Paare vorstellen, sozusagen die Spitze des Eisberges.

Keiichi und Belldandy von „Ah! My Goddess!“ bilden sicherlich nicht das früheste Paar mit umgekehrten Vorzeichen, aber sie gehören zu den populärsten Figuren. Der Plot ist sowohl einfach als auch verrückt: Der nette und ehrliche Keiichi Morisato, der leider nicht gerade von Glück verfolgt wird, verwählte sich beim Telefonieren und rief die Göttin Belldandy vom „Technischen-Göttinnen-Notdienst“ hervor, die ihm einen Wunsch gewähren liess. Angetan von ihrer Schönheit und Güte, wünschte er, sie immer an seiner Seite zu haben. Keiichi lebt seither mit Belldandy zusammen, die mit ihrer Magie und Hingabe ihn nicht nur aus heiklen Situationen rettet, sondern auch sein Leben glücklicher (und hektischer) macht. Die Beziehung zwischen Keiichi und Belldandy lebt von ihrer schüchternen und liebenswürdigen Annäherung: Während Belldandy von Natur aus stets ehrlich zu ihren Gefühlen steht, hat Keiichi meist nicht den Mut zu sagen, was er für sie empfindet. Der Witz in vielen Geschichten aus „Ah! My Goddess!“ besteht in der Tatsache, dass Belldandy eine mächtige Göttin ist, Keiichi hingegen ein normaler Mensch, der nur allzu oft ihre Hilfe benötigt. Anders als viele männliche Protagonisten ist Keiichi kein Draufgänger, dafür nimmt er stets Rücksicht auf Mitmenschen und beweist in fast allen Situationen Gutmütigkeit und Aufrichtigkeit.

Keitaro & Naru

Ähnlich lebhaft, aber weit weniger harmonisch kommt die Beziehung zwischen Keitaro Urashima und Naru Narusegawa in „Love Hina“ daher. Keitaro wird zu Beginn als Loser und Träumer vorgestellt und endet irgendwie als Hausmeister in einer Mädchenpension, während Naru in erwähnter Pension lebt und ihn zunächst verabscheut. Man kann Naru als eine „Tsundere“ beschreiben, das heisst, dass sie eine kämpferische und aggressive Natur hat, aber ihre liebliche und verletzliche Seite gerne versteckt. Keitaro hingegen ist ein sowohl sanftmütiger als auch tollpatschiger Charakter, der nicht nur von Naru, sondern auch von anderen Mitbewohnerinnen immer wieder Prügel bekommt. „Love Hina“ kehrt übliche Erwartungen völlig um: Nicht der Mann hat hier das Sagen, sondern die Mädchen in der Pension. Die Beziehung von Keitaro und Naru lebt von diesem Rollentausch, denn er sieht sich in seinen Träumen als der Agierende, aber in Wirklichkeit muss Naru ihn immer wieder zurechtweisen.

Haruhi & Kyon

Während Belldandy in „Ah! My Goddess!“ als weibliche Hauptperson einen sehr sanften Charakter aufweist und so ihre dominierende Stellung im Haus nicht sofort auffällt, weiss man in „Love Hina“ sofort, wer das Sagen hat, nämlich nicht Keitaro. Noch offensichtlicher ist die Dominanz Haruhis in „The Melancholy of Haruhi Suzumiya“: In dieser herrlich überdrehten Geschichte gespickt mit parodischen Elementen dreht sich alles um Haruhi, selbst die ganze Welt, die anscheinend nur existiert, wenn sie diese akzeptiert. Haruhi ist also eine Art Göttin, nur weiss sie selbst nichts davon. Aufgrund ihrer Exzentrizität haben die meisten Mitmenschen Mühe, sich ihr zu nähern. Nur der lethargisch wirkende Kyon gewinnt ihre Aufmerksamkeit, was ihm gar nicht gefällt, weil die temperamentvolle Haruhi ihn in allerlei Situationen hineinzieht. Die Geschichte ist deshalb so originell, weil Haruhi eine noch nie dagewesene weibliche Persönlichkeit darstellt: einerseits bossig, selbstbewusst bis arrogant, ungeduldig und leicht reizbar, andererseits stets fröhlich, optimistisch und mit einem unwiderstehlichen Tatendrang ausgestattet. Sie bestimmt die Richtung, und Kyon versucht, ihr Vorhaben zu erfüllen, meist sarkastisch kommentierend und sich unwillentlich zeigend.

Als letztes Paar sind noch Revy und Rock von „Black Lagoon“ zu erwähnen: Sie beide kehren die Rollen völlig um! Draufgängerisch ist hier nicht der Mann, sondern die Frau. Die schiesswütige Revy zeigt kein bisschen damenhaftes Benehmen, sondern beweist Trinkfestigkeit, raucht oft, flucht viel und explodiert bei jeder Kleinigkeit. Wie Naru kann man sie als eine „Tsundere“ bezeichnen, die aber eine sehr dunkle Seite hat und sich um ihren berüchtigten Ruf bemüht. Der ehemalige japanische Geschäftsmann Rock ist das Gegenteil von Revy: nett, ordentlich, verständnisvoll und um Schlichtung bemüht. Zwar weigert sich Rock, eine Waffe in die Hand zu nehmen, aber er setzt seine Intelligenz und seine analytischen Fähigkeiten ein, um auch gefährliche Situationen meistern zu können. Mag Revy die aggressivere Person sein, so zeigt sie ihre Gefühle doch eher zögerlich und versteckt. Wie sehr sie Rock schätzt, beweisen nicht nur mehrere Rettungsaktionen, in denen sie Dutzende Gegner über den Haufen schiesst, sondern auch ihre Bemühung, ihn vor psychischen Leiden zu schützen. Weil Revy ihre Gefühle zu Rock nicht offen zeigt, macht die lebenslustige wie zielsichere Nonne Eda einen Spass daraus, mit Rock zu flirten, denn Revy wird schnell eifersüchtig und flippt schnell aus.


Urasawas Meisterwerke: Monster, 20th Century Boys, Pluto

16. Juli 2007

Trotz enttäuschender Verkaufszahlen des Vorgängers veröffentlicht „Egmont Manga & Anime“ im September das neueste Werk des gefeierten Naoki Urasawa auch hierzulande. Warum jeder Fan der japanischen Kunstform ein Auge darauf haben sollte…

Es ist leider die traurige Wahrheit: Der deutsche Mangamarkt wird bestimmt von Shonen Jump-Auskopplungen und jeder Menge an die weibliche Zielgruppe im Teenageralter gerichteten Waren von der Stange. Obwohl ich nicht bestreiten möchte, dass sich darunter auch teilweise echte Hochkaräter befinden (z.B. One Piece und Honey & Clover), so fehlt es dem Markt dennoch an Artenvielfalt. Es ist ja nicht so, als hätten die Verlage nicht versucht, neue Genres zu etablieren; doch statt einem in Japan enorm erfolgreichen 20th Century Boys verschlangen viele Kunden lieber den nächsten 08/15-Shonen Ai-Manga. Als umso dringender empfinde ich es, mit diesem Blog als Plattform auf einige großartige Werke aufmerksam zu machen, die von der Masse leider trotz überragender Qualität übersehen wurden. In diesem Artikel befasse ich mich mit drei hierzulande erschienenen (bzw. im Falle von Pluto bald erscheinenden) Manga von Naoki Urasawa…

Monster (bei Egmont Manga & Anime in 18 Bänden abgeschlossen)

Monster, Band 1 Cover

Die sich über mehrere Jahre erstreckende Geschichte beginnt 1986 in der Düsseldorfer Eisler-Klinik, als dort die beiden einzigen Überlebenden eines mysteriösen Mordes an einem Diplomatenehepaar aus der DDR eingeliefert werden: Es sind die Adoptivkinder der beiden, Zwillinge mit den Namen Anna und Johann. Während das Mädchen lediglich unter Schock steht, weist der Junge eine lebensgefährliche Schusswunde am Kopf auf, weshalb der japanische Arzt Kenzo Tenma, jung und talentiert, alles für die Operation vorbereitet. Urplötzlich soll diesem aber jene Aufgabe entzogen werden, damit er als einer der fähigsten Neurochirurgen an einem Prominenten, dessen Rettung der Eisler-Klinik einiges an Popularität und vorallem Geld einbringen würde, operieren kann. Tenma widersetzt sich jedoch den Anweisungen seines Vorgesetzten und behandelt den Jungen Johann, wodurch er diesem das Leben rettet. Doch ahnt er gar nicht, welch schreckliche Folgen diese ehrenhafte Tat mit sich bringen wird…

Monster Beispielbilder

Auch wenn es sich im Storyabriss vielleicht so anhören mag: Monster ist keine Arzt-Serie! Eher handelt es sich um eine Mischung aus Krimi, Thriller und Mystery, welche durch eine komplexe Geschichte und großartige Charaktere überzeugen kann. Letztere gewinnen vorallem durch den ungewöhnlich „unjapanischen“, aber auf ganzer Linie überzeugenden Zeichenstil an Charme, da jede Figur nicht nur charakterlich, sondern auch zeichnerisch einzigartig wirkt. Action wird in Urasawas bekanntestem Werk wenig geboten, vielmehr wird Wert auf die Dialoge der Akteure gelegt. Mit einer Länge von 18 Bänden nimmt sich Monster viel Zeit, die Geschichte zu entfalten, doch diese 18 Bände bieten mehr Inhalt, als manch anderer Manga der selben Länge. Monster ist eine einnehmende, düstere Geschichte, die ich jedem Manga-Liebhaber, der auch ohne pausenlose Action auskommt, wärmstens ans Herz lege.

20th Century Boys (bisher 17 Bände bei Planet Manga erschienen)

20th Century Boys, Band 1 Cover

Kurz vor dem Sprung ins neue Jahrtausend sieht sich Japan durch den fanatischen „Freund“ bedroht, doch nur Kenji, Betreiber eines Convenience Stores und seine Kumpel aus Kindesalter ahnen von der Gefahr. Alles fängt damit an, dass sich ein Mitglied der ehemaligen Bande anscheinend selbst das Leben nimmt. Durch einen vermeintlichen Abschiedsbrief stößt Kenji auf das Geheimzeichen, dass er zusammen mit seinen Freunden während seiner Kindheit erfand und erfährt so erstmals von der Bedrohung durch eine mysteriöse Sekte, die eben jenes Symbol als Wappen trägt…

20th Century Boys Beispielbilder

Es ist schwer, die Story zusammenzufassen, ohne zu viel zu verraten, denn 20th Century Boys bietet eine noch komplexere Geschichte als Monster und gewinnt mit jedem erneuten Lesen weitere Facetten hinzu. Ein interessanter Aspekt des Mangas ist die Tatsache, dass die Handlung sich über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erstreckt und der Leser durch Rückblicke immer mehr über die Hintergründe und Motive des „Freundes“ erfährt. Und auch wenn sich Urasawas Zeichenstil mit der Zeit etwas gewandelt hat und nun „japanischer“ wirkt, können die Charaktere weiterhin vollends überzeugen. 20th Century Boys ist ein enorm spannender Manga, welchen ich nur schwer einem Genre zuordnen kann, wobei Mystery-Thriller wohl am ehesten passen würde. Leider hat sich Planet Manga aufgrund mangelhafter Verkaufszahlen einige dicke Patzer in der Veröffentlichungspolitik geleistet: So erschien Band 9, nachdem die Serie schon eingestellt werden sollte, nur über Print-on-Demand; das heißt, dass lediglich Vorbesteller ein Exemplar erhielten und dieser nicht mehr käuflich zu erwerben ist. Ausserdem erscheinen die neuesten Bände sehr unregelmäßig und in weiten Abständen. Dass dies abschreckt, kann ich nachvollziehen, wer aber dennoch zugreift, wird durch eine der besten Manga-Serien aller Zeiten belohnt.

Pluto (erscheint im September 2007 bei Egmont Manga & Anime)

Pluto, Band 1 Cover

An dieser Stelle möchte ich den Verlag „Egmont Manga & Anime“ einmal deutlich loben: Nicht nur haben sie Monster trotz erschreckender Verkaufszahlen ohne Komplikationen bis zum Ende veröffentlicht, sondern beschehren uns sogar mit dem nächsten Meisterwerk aus dem Hause Urasawa. Pluto ist in bisher sechs Bänden erschienen und basiert auf dem berühmten Astro Boy von Manga-Urvater Osamu Tezuka, erfindet die Geschichte dabei allerdings als mysteriöse Kriminalgeschichte neu. Auch der Hauptcharakter der Handlung ist nicht der putzige Atom, sondern der Roboter und Detektiv Gesicht. Dieser versucht in Deutschland eine Serie von Morden, welche sowohl an Menschen, als auch Maschinen verübt wurden, aufzuklären, wobei der Hauptverdächtige selbst ein Roboter zu sein scheint, was die Sache verkompliziert…

Mit Pluto gewann Naoki Urasawa, wie schon zuvor mit Monster, den großen Osamu Tezuka-Preis. Neulinge sollten dies als Anlass nehmen, mit Pluto in die Welt des großartigen Mangazeichners einzutauchen, ohne dass sie eine Serie mit 18 Bänden und mehr erwartet, wobei Kenner wohl sowieso blind zugreifen werden. Hoffentlich kann diese Kolumne ein klein wenig dazu beitragen, dass Pluto nicht wie Monster oder 20th Century Boys in einem finanziellen Desaster für den Verlag endet und dass einige Manga-Fans ihren Horizont etwas erweitern oder einfach neue Perlen für sich entdecken konnten.

[Update: Aus lizenztechnischen Gründen ist aus der Veröffentlichung von Pluto in Deutschland nichts geworden, dafür erscheint die Serie inzwischen auf Englisch bei Viz Media]


Anime-Mädels: Große Mädchen mit weichem Kern

18. April 2007

Stereotype Frauenfiguren? In dieser Kolumne wird ein Typus vorgestellt, die man in Realfilmen so gut wie nie findet. Vorhänge auf für Sakaki, Kuji und Motoko!

Die Darstellung von Frauen in Animé und Manga wird häufig kritisiert: Manche lästern über das Fokussieren auf junge, bildhübsche Mädchen, andere wundern sich über die Bevorzugung von grossen Kuller- oder Rehaugen, und weitere Kritiker mögen es überhaupt nicht, dass die Figuren allzu oft als Sexobjekte daherkommen. Sie haben bestimmt nicht ganz unrecht, dennoch habe ich Mühe mit dieser Sichtweise. Denn haben all die Zeichner und Schöpfer nicht einige der wundervollsten Frauenfiguren geschaffen? Einen Frauentypus habe ich in westlichen Filmen noch nie gesehen, nämlich jenen des grossen, athletischen Mädchens, das unter ihrer Grösse leidet und eigentlich viel mädchenhafter und niedlicher ist, als die Leute sie sehen.

Exemplarisch ist zum Beispiel Fuyumi Kujirakawa von „Great Teacher Onizuka“. Sie tritt im neunten Band des genannten Werkes auf und wirkt etwas furchterregend, vor allem wenn sie eine ernste Miene aufsetzt. Mit 14 Jahren und einer Grösse von über 180 cm überragt sie nicht nur ihre Klassenkameradinnen, sondern auch die meisten Jungen gleichen Alters. Ihre exzellente Sportlichkeit sowie ihre Beliebtheit unter den Mädchen unterstreichen ihren jungenhaften Ruf. Ähnlich denkt Kunio Murai über sie, als sie ihm einen Liebesbrief einer Freundin übergibt. Doch im Verlaufe der Geschichte entdeckt er, dass sie eigentlich abgesehen von ihrer Grösse ein normales und nettes Mädchen ist. Ausserdem zeichnet sie leidenschaftlich kleine Geschichten und Manga-Figuren, was ein Kontrast zu ihrer Sportlichkeit darstellt. Spass macht die Geschichte um Kunio und „Kuji“ (ihr Kosename), weil sie ihn heimlich liebt und weil Kunio hin und her gerissen ist ob seiner Gefühle, da er bereits in ein anderes Mädchen verliebt ist. Sehr bedauerlich, dass der Autor Toru Fujisawa diese verzwickte Liebe nicht weiter erzählt. Ich bin wahrscheinlich nicht der einzige, der darauf brennt zu wissen, wie die Beziehung der beiden sich weiterentwickelt.

Ganz ähnlich wie Kuji wirkt Motoko Aoyama von „Love Hina“ gefährlich und für Jungen unnahbar. Gemeinsam mit Kuji ist ihre Beliebtheit unter ihrer Kommilitoninnen, mit ihrer Schwertkunst schützt sie die anderen Mädchen vor Spannern und andere Gefahren. Motoko misst über 175 cm, und ist somit sogar grösser als viele japanische Männer. Ihr Hass (oder ist es Furcht?) auf Männern und Schildkröten ist berüchtigt, vor allem Keitaro, die Hauptfigur der „Love Hina“-Reihe, bekommt es häufig zu spüren. Motoko ist unter den Lesern beliebt, und im Laufe der Geschichte entdecken diese ihre mädchenhafte und scheue Seite. Ein typisches Problem der grossen Mädchen wie Kuji und Motoko ist ihre Schwierigkeit, sich niedlich zu zeigen. Aufgrund ihrer Grösse haben sie das Gefühl, sich ernster benehmen zu müssen, dabei haben sie das Herz und die Seele eines kleinen Mädchens.

Motoko Aoyama

Noch bekannter als Motoko und Kuji ist Sakaki von „Azumanga Daioh“. Das hohe, meist ernst blickende Mädchen, das im Manga sogar grimmig wirkt, gehört zu den beliebtesten Figuren in dieser Manga- und Anime-Serie; nur Chiyo-chan mag mehr Fans haben. Mit Motoko und Kuji hat Sakaki vieles gemeinsam: Sie misst mit 176 cm mehr als die meisten Mädchen, hat enormes Talent in allen Sportarten und leidet unter ihrem coolen Image. Letzteres spielt eine grosse Rolle in ihrer Persönlichkeit, weil einerseits Chiyo-chan genau so sein möchte wie Sakaki, während sie genau so niedlich sein möchte wie eben diese. Andererseits schwärmen viele Mädchen für sie, hier haben Sakaki und Kuji eine grosse Gemeinsamkeit. Was Sakaki betrifft, so hat sie sogar eine Verehrerin, die offensichtlich in sie verknallt ist. Während Kuji ihre niedliche Seite beim Zeichnen zeigt, hat Sakaki ein grosses Herz für Tiere, im speziellen für Katzen. Ihre Liebe zu jenen ist jedoch tragisch, weil sie ständig von ihnen gebissen wird.

Sakaki

Was Kuji, Motoko und Sakaki als spannende Figuren auszeichnet, ist ihre ambivalente Persönlichkeit: Sie haben einen berüchtigten Ruf, dem sie auf den zweiten Blick nicht gerecht werden. Leser und Zuschauer lieben ihre versteckte niedliche Seite, die sie nicht nur menschlicher erscheinen lässt, sondern vor allem viel hübscher. Natürlich hilft hier der Umstand, dass alle drei über ein tolles Äusseres verfügen, was ihnen allerdings nicht bewusst ist. Aber warum kommen solche Figuren in den westlichen Medien nicht vor? Auf diese Frage kann ich nicht schlüssig antworten, es bleibt nur festzustellen, dass man genau wegen solcher Charaktere Manga lesen und Anime schauen sollte.


Death Note: Manga, Anime & Realfilm

13. Oktober 2006

Einigen Lesern ist der Name Death Note sicherlich geläufig. Was 2003 als Manga-Serie in der Shonen Jump begann, hat sich inzwischen zu einer lukrativen Franchise gemausert. Die drei großen Pfeiler des Epos rund um das todbringende Notizbuch stellen dabei das Manga-Original, der vor kurzem in Japan gestartete Anime und die beiden Verfilmungen mit echten Schauspielern dar.

Zuerst einmal möchte ich euch einen Abriss der komplexen Geschichte vermitteln: Den Todesgott Ryuk plagt die Langweile. In der öden und verkommenen Welt der Shinigami gibt es nichts interessanteres zu tun, als Schläfchen zu halten und Würfelspiele mit Gebeinen zu tätigen. Ryuk entschließt sich also kurzerhand, endlich wieder frischen Wind in sein praktisch unendliches Leben als Todesgott zu bringen und lässt daher sein Death Note, ein Notizbuch, welches die Kraft besitzt, jeden Menschen zu töten, dessen Name in eben jenes geschrieben wird, in der Menschenwelt fallen. Ein hochintelligenter japanischer Schüler, Light Yagami, findet das Buch im Rasen und hält es zuerst für einen dummen Jungenscherz. „Der Mensch, dessen Name in das Notzibuch geschrieben wird, stirbt.“ Natürlich glaubt Light zuerst an einen Scherz. Doch irgendetwas an dem Death Note reizt ihn… Und bringt ihn schließlich dazu, den ersten Namen hineinzuschreiben. Kurz darauf sterben seine Opfer! Das Death Note ist echt! Und Light will es dazu benutzen, die laut ihm verdorbene Welt von allem Bösen zu reinigen. Als plötzlich Unmengen an Verbrechern an Herzattacken sterben, wird der Bevölkerung klar, dass dies kein Zufall sein kann: Sie haben es hier mit einer übermenschlichen Kraft zu tun! Doch da stellt sich Light ein sagenumwobener Meisterdetektiv in den Weg, welcher unter dem Codenamen L ermittelt. Erst wenn diese Person aus dem Weg geschafft ist, kann Light seine Pläne verwirklichen. Ein intellektuelles Gefecht der Spitzenklasse entbrennt, während sich der größte Kriminalfall der Weltgeschichte abspielt!
Im folgenden möchte ich die drei wichtigsten Charaktere vorstellen.

Light Yagami

Light Yagami

Der beste Schüler ganz Japans findet das Death Note und will es dazu benutzen, die Welt von allen verdorbenen Menschen zu befreien und ein Utopia zu erschaffen; mit ihm als Gott. Doch ihm stellt sich ein gefährlicher Wiedersacher entgegen, der Lights Taten verurteilt…

L

L

Dieser junge Mann hat keine Identität. Sein Name und sein Aussehen sind nur seinem treuesten Verbündeten, Watari, bekannt. Sein überragender Intellekt half schon dabei, die größten Kriminalfälle der Geschichte zu lösen. Nun steht er jemandem Gegenüber, der, ohne überhaupt in die Nähe seiner Opfer zu kommen, Menschen töten kann. Dies zwingt ihn schon bald dazu, mehr von seinem wahren Ich preiszugeben.

Ryuk

Ryuk

Ein Shinigami (Todesgott), dem es in seiner Heimatwelt zu langweilig wurde. Er ließ das Death Note in Japan fallen und erlebt die weiteren Entwicklungen als neutraler Beobachter. Er ist nur für Light, den neuen Besitzer des Notizbuchs und jeden, der das Death Note berührt, sicht- und hörbar.

Der Manga

Die 12 Bände umfassende Manga-Reihe Death Note ist eine Zusammenarbeit von Tsugumi Ohba (verantwortlich für die Story) und Takeshi Obata (verantwortlich für die Zeichnungen). Im Dezember 2003 lief die Serie in dem japanischen Manga-Magazin Shonen Jump an und erfreute sich schon bald größter Beliebtheit. Im Mai 2006 wurde die Geschichte mit Kapitel 108 abgeschlossen. Die Story kann man grob in drei Abschnitte unterteilen, deren Fäden allesamt im großen Finale zusammenlaufen. Am 13. Oktober 2006 (also genau heute) erschien in Japan ein 13. Band mit dem Namen Death Note: How To Read. Zwar wird die Geschichte rund um Light und L hier nicht weitergesponnen, jedoch gibt es viele Hintergrundinformationen, die einige Fragen beantworten sollen. In Deutschland ist zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels erst Band 1 der Reihe beim Verlag Tokyopop erschienen, während der zweite im November folgen wird. Der 13. Band wird nach Beendigung der Serie auch hierzulande erscheinen. Sofern ich das nach dem Lesen der ersten Volume beurteilen kann, ist die Lokalisation sehr gut gelungen.

Der Anime

Seit dem 3. Oktober 2006 läuft in Japan auch die Anime-Serie Death Note. Diese hält sich bisher strikt an die Mangavorlage, auch wenn die Ereignisse in eine verständlichere Ordnung gebracht wurden. Der Anime wird von dem Studio MADHOUSE produziert, deren Werke unter anderem Ninja Scroll, Trigun und Di Gi Charat umfassen. Die Animationsqualität befindet sich auf einem hohen Niveau, während die Inszenierung den Zuschauer vor Spannung an den Sitz fesselt.

Death Note Anime

Laut AniDB.net soll die Serie 37 Episoden umfassen und bis zum 13.06.2007 wöchentlich im japanischen TV zu sehen sein. Über eine Veröffentlichung ausserhalb Japans ist noch nichts bekannt.

Die Realfilme

Vor einiger Zeit lief auch der Film Death Note in japanischen Kinos an und konnte mehrere Wochen Platz 1 der Charts innehalten. Der über 2-stündige Movie behandelt ebenfalls die Geschichte des Mangas (allerdings nur den ersten Part), fügt aber hier und da kleine Änderungen hinzu, wie beispielsweise Lights Freundin. Fans sind in Bezug auf die Qualität des Films gemischter Meinung. Anscheinend munden die Veränderungen, die es Neulingen leichter machen sollen, die Story zu genießen, nicht jedem Leser der Vorlage. Hinzu kommt natürlich, dass der Plot in ein Korsett von 2 Stunden Laufzeit gezwängt wurde und die ganzen Film über fast ausschließlich gesprochen wird. Schnelle Action sucht man hier vergebens.

Death Note Realfilm

Trotz allem entwickelte sich der Film zum Hit und zog den von Beginn an geplanten Nachfolger Death Note: The Last Name nach sich, welcher ab dem 3. November 2006 in den Kinos Nippons bewundert werden darf. Diesmal werden Part 2 und 3 des Mangas behandelt und die Geschichte zu einem Ende gebracht.

Hoffentlich konnte ich Nichtkennern die Serie näher bringen und Fans ein paar neue Informationen vermitteln. Wer sich von dem ausgefallenen Plot angesprochen fühlt, sollte am besten umgehend den nächsten Buchhändler aufsuchen und den ersten Band des Mangas einmal ausprobieren. Eine derart spannende Serie habe ich lange nicht mehr gelesen.


Dragon Ball: Ein verkanntes Meisterwerk

30. August 2006

Jeder, der einmal von dem Begriff Anime oder Manga gehört hat, wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch etwas mit Dragon Ball anfangen können. Diese Abenteuergeschichte rund um den (anfangs) kleinen Jungen Son Goku, welcher auf den ersten Blick sofort aufgrund seines Affenschwanzes auffällt, startete in Anlehnung an die chinesische Legende Journey To The West als Comedy-Manga in einem wundersamen Reich, welches sowohl verträumte Wald- und Bergabschnitte, als auch moderne Großstädte mit schwebenden Fahrzeugen, Robotern und allesverstauenden Kapseln bot. Doch bald schon entwickelte sich das ganze zu einer Martial Arts-Serie mit erwachsenen Themen. Darin liegt auch ein großer Teil der Faszination dieses Mangas bzw. Animes: Er lief von 1984 bis 1995, also ganze 11 Jahre, und entwickelte sich mit den älter werdenden Lesern. Dragon Ball erhielt einen immer ernsteren Ton, ohne aber dabei gänzlich die wichtige Brise Humor zu vergessen, die die Serie in den Anfangszeiten am meisten auszeichnete.

Wo Astro Boy Pioniersarbeit geleistet hatte, legte Akira Toriyama mit seinem Werk den Grundstein für fast alle darauf folgenden Shonen (Jungen)-Mangas. Viele Mangaka, welche in ihrer Kindheit oder Jugend Dragon Ball verfolgt hatten, fühlten sich dadurch zum professionellen Zeichnen inspiriert und die Einflüsse des Epos sind auch heute noch überall deutlich zu spüren. Die Charakter aus dem japanischen Comic sind Legenden, besitzen riesige Fangemeinden und sind trotz ihres Alters immernoch charmant wie eh und je. Und trotzdem genießt Dragon Ball im Westen nicht ganz das Ansehen, welches es verdient hätte. Woran liegt das? Dies möchte ich in dieser Kolumne näher beleuchten.

Der junge Son Goku

Zu einem sehr großen Teil ist meiner Meinung nach der Anime zur Manga-Vorlage daran Schuld, dass diese Serie oft verkannt wird. Fangen wir erst einmal mit der Originalversion, der japanischen, an, in der sich bereits die ersten Stolperfallen befinden. Aufgrund seiner Popularität startete die Anime-Umsetzung zu Dragon Ball bereits im Februar 1986 in Japan. Das Problem bei solchen Produktionen, welche bereits ausgestrahlt werden, während der Manga noch fortgesetzt wird, ist, dass sie relativ schnell die Aktualität der gezeichneten Vorlage erreichen, das heißt, der Anime kann nicht mehr fortgeführt werden, da der Mangaka erst wieder neuen Stoff für die Animationsfilme liefern muss. Um dies zu verhindern, benutzen die Produzenten des Zeichentrickfilms gerne sogenannte „Filler“. Wie der Name vermuten lässt, sind dies von dem Anime-Team erfundene Nebengeschichten, die auf der bereits vorhandenen Informationsbasis aufbauen und Lücken füllen. So schlägt man die Zeit tot, bis wieder neues literarisches Material zum animieren vorhanden ist.

Bis zum Beginn von Dragon Ball Z, wie die Anime-Serie ab Gokus Heranwachsen hieß, musste das Füllmaterial nicht übermäßig verwendet werden, da man noch nicht ganz zur Manga-Vorlage aufgeschlossen hatte. Das änderte sich aber mit dem Beginn der Saiyajin-Saga, in dem zwei Ausserirdische die Erde ausrotten wollen, um den fruchtbaren Planeten anschließend an andere Alienrassen gewinnbringend zu verkaufen. Ab diesem Zeitpunkt geriet der Anime ein wenig „auf die schiefe Bahn“. Nicht nur gab es unerträglich viele Fillerfolgen, auch wurden die einzelnen Episoden der animierten Serie in die Länge gezogen, sodass sie beinahe nur noch eines etwa 15-seitigen Manga-Kapitels entsprachen. Ellenlanges herumstehen und anstarren, sowie ewig andauernde Faust- und Energiestrahlduelle standen auf der Tagesordnung. Dies war aber nicht die einzige Grenzüberschreitung: Zwar hatte auch der Manga einen Punkt erreicht, in dem regelmäßig ganze Inselabschnitte mit einem einzigen Angriff in die Luft gejagt wurden, doch übertrieb er selten so maßlos, wie es der Anime tat. Dort jagte eine Megaexplosion die nächste und Bergketten wurden rar. Dies schreckte besonders westliche Zuschauer ab, die diese Art von visueller Hyperbel nicht gewohnt waren. Überhaupt musste sich Dragon Ball Z, welcher einen der wenigen Animes darstellte, die im Westen den Mainstream erreichten, erst einmal behaupten, denn die japanischen Zeichentrickserien unterscheiden sich doch stark von amerikanischen Cartoons.

Son Goku feuert ein Kamehame-Ha

Das bringt mich zum nächsten Punkt, denn nun kümmere ich mich um die lokalisierten Versionen von Dragon Ball. Wir Deutschen haben es noch gut: Wir erhielten die französische Version des Animes, die kaum geschnitten war (wobei dies nur für die Erstaustrahlung gilt, später wurde heftigst gekürzt). Im krassen Gegensatz zur US-Version: Man versuchte mit allen Mitteln, Dragon Ball Z, eine Serie, die sich an Jugendliche und Erwachsene richtete, kindgerecht zu machen. Das hatte zur Folge, dass allein in den ersten 68 Folgen ganze 16 (!) Episoden an Material herausgeschnitten wurde. Szenen, die mehr Verletzungen als ein simples Nasenbluten beinhalteten, waren quasi nicht existent. Auch die kleinste Nacktheit wurde für das prüde Amerika entfernt. Hinzu kamen veränderte Diaologe, in denen die Gewalt heruntergespielt wurde. Ein fataler Fehler, wenn es um Jugendschutz geht, welcher teilweise auch unsere deutsche Version betraf. Genau wie das Entfernen von Blut verherrlicht dies die auf dem Bildschirm stattfindende Gewalt; jüngere Zuschauer müssen zwangsweise denken, dass nichts weiter schlimmes passiert, wenn sie ihren Freunden ins Gesicht schlagen. All dies handelte ausgerechnet Dragon Ball Z bei vielen unerfahrenen Personen den Titel Kinderkram ein.

Dann wäre da noch der Punkt, über den selbst Animekenner schmunzeln: Die Animationsqualität der Serie! Diese schwankte zwischen ansehnlich und hübsch bis grottenschlecht. Das lag daran, dass die Episoden oder sogar Teile ein und der selben Folge von verschieden fähigen Animationsteams bearbeitet wurden, je nach „Wichtigkeit“ des Materials. Hier ein schöner Vergleich aus dem Daizex-Forum:

Freeza von zwei verschiedenen Teams

Und dann wäre da noch ein großes Verbrechen an der Franchise, was zwar nicht unbedingt in größten Ausmaßen das Gesamtbild der Serie hinuntergezogen hat, aber trotz allem nicht hätte sein müssen: Die Rede ist von Dragon Ball GT! Akira Toriyama wollte den Manga bereits an einigen Stellen vor dem eigentlichen Ende, dass wir heute kennen, zu einem Finale führen. Bekannt sind die Freeza-Saga, welche durch Son Gokus Verwandlung in den sogenannten Super Saiyajin und wahrscheinlicherweise durch das Opfer des Protagonisten die Serie zu einem Abschluss führen sollte und natürlich die spätere Geschichte um Cell, den ultimativen Cyborg mit Zellmaterial der stärksten Krieger des Universums, in der Son Goku ganz offiziell und für immer (wobei auch das letzendlich nicht stimmte) das Zeitliche segnet. Doch die Fans hatten immernoch nicht genug, weshalb Akira Toriyama seine erfolgreichste Serie nun doch weiterführte. Die Buu-Saga konzentrierte sich wieder mehr auf Humor und enthielt einige Selbstparodien wie den dreifachen Super Saiyajin und die Zerstörung der Erde. Allerdings kamen diese bei vielen Fans nicht als solche an, weshalb die letzte Geschichte um so mehr für vollkommen übertrieben und über die Stränge schlagend empfunden wird. Zumindest gab es nun ein wesentlich fröhlicheres Finale mit einem lebendigen Son Goku. Doch war dies wirklich das Ende? Nein. Und dies führt mich zu dem vorhin angesprochenen Dragon Ball GT.

Um noch mehr Geld aus der unglaublich beliebten Franchise zu quetschen, produzierte das Studio Toei eine Nachfolgeserie zu Dragon Ball Z, welche vorhandenes ruinieren und schlechtes Charakterdesign an erster Stelle setzen sollte. Angefangen hat das ganze als nette Homage an das frühe Dragon Ball, mit einem kleinen Son Goku und spannenden Abenteuern im All. Doch natürlich wollten die Fans wieder bombastische Kämpfe, weswegen schnell Abhilfe geschaffen wurde: Der vierfache Super Saiyajin ward geboren! Und er ist sehr, sehr hässlich!

Son Goku als vierfacher Super Saiyajin

Überhaupt stellt Dragon Ball GT den Tiefpunkt der Franchise dar, weshalb die meisten Fans diese als „Non-Canon“ ansehen, das heißt, sie gehört nicht zur eigentlichen Geschichte und ist gleichsam nie geschehen.

Wir ihr seht, wurden einige kleine aber feine Fehler begangen, die ich euch in diesem Special hoffentlich näherbringen und verständlicher machen konnte. Dragon Ball ist und bleibt ein Meistwerk, ohne das das Shonen-Genre nicht das wäre, was es heute ist. Wer diese Serie in möglichst hoher Qualität genießen möchte, sollte zu dem in Deutschland erhältlichen Manga oder unter Umständen, sollte sich die Chance einmal ergeben, zum Anime im japanischen Original greifen.